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Literatur
Der Fortsetzungsroman in der NRhZ - Folge XII
"Niemandsland"
VonWolfgang Bittner

Der Roman führt zurück in die achtziger Jahre der Bundesrepublik Deutschland. Der Ich-Erzähler, ein Universitätsdozent, gerät in eine Sinnkrise und Depression, aus der er sich durch das Erfassen seiner eigenen Geschichte zu befreien versucht. Er hat sich einen Standort geschaffen, doch die scheinbare Geborgenheit wird nach und nach in Frage gestellt. Das Gefühl der Sinnlosigkeit lähmt und läßt zugleich ahnen, daß die Ursache der Depression ein tiefes unterbewußtes Entsetzen ist. Fast zwanghaft spürt der Erzähler diesem unbestimmten Gefühl nach, nähert sich dem Ursprung seiner Angst. Ein Mosaik entsteht. Lesen Sie heute Kapitel XII: "Student und Bürger"

Der große russische Schriftsteller Alexej Maximowitsch Peschkow, der sich Maxim Gorki nannte, beschreibt in seinem Roman »Meine Universitäten«, wie er mittellos und ohne die erforderlichen Zertifikate an die Universität ging: »Ich fahre also nach Kasan, um an der Universität zu studieren - nicht mehr und nicht weniger... Ich wußte damals noch nicht, daß man der Wissenschaft auch als Kaninchen Dienste erweisen kann ...« Die Großmutter verabschiedete ihn mit den mir unvergeßlichen Worten: »Du mußt den Menschen nicht zürnen, du ärgerst dich immerfort über sie, bist hart und anmaßend geworden! Das hast du vom Großvater, aber wie weit hat er es denn gebracht? Da hat er gelebt und gelebt und ist zuletzt der Dumme, ein verbitterter alter Mann! Denk stets daran: Nicht Gott richtet die Menschen - das ist des Teufels Lust! Nun, leb wohl ...« Er wohnt zuerst bei den Jewrejinows, einer Mutter mit zwei Söhnen, die in einer engen Woh­nung in ärmlichen Verhältnissen leben. Nachdem er den Studenten Gurij Pletnjow kennenlernt, siedelt er dann in die »Marussowka« über, die er ein seltsames, fröhliches Elendsasyl nennt, um sich zum Dorfschullehrer ausbilden zu lassen.
Als ich den Roman las, studierte ich schon, und zwar mit besseren Voraussetzungen und unter günstigeren Be­dingungen. Mir war von vornherein klar gewesen, daß ich mich ohne Abitur an der Universität nicht würde einschreiben können. Deswegen hatte ich mir den Wis­sensstoff für diese wichtige Prüfung in drei Jahren erarbeitet und die Abiturprüfung nachgeholt. Das Ergebnis war zugleich eine wesentliche Erweiterung meiner Allgemein­bildung. Auch ließen sich die Verhältnisse in Mitteleuropa in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht mit de­nen vor hundert Jahren in der halbtatarischen russischen Stadt Kasan vergleichen. Dennoch gab es viele Parallelen zu den Schilderungen in Gorkis Roman, der mich stark erschütterte, der mir aber auch dabei half, meine eigene Situation besser zu erfassen. Denn ich war ebenfalls auf mich allein gestellt, und die neue Umgebung wirkte nicht nur anziehend und erregend auf mich, sondern zu Anfang eher bedrohlich.
Wenn ich einen Professor nur von weitem sah, bekam ich schon feuchte Hände. Sprach mich einer an, begann ich zu stottern. Mit Akademikern hatte ich bis dahin kaum Kontakt gehabt, mit Professoren schon gar nicht. Sie waren für mich etwas Höheres, Erleuchtetes, und es dauerte mehr­ere Jahre, bis ich meine Ängste vor diesen erhabenen Ver­tretern des Geistes und der Wissenschaften einigermaßen abgebaut hatte. Ich studierte hauptsächlich Jura, sah mich aber nebenbei an fast sämtlichen anderen Fakultäten um, besonders bei den Soziologen und Philosophen.
Schon im zweiten Semester begann mich die Philo­sophie immer mehr zu interessieren, aber ich sah damals keinen Weg, damit später meinen Lebensunterhalt zu ver­dienen. Andererseits konnte ich mir nicht so recht vorstellen, als Richter, Staatsanwalt, Regierungsrat, Rechtsan­walt oder Syndikus zu arbeiten. Eigentlich bin ich reichlich naiv an das Studium herangegangen, mehr aus dem Bedürfnis heraus, weiterzukommen, sozial aufzu­steigen. Aber auch aus Wissenshunger und in der Überzeugung, ich könne ebensoviel leisten wie andere, die studierten.
Professor W., eine Kapazität im öffentlichen Recht, sprach in seinen rechtsgeschichtlichen Vorlesungen über den heimatlosen Kaiser - es könnte Konrad II. oder Hein­rich III. gewesen sein -, der im Lande herumzog, von Pfalz zu Pfalz, von Ort zu Ort. »Ein wahrer Grand Seigneur«, sagte W. und schritt ruhelos vorn auf dem Podest hin und her, vom Fenster zur Tür und von der Tür zum Fenster. Wirklich, ein großer Mann, sowohl der alte Kaiser als auch der Professor, der kurz darauf im Bundestag eine Rede hielt, zu der er vom damaligen Bundeskanzler Erhard eingeladen worden war. Ich hörte seine Ausführungen im Radio, aber an deren Inhalt kann ich mich nicht mehr erinnern. Nur an seine Stimme, die mir, wie sie aus dem Rundfunkgerät kam, noch würdiger und gescheiter erschien als im Hörsaal. Und wenn der Kaiser mit seinem Gefolge nach Monaten weiterzog, war alles leergefressen, und die Leute brauchten Jahre, um sich davon zu erholen. Darüber ein Wort zu verlieren, verbot die Achtung vor dem Kaiser.
Vorlesungen über Strafrecht hielt Professor Sch., ein schläfrig wirkender schwerfälliger Mann, der während der Nazizeit einen guten Ruf genoß, von dem er immer noch zehrte, wie übrigens viele seiner Kollegen. Er war im Umgang verhältnismäßig milde, nur nicht in seinen Noten. Auf Zwischenfragen reagierte er ungehalten bis gereizt. Berührten sie Probleme, die außerhalb seines Fachgebiets lagen, wußte er sowieso nie Bescheid. Und falls der Kandidat in der Prüfung das Gründungsjahr des ersten Amsterdamer Zuchthauses nicht kannte, das irgendwann einmal Modellcharakter hatte, war er so gut wie durchgefallen.
Dagegen waren die Vorlesungen des Professors R. im Strafverfahrensrecht, einer an sich eher trockenen Mate­rie, ein Erlebnis. Wenn er von den »fruits of the poisoned tree« sprach, wonach beispielsweise erzwungene oder erschlichene Aussagen nicht verwertet werden dürfen, war es im überfüllten Hörsaal ganz still. Gern verdeutlichte er strafrechtliche Konsequenzen an Begebenheiten aus Büchern von Karl May, denn er war Vorstandsmitglied der Karl?May?Ge­sellschaft. »In seinen Büchern«, sagte er einmal, »tritt May auf Grund eigener bitterer Erfahrungen ständig für den Grundsatz ein, daß der Beschuldigte und anschlie­ßende Angeklagte bis zum Urteilsspruch als unschuldig zu gelten hat.« Er berichtete, daß May insgesamt sieben Jahre seines Lebens in Gefängnissen verbracht habe. »Dem Strafprozeßrecht«, erklärte er ein anderes Mal, »kommt symptomatische Bedeutung für den Geist einer Rechtsordnung zu.« Wie die Strafverfolgungsbehörden mit einem Beschuldigten oder Angeklagten umgehen, das sei sozusagen die Probe auf das Exempel des Rechtsstaa­tes.
R.´s Ausführungen beeindruckten, sie regten mich an. Als ich selber einen wissenschaftlichen Aufsatz schrieb, verhalf er mir zu dessen Veröffentlichung in einer Fach­zeitschrift. Immer noch war ich Student. Später schrieb ich dann bei R. meine Doktorarbeit. Aber sein Hauptassi­stent H. veröffentlichte wesentliche Teile daraus vorweg als Zeitschriftenabhandlung, und wir zerstritten uns. Wo­möglich nahm R. Plagiate, soweit sie ihn nicht selber betrafen, auf die leichte Schulter, hatte doch auch Karl May seitenweise vom alten Friedrich Gerstäcker abge­schrieben, dessen Bücher er während seiner Gefängnis­aufenthalte studiert hatte. Auf denn, wir armen Sünder, auf ins Reich der Edelmenschen!
 
Ich wohnte in einem möblierten Zimmer bei der Witwe Illinger, deren verstorbener Mann ihr und zwei noch un­verheirateten Töchtern am Stadtrand ein Einfamilienhaus hinterlassen hatte. Sie war Ende Vierzig und arbeitete als Verkäuferin in einem Warenhaus, eine gutgenährte, auf den ersten Blick zugänglich wirkende Frau mit rosigem Gesicht. Auf den zweiten Blick merkte man, daß ihre Offenheit nur vorgetäuscht war. Vor allem wenn sie über andere Menschen sprach, was sie gern tat, wurde sie gehäs­sig und bösartig, so daß ich mir bei solchen Gelegenheiten immer vorstellte, wie sie anderen gegenüber von mir sprach.
Einmal, nachdem sie zwei Wochen wegen einer Unterleibsope-
ration im Krankenhaus verbracht hatte, be­schwerte sie sich da-
rüber, daß ihr ein Kollege Blumen gebracht habe. »Wie kann man nur Blumen schenken«, sagte sie erbost, »eine Flasche Wein oder eine Schach-
tel Pralinen wären mir lieber gewesen.« Ich hatte ihr mehr durch
Zufall ein Buch statt Blumen mitgenommen; eigent­lich hatte ich sie
gar nicht besuchen wollen, aber den Worten ihrer Töchter war zu
entnehmen gewesen, daß ich mir dadurch ihr Wohlwollen verscherzt hätte.

Ein anderes Mal kritisierte sie, daß mein Vorgänger in seinem Zimmer keine Ordnung gehalten habe; seine Briefschaften, sogar Liebesbriefe, hätten überall offen herumgelegen. »Ein schmuddeliger Mensch«, sagte sie, »auch in seinen persönlichen Beziehungen. Was meinen Sie, was in den Liebesbriefen alles gestanden hat. Ich werde schon rot, wenn ich nur daran denke.« Sie hatte einen Ordnungs? und Sauberkeitsfimmel, aber das störte mich nicht weiter, ich ging ihr so weit wie möglich aus dem Weg. Von ihrem Angebot, die Küche zu benutzen, machte ich keinen Gebrauch, statt dessen kaufte ich mir zum Wassererhitzen einen Tauchsieder, und mittags aß ich in der Mensa.
Das Illingersche Haus machte einen geleckten Ein­druck, und auf der ständig frischgebohnerten Treppe mußte man sich in acht nehmen. Im Vorgarten gab es ein rechteckiges und ein rundes Blumenbeet, nach hinten ei­nen großen Wäschetrockenplatz, der im Sommer - so wur­de mir gesagt - von allen als Liegewiese zu benutzen sei. Damit sollte die überhöhte Miete gerechtfertigt werden. Mutter und Töchter bewohnten das Erdgeschoß und die erste Etage, in der noch ein weiterer Student namens Menzel sein Zimmer hatte. Ich zog in ein Mansardenzim­mer neben dem Dachboden. Von Menzel, der bereits im sechsten Semester studierte, erfuhr ich, daß meinem Vor­gänger fristlos gekündigt worden war, weil er weiblichen Besuch über Nacht bei sich behalten hatte.
Das war das erste, was mir die Witwe Illinger ans Herz legte: »Damenbesuch wünsche ich nicht.« Was sollte ich darauf antworten? Ich dachte, daß man sich gegebenen­falls würde verständigen können. Das Zimmer war häß­lich, im Sommer sehr heiß und kostete 110 Mark, aber ich hatte nichts Besseres und erst recht nichts Billigeres finden können, obwohl ich eine Woche lang suchte und währenddessen 25 Mark täglich in einer Pension bezahlte. Die Tapete begann sich an mehreren Stellen von der Wand abzulösen, Schrank und Bett wirkten wurmstichig, die Matratze war durchgelegen. Über dem Bett hing ein Bild mit tanzenden Elfen, die nackten Körper in der Farbe von Frau Illingers Gesicht. Was mich für das Zimmer einnahm, waren ein Waschbecken mit Wasseranschluß und ein großer schwarzer Schreibtisch vor dem Fenster, das zum Garten hinausging. Daß sich die lappigen Übergar­dinen nicht ganz zuziehen ließen, merkte ich erst, nach­dem ich eingezogen war.
Menzel, den ich am ersten Tag zum Kaffee einlud, weihte mich ein: »Sie ist manchmal etwas schwierig und furchtbar hinter dem Geld her. Einmal baden kostet drei Mark, und wenn Sie die Küche benutzen, müssen Sie zehn Mark im Monat zusätzlich bezahlen. Dafür sind die Töchter ganz nett, wir feiern oft zusammen.« An der Art, wie er von der älteren Tochter sprach, merkte ich, daß er ein Auge auf sie geworfen hatte. Er studierte Deutsch und Geschichte, um Gymnasiallehrer zu werden, wie sein Vater. Die Abende verbrachte er gewöhnlich »auf dem Haus«, wie er sich ausdrückte. Das bedeutete: Er ging in das Haus einer studentischen Verbindung namens Teutonia, wo er mit anderen Studenten, die er Bundesbrü­der nannte, zusammensaß und zumeist Bier trank. Als ich ihm vorschlug, das steife »Sie« fallenzulassen, guckte er zuerst etwas pikiert. »Wir sind etwa gleichalt und kön­nen uns doch duzen«, sagte ich. »Warum nicht«, erwiderte er zögernd und setzte hinzu: »Obwohl ich da meine Prin­zipien habe. Aber ich will eine Ausnahme machen.« Dabei wiegte er gravitätisch seinen großen plumpen Schädel, der auf einem in den Schultern sehr schmalen und zur Mitte hin korpulenten birnenförmigen Körper saß, getragen von erstaunlich dünnen X?Beinen. Sympathisch machte ihn mir seine ruhige Ausgeglichenheit, die durch nichts zu erschüttern war und die man auch träge Gleichgültigkeit hätte nennen können, wäre nicht ein besonderer Lebens­funke hinzugekommen, etwas Genießerisches, ein in alko­holisiertem Zustand noch deutlicher werdender diony­sischer Wesenszug.
Die älteste Tochter, eine pummelige zweiundzwanzig­jährige
Blondine, hieß Inge und war Telefonistin beim Fernmeldeamt. Sie
redete viel und schnell und man fragte sich hinterher, was sie eigent-
lich gesagt hatte. Als wir einmal zusammen feierten, berichtete sie
allerdings von Männern, die bei der Telefonauskunft anriefen, um
sich sexuell abzureagieren - das war ungeheuer spannend. Obwohl
sie sich nur auf vage Andeutungen beschränkte, hin? und herge-
rissen zwischen peinlicher Berührtheit und schwüler Geschwätzig-
keit. Es gebe aber auch andere, wirklich nette Telefonkunden; von
einem dieser Herren habe sie sich sogar, entgegen ihren Dienstvor-
schriften, zu einem Rendezvous überreden lassen. Er habe eine wun­derbar weiche und doch sehr männliche Stimme gehabt und müsse
ziemlich wohlhabend, wenn nicht sogar reich gewesen sein, wie sie seinen Andeutungen entnommen hatte. Jedenfalls besaß er einen Mercedes und ging gern auf die Jagd. Wer kann sich das schon leisten? Sie sei dann aber fürchterlich enttäuscht gewesen, als sie ihn in dem Restaurant, wo sie sich verabredet hatten, von weitem sah. Zu ihm hingegangen sei sie gar nicht erst, denn er habe dick und fett dagesessen und sich den Schweiß von der Glatze gewischt, da sei sie einfach wieder hinausgegangen.

Die jüngere Tochter, Heidi, war Lehrling bei einer Bank, was ihre Mutter ständig hervorhob. Bei einer Bank beschäftigt zu sein, mit Geld zu tun zu haben, mit Kon­toauszügen, Schecks, Krediten und Sparguthaben, war für sie so gut wie ein Studium, fast gleichwertig. Auf jeden Fall war, wer bei der Bank arbeitete, etwas Besseres. »Stel­len Sie sich vor, um Ihr Zimmer hatte sich tatsächlich auch ein Gastarbeiter beworben«, sagte Frau Illinger und schüttelte ihren graumelierten Dauerwellenkopf. »Was sich diese Leute so denken.« Daß sie keine weiblichen Untermieter aufnahm, sondern Studenten bevorzugte, hing offenbar mit der nicht ganz unbegründeten Hoff­nung zusammen, daß Gelegenheit nicht nur Diebe mache, sondern manchmal auch Schwiegersöhne. Das wenigstens war die Erfahrung einer Nachbarsfamilie. Und obwohl Frau Illinger streng darauf achtete, daß ihre Töchter wäh­rend der Woche um zehn Uhr und am Wochenende späte­stens um zwölf zu Haus waren, konnte man sie abends oft in luftigen Nachthemden über den Flur huschen sehen. Sie billigte auch, daß sich ihre ältere Tochter stundenlang im Zimmer von Menzel aufhielt. Um mit ihm Musik zu hören, aber selbstverständlich nur tagsüber.
 
Menzel lud mich ein, an einer »Kneipe«, so nannte er das, seiner Verbindung als Gast teilzunehmen. »Das ist ein lustiger Abend«, erklärte er. »Es werden Reden gehal­ten, die Alten Herren sind da, wir trinken Bier, erzählen Witze und Anekdoten und singen unsere alten Studenten­lieder. Der Abend läuft zwar zuerst nach bestimmten Ritualen ab, aber anschließend geht alles drunter und drüber, das ist das beste daran.« Dieses Beste bezeichnete er als Inoffizium. »Im offiziellen Teil darf man nicht austreten«, klärte er mich auf, »danach lautet die entsprechende Frage: >Tempus peto.< Der Präside antwortet dann: >Tempus habeas.<« Dann durfte man sich erleich­tern. Ich mußte also meinen dunklen Anzug aus dem Schrank holen, mir eine Krawatte umbinden, und zusam­men gingen wir »auf das Haus«.
Menzels Bierzipfel, mehrfarbige am Hosenbund befe­stigte Schnüre mit gravierten silbernen Anhängern, kann­te ich schon; zusätzlich hatte er diesmal eine silberbestickte flache Mütze aufgesetzt, ähnlich einem Barett, und ein schmales Band in den Verbindungsfarben unter der Jacke quer über die Brust gelegt. Unterwegs erzählte er, daß seine Verbindung bereits mehr als hundert Jahre existiere und namhafte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens dazugehörten. Er nannte einen Minister, einen Bischof und zwei hohe Verwaltungsbeamte, die ich alle nicht kannte, sowie mehrere Namen aus Justiz und Wirtschaft, die mir ebenfalls unbekannt waren. »Wir haben das Le­bensbundprinzip«, erläuterte er, »das bedeutet: man bleibt sein Leben lang Mitglied und fördert sich gegensei­tig. Wir tragen zwar Farben, aber Mensuren schlägt nur wer will.« Er war wie ausgewechselt, regelrecht bemüht, und berichtete von Chargierten in Vollwichs, Kneipjacken oder Pekeschen, Kommersen, Fuxen-kneipen, Keilgästen, Bierstrafen, Fidulitäten und so weiter. Ich verstand nur jeden zweiten Satz.
Das Haus der Teutonen, ein villenartiges Gebäude in einem großen Garten, war in den Verbindungsfarben be­flaggt und machte einen festlichen Eindruck. Vor der Tür standen mehrere große Limousinen. Am Eingang empfin­gen uns zwei Studenten und führten uns durch eine holz­getäfelte Halle in den sogenannten Kneipsaal, einen ebenfalls in dunklem Holz gehaltenen Raum mit altem Mobi­liar, zwei riesigen Kronleuchtern und einem Klavier im Hintergrund. Bevor wir uns an einen der langen Tische setzten, zeigte mir Menzel noch schnell die Toilette. »Das ist mit das wichtigste«, sagte er ganz ernsthaft, »denn irgendwo muß das Bier ja bleiben.« Aus dem Augenwin­kel bemerkte ich in der Ecke ein Spuckbecken. Dann begann die Veranstaltung.
Ein Kommando: »Silentium für den Einzug der Char­gen! - Omnes surgite!« Marschmusik. Vier Chargierte in silberbetreßten Uniformen mit Schärpen, weißen Stulpen­handschuhen und bis über die Knie heraufreichenden schwarzen Stulpenstiefeln, mit säbelartigen Hiebwaffen in den Händen, marschierten einer hinter dem anderen im Gleichschritt ein. Drei stellten sich am Kopfende der hufeisenförmigen Tafel auf, der vierte marschierte an das Ende des einen Längstisches. Dieser vierte Chargierte trug einen echten Fuchsschwanz an seiner Mütze, was ihm etwa das Aussehen eines martialisch verkleideten ka­nadischen Trappers gab.
Menzel flüsterte: »Der Fuxmajor, er ist zuständig für die Erziehung der Neuen, der Füxe.«
Alle standen aufrecht da. In dunklen Anzügen, mit Käppis, Bändern, Bierzipfeln. Viele mit Schmissen im Ge­sicht, Studenten und würdige ältere Herren.
Menzel flüsterte: »Das Kontrarium ist dem Präsidium gegenüber für die Ordnung im Fuxenstall verantwortlich.«
Der Erstchargierte, in der Mitte, schlug zweimal mit dem Blatt seiner Waffe vor sich auf den Tisch zwischen Bierkrug und Liederbuch, beim dritten Mal schlugen donnernd auch die drei übrigen zu.
Menzel flüsterte: »Fux ist man während der ersten zwei Semester, ich gehöre schon zur Aktivitas.«
Der Erstchargierte sprach mit lauter Stimme, er eröffne die Semesterantrittskneipe und trinke mit seinen Con­chargen auf deren würdigen Verlauf. Wieder ein Kom­mando: »Omnes ad sedes!« Man setzte sich, und der Erstchargierte hielt eine kurze belanglose Ansprache und begrüßte die Anwesenden, wobei er einzelne Namen nannte. Jedesmal trank er, wie er sagte, einen geziemen­den Streifen auf das Wohl der Genannten, die kurz auf­standen und sich verbeugten. Der Gast ebenfalls, also ich. Anschließend das Lied »O alte Burschenherrlichkeit«.
Danach erneut eine Rede, ein Alter Herr. Beklagens­wert, daß es an der Universität wieder einmal unruhig zu werden beginne. Man habe sich mehr denn je auf die alten Werte zu besinnen. Vaterlandsliebe, Streben nach wissenschaftlicher Erkenntnis, Pflichterfüllung, Treue und Disziplin. »In Zeiten politischer Stagnation haben wir in unserem Bund stets zu den Fortschrittlichen ge­hört.« Und, mit Leidenschaft in der Stimme: »Jetzt, wo es zu gären beginnt, müssen wir konservativ sein.« Volk, Vaterland, Deutschtum, Tradition. Wie solche Begriffe ausgesprochen werden, ist bekannt. Neu war: »Chaoten, Revoluzzer, Berufsdemon-stranten.«
Folgte ein geziemender Streifen auf das Wohl aller or­dentlichen, vernünftigen Studenten, die sich nicht von wildgewordenen Schreihälsen und linken Aufwieglern verunsichern und unterdrücken lassen. Menzel, flüsternd: »Er ist Staatssekretär im Justizministerium.« Da ertönte ein neues Kommando: »... singen das Lied auf Pagina ... Bierorgel präpariert eine halbe Weise voraus - Silentium - das Lied steigt mit seiner ersten, ad primam.« Aus vollen Kehlen: »Als noch Arkadiens goldne Tage ...«
Die Ausführungen des Redners erschienen sibyllinisch. Mir war zwar bekannt, daß in letzter Zeit Demonstratio­nen stattgefunden hatten, zum Beispiel gegen den Krieg in Vietnam. Aber von Chaoten und linken Revolutionä­ren hatte ich an der Universität nichts bemerkt. Im Ge­genteil, so dachte ich. Gefragt, sagte Menzel: »Kommuni­sten, Spartakisten, SDSler.« Ich war so klug wie zuvor. »Wie in der Weimarer Republik«, sagte Menzel, »aber wir halten die Fahne hoch. Prost!«
Während ich versuchte, meine Gedanken zu ordnen, begann ein älterer Student eine sogenannte Biermimik vorzutragen, in der es um einen Freiherrn Prunz zu Prun­zenschütz ging, der von seinem Rittersitz aus die Feinde mit gewaltigen Fürzen in die Flucht schlug. Danach wurde weiter getrunken, gesungen und getrunken, immer weiter. Und alles endete lange nach Mitternacht - »Bierdorf«, sagte Menzel -, nachdem mehrere Stühle zu Bruch gegan­gen, ein Kronleuchter heruntergerissen und das Klavier mit Bier übergossen waren. Als wir gegen Morgen nach Hause schwankten, sangen die Amseln, und Menzel lallte etwas von einem gelungenen Abend. In einer Toreinfahrt erleichterten wir uns um mehrere Liter Bier, ordentliche Studenten.
Am Wochenende fuhren wir zu viert zum Baden an einen kleinen See in der Nähe. Menzel hatte von seinem Großvater Geld geerbt und sich einen Volkswagen ge­kauft. Inge glühte vor Begeisterung. Sie redete ununter­brochen, während Heidi, mit der ich hinten saß, wohl­tuend stumm blieb. Beim Baden zeigte sie viel Haut - sie trug einen knappen Bikini - und eine gutgeformte Figur. Als sie sich zum Sonnen neben mich auf die Decke legte, merkte ich, daß ich immer mehr in eine Zwickmühle geriet. Ich mochte sie nicht, sie war so hochnäsig, und fast alles, was sie sagte, erschien mir töricht. Andererseits sah sie gut aus, und ich mochte sie nicht beleidigen, zumal ihre Mutter meine Vermieterin war.
Die Situation wurde noch schwieriger. Auf der Rück­fahrt kamen wir durch ein Dorf, in dem Schützenfest gefeiert wurde. Beim Tanzen im Festzelt schmiegte sich Heidi an, und der Kopf wurde mir immer benebelter; Menzel und Inge engumschlungen. Etwas mußte gesche­hen, das war mir klar, bevor es weiterging. Der Vorschlag, in einer Gastwirtschaft zu Abend zu essen, wurde ungnä­dig angenommen.
Auf der Heimfahrt kostete es große Mühe, Menzel in eine Unterhaltung über seine Verbindung zu verwickeln. Aber schließlich klärte er mich dann doch darüber auf, wie man Burschenschaften, Corps, Turnbünde, Sänger­schaften und Landsmannschaften zu unterscheiden hatte. Ihr Einfluß sei nicht zu unterschätzen, sagte er bedeu­tungsschwer. »Gehörst du einmal dazu, hast du überall Freunde und Förderer.« Das sehe nach außen vielleicht alles etwas belanglos aus, aber in Wirklichkeit sei das eine sehr ernste Sache. »Viele der Alten Herren sitzen in hohen Positionen, sie vergeben Ämter und Aufträge, sie haben beste Beziehungen, sogar ins Ausland.«
So geht das also, dachte ich. Die erweiterte Akademi­kerfamilie. Eine Hand wäscht die andere, und jeder sorgt für die eigene Brut. Das war zwar nichts Neues, aber in dieser unverblümten Deutlichkeit überraschend, erstaunlich. Man ist ein Bauer, der in die Stadt kommt. Ein kleiner Bauer, von früher vielleicht, der noch nicht die chemischen und pharmazeutischen Möglichkeiten seiner Branche entdeckt hat. Zu Hause hat man die Ernte noch mit eigener Hand eingebracht. Man ist naiv und gutgläu­big, man vertraut auf die eigene Kraft. Und man wundert sich, daß Überleben so schwer ist.
Die Mädchen sahen sich voller Ehrfurcht Menzels Bier­zipfel an, während er das Verhältnis von Leibbursch zu Leibfux und die Bedeutung des großen Verbindungszip­fels und der kleineren Fuxen? und Freundschaftszipfel erklärte. Langsam kristallisierten sich zwei Fragen heraus: Was für eine Gesellschaft? Und wie da wieder herauskom­men? Zum Schluß lud Menzel mich zu einem festlichen sonntäglichen Umtrunk seiner Verbindung auf dem Rat­hausplatz ein. »Aber nur, falls schönes Wetter ist«, sagte er. »Wir feiern nämlich zusammen mit zwei befreundeten Verbindungen unser Stiftungsfest.« Ich erwiderte: »Viel­leicht komme ich.« Inge und Heidi bedauerten lebhaft, daß der Umtrunk ohne Frauen geplant war. Allerdings sollte Inge beim Verbindungsball Menzels Tischdame sein, worüber sie so glücklich war, daß sie endlich schwieg.
 
An der Universität begann es jetzt spürbar zu knistern. Einige Tage später wurden das erstemal Vorlesungen von demonstrierenden Stu-
denten gesprengt. Die Losungen hatten schon vorher an den Wän-
den gestanden. DIE UNI, EIN HISTORISCHER LEICHNAM -
UNTER DEN TALAREN STINKT ES - VIETNAM IST ÜBER­ALL - ENTEIGNET SPRINGER. Wandaufschriften, das war neu, für Bürger- wie Kleinbürgerkinder zuerst ganz ungewohnt. Mein erster Gedanke: Die können doch nicht die Wände beschmieren. Mein zweiter Gedanke: Warum eigentlich nicht. Diese riesigen leeren Betonwän­de, hell-
grau, die sich geradezu anboten. Auch eine Mi­schung aus Schaden-
freude und Neugier: Jetzt weiß man wenigstens Bescheid, jetzt weiß es jeder.

Konkret läuft so etwas zum Beispiel an der philo­sophischen Fakultät wie folgt ab: Die Gruppe kommt kurz nach Beginn der Vorlesung herein und geht nach vorn. Sie will eine Durchsage machen und diskutieren. Aber der Professor verweigert ihr das Mikrophon, er beruft sich auf sein Hausrecht: »Was in meiner Vorlesung ge­schieht, bestimme immer noch ich.« Einige Studenten la­chen. »Damit sind wir ja bereits beim Thema!« sagt einer. »Abstimmen!«
Auch eine Abstimmung wird verweigert. Es gibt ein kurzes Handgemenge, der Professor schreit mit hochro­tem Kopf: »Das ist Gewalt! Ich lasse die Polizei rufen!« Er und seine beiden Assistenten werden zur Tür hinausge­drängt.
Dann steht einer hinter dem Mikrophon und sagt: »Kommilitonen, heute nachmittag findet eine Demon­stration gegen den Vietnamkrieg statt. Ich fordere euch auf, daran teilzunehmen...« Murren und Beifall. »Das ist ja nicht nur eine Sache der Vietnamesen«, fährt der Red­ner fort, »wir werden doch hier genauso verarscht und verheizt. Dort begehen sie ganz offen brutalen Völker­mord und erzählen uns, es gehe um die Freiheit. Und was passiert mit uns? Hier töten sie unser Bewußtsein, wir werden geistig und seelisch verstümmelt und gleichge­schaltet. Wir werden zu Handlangern einer Kapitalisten­klasse erzogen, und wer sich dagegen zu wehren versucht, wird fertiggemacht. Hier werfen sie die Leute von der Uni, die für Mitbestimmung eintreten. Kommilitonen, Genossen, dagegen müssen wir uns wehren, gemeinsam sind wir stark, gemeinsam können wir ...«  Seine letzten Worte gehen in Gejohle, Mißfallensrufen und Beifallsbe­kundungen unter. Rhythmisches Klatschen, der Ruf: »Er soll weiterreden!«
Ein anderer Demonstrant ergreift das Mikrophon. »Es geht nicht nur um Vietnam!« ruft er. »Es geht nicht nur um längere Studienzeiten, Mitbestimmung und bessere Studienförderung. Engels sprach von einem Sprung aus dem Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit. Aber dieser Sprung liegt noch immer vor uns, obwohl seit langem die materiellen und intellektuellen Voraussetzun­gen vorhanden sind. Was machen wir damit? Wir produ­zieren Vernichtungswaffen, Wohlstandsmüll, Unterdrückung und Hunger in der dritten Welt. Und wer verdient daran? Die Bonzen und Profitgeier! Das ist unsere Indu­strie-zivilisation! Wir sind manipulierte und verwaltete Objekte, wir werden benutzt. In der Schule, am Arbeits­platz, auf der Universität. Von den Medien, der Werbung, den Grundbesitzern, Fabrikanten und Politikern. Diese Gesellschaft ist autoritär, totalitär und undemokratisch, diese Verhältnisse sind unwürdig, sie müssen daher im Namen einer radikaldemokratischen Freiheit bekämpft werden ... «
Ich sitze da und höre zu. Viele hören zu. Allerdings begreife ich nicht immer, worum es geht. Aber bei einigen Sätzen denke ich: >Die haben ja recht, so etwas ähnliches ist mir auch schon durch den Kopf gegangen.< Noch ein anderes Gefühl stellt sich ein, Unsicherheit. >Die können doch einen Dozenten nicht einfach hinausschubsen.< Und dann denke ich, mit wachsendem Unbehagen: >Was ge­schieht, wenn die Polizei kommt?< Aber zum Glück kommt die Polizei nicht.
Auch draußen gab es Auftritte. Am Sonntagvormittag ging ich, mehr aus Neugier und Langeweile, zum Um­trunk der Verbindungsstudenten auf dem Rathausplatz. Ein warmer, sonniger Tag. Über den Platz verteilt, stan­den in langen Reihen Tische, an denen die Mitglieder mehrerer Verbindungen saßen, Bier tranken und Studen­tenlieder sangen. Von der Balustrade des historischen alten Rathauses flatterten ihre Fahnen herab. Schon von wei­tem war zu hören: »Vom hoh´n Olymp herab ward uns die Freude...« Aus der gegenüberliegenden Straße mar­schierte ein bunter Zug heran, dem ein großes Pappschild vorangetragen wurde: Corps Aluminia. Eine Parodie, das war klar. Die Corpsbrüder trugen als Kopfbedeckung Aluminiumkochtöpfe, in den Händen hielten sie Schöpf­kellen und Bratengabeln, einige musizierten mit Topfdec­keln und Trillerpfeifen. Bis ein Kommando über den Platz schallte: »Sizilium!«
Plötzlich war es ganz still auf dieser Bühne, mehrere Sekunden lang. Dann schlagartig Tumult. Über ein Mega­phon wurden die inhaltsschweren Worte über den Platz gerufen, die tags darauf der Kommentator der Lokalzei­tung als symptomatisch für den Sittenverfall bestimmter Kreise an den Universitäten brandmarkte und die später in leicht verfremdeter Form Eingang in die satirische Kunst finden sollten: »Meine Damen und Herren, Magni­fizenzen, Spektabilitäten und Exzellenzen, liebe Bundes­brüder! Herr Goethe, ja Herr Goethe, der hatt´ auch eine Flöte! Herr Schiller, ja Herr Schiller, der blies darauf `nen Triller!« Und die Aluminia?Korporierten stimmten das Lied an: »Wohlauf Kameraden, aufs Rad, aufs Rad... «
Der staccatoartige Gesang wurde begleitet von dem Scheppern der Topfdeckel, Schöpfkellen, Bratengabeln und dem Schrillen der Trillerpfeifen. Die birnenförmige Gestalt Menzels flog an der Seite eines fuchsschwanztra­genden schwarzgestiefelten Korporierten, eines echten na­türlich, inmitten einer Schar von Bundesbrüdern und zu den Anfeuerungsrufen »Gebt es ihnen! Packzeug! Drauf­schlagen!« der Alten Herren über den Platz. Ein Sturm brach los, akademische Jugend, Biergläser und -flaschen in den Händen. Topfdeckel und Glas prallten aufeinander. Es knallte und brüllte, das Publikum zog sich zurück. Mittags kam Menzel dann mit ramponiertem Anzug und einem blauen Auge nach Hause. Er berichtete, die Polizei habe einen Teil der Demonstranten schließlich festnehmen können.
Das akademische Leben. Die Würde des Geistes. Die Weihe der Wissenschaften. Ich ging zur Studienberatung, besuchte Einführungsvorträge, Anfängervorlesungen und nahm im vorgeschriebenen dunklen Anzug an einer Immatrikulationsfeier teil; im folgenden Semester wurde sie gesprengt. Jeder ging am anderen vorbei. Das juristi­sche Studium war ein Paukstudium, die juristische Wissen­schaft eine auf Theorien, Lehrsätzen und Grundsatzent­scheidungen basierende Weltanschauung, angeblich streng objektiv. Man mußte auswendiglernen, speichern, Wissen anreichern. Wer am meisten speicherte, lag vorn. Aber was lernt man nicht alles im Laufe seines Lebens.
Überleben ist nicht einfach. Nebenbei machte ich den Taxiführerschein, denn das Geld ging zur Neige, und Stu­dienförderung nach dem Honnefer Modell gab es nur während des Semesters, knapp zweihundert Mark im Mo­nat. In den Semesterferien wollte ich als Taxifahrer arbei­ten, hatte ich mir vorgenommen. Das behielt ich vorerst für mich. Denn eingeschätzt wird man nach Geld, berufli­cher Stellung, Titeln. Frau Illinger glaubte, Eltern von Studenten seien grundsätzlich vermögend, jedenfalls nicht unvermögend. Dann fiel ich beim erstenmal durch die behördliche Prüfung, weil meine Ortskenntnisse nicht ausreichten, und besorgte mir kurzfristig eine Arbeit im Tiefbau.
Drei Monate wurden Wasserleitungsrohre und Kabel verlegt, bei Sonne und Regen. Das tägliche Leben in einer Arbeitskolonne, einem Sammelbecken unterschiedlichster Existenzen. >Da wird auf der Universität von Revolution gesprochen<, dachte ich immer wieder. Aber die Tiefbau­arbeiter malochten bis zu zwölf Stunden am Tag für ihre Abzahlungsraten, für das Bier und die Miete. Ihr Traum, dem sie in Schweiß und Dreck nachhingen, war ein eigenes Auto. Ein Kapitel für sich: Das revolutionäre Bewußtsein der Arbeiterschaft im blühenden Nachkriegswirt-schafts­wunderland.
Auch mit meinen Eltern verstand ich mich immer weni­ger. Häufig bekamen wir Streit, weil sie meine Ansichten für extrem hielten. Ich merkte, daß ich aus einer Schicht, der ich lange Zeit angehört hatte, dem Kleinbürgertum noch dazu deutscher Prägung, herauswuchs. Wohin, das war mir unklar.

Ein neues Semester. Das ich abgearbeitet, aber braunge­brannt und guter Dinge begann. Überall Parolen, Sprü­che, Wandaufschriften: AMIS RAUS AUS VIETNAM - HÖRSÄLE STATT STARFIGHTER - NOTSTANDS­GESETZE FÜHREN ZUM FASCHISMUS - BON­ZEN?BULLEN?BILDZEITUNGS?STAAT.
Der Allgemeine Studentenausschuß veranstaltete ein Sit?in im Auditorium maximum. Die Studienbedingun­gen sollten diskutiert werden, das interessiert mich. »Wir haben keine Lust«, sagte gleich der erste Redner, »uns von professoralen Fachidioten zu Handlangern eines Sy­stems ausbilden zu lassen, das wir nicht akzeptieren kön­nen. Wir wenden uns gegen eine immer stärkere Verschu­lung des Studiums, gegen eine Verkürzung der Regelstudienzeiten und gegen eine geplante Verschärfung des Disziplinarrechts. Über die Möglichkeiten von Boy­kottmaßnahmen und Streiks, von Vorlesungsstörungen und weiteren Aktionen zur Durchsetzung unserer Forde­rungen müssen wir uns noch unterhalten.« Vor allem aber sollten die Studieninhalte mitgestaltet, die sofortige Mit­bestimmung in allen akademischen Gremien gefordert werden. Eigentlich sei das eine Selbstverständlichkeit, wurde gesagt, noch dazu unter Wissenschaftlern.
Der Redner bekam viel Beifall. Die Diskussion wurde eröffnet; und wenn man zufällig in der Nähe eines Mikro­phons steht, kann es vorkommen, daß man sich spontan zu Wort meldet und es sogar erhält. Zuerst wußte ich nicht, was ich sagen wollte. Die Gedanken, die gerade noch im Kopf waren, hatten sich verflüchtigt. Ins Blick­feld rückte ein Hörsaal, riesig groß, voll bis auf den letzten Platz. Viele saßen auf Fensterbänken und Treppenstufen oder standen in den Gängen, und vor mir befand sich plötzlich dieses Mikrophon, das mir zur Verfügung stand. Da fiel mir wieder etwas ein. »Als ich an die Universität kam«, begann ich, »war ich der Meinung, daß sich der Mensch durch die Wissenschaft weiterentwickeln könne. Jetzt studiere ich Jura, und mir ist klargeworden, daß vor allem Faktenwissen und Auswendiglernen gefragt sind, damit man am Ende eine Prüfung besteht und Akademi­ker wird. Was ist daran wissenschaftlich?«
Der folgende Beifall riß den Gedankenfaden ab, und nichts ließ sich mehr anknüpfen. Ebenso spontan, wie ich meine Rede begonnen hatte, brach ich sie ab und ging beiseite. Neben mir nickten einige zustimmend. Einer leg­te die Hand auf meine Schulter und sagte: »Genau. Ich studiere auch Jura.«  Nach der Veranstaltung gingen wir in eine Kneipe und diskutierten uns bis in die Nacht hinein die Köpfe heiß. Im Jahre 1968, später genannt das Jahr der Studentenrevolte.
Diese Kluft zwischen dem, was ich will, und dem, was ist. An derArt wie ich lebte, wurde es mir am deutlichsten. Überall Zugeständnisse und sogar Lügen. Dazu Ahnun­gen, Vermutungen. Aber nicht einmal ausreichendes Wis­sen, um frei von Unsicherheit zu urteilen. Alles so verwor­ren, undurchsichtig, vielschichtig und kompliziert. Jedes Ding hat eine Vorder? und eine Rückseite; dazu kommen rechts und links, oben und unten, dann noch die Innensei­ten und nicht zuletzt der Inhalt. Auch das ist noch nicht alles. Der Blick zum Horizont, aber was liegt dahinter. >Man müßte mit den kleinen Dingen anfangen<, dachte ich, >und dann langsam, Schritt für Schritt, weitergehen.< Sich, sein Leben, seine Umgebung, seine Verhältnisse, Beziehungen und Verhaltensweisen entwickeln. Ganz unten anfangen, bei den kleinen Dingen, die wir in der Hand haben, und nach und nach aufbauen. Grundlagen schaffen, sich bilden, konsequent sein. Ich nahm mir vor, damit zu beginnen. Irgendwann nahm ich mir das vor.
Dagegen nahmen die Witwe Illinger und ihre Töchter immer unverhohlener Anteil an meinem Leben, besitzer­greifend. Die Luft zum Durchatmen wird immer dünner in solcher Umgebung. Wie aber sich wehren? Und ist es inkonsequent, Einladungen zum Abendessen anzuneh­men oder zum Sonntagnachmittagskaffee? Sogar neue Gardinen bekam ich, und ich empfand das als eine Art Sieg über diese berechnende, selbstsüchtige Kleinbürger­lichkeit. Dann wieder Ärger, Wut, wenn Briefe geöffnet wurden, versehentlich, wie es hieß. Und dennoch wieder Zugeständnisse. Denn Studentenbuden sind immer knapp gewesen, und wer weiß schon, wie die nächste aussieht.
Die Vorfälle gleichen sich immer wieder: Man kehrt eines Abends, nachdem man fortgegangen ist, noch einmal zurück. Man hat etwas vergessen und will es holen, geht die Treppe hinauf, hört die Zimmertür klappen, die Bo­dentür knarren. Die Witwe Illinger steht also hinter der Bodentür, und sie kann nicht herauskommen, ohne sich zu verraten. Man wartet eine ganze Stunde, zuerst wü­tend, dann mit hämischem Vergnügen. Während der Vor­satz reift, zum Semesterende zu kündigen.
Einige Tage später sollte eine »Hausfete« stattfinden, Menzel und Inge luden dazu ein. Der Unkostenbeitrag von zehn Mark für Getränke und Essen wurde sofort erhoben, so daß sich weitere Überlegungen erübrigten. Beginn der Feierlichkeiten: Samstag, 18.00 Uhr, im Wohnzimmer. Der Samstagabend kam. Mit Kartoffelsalat, war­men Würstchen, Käse, Frikadellen, belegten Broten, Bier und Wein. Der Kartoffelsalat schmeckte wirklich gut.
Wie sich in solcher Runde behaupten? Was tun, außer essen und trinken? Frau Illinger und Inge verspeisten Unmengen Salat, Würstchen, Frikadellen, Käse, während sie ununterbrochen klagten, sie hätten auf ihre Figur zu achten. Heidi erzählte. Daß sie mit der Frau des Ober­stadtdirektors bekannt sei und mit der Frau des Superin­tendenten. Die holten sich immer ihre Kontoauszüge am Schalter ab. Menzel blödelte herum, das tat er gern bei solchen Gelegenheiten. Vor allem war er in Kleinfritz­chen? und Kleinerna?Witzen ganz groß, in Ärzte?Witzen noch größer. Kommt eine Frau zum Arzt und soll den Oberkörper freimachen. »Warum ziehen Sie sich denn völlig aus?« fragt der Arzt auf einmal. »Ach, entschuldi­gen Sie, Herr Doktor«, antwortet sie, »ich war ganz in Gedanken und dachte, ich sei bei meinem Anwalt.« Den Frauen zuprostend, rief Menzel wie ein Stier: »Auf daß die edle Jauche Wellen schlage in eurem Bauche!« Der Erfolg war umwerfend, die Atmosphäre eine Mischung aus Nonnenkloster und Freudenhaus.
Da saß die Witwe Illinger mit ihren beiden unverheira­teten Töchtern und zwei Studenten, die ebenfalls unver­heiratet waren. Sie schlug vor, etwas zu tanzen und legte die Platte »Tanzmusik nach Mitternacht« auf. Und hinter allem steckte eine Strategie. Wie sich entfernen? Ein sofort nach der Sättigung aufgetauchter Gedanke, der in die Tat umgesetzt werden mußte und wurde. Wie gut.
In einer der folgenden Nächte gab es ein mordsmäßiges Gekreische unten im Haus. »Sie ziehen sofort aus!« war die sich überschlagende Stimme der Witwe Illinger zu vernehmen. »Unter meinen Augen! In meinem eigenen Haus! Sofort, sage ich, oder ich rufe die Polizei!« Dazu das Gebrummel von Menzel und dann die beschwichti­gende Stimme der älteren Tochter, deutlich vernehmbar: »Aber wir wollten doch sowieso heiraten. Ich weiß gar nicht, was du eigentlich hast.« Nach diesen Worten legte sich der Aufruhr ziemlich schnell, und ich schlief wieder ein. Erwartungsgemäß wurde in der Woche darauf be­kanntgegeben, daß sich Menzel mit Inge verloben wolle. Aber das berührte mich schon kaum noch, denn ich hatte gekündigt.
 
Das Studium ging weiter. Zum Semesterende ein Wo­chenendseminar auf der Burg Ludwigstein im Hessischen. Wir fuhren zuerst mit der Bahn und gingen anschließend etwa drei Kilometer zu Fuß, immer bergauf. Professor Sch. trug Kniebundhose, rote Wollstrümpfe, eine Lodenjacke, dazu derbe Bergschuhe und Jägerhut. Mit der einen Hand bewegte er seinen Wanderstock, in der anderen hielt er ein Päckchen von der Größe eines Schuhkartons. Auf dem Rücken der Rucksack mit Büchern und Manuskrip­ten. Nachdem alle ihre Zimmer bezogen hatten, begann das Seminar unter dem Thema: »Das Schuldprinzip im Strafrecht.« Dazu gab es Kaffee und Streuselkuchen, den Sch. in seinem Schuhkarton mitgebracht hatte. Und es erschien abwegig, zu erwägen, das Schuldprinzip fallen­zulassen. »Das Maß der Strafe bemißt sich nach der Höhe der Schuld.« Das stand nun einmal fest, und außerdem stand es im Gesetz. Aber wie hoch ist das Maß einer Schuld, ganz gleich, welchen Täters?
Abends beim Bier sagte Sch.´s Assistent (Kniebundhose, grü­ne Wollstrümpfe): »Alles Wirrköpfe, Chaoten. Wir lassen uns doch nicht durch eine kleine radikale Minderheit die Universität kaputtmachen.« Im Radio sagte ein Innenmi­nister namens Benda, der später Präsident des Bundesver­fassungsgerichts wurde, er führe die Ursachen für die studentischen Unruhen auf einen bedauerlichen Autori­tätsverlust althergebrachter Institutionen wie Staat, El­ternhaus, Schule und Kirche zurück. Dazu Professor Sch. vor dem Schlafengehen: »Wissen Sie, ich kenne diesen Herrn persönlich, und ich schätze ihn sehr.«
Auch wieder Erfreuliches. Ich lernte Lore kennen, die kurz darauf das Studienfach wechselte und Medizin zu studieren begann. »Mich regt diese Borniertheit furchtbar auf«, sagte sie, »ich mag damit nicht mein Leben lang zu tun haben. Diese Scheintoleranz, die immer im Recht ist, dieses Vernagelte, das sich selber laufend bestätigt.«
Gedanken, die auch mich beschäftigten. Wie groß ist denn zum Beispiel die Schuld einer Mutter, die ihre drei Kinder in der Badewanne ertränkt, damit sie der geschie­dene Mann nicht mehr abholen kann? Wie groß ist die Schuld der Verkäuferin, die einen Scheck fälscht? Wie groß ist die Schuld des KZ?Wärters, der Juden vergast hat, wie groß die des Politikers, der einen Krieg befürwor­tet hat? Und wielange muß eine Frau eingesperrt werden, die ihr unehelich geborenes Kind erstickt, um dem Gerede der Dorfbewohner zu entgehen?
»Das ist im Prinzip ganz einfach«, sagte Sch. »Der Rich­ter hat sich zunächst einmal nach den gesetzlich vorgege­benen Straftatbeständen zu richten. Sind objektiver und subjektiver Tatbestand erfüllt und liegen weder Rechtfertigungs? noch Schuldausschließungsgründe vor, haben wir den festgelegten Strafrahmen. Jetzt wägen wir Beweg­gründe, Gesinnung, Art der Tatausführung, Vorleben des Täters und so weiter ab und gehen dann mit der Strafe mehr an die obere oder untere Grenze, je nachdem.« Alles im Prinzip ganz einfach, logisch. Wenn man nicht der Meinung ist, daß unter Berücksichtigung des angerichte­ten Schadens und der Gefährlichkeit des Täters für die Gesellschaft Maßnahmen zu seiner sozialen Wiederein­gliederung vorgesehen werden sollten. So weit war man noch nicht. »Alles unwissenschaftliches Wunschdenken.«
Lore, ein herber Typ mit langen blonden Haaren, sehr empfindsam und bewußt - ich fand sie schön. »Meinst du, daß es bei den Medizinern besser ist?« fragte ich sie. »Da weiß ich wenigstens, was ich tue und stehe dahinter«, erwiderte sie. »Weißt du, ich könnte nicht mit dieser künstlichen Bewußtseinsspaltung leben: hier die Arbeit streng nach den Gesetzen, und dort meine Reflexionen darüber. Ich möchte das, was ich mache, wirklich vertre­ten können.« »Und wenn jeder so dächte?« fragte ich. »Das wäre gut«, sagte sie. »Dann könnte man noch hoffen.«
Sie war in Sao Paulo aufgewachsen, wo ihr Vater lange als Ingenieur gearbeitet hatte. Der Gedanke, nach Brasi­lien zurückzukehren, um den Menschen in den Elends­vierteln zu helfen, gewann immer mehr an Raum. Sie sah das ganz einfach, und vielleicht war es das ja auch. »Ich mache meine Prüfungen«, sagte sie, »dann melde ich mich beim Entwicklungsdienst.«
Wir verabredeten uns in einer Studentenkneipe und unterhielten uns den ganzen Abend. In dieser ersten Nacht saßen wir, nachdem die Kneipen und Restaurants geschlossen hatten, in der Küche des Studentenwohnheims. Wir machten uns Tee. Wir saßen am Tisch, vor uns das Panoramafenster zum Garten, und sahen schweigend hin­aus, bis es über den Bäumen immer heller wurde, die Vögel zu singen anfingen und die Sonne aufging. Solche stillen Nächte, in denen man beieinandersitzt und es ge­nügt, zu schweigen, weil man sich ganz nah ist.
Einige Tage später erzählte sie mir, daß sie als zwölfjäh­riges Mädchen vergewaltigt worden sei, von einem Freund ihres Bruders. Welche Bilder sich da festsetzen, welche Sprachlosigkeit und welche Not. Ein Alptraum, sagte sie, der ständig wiederkehre, eine Zertrümmerung der Ge­fühle, eine zunehmende Vereisung des Körpers, besonders des Unterleibs. Sich mit niemandem aussprechen können. Sie sei den Gedanken daran erst losgeworden, seit wir uns liebten.
Zum Semesterende fuhren wir zusammen in den Harz, wo wir uns in einer Pension einmieteten, lange Wanderun­gen unternahmen und nachts stundenlang miteinander sprachen. Morgens ein liebevoll gedeckter Kaffeetisch, die Sonne auf den Wiesen, schattige Waldwege, es war Som­mer. Erinnerungen, von denen man lange zehrt, Wärme, eine arglose Fröhlichkeit, die zu Herzen geht. Eine Ah­nung, wie es hätte weitergehen können, oder mehr eine sich langsam verflüchtigende Wunschvorstellung. Wir verloren uns, nachdem sie die Universität gewechselt hat­te. Einige Briefe noch, eine Postkarte aus Paris. Kurz darauf lernte ich Ruth kennen. Mit ihr habe ich merkwür­digerweise nie über Lore gesprochen. Es gibt viele Dinge, über die ich mit Ruth noch nie gesprochen habe. Womög­lich liegt es daran, daß ich es nie versucht habe.
Später das Praktikum beim Amtsgericht in der Kleinstadt, wo ich aufgewachsen war. Alles war jetzt anders. Während der Verhandlungen saß ich am Richtertisch ne­ben dem Vorsitzenden, einem vernünftigen und fähigen Mann, der sich intensiv mit Psychologie und Soziologie beschäftigt hatte. »Wir lernen dadurch das, was eigentlich selbstverständlich ist und was wir vorher vielleicht schon geahnt haben«, sagte er einmal. Er faßte sein Amt als eine Möglichkeit auf, anderen Menschen zu helfen. Dabei war ich auf dem Wege gewesen, die Juristen über einen Kamm zu scheren.
An den Reaktionen der Umwelt ist abzulesen, ob man etwas gilt. Das mag sich mit der Zeit ändern, aber seiner­zeit galt ein Student und Praktikant schon etwas. Die Beamten des einfachen und mittleren Dienstes begegneten mir mit Ehrerbietung, und für die Beamten des gehobe­nen Dienstes war ich immerhin eine Respektsperson. Eines Morgens befand sich unter den Schöffen ein Amtmann des Landkreises, der Abteilungsleiter, der mich während meiner Lehrzeit im Hof hatte Papier aufsammeln lassen. So ändern sich manchmal die Verhältnisse. Seine Unter­würfigkeit, die mich an die Demutshaltung eines schwä­cheren Hundes erinnerte, war mir peinlich. Und ähnliche Erlebnisse, wenn auch weniger deutlich, gab es fast jeden Tag: Menschen, die in Gewaltverhältnissen denken, Über­- und Unterordnung. Überall Spuren aus der Vergangen­heit, bekannte Gesichter, Lebensläufe, Fortsetzungen aus anderem Blickwinkel. Das Gefühl zunehmender Macht, das Erschrecken darüber.
Fanden keine Verhandlungen statt, konnte ich kommen und gehen, wann ich wollte, Akten lesen, mich unterhalten. Einmal der Fall einer inzestuösen Beziehung: Ein älterer verwitweter Mann hatte jahrelang ein sexuelles Verhältnis zu seiner Enkelin unterhalten und war, nach­dem sie heiratete, von deren Ehemann angezeigt worden. Ein Polizeibeamter hatte mehrere Seiten engbeschriebe­ner Protokolle aufgenommen, die sich vorn in der Akte befanden. Der Fall war klar, auch ohne die Einzelheiten dieser akribischen Vernehmungsniederschriften, in denen Geschlechtsteil als GT und Geschlechtsverkehr als GV bezeichnet wurden.
Der Täter: Er habe seine Enkelin zu sich genommen, als sie sechs Jahre alt war, nachdem der Vater tödlich verunglückte, die Mutter, seine Schwiegertochter, sich her­umtrieb und das Kind sich selber überließ. Die Kleine sei völlig verwahrlost gewesen, halb verhungert, und habe in ein Heim gesollt.
Der Polizist: Will wissen, wie oft er es hinter dem Feld am Wall, in der Waschküche auf dem Tisch oder auf der Küchenbank mit ihr getrieben, ob sie jeweils ein Höschen angehabt habe oder nicht, ob es beim ersten Mal wehge­tan, wielange es gedauert, ob er Verhütungsmittel ange­wandt habe, in welchen Stellungen man sich nahegekom­men, wohin der Samen geflossen, wie ihr Gefühl dabei gewesen sei.
Der alte Mann sagt, er habe sie geliebt wie seine eigene Tochter, sie habe es gut bei ihm gehabt, sie sei sehr frühreif gewesen, und als sie zwölf Jahre alt war, habe sie einmal ohne Höschen vor ihm auf dem Waschküchentisch geses­sen, da habe er sich vergessen und seit der Zeit sei das alles nicht nur von ihm, sondern auch von ihr ausgegan­gen.
Die Protokolle sind viele Seiten lang, der Polizist hat die geringsten Einzelheiten notiert, denn darauf könnte es in dem Verfahren ankommen. Bei den Beamten des Gerichts kursieren Fotokopien davon. Erstaunlich, wozu Menschen fähig sind. Auch der Angeklagte war übrigens Beamter gewesen, Bundesbahnoberassistent. Als er vor Gericht stand, ein dürrer kleiner Mann von fast siebzig Jahren, zitterten seine Hände die ganze Zeit. Der Polizist, ein biederer fünfzigjähriger Familienvater, wurde nur kurz hinzugezogen.
Diese Verhandlung dauerte einen Vormittag. Das halbe Dorf hatte kommen wollen, um zuzuhören, aber der Vorsitzende hatte die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Das Gutachten eines angesehenen Psychologen fiel überaus positiv zugunsten des Angeklagten aus, was der Vorsitzen­de, der den Psychologen gut kannte, nicht anders erwartet hatte. In einer Verhandlungspause sagte er: »Damit sind wir gegenüber der nächsten Instanz abgesichert.« Als ich ihn fragend anblickte, setzte er hinzu: »Solche Prozesse ziehen sich bedauerlicherweise oft über Jahre und durch mehrere Instanzen hin.«
Das Gericht erkannte auf die geringstmögliche Strafe, ein Jahr Freiheitsentzug, ausgesetzt zur Bewährung. Wäre nicht ein Staatsanwalt gewesen, dem das Urteil zu milde war, hätte es damit sein Bewenden gehabt. Wer weiß, wie alles endete.
Warum schreibe ich das auf, gerade diesen Fall und nicht einen anderen, den eines Ladendiebes beispielsweise oder eines betrunkenen Autofahrers. Wenn ich mich über­prüfe, stelle ich fest, daß mich diese Geschichte am meisten berührt hat. Alles andere ist undeutlich geworden, verschwommen, in Vergessenheit geraten. Aber hier sind noch die Einzelheiten vorhanden, wie bei einer gestochen scharfen Fotografie. Der Sachverhalt überraschte mich damals, die Art und Weise der Ermittlungen, das Ge­richtsverfahren und auch das Urteil. Jedem ist alles zuzu­trauen, dachte ich, obwohl ich das schon längst geahnt hatte. Keiner kann sich seiner eigenen Handlungen sicher sein, seiner Gedanken schon gar nicht. Und: der Ausgang ist immer ungewiß. Nebel über einer Landschaft voller Schatten, in der ich hier und da einzelne Gestalten unter­scheide, die sich zeitlupenhaft auf mich zu bewegen.

Wolfgang Bittner-Niemandsland

Dieses Buch erschien erstmals 1992 im Forum Verlag Leipzig, im September 2000 neu aufgelegt im Allitera Verlag, München









Der Autor

Wolfgang BittnerWolfgang Bittner, geboren 1941 in Gleiwitz, lebt als Schriftsteller in Köln. Er studierte Jura, Soziologie und Philosophie und promovierte 1972 zum Dr. jur. Bis 1974 ging er verschiedenen Tätigkeiten nach, u. a. als Fürsorgeangestellter, Verwaltungsbeamter und Rechtsanwalt. Ausgedehnte Reisen führten ihn nach Vorderasien, Mexiko und Kanada. Er hat mehr als 50 Bücher für Erwachsene, Jugendliche und Kinder geschrieben, darunter die Romane »Marmelsteins Verwandlung«, »Die Fährte des Grauen Bären«, »Die Lachsfischer vom Yukon« und »Narrengold« sowie das Sachbuch »Beruf: Schriftsteller«. 
www.wolfgangbittner.de


Online-Flyer Nr. 60  vom 05.09.2006



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