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Aktueller Online-Flyer vom 09. Juni 2026  

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Literatur
Der Fortsetzungsroman in der NRhZ - Kapitel XV
"Niemandsland"
Von Wolfgang Bittner

Der Roman führt zurück in die achtziger Jahre der Bundesrepublik Deutschland. Der Ich-Erzähler, ein Universitätsdozent, gerät in eine Sinnkrise und Depression, aus der er sich durch das Erfassen seiner eigenen Geschichte zu befreien versucht. Er hat sich einen Standort geschaffen, doch die scheinbare Geborgenheit wird nach und nach in Frage gestellt. Das Gefühl der Sinnlosigkeit lähmt und läßt zugleich ahnen, daß die Ursache der Depression ein tiefes unterbewußtes Entsetzen ist. Fast zwanghaft spürt der Erzähler diesem unbestimmten Gefühl nach, nähert sich dem Ursprung seiner Angst. Ein Mosaik entsteht. Lesen Sie Kapitel XV "Kleine fette Birne mit Sattel"

Um sechs Uhr erwache ich. Das Zimmer ist dämmrig wie eine Höhle, sehr weit entfernt die an? und ab­schwellenden Fahrgeräusche von Lastwagen, Bussen, Motorrädern, das Pochen eines Anlassers. Im Traum, der mir noch ganz nahe ist, habe ich einen Garten angelegt und bearbeitet, Gemüse und Suppengrün ge­sät, Zwiebeln gesteckt, Kartoffeln gepflanzt, Beeren­sträucher und Bäume gesetzt, einen Fischteich ange­legt. Zuerst war es der Acker, den ich als Junge hatte, allmählich wurde ein großer Gemüse? und Obstgarten daraus, zum Schluß eine richtige Gartenanlage. Etwas Sinnvolles tun, das hat sich in meinen Gedanken festge­setzt. Und sei es Kartoffeln pflanzen, um im Winter zu essen zu haben.
Im Zug traf ich einmal einen Mann, der als Werbegra­fiker in einem Zigarettenkonzern arbeitete. Er war noch sehr jung und stolz auf seine Tätigkeit, die er als eine künstlerische ansah. Als ich fragte, worin er deren Sinn sehe, erwiderte er: »Die Leute sollen unser Produkt kaufen und nicht das der Konkurrenz.« Eine logische Antwort, die zu vielem paßt, was wir tagtäglich tun und ohne weiteres für uns und andere zu begründen vermö­gen.
Nebenan im Badezimmer rauscht die Toilettenspülung. Die Kinder kommen über den Flur gelaufen und stürmen herein. Es fällt schwer aufzustehen, aber sie lassen nicht locker. Ich helfe ihnen beim Waschen und Anziehen, dann gehen wir in die Küche. Während des Frühstücks fragt Felix: »Wann fahren wir zu Mama?« Eine täglich unzähli­ge Male wiederkehrende Frage. »In vier Tagen«, ant­worte ich, und Julia zeigt auf dem Kalender, wann das ist. Wir haben den Tag rot angestrichen.
Ruths Mutter ist gestorben, für uns völlig überra­schend. Sie war mit Brustkrebs auf die Intensivstation eingeliefert worden. Der Arzt rief an und berichtete, die Karzinome seien bereits so weit fortgeschritten, daß eine Operation zwecklos sei, sie müsse das schon seit längerem gewußt haben. Drei Tage lag sie unter einem Sauerstoff­zelt und an verschiedene Apparaturen angeschlossen, bis sie starb, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben. »Warum hat sie nichts gesagt?« fragt Ruth immer wieder. »Warum haben wir nichts gewußt?«
Die Beerdigung fand in der vergangenen Woche statt, und wir waren alle dort. Jetzt sind noch die Formalitäten zu erledigen, der Haushalt muß aufgelöst werden. Ruth ist allein in der Wohnung geblieben, sie bestand darauf, obwohl sie im sechsten Monat schwanger ist. In der näch­sten Woche werden wir hinfahren, ich werde einen Klein­laster mieten und die Bücher und restlichen Möbelstücke abholen. Dann gibt es nur noch die Spuren hier und da, Eindrücke, auch Narben, die sich mehr und mehr verlie­ren. Jemand ist fort und nicht mehr erreichbar. Die Kin­der haben das bis jetzt noch gar nicht begriffen. Der Vierjährige summt manchmal beim Spielen vor sich hin, wovon er hat sprechen hören: »Todesfall?Todesfall?To­desfall.«
In Demut sterben - und in Hoffart. Ich weiß nicht, ob das wirklich ein Widerspruch ist, sind doch unsere Gefühle, Einstellungen und Verhaltensweisen nur selten eindeutig und in jeder Beziehung auf einen Nenner zu bringen. Jedenfalls war meine Schwiegermutter eine gläu­bige Frau. Nach dem Tod ihres Mannes, der Beamter war, reiste sie viel. Besuchte sie nicht Verwandte, fuhr sie zu religiösen Veranstaltungen oder zu den Marienschwe­stern in ein Kloster. In ihrem Wohnzimmer hatte sie einen Altar aufgebaut, auf dem eine Klappkarte stand, darauf die Worte: »Wenn mir gleich Leib und Seele verschmach­tet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.« Seit sie uns eine Einkommensbescheini­gung verweigert hatte, als Ruth nach ihrem Studium ar­beitslos war und Unterstützung beantragen wollte, ver­standen wir uns nicht mehr. »Was geht euch mein Einkommen an?«, das habe ich noch im Ohr. Alles vorbei jetzt. Und doch nicht vergessen.
Erst nachdem die Kinder geboren waren, kam sie zwei­mal im Jahr für mehrere Wochen zu Besuch. Ich kann nicht sagen, daß sie mir herzlich willkommen war. Aber sie hatte ein gutes Verhältnis zu den Kindern, die sie lieb­ten. Den letzten Streit hatte es gegeben, als sie Julia aus einem Buch vorlas, das ich militaristisch nannte. Die übli­che Feriengeschichte mit Schloßgespenstern, Lagerfeuern und Tieren, aber auch einem Oberst a.D., der mehreren Jungen bei Schießübungen und nächtlichen Spähtrupps das Gefühl von Kameradschaft, Mannesmut und Vater­landsliebe vermittelte. Sie fand das ganz in Ordnung.
Viele Auseinandersetzungen wegen ihr, immer wieder, viele Tränen. Der Tod läßt alles was war nebensächlich erscheinen. Und wieder neue Schuldzuweisungen, Aus­einandersetzungen, Selbstvorwürfe, neue Tränen. Unter ihren Kontoauszügen fanden wir zahlreiche Überweisungen, auch größerer Beträge, an kirchliche und karitati­ve Organisationen.
Die Nacht, in der sie starb, verbrachten wir in ihrer Wohnung, Ruth mit den Kindern im Schlafzimmer, ich auf dem Sofa im Wohnzimmer. Bis drei Uhr konnten wir nicht einschlafen, weil in der Nachbarwohnung Videofil­me liefen, die deutlich als Sado?Pornos identifizierbar waren. Eine furchtbare Nacht, ein einziger Alptraum vol­ler Schreie, Stöhnen und Röcheln. Es roch nach Bienen­wachskerzen und kaltem Zigarettenrauch. Gegen sechs Uhr morgens rief das Krankenhaus an und teilte mit, daß Ruths Mutter gestorben sei.
Aber das Leben, unser Leben! Was wir tun, uns vor­nehmen, wie wir miteinander umgehen, wie wir unsere Kinder erziehen, falls wir sie erziehen. Die Frage, warum der Junge unbedingt mit Autos, das Mädchen mit Puppen spielen will. Eines Tages liegt im Kinderzimmer eine Spielzeugpistole. Mein Sohn sagt: »Du alter blöder Vater.« Was macht man falsch, was könnte man besser machen? Und wie? Und woher die Energie dazu nehmen? »Du darfst den Kindern nicht alles durchgehen lassen!« / »Und du kümmerst dich zu wenig um sie!« Die täglichen Verpflichtungen. Geldsorgen. Die Arbeit. Wie schwer es ist, dazu eine Einstellung zu finden.
Um Viertel vor acht muß Julia zur Schule gebracht werden, um halb elf hole ich sie wieder ab. In der Zwi­schenzeit bringe ich Felix in den Kindergarten, räume auf und kaufe ein. Der Briefträger kommt, Flur und Küche müssen gesaugt, die Blumen gegossen, die Abfälle weggebracht, der Vogel muß gefüttert werden, das Telefon klingelt. Das Geschirr steht herum, und der Rasen müßte gemäht werden. Auf dem Schreibtisch warten Examens­arbeiten und Klausuren; wie gut, daß Semesterferien sind. Um halb zwölf hole ich Felix vom Kindergarten und bereite das Mittagessen vor. Zwischendurch wieder das Telefon, und die Kinder brüllen, weil sie denken, Ruth habe angerufen. Aber Ruth hat sich noch nicht gemeldet.
Die Kinder sind sehr unruhig, zanken sich häufig und bleiben nicht allein in ihrem Zimmer. Am Nachmittag gehe ich mit ihnen am Bahndamm spazieren, anschlie­ßend spielen wir zusammen. Gegen sechs mache ich Abendbrot und bin froh, als ich sie eine Stunde später endlich im Bett habe. Ich verspreche ihnen: »Morgen nachmittag fahren wir in den Zoo«, da wird es langsam ruhig. Eine trostlose Ruhe. Ich gehe vom Wohnzimmer in die Küche, von der Küche ins Arbeitszimmer. Eigent­lich müßte ich nachholen, was ich versäumt habe. Es geht nicht, es reicht nicht einmal mehr für einen Brief.
Kaum habe ich den Fernseher eingeschaltet, der seit Monaten nicht mehr in Benutzung war, erfahre ich aus der Tagesschau, daß die Schweizer Regierung den Kauf von 420 deutschen Kampfpanzern vom Typ »Leopard 2« beschlossen habe. Ein Auftrag für die deutsche Wirt­schaft, genau gesagt für die Münchner Rüstungsfirma Kraus?Maffei, in Höhe von rund 5,3 Milliarden Mark, und Verhandlungen mit anderen Ländern laufen noch. Ein Grund zu unverhohlenem Optimismus. Made in Germany oder (noch einmal): »Der Tod, ein Meister aus Deutschland.«
Im Wettbewerb mit dem amerikanischen »M?1 Ab­rams« habe der Leopard deutlich besser abgeschnitten, vor allem was den Schutz vor atomaren und chemischen Waffen betrifft. Eine neue Kampfpanzergeneration, mit der wir uns sehen lassen können. Ein Kopf?an?Kopf­-Rennen der Bewerber. Ein Gegenstück zum russischen T-72. Eine Waffe, die dem militärischen Pflichtenheft na­hezu vollständig entspricht. Eine waffenstarrende, aber dennoch elegante Kriegsmaschine im Wert von vierzig bis fünfzig Schulen, die vor mir auf dem Bildschirm durch das Gelände jagt, daß der Dreck hoch aufspritzt und ich mir unwillkürlich und mit angehaltenem Atem über die Augen wische. Handflächen und Achselhöhlen sind schweißnaß wie nach einem dieser Kriminalserienfilme, die ich mir seit Jahren schon nicht mehr ansehen kann. Danach die Politikerrunde.
Als Kontrast dazu schneit plötzlich Manfred zur Tür herein, den ich seit mehr als einem Jahr nicht mehr gese­hen habe, setzt sich, steht wieder auf, setzt sich wieder und zündet sich hastig eine Zigarette an. Sein heller modi­scher Anzug ist zerknittert, das dunkle Hemd läßt den Blick auf einen Ausschnitt seiner schwarzbehaarten Brust frei. Die ausdrucksvollen Lippen, die ebenmäßige Nase und die dichten Haarlocken über der geraden Stirn geben seinem Gesicht etwas Südländisch?Apollinisches. Mir fällt ein leidender Ausdruck seiner Augen auf, den ich sonst nie bemerkt habe, und ein deutlich resignativer Zug um die Mundwinkel. Ich kenne ihn noch vom Jura­studium her, das er jedoch nicht abgeschlossen hat. Nach meiner Kenntnis besitzt er zwei oder drei Gaststätten.
»Ich bin in einer Notlage«, sagt er, »und brauche deinen Rat. Kurz der Sachverhalt.« Er redet nicht um den heißen Brei herum, sondern kommt sofort zum Wesentlichen: »Du weißt, daß ich schwul bin. Das heißt, eigentlich bin ich bisexuell, aber wir wollen jetzt nicht in die Einzelhei­ten gehen. Seit einigen Monaten kenne ich einen Jungen, den ich sehr mag. Vor etwa einer Woche - du hast über den Vorfall vielleicht in der Zeitung gelesen - klingelt er mitten in der Nacht und erzählt, er habe gerade jemanden ermordet. Er machte einen stark angetrunkenen und ver­wirrten Eindruck, stand vielleicht sogar unter Drogen. Ich habe ihm zuerst nicht geglaubt, nahm ihn aber zu mir herein, was ich anfangs nicht wollte, weil wir uns tags zuvor heftig gestritten hatten. Ich kochte ihm Kaffee, und er begann zusammenhanglos zu berichten. Seinen Worten entnahm ich, daß er den Abend mit einem Typen verbracht hatte, den ich ebenfalls kannte und in äußerst unangenehmer Erinnerung hatte; er neigte zu masochisti­schen Sexualpraktiken. Der Typ hat den Jungen mit in seine Wohnung genommen und, nachdem sie zusammen eine Flasche Weinbrand ausgetrunken haben, mehrfach aufgefordert: >Würg mich!<, um sich sexuell stimulieren zu lassen. Er ist hinterher wie tot liegengeblieben. Als es dem Jungen nicht gelang, ihn wiederzubeleben, hat er die Wohnung in Panik verlassen, dummerweise aber noch Geld mitgenommen, das auf dem Tisch lag. Er ist in der Stadt herumgeirrt, in mehreren Kneipen gewesen und dann zu mir gekommen.«
Manfred schaut mich ruhig an. Er wirkt beherrscht, aber die fahrigen Bewegungen der Hände und das blasse Gesicht wie auch die Schweißtropfen auf seiner Stirn lassen auf eine starke innere Erregung schließen. Nach­dem er sich eine neue Zigarette angezündet und einen kurzen Blick auf die »Aphorismen« von Lichtenberg ge­worfen hat, die auf dem Tisch liegen und worin ich in den letzten Tagen manchmal gelesen habe, ein hübsches, antiquarisch erworbenes Exemplar, fährt er fort: »Ob­wohl mir die Geschichte, als ich sie bruchstückweise hör­te, in ihrer letzten Konsequenz immer noch unwahr­scheinlich vorkam, habe ich vorsichtshalber anonym die Telefonseelsorge angerufen und gebeten, Klarheit zu schaffen. Gegen vier Uhr morgens wurde mir bei einem nochmaligen Anruf bestätigt, daß tatsächlich ein Todes­fall vorliege, wahrscheinlich ein Raubmord. Daraufhin habe ich versucht, mit dem Jungen vernünftig zu spre­chen; er war aber noch immer so betrunken, daß er mir kaum zuhören konnte. Deswegen habe ich ihn erstmal ins Bett gebracht und mich ebenfalls schlafen gelegt. Ge­gen Mittag des folgenden Tages, nachdem wir aufgestan­den waren und gefrühstückt hatten, habe ich ihm dann längere Zeit zugeredet, sich der Polizei zu stellen und angeboten, ihn hinzufahren. Er wollte aber nicht und machte einen vollkommen verzweifelten Eindruck, sprach auch von Selbstmord. Ich war ratlos. Angst kam in mir hoch, ein Gefühl völliger Einsamkeit und Hoff­nungslosigkeit. Als sei ich selber in der vergangenen Nacht in einer fremden Wohnung gewesen und hätte dort einen Toten zurückgelassen. Ich fühlte mich hilflos, von allen Menschen verlassen.«
Er springt auf und beginnt im Zimmer hin und her zu gehen. »Du hast das vielleicht nie erlebt«, stößt er mit gepreßter Stimme hervor, »aber mir kam meine ganze Existenz plötzlich widerlich und sinnlos vor, die Kaffee­flecke auf dem Tischtuch ekelten mich an, vom Fenster drängte das Licht herein wie Gestank, der Geruch meines eigenen Körpers verursachte mir Übelkeit, ich mußte ins Badezimmer, um mich zu übergeben. Die Luft erschien mir erfüllt von Gestank und Wahnsinn, das ganze Zimmer wie eine von Jauche und Mist durchtränkte Bühnendeko­ration.« Er atmet mehrmals tief durch, bleibt eine Weile vor einer Radierung stehen und liest vorgebeugt mit halb­lauter Stimme: »Kleine fette Birne mit Sattel«. Er schaut das Bild lange an, als vermittele es ihm irgendwelche Einsichten, murmelt dann, bevor er sich wieder setzt: »Ja, so ähnlich« und: »Weißt du, ich liebe den Jungen, er ist noch nicht einmal zwanzig und kommt aus einer ziem­lich kaputten Familie.«
Ich antworte nicht, um seinen Gedankengang nicht zu unterbrechen. »Also setzte ich mich telefonisch mit einem Rechtsanwalt in Verbindung«, berichtet er weiter, »der am späten Nachmittag zu uns in die Wohnung kam. Auch er empfahl, möglichst bald zur Polizei zu gehen, zumal wahrscheinlich ein Unglücksfall vorliege. Ich versprach ihm, darauf hinzuwirken. Aber kaum hatte er die Woh­nung verlassen, begann der Junge zu weinen, daß man es kaum ertragen konnte. Er bat mich, ihn nicht zu verra­ten. Inzwischen hatte die Polizei von einem Freund des Toten Einzelheit über dessen Bekanntenkreis erfahren und stand gegen Abend bei uns vor der Tür. - Das ist der Sachverhalt, soweit ich ihn kenne.«
Er lehnt sich weit zurück, die Arme über die Brust verschränkt, den Blick schräg nach oben gerichtet. Nach einer Weile, in der nichts als die Geräusche der in einiger Entfernung auf der Straße vorbeifahrenden Autos zu hö­ren ist, sage ich: »Eine unangenehme Geschichte. Aber was könnte ich für dich tun?« Er nickt, ohne seine Hal­tung zu verändern. »Es geht darum, daß ich so ein Gefühl habe, als wolle man mich hereinlegen. Heute morgen erhielt ich nämlich die Vorladung zu einer Zeugenverneh­mung bei der Staatsanwaltschaft, und daraus geht hervor, daß wegen Raubmordes ermittelt wird. Beiläufig habe ich aber auch erfahren, man beabsichtige gegen mich ein Verfahren wegen Strafvereitelung einzuleiten. Das rutsch­te einem Kriminalbeamten heraus, der mich während einer Durchsuchung meiner Wohnung in übelster Weise beschimpft und mir gesagt hat, ich könne mit einer Frei­heitsstrafe bis zu fünf Jahren rechnen.«
Das alles will überlegt sein. Manfred steht wieder vor der Radierung und betrachtet sie, als wolle er sich die Einzelheiten genau einprägen, mit vorgebeugtem Ober­körper. »Ich glaube, die wollen dich tatsächlich aufs Kreuz legen«, sage ich. »Du bekommst jetzt Papier von mir, und wir schreiben zusammen den Sachverhalt auf, so wie du ihn mir erzählt hast, wobei wir unter juristischem Aspekt einiges mehr hervorheben und anderes mehr zurückneh­men werden.« Ich gebe ihm Schreibpapier und Bleistift.
Er setzt sich erwartungsvoll mir gegenüber. Ich muß nachdenken, denke ich, vor allem über die juristischen Fragen. Über seinen Bericht, der ein Geschehen wieder­gegeben hat, aus dem ein juristischer Fall geworden ist. Es will mir nicht gelingen, mich darauf zu konzentrieren. Ob er Zeuge, ob er Beschuldigter ist. Der Sachverhalt, der Straftatbestand, Rechtfertigungs? oder Schuldaus­schließungsgründe. Wie schwierig das ist, mitten in so einer Nacht und nach solchen Tagen. Die Gedanken ha­ben sich schon verwirrt, werden überlagert von einem zunehmenden körperlichen Unwohlsein und ständig hef­tiger werdenden Kopfschmerzen.
»Ich glaube, du wirst nicht so behandelt, wie es sein müßte«, sage ich, und Manfred wartet, in der Hand den Bleistift. »Falls du nämlich als Zeuge vernommen wirst«, füge ich, mit großer Anstrengung die Nebelwände in meinem Kopf beiseite schiebend, hinzu, »kannst du die Aussage nicht verweigern und mußt die Wahrheit sagen. Wirst du dagegen als Beschuldigter vorgeladen, kannst du zu deinem eigenen Vorteil lügen oder auch die Aussage verweigern.« Er pfeift durch die Zähne und führt den Gedankengang weiter: »Ich soll also zuerst als Zeuge vernommen werden, um später, unter Berufung auf das Vernehmungsprotokoll, angeklagt zu werden.«
»So stelle ich mir das vor. Wenngleich das nicht der Strafprozeßordnung entspricht.«
»Und wie beurteilst du meine Chancen?« höre ich ihn fragen. Seine Stimme ist etwas leiser oder zu weit entfernt oder das Brummen in meinem Kopf ist zu laut, und ich denke, daß es besser wäre, endlich ins Bett zu gehen und überwinde mich zur der Frage: »Kannst du nicht lieber morgen abend wiederkommen?«
Er blickt mich erschrocken an, vielleicht denkt er, ich wolle mich drücken.
»Du mußt vor allem auf den Gesichtspunkt der Selbst­mordgefahr hinweisen«, sage ich. »Dann kannst du nach meiner Einschätzung nicht verurteilt werden, selbst wenn man darauf aus wäre, weil das höherwertige Rechtsgut Vorrang hat.« Ein wichtiger juristischer Aspekt, den ich noch genauer durchdenken muß. Ich stehe schon an der Tür und gebe ihm die Hand.
»Zunächst einmal vielen Dank«, sagt er, wie es scheint enttäuscht.
»Morgen schreiben wir eine Schutzschrift!« rufe ich ihm nach, »die kannst du an die Staatsanwaltschaft schicken und dich dann bei der Vernehmung darauf beru­fen.«
Er winkt mir zu und geht über den Parkplatz. Es ist inzwischen halb eins. Im Schlafzimmer, und nachdem ich zwei Gelonida genommen habe, höre ich nur noch das gleichmäßige Klopfen meines Herzens. Als sei ich von Watte umgeben, in die ich immer tiefer hineinsinke.
Wolfgang Bittner-Niemandsland

Dieses Buch erschien erstmals 1992 im Forum Verlag Leipzig, im September 2000 neu aufgelegt im Allitera Verlag, München









Der Autor

Wolfgang BittnerWolfgang Bittner, geboren 1941 in Gleiwitz, lebt als Schriftsteller in Köln. Er studierte Jura, Soziologie und Philosophie und promovierte 1972 zum Dr. jur. Bis 1974 ging er verschiedenen Tätigkeiten nach, u. a. als Fürsorgeangestellter, Verwaltungsbeamter und Rechtsanwalt. Ausgedehnte Reisen führten ihn nach Vorderasien, Mexiko und Kanada. Er hat mehr als 50 Bücher für Erwachsene, Jugendliche und Kinder geschrieben, darunter die Romane »Marmelsteins Verwandlung«, »Die Fährte des Grauen Bären«, »Die Lachsfischer vom Yukon« und »Narrengold« sowie das Sachbuch »Beruf: Schriftsteller«. 
www.wolfgangbittner.de


Online-Flyer Nr. 63  vom 26.09.2006



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