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Kultur und Wissen
Kurzgeschichte: Sommer in Schweden, Juli 2006
Hier und Jetzt - Gestern und Morgen
Von Monika Rausch
Das Teewasser kocht. Sie nimmt den Kessel vom Gasherd, dreht die Flamme aus und brüht den Bio-Darjeeling auf.
"In drei Minuten können wir frühstücken", ruft sie ihrem Reisepartner zu, der gerade Frischwasser in den Tank des Wohnwagens füllt. Durch das weit geöffnete Küchenfenster treffen sich ihre Blicke. Sie lächeln sich an.
Erst vor kurzem haben die beiden sich zum ersten Mal getroffen.
Sie fasst es auch heute kaum, dass sie tatsächlich die Gelegenheit bekommen hat, nun ihr Lieblingsland noch einmal zu bereisen.
In Anbetracht der bevorstehenden großen Ferien surfte sie neulich ziemlich desillusioniert im Internet herum. Seit Jahren keine richtige Urlaubsreise mehr, kein Partner in Sicht, viel Arbeit und neuerdings reichlich Stress mit der pubertierenden Tochter. Das Töchterchen würde auch in diesem Sommer mit dem Vater auf einen Segeltörn gehen. Und sie selbst? Sollte sie etwa ihren Urlaub wieder allein mit einem Stapel Bücher auf Balkonien verbringen? Oder einsam an irgendwelchen Stränden entlang spazieren? Alles in ihr hatte sich gesträubt.
Angetrieben durch starkes Fernweh fand sie bald heraus, dass es sogar Partnerbörsen in Sachen Reisen gab. Interessiert überflog sie etliche Einträge; darunter nicht nur attraktive, reizvolle und denkbare Angebote zu einer Mitreisegelegenheit, sondern auch schier Unmögliches und Indiskutables - jedenfalls für sie.
"Was die sich dabei denken!" schoss es ihr mehrfach durch den Kopf. "Ich kann doch nicht einfach mit einem Wildfremden in Urlaub fahren!"
Nach einer Weile stieß sie auf die Internetseite einer Reisepartner-Agentur, die mit aussagekräftigen Profilen ihrer Mitglieder arbeitete. Außerdem war es möglich, eigene Wunschreisedaten einzugeben. "Schweden Juli 2006" tippte sie daraufhin ein.
Was danach geschah, ähnelt zu sehr einem Märchen, als dass man dies einer ernsten Leserschaft zumuten könnte.
Fakt jedenfalls ist, dass sie nun - wenige Wochen später - beide hier sitzen: am Frühstückstisch in seinem Wohnwagen, mitten in Schweden an einem der vielen, traumhaften Seen.
Er, der seriöse und zuverlässige Mittfünfziger vis à vis einer sich selbst konservativ einschätzenden geschiedenen Alleinerziehenden, Anfang fünfzig.
Dass er allmorgendlich Gewürzgurken behutsam so seziert und liebevoll arrangiert, dass dieselben flach auf dem Frühstücksbrot zu liegen kommen, daran hat sie sich in diesen Tagen schon gewöhnt. Nach dem nächsten Einkauf wird er sie allerdings davon überzeugen, dass die schwedischen Smörgås-gurka nicht nur besser schmecken, sondern bereits in der richtigen Weise werkseitig zugeschnitten sind.
In Ermangelung anständiger Servietten trennt sie ein Blatt von der Haushaltsrolle und reicht es ihm.
"Mal hören, ob sich die Erde noch dreht", kommentiert er seinen Griff zum handlichen Weltempfänger. Er richtet die kleine Antenne auf.
"Sie hören Nachrichten ... Beirut ... Gesundheitsreform ... das Wetter in Deutschland ..."
Die Lautstärke hat er schon nach wenigen Sekunden wieder gedrosselt und sie fragt sich, warum er die Nachrichten überhaupt einschaltet, wenn er eh nicht richtig zuhört. Dieses Geheimnis wird sich ihr erst später erschließen. Auf ihre Bitte hin, schaltet er das Radio kurzerhand wieder ab.
"Ich kann nicht zwei Leuten gleichzeitig zuhören", kommentiert sie ihren Wunsch.

Heute wird das Schlauchboot startklar gemacht.
Sie unterhalten sich, angeregt, ausgiebig, interessiert, offen und zugewandt.
Eine Stunde später ist die Teekanne leer und der weitere Tagesablauf in groben Zügen besprochen. Heute wird das Schlauchboot startklar gemacht, der See erkundet, Einkäufe auf morgen verschoben, denn das weiche, süße Polarbröd reicht auch noch für ein weiteres Frühstück.
"Für heute Abend haben wir noch deutsche Frühkartoffeln, Creme für Kartoffelsalat, vier Mettwürstchen und zwei Dosen schwedisches Bier. Reicht das?"
Das muss reichen, beschließen die beiden, weil sie nun endlich herausfinden wollen, wie weit es zu der kleinen Insel ist, die man in der Ferne sehen kann. Ob man dort wohl anlegen kann?
Stunden später liegen zwei glückliche Reisende nebeneinander im Heidekraut, drei Meter vom steinigen Strand entfernt. Das Boot ist vertäut, die Proviantäpfel sind verzehrt. Urwüchsige Kiefern und vom Wind gebogene Birken spenden Schatten.
Man teilt sich mit, man kommuniziert, man tauscht sich aus, man lernt sich weiter kennen.
Seit Wochen auch in Skandinavien Sommer pur, angenehme Temperaturen, täglich Sonne, kein Tropfen Regen, stets frischer Wind und nie diese unangenehme Schwüle wie zuhause.
Ein Traumsommer für skandinavische Verhältnisse!
Diese fantastischen arbeitsfreien Tage in unberührter Natur, die zahllosen, ausgedehnten Wasserflächen, endlose Wälder mit dem typischen Birken- und Kieferngrün, dazu eine paradiesische Ruhe weit ab von dem Gedränge in Deutschlands Ballungsgebieten - das alles bleibt nicht ohne Wirkung.
Die Begegnung mit ihm in Kombination mit dieser himmlischen Atmosphäre spült sehr bald den Schutzwall um ihre Sehnsüchte und Wünsche hinweg. Sie läuft Gefahr, sich emotional und gedanklich zu weit vor zu wagen.
Ihre teils ungeduldige Erwartungshaltung aber auch unliebsame Erinnerungen auf beiden Seiten an vorangegangene, gescheiterte Beziehungen drängen sich gelegentlich unsanft in ihr gemeinsames Erleben.
Er bittet: "Lass uns nur im Hier und Jetzt leben."
Sie kommt dieser Bitte gerne nach, wenn es auch nicht immer leicht fällt.

Von der Natur eingefriedete Grundstücke
Fotos: Barbara Harbecke
Vollends einig sind sie sich zu diesem Zeitpunkt hinsichtlich ihrer Liebe zu Schweden. Dieses Land ist der Inbegriff eines glücklichen und entspannten Lebens oder könnte es zumindest sein. Bei ausgiebigen Spaziergängen betrachten sie mit Freude die liebevoll gestalteten schwedischen Holzhäuser auf lediglich von der Natur eingefriedeten Grundstücken. Hand in Hand studieren sie die Aushänge örtlicher Maklerbüros und sind entzückt über die teilweise doch recht günstigen Angebote. Sie erlauben sich - unabhängig voneinander - gedankliche Ausflüge wie jenen, ob man nicht hier einen Zweitwohnsitz für den Sommer einrichten sollte, na jedenfalls im Rentenalter.
An einem der nächsten Tage fragt er, während sie sich wie jeden Morgen am Frühstückstisch gegenüber sitzen, nachdenklich: "Was würdest du machen, wenn in Deutschland jetzt ein Atomkraftwerk hochgehen würde?"
"Oh, Gott!" Sie erschrickt.
"Ich würde sofort meine Tochter anrufen und sie auffordern, sich in den nächsten Flieger nach Stockholm zu setzen", überlegt sie laut.
Ob das noch realisierbar oder schon zu spät sei, wird eine Weile diskutiert. Beide erinnern sich an "Die Wolke" von Gudrun Pausewang. Gestehen sich wechselseitig ein, dass sie zwar in den 80ern das Buch gelesen aber kürzlich versäumt haben, sich den Kinofilm anzusehen.
Das Gespräch wird zunehmend ernster.
Die eingangs rhetorische Frage wirkt plötzlich bedrohlich.
Es offenbart sich eine unterschwellig ständig anwesende Ohnmacht.
Beide hatten sie zwar in jungen Jahren der Atomkraft skeptisch gegenüber gestanden. Aber außer seinem Abo des Greenpeace Magazins und ihrer Mitgliedschaft beim NABU ist jegliches Engagement verflogen. Beruflich haben sie nur noch am Rande damit zu tun, er als Sozialpädagoge, sie als Lehrerin. Natürlich versucht man, die Heranwachsenden zu mehr Umweltbewusstsein zu erziehen, ihnen die Augen zu öffnen für die Schönheit aber auch die Verletzlichkeit der Natur.
Das Gespräch gerät ins Stocken.
"Ist das genug?" fragen sich beide im Stillen, jeder für sich.
Wie zur Beruhigung unterhalten sie sich jetzt über die eigenen Überlebenschancen.
"Wir haben alles, was wir bräuchten an Bord. Wir könnten weiter hoch in Richtung Lappland fahren", sagt er.
"Dahin, wo nach der Katastrophe von Tschernobyl unzählige Rentierherden abgeschlachtet wurden, weil sie verstrahlt waren?"
Sie würgt den Kloß im Hals hinunter, erinnert sich, wie sie im Frühsommer 1986 sämtliche Setzlinge und erste Salatköpfe vernichtet und ihren kleinen Gemüsegarten umgegraben hatte. Und wie viele Wochen durften die Kinder nicht im Sand spielen?
Bilder einer Gruppe von Behinderten aus der Region um Tschernobyl, die kürzlich in der Nachbarstadt zu Gast waren, huschen durch ihr Gedächtnis.
Beim Abwasch sind beide ungewöhnlich still. Mit der einen Hand streichelt er über ihre Wange, während seine andere das Geschirrtuch hält, und lächelt zaghaft.
"Komm, lass uns den Tag nicht mit Grübeln und Horrorszenarien verderben", meint er dann. "Hier und Jetzt! Das ist das einzige, was zählt."
"Ja, lass uns noch mal zu der kleinen Insel fahren und einfach in der Sonne liegen", antwortet sie, beide Hände voll Schaum.
Die Wellen tragen heute zwei nachdenkliche Reisepartner ans andere Ufer. Dort liegen sie wieder beieinander. Sonnenstrahlen wärmen. Licht durchdringt sie und erhellt schließlich auch ihre Gemüter.
Die Natur und die Nähe des anderen haben die unguten Gedanken vertrieben.
Das Leben, dieser Sommer, dieses Land und ihre Begegnung sind ein wundersames und geheimnisvolles Geschenk!
Hier und Jetzt. Das zählt.
Zwei Wochen später warten sie in Göteborg auf die Fähre. Ein letztes Mal schaltet er auf schwedischem Boden seinen Weltempfänger ein, um die Nachrichten aus Deutschland zu hören.
"In einem Atomkraftwerk in Schweden hat es einen Störfall gegeben. Ein Kurzschluss führte gestern zur Trennung des AKWs Forsmark vom Stromnetz. Auch zwei Notstromaggregate fielen zeitweise aus. Nur wenige Minuten fehlten, und die Bedienungsmannschaft hätte die Kontrolle über den Reaktor verlieren können. Eine Kernschmelze wäre die Folge gewesen ..."
Arm in Arm stehen die beiden Reisepartner mit gemischten Gefühlen an der Reling der Stena Jutlandica. Schweigsam blicken sie zurück auf die Schären und auf eine schöne gemeinsame Zeit. Doch sie kämpfen nun auch gegen die jäh aufgeloderte Angst, gegen ihre Lethargie und beginnen, sich vor ihrem Fatalismus zu fürchten.

Karikatur: Kostas Koufogiorgos
www.koufogiorgos.de
Als sie durch Dänemark zurück fahren sagt er: "Stell dir vor, es wäre wirklich was passiert. Die hätten die Grenzen dicht gemacht, die Fährverbindungen eingestellt und wir hätten gar keine Chance mehr, nachhause zurück zu kehren ..."
"Es wäre ein Jammer um dieses wunderschöne Skandinavien, ein Elend für alle Betroffenen, eine Katastrophe für die gesamte Erde. Einfach unvorstellbar, furchtbar und grausam, dass wir tagein und tagaus mit dieser Möglichkeit leben, meinen leben zu müssen", antwortet sie müde.
Beinahe greifbar ist die Ohnmacht, die sich im Auto ausdehnt.
In diese mischt sich eine beschämte Dankbarkeit.
"Es ist ja noch mal gut gegangen."
Hier und Jetzt.
"Aber auch Gestern und Morgen sind von großer Bedeutung", sagt sie. "Wer das Glück, welches uns ein Hier und Jetzt bereiten kann, wirklich begreifen will, muss bereit sein, aus der Vergangenheit zu lernen und bei der Planung für die Zukunft zu berücksichtigen."
Sie schauen sich kurz an. Er steuert den Wagen auf einen Parkplatz und dreht den Zündschlüssel herum. Unvermittelt lässt sie sich in seine offenen Arme sinken. Sie kann die Tränen nicht mehr zurückhalten.
Wortlos streichelt er sie und kämpft gegen die eigene Hilflosigkeit.
Zuhause sortiert er den Zeitungsständer, findet das grell-gelbe noch ungelesene Greenpeace Magazin 2.06 und erschaudert - 58 Seiten zum Thema Atomkraft und ihren Folgen. Er greift zum Telefon, wählt ihre Nummer und sagt: "Ich möchte dich wieder sehen. Ich muss mir dir reden. Hier und Jetzt, aber auch wegen Gestern und ..." Er zögert. "Vielleicht auch wegen ..." "Morgen?" fragt sie.
Online-Flyer Nr. 58 vom 22.08.2006
Kurzgeschichte: Sommer in Schweden, Juli 2006
Hier und Jetzt - Gestern und Morgen
Von Monika Rausch
Das Teewasser kocht. Sie nimmt den Kessel vom Gasherd, dreht die Flamme aus und brüht den Bio-Darjeeling auf.
"In drei Minuten können wir frühstücken", ruft sie ihrem Reisepartner zu, der gerade Frischwasser in den Tank des Wohnwagens füllt. Durch das weit geöffnete Küchenfenster treffen sich ihre Blicke. Sie lächeln sich an.
Erst vor kurzem haben die beiden sich zum ersten Mal getroffen.
Sie fasst es auch heute kaum, dass sie tatsächlich die Gelegenheit bekommen hat, nun ihr Lieblingsland noch einmal zu bereisen.
In Anbetracht der bevorstehenden großen Ferien surfte sie neulich ziemlich desillusioniert im Internet herum. Seit Jahren keine richtige Urlaubsreise mehr, kein Partner in Sicht, viel Arbeit und neuerdings reichlich Stress mit der pubertierenden Tochter. Das Töchterchen würde auch in diesem Sommer mit dem Vater auf einen Segeltörn gehen. Und sie selbst? Sollte sie etwa ihren Urlaub wieder allein mit einem Stapel Bücher auf Balkonien verbringen? Oder einsam an irgendwelchen Stränden entlang spazieren? Alles in ihr hatte sich gesträubt.
Angetrieben durch starkes Fernweh fand sie bald heraus, dass es sogar Partnerbörsen in Sachen Reisen gab. Interessiert überflog sie etliche Einträge; darunter nicht nur attraktive, reizvolle und denkbare Angebote zu einer Mitreisegelegenheit, sondern auch schier Unmögliches und Indiskutables - jedenfalls für sie.
"Was die sich dabei denken!" schoss es ihr mehrfach durch den Kopf. "Ich kann doch nicht einfach mit einem Wildfremden in Urlaub fahren!"
Nach einer Weile stieß sie auf die Internetseite einer Reisepartner-Agentur, die mit aussagekräftigen Profilen ihrer Mitglieder arbeitete. Außerdem war es möglich, eigene Wunschreisedaten einzugeben. "Schweden Juli 2006" tippte sie daraufhin ein.
Was danach geschah, ähnelt zu sehr einem Märchen, als dass man dies einer ernsten Leserschaft zumuten könnte.
Fakt jedenfalls ist, dass sie nun - wenige Wochen später - beide hier sitzen: am Frühstückstisch in seinem Wohnwagen, mitten in Schweden an einem der vielen, traumhaften Seen.
Er, der seriöse und zuverlässige Mittfünfziger vis à vis einer sich selbst konservativ einschätzenden geschiedenen Alleinerziehenden, Anfang fünfzig.
Dass er allmorgendlich Gewürzgurken behutsam so seziert und liebevoll arrangiert, dass dieselben flach auf dem Frühstücksbrot zu liegen kommen, daran hat sie sich in diesen Tagen schon gewöhnt. Nach dem nächsten Einkauf wird er sie allerdings davon überzeugen, dass die schwedischen Smörgås-gurka nicht nur besser schmecken, sondern bereits in der richtigen Weise werkseitig zugeschnitten sind.
In Ermangelung anständiger Servietten trennt sie ein Blatt von der Haushaltsrolle und reicht es ihm.
"Mal hören, ob sich die Erde noch dreht", kommentiert er seinen Griff zum handlichen Weltempfänger. Er richtet die kleine Antenne auf.
"Sie hören Nachrichten ... Beirut ... Gesundheitsreform ... das Wetter in Deutschland ..."
Die Lautstärke hat er schon nach wenigen Sekunden wieder gedrosselt und sie fragt sich, warum er die Nachrichten überhaupt einschaltet, wenn er eh nicht richtig zuhört. Dieses Geheimnis wird sich ihr erst später erschließen. Auf ihre Bitte hin, schaltet er das Radio kurzerhand wieder ab.
"Ich kann nicht zwei Leuten gleichzeitig zuhören", kommentiert sie ihren Wunsch.
Heute wird das Schlauchboot startklar gemacht.
Sie unterhalten sich, angeregt, ausgiebig, interessiert, offen und zugewandt.
Eine Stunde später ist die Teekanne leer und der weitere Tagesablauf in groben Zügen besprochen. Heute wird das Schlauchboot startklar gemacht, der See erkundet, Einkäufe auf morgen verschoben, denn das weiche, süße Polarbröd reicht auch noch für ein weiteres Frühstück.
"Für heute Abend haben wir noch deutsche Frühkartoffeln, Creme für Kartoffelsalat, vier Mettwürstchen und zwei Dosen schwedisches Bier. Reicht das?"
Das muss reichen, beschließen die beiden, weil sie nun endlich herausfinden wollen, wie weit es zu der kleinen Insel ist, die man in der Ferne sehen kann. Ob man dort wohl anlegen kann?
Stunden später liegen zwei glückliche Reisende nebeneinander im Heidekraut, drei Meter vom steinigen Strand entfernt. Das Boot ist vertäut, die Proviantäpfel sind verzehrt. Urwüchsige Kiefern und vom Wind gebogene Birken spenden Schatten.
Man teilt sich mit, man kommuniziert, man tauscht sich aus, man lernt sich weiter kennen.
Seit Wochen auch in Skandinavien Sommer pur, angenehme Temperaturen, täglich Sonne, kein Tropfen Regen, stets frischer Wind und nie diese unangenehme Schwüle wie zuhause.
Ein Traumsommer für skandinavische Verhältnisse!
Diese fantastischen arbeitsfreien Tage in unberührter Natur, die zahllosen, ausgedehnten Wasserflächen, endlose Wälder mit dem typischen Birken- und Kieferngrün, dazu eine paradiesische Ruhe weit ab von dem Gedränge in Deutschlands Ballungsgebieten - das alles bleibt nicht ohne Wirkung.
Die Begegnung mit ihm in Kombination mit dieser himmlischen Atmosphäre spült sehr bald den Schutzwall um ihre Sehnsüchte und Wünsche hinweg. Sie läuft Gefahr, sich emotional und gedanklich zu weit vor zu wagen.
Ihre teils ungeduldige Erwartungshaltung aber auch unliebsame Erinnerungen auf beiden Seiten an vorangegangene, gescheiterte Beziehungen drängen sich gelegentlich unsanft in ihr gemeinsames Erleben.
Er bittet: "Lass uns nur im Hier und Jetzt leben."
Sie kommt dieser Bitte gerne nach, wenn es auch nicht immer leicht fällt.
Von der Natur eingefriedete Grundstücke
Fotos: Barbara Harbecke
Vollends einig sind sie sich zu diesem Zeitpunkt hinsichtlich ihrer Liebe zu Schweden. Dieses Land ist der Inbegriff eines glücklichen und entspannten Lebens oder könnte es zumindest sein. Bei ausgiebigen Spaziergängen betrachten sie mit Freude die liebevoll gestalteten schwedischen Holzhäuser auf lediglich von der Natur eingefriedeten Grundstücken. Hand in Hand studieren sie die Aushänge örtlicher Maklerbüros und sind entzückt über die teilweise doch recht günstigen Angebote. Sie erlauben sich - unabhängig voneinander - gedankliche Ausflüge wie jenen, ob man nicht hier einen Zweitwohnsitz für den Sommer einrichten sollte, na jedenfalls im Rentenalter.
An einem der nächsten Tage fragt er, während sie sich wie jeden Morgen am Frühstückstisch gegenüber sitzen, nachdenklich: "Was würdest du machen, wenn in Deutschland jetzt ein Atomkraftwerk hochgehen würde?"
"Oh, Gott!" Sie erschrickt.
"Ich würde sofort meine Tochter anrufen und sie auffordern, sich in den nächsten Flieger nach Stockholm zu setzen", überlegt sie laut.
Ob das noch realisierbar oder schon zu spät sei, wird eine Weile diskutiert. Beide erinnern sich an "Die Wolke" von Gudrun Pausewang. Gestehen sich wechselseitig ein, dass sie zwar in den 80ern das Buch gelesen aber kürzlich versäumt haben, sich den Kinofilm anzusehen.
Das Gespräch wird zunehmend ernster.
Die eingangs rhetorische Frage wirkt plötzlich bedrohlich.
Es offenbart sich eine unterschwellig ständig anwesende Ohnmacht.
Beide hatten sie zwar in jungen Jahren der Atomkraft skeptisch gegenüber gestanden. Aber außer seinem Abo des Greenpeace Magazins und ihrer Mitgliedschaft beim NABU ist jegliches Engagement verflogen. Beruflich haben sie nur noch am Rande damit zu tun, er als Sozialpädagoge, sie als Lehrerin. Natürlich versucht man, die Heranwachsenden zu mehr Umweltbewusstsein zu erziehen, ihnen die Augen zu öffnen für die Schönheit aber auch die Verletzlichkeit der Natur.
Das Gespräch gerät ins Stocken.
"Ist das genug?" fragen sich beide im Stillen, jeder für sich.
Wie zur Beruhigung unterhalten sie sich jetzt über die eigenen Überlebenschancen.
"Wir haben alles, was wir bräuchten an Bord. Wir könnten weiter hoch in Richtung Lappland fahren", sagt er.
"Dahin, wo nach der Katastrophe von Tschernobyl unzählige Rentierherden abgeschlachtet wurden, weil sie verstrahlt waren?"
Sie würgt den Kloß im Hals hinunter, erinnert sich, wie sie im Frühsommer 1986 sämtliche Setzlinge und erste Salatköpfe vernichtet und ihren kleinen Gemüsegarten umgegraben hatte. Und wie viele Wochen durften die Kinder nicht im Sand spielen?
Bilder einer Gruppe von Behinderten aus der Region um Tschernobyl, die kürzlich in der Nachbarstadt zu Gast waren, huschen durch ihr Gedächtnis.
Beim Abwasch sind beide ungewöhnlich still. Mit der einen Hand streichelt er über ihre Wange, während seine andere das Geschirrtuch hält, und lächelt zaghaft.
"Komm, lass uns den Tag nicht mit Grübeln und Horrorszenarien verderben", meint er dann. "Hier und Jetzt! Das ist das einzige, was zählt."
"Ja, lass uns noch mal zu der kleinen Insel fahren und einfach in der Sonne liegen", antwortet sie, beide Hände voll Schaum.
Die Wellen tragen heute zwei nachdenkliche Reisepartner ans andere Ufer. Dort liegen sie wieder beieinander. Sonnenstrahlen wärmen. Licht durchdringt sie und erhellt schließlich auch ihre Gemüter.
Die Natur und die Nähe des anderen haben die unguten Gedanken vertrieben.
Das Leben, dieser Sommer, dieses Land und ihre Begegnung sind ein wundersames und geheimnisvolles Geschenk!
Hier und Jetzt. Das zählt.
Zwei Wochen später warten sie in Göteborg auf die Fähre. Ein letztes Mal schaltet er auf schwedischem Boden seinen Weltempfänger ein, um die Nachrichten aus Deutschland zu hören.
"In einem Atomkraftwerk in Schweden hat es einen Störfall gegeben. Ein Kurzschluss führte gestern zur Trennung des AKWs Forsmark vom Stromnetz. Auch zwei Notstromaggregate fielen zeitweise aus. Nur wenige Minuten fehlten, und die Bedienungsmannschaft hätte die Kontrolle über den Reaktor verlieren können. Eine Kernschmelze wäre die Folge gewesen ..."
Arm in Arm stehen die beiden Reisepartner mit gemischten Gefühlen an der Reling der Stena Jutlandica. Schweigsam blicken sie zurück auf die Schären und auf eine schöne gemeinsame Zeit. Doch sie kämpfen nun auch gegen die jäh aufgeloderte Angst, gegen ihre Lethargie und beginnen, sich vor ihrem Fatalismus zu fürchten.
Karikatur: Kostas Koufogiorgos
www.koufogiorgos.de
Als sie durch Dänemark zurück fahren sagt er: "Stell dir vor, es wäre wirklich was passiert. Die hätten die Grenzen dicht gemacht, die Fährverbindungen eingestellt und wir hätten gar keine Chance mehr, nachhause zurück zu kehren ..."
"Es wäre ein Jammer um dieses wunderschöne Skandinavien, ein Elend für alle Betroffenen, eine Katastrophe für die gesamte Erde. Einfach unvorstellbar, furchtbar und grausam, dass wir tagein und tagaus mit dieser Möglichkeit leben, meinen leben zu müssen", antwortet sie müde.
Beinahe greifbar ist die Ohnmacht, die sich im Auto ausdehnt.
In diese mischt sich eine beschämte Dankbarkeit.
"Es ist ja noch mal gut gegangen."
Hier und Jetzt.
"Aber auch Gestern und Morgen sind von großer Bedeutung", sagt sie. "Wer das Glück, welches uns ein Hier und Jetzt bereiten kann, wirklich begreifen will, muss bereit sein, aus der Vergangenheit zu lernen und bei der Planung für die Zukunft zu berücksichtigen."
Sie schauen sich kurz an. Er steuert den Wagen auf einen Parkplatz und dreht den Zündschlüssel herum. Unvermittelt lässt sie sich in seine offenen Arme sinken. Sie kann die Tränen nicht mehr zurückhalten.
Wortlos streichelt er sie und kämpft gegen die eigene Hilflosigkeit.
Zuhause sortiert er den Zeitungsständer, findet das grell-gelbe noch ungelesene Greenpeace Magazin 2.06 und erschaudert - 58 Seiten zum Thema Atomkraft und ihren Folgen. Er greift zum Telefon, wählt ihre Nummer und sagt: "Ich möchte dich wieder sehen. Ich muss mir dir reden. Hier und Jetzt, aber auch wegen Gestern und ..." Er zögert. "Vielleicht auch wegen ..." "Morgen?" fragt sie.
Online-Flyer Nr. 58 vom 22.08.2006














