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Aktueller Online-Flyer vom 09. Juni 2026  

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Wirtschaft und Umwelt
Ministerpräsident Rüttgers von der Vergangenheit eingeholt
Eine Lebenslüge?
Von Peter Kleinert

Jürgen Rüttgers, im Jahr 2000 als CDU-Spitzenkandidat bei der NRW-Landtagswahl durch seine Losung "Kinder statt Inder" bekannt geworden, ist inzwischen Ministerpräsident. In Pulheim war er ein paar Jahr Beigeordneter für Umweltschutz. Daran versuchte ihn nun ein Bekannter aus gemeinsamen Pfadfinderzeiten in Brauweiler zu erinnern und lud ihn zum Bürgerforum "Zukunft statt Braunkohle" nach Pulheim ein. Hier die Einladung und die Antwort des Ministerpräsidenten.

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
lieber Jürgen,

ich schreibe Dir als Mitstreiter im Aktionsbündnis Stommelner Bürger, dem ich trotz meines Umzuges nach Rosbach immer noch nahe stehe. Dies gilt auch für meinen Heimatort (und hoffentlich auch Deinen) Brauweiler. 

Du hast unlängst mit der Bundeskanzlerin den Grundstein für das Kraftwerk Neurath gelegt und damit die Weichen für weitere ca. 40 Jahre Braunkohleverstromung gestellt. Dieses Kraftwerk wird in diesem Zeitraum mit stündlich ca. 1800 Tonnen  Kohlendioxid unser Klima schädigen und Nachteile für Mensch, Natur und  Volkswirtschaft hervorrufen. Der wenig verbesserte Wirkungsgrad des Kraftwerkes wird der Gewinnmaximierung des RWE dienen und nicht dem Klima.

Du wirst wissen, dass weiterhin die gleiche Menge Kohle wie zuvor verbrannt wird. Die Kohlendioxidmenge ändert sich nicht. Nur wenn die Braunkohleverstromung als einzige Möglichkeit der Energieerzeugung vorhanden wäre, wäre eine auf die Kilowattstunde bezogene Rechnung des Kohlendioxid seriös (was RWE macht). Gott sei Dank gibt es aber mittlerweile zukunftweisende Alternativen zur Braunkohle. Und damit sind wir bei den Lügen oder, wie Du es richtigerweise nennst: Lebenslügen.

Eine Lebenslüge ist es, wenn von den großen Energieerzeugern, die ein Oligopol darstellen (Wirtschaftsminister Glos und Kartellamtspräsident Böge), eine klimafreundliche Politik erwartet wird. Während Glos und Böge (und nicht nur die) kritische Worte von sich geben, setzen die Bundeskanzlerin und Du ohne Worte, aber mit einer starken Geste, ein Zeichen der Verbundenheit mit einem dieser Marktbeherrscher.

Ist das keine Lebenslüge? Diese Frage beziehe ich besonders auf Dich. Du bist ein Kind dieser Region und kennst den Werdegang des RWE besser als Frau Merkel. Dieses Unternehmen hat sich von einem in den 50er Jahren sehr sozial handelnden zu einem in der heutigen Zeit inzwischen gemeinwesenbedrohlichen Konstrukt gewandelt. Ich erinnere Dich nur an die Entlassungen von Arbeitnehmern, die über 50 Jahre alt sind (zu Lasten der Allgemeinheit). Wenn Du mit offenen Augen und Ohren durch Brauweiler gehst, wirst Du einige Deiner alten Freunde treffen, die davon betroffen sind. Den wenigsten von Ihnen hat diese Abschiebung gut getan.

Du wirst auch wissen, dass die neuen BoA-KWs  ("Braunkohlenkraftwerk mit optimierter Anlagentechnik" weniger Arbeitsplätze eröffnen als die alten KWs. Also wird die "50er-Lösung" noch mehr Menschen betreffen. In vielen anderen Regionen Deutschlands wurde der große Aufschwung bei den regenerativen Energien genutzt. Deutschland ist hier mittlerweile führend in der Welt. Viele Arbeitsplätze sind entstanden. In Deiner Heimatregion wurde dieser Bereich absolut vernachlässigt. Stattdessen setzt Du offenbar weiter nur auf RWE. Eine Lebenslüge?

Grundsteinlegung durch Angela Merkel am 23. August, rechts außen Jürgen Rüttgers.
Grundsteinlegung durch Angela Merkel am 23. August, rechts außen Jürgen Rüttgers.
Foto: RWE



Die Menschen in unserer Heimatregion haben viele Jahrzehnte die Belastungen durch die Braunkohleverstromung angesichts der nicht zu bestreitenden Vorteile ohne Murren hingenommen. Mittlerweile sind aber die Nachteile dieser Unternehmung über die Region hinausgewachsen. Es gibt Alternativen, die Arbeitsplätze schaffen und die Umwelt nicht oder wenig belasten.

Ich gehe davon aus, dass Du diesen Alternativen gegenüber aufgeschlossen bist. Deshalb lade ich Dich ein, die gemeinsame Veranstaltung großer deutscher Umweltverbände und regionaler Initiativen in Pulheim am Samstag, 23.09.2006 zu besuchen. Diese Einladung soll nicht nur den Ministerpräsidenten, sondern auch den Pulheimer Bürger Jürgen Rüttgers ansprechen. Du bist mit Deiner Familie in Sinthern beheimatet und bist ebenso wie Deine Mitbürger von den Auswirkungen der Kraftwerke betroffen. Die Veranstaltung soll Perspektiven aufzeigen, unserer Heimat weniger Belastungen durch die Kraftwerke und den Tagebau zuzumuten.

Die Lebenslüge entsteht auch durch einseitige Information. Eine ihrer Ursachen ist die ebenso einseitige Abhängigkeit von Menschen und Mächten. Sie verhindert notwendige Paradigmenwechsel und manifestiert somit Missstände bis weit in die nächste Generation.

Ich hoffe, wir sehen uns am 23.September in Pulheim. Ein Programmblatt zur Veranstaltung füge ich bei.

Hans-Willi Robertz
Am Heidchen 17
51570 Windeck-Rosbach

Ex-Pfadfinder Jürgen, heute Ministerpräsident Rüttgers
Ex-Pfadfinder Jürgen, heute Ministerpräsident Rüttgers
Foto: NRW-Landtag



Dem Brief vom 12. September folgte am 21. September - zwei Tage vor dem Bürgerforum - ein Anruf auf Robertz Anrufbeantworter von Michael Goldbach (Mitarbeiter von Rüttgers): Der Ministerpräsident wird nicht kommen - er hat (!) Ihnen einen Brief geschrieben - möglicherweise wird der Brief etwas später bei Ihnen eingehen. Sie können gerne zurückrufen...

Am 22.9. erreicht Robertz um 9.30 Uhr Goldbach telefonisch. Es läuft folgendes Gespräch ab:

Robertz: Danke für den gestrigen Anruf. Ich habe Sie so verstanden, dass der Brief von Herrn Rüttgers vorliegt - aber nicht verbindlich vor der Veranstaltung bei mir ist.

Goldbach: Ja, das kann sein - wegen des Versandwegs.

Robertz: Sie können mir ja den Brief vorab mailen.

Goldbach: Haben Sie Fax?

Robertz : Hier zuhause nicht, aber e-mail ist doch sicher kein Problem für Sie - ich gebe Ihnen einfach mal meine e-mail-Adresse (folgt).

Goldbach : Aber Fax....

Robertz: Gut, dann besorge ich Ihnen die Fax-Nr. von einem Freund und Kollegen von LoB und rufe in eine paar Minuten zurück.

Etwas später

Robertz: So, ich habe hier die Fax-Nr. von Herrn Bunge aus Stommeln - der ist absolut vertrauenwürdig - er hat das Bundesverdienstkreuz bekommen.

Goldbach: Ich kenne Herrn Bunge - ich wohne nämlich in Pulheim (Robertz realisiert nicht: Goldbach könnte das Schreiben dann doch persönlich morgen in der Veranstaltung abgeben)

Robertz: Gut, dann faxen Sie das Schreiben Herrn Bunge.

Goldbach: Das kann ich nicht versprechen, was wollen Sie überhaupt mit dem Schreiben anfangen?

Robertz: Bei der Veranstaltung bekannt machen - es ist ja immerhin die Meinung des Ministerpräsidenten.

Goldbach: Aber das Schreiben befindet sich hier im Hause auf dem Postweg - ich weiß nicht, ob ich es rausholen kann (Robertz denkt: Das ist ja wie in meiner Lehrzeit Anfang der 60ger Jahre. Haben die keinen PC?).

Robertz: Davon gehe ich aber aus - das Schreiben ist ja fertig.

Goldbach: Sie wissen doch sowieso, was Herr Rüttgers antwortet.

Robertz: Nein, weiß ich nicht - ich habe ihn schon lange nicht mehr gesprochen.

Goldbach: Dann kriegen Sie vorab aber wahrscheinlich ein Schreiben ohne Unterschrift.

Demo gegen Grundsteinlegung zum RWE-'BOA Neurath'
Demo gegen Grundsteinlegung zum RWE-"BOA Neurath"
Foto: BUND



Robertz: Egal

Goldbach: Sie haben aber auch spät geschrieben - da brauchen wir halt Zeit (Robertz denkt: Ich hab doch am 12.9. geschrieben. Und Rüttgers Schreiben ist doch fertig - die haben wohl ein Logistikproblem.).

Robertz: Mein Schreiben war eine Reaktion auf die Grundsteinlegung des Kraftwerks Neurath durch Herrn Rüttgers und die war erst kürzlich. Ich erwarte jetzt aber nun endlich das angekündigte Fax oder die mail.

Goldbach: ich werde es versuchen, kann aber nichts versprechen.

Robertz: Na dann , auf Wiederhören.

Goldbach: Wiederhören

Am 22. September erhält Robertz von Goldbach diese e-mail, die allerdings nicht den von Goldbach erwähnten "auf dem Versandweg" befindlichen persönlichen Brief von Rüttgers an seinen ehemaligen Pfadfinder-Kameraden enthält, sondern einen Brief von Goldbach.

Sehr geehrter Herr Robertz,
für Ihren freundlichen Brief, der am 14. September 2006 hier eingegangen ist und mit dem Sie Herrn Ministerpräsidenten Dr. Jürgen Rüttgers kurzfristig zum Bürgerforum am 23. September nach Pulheim einladen, danke ich Ihnen herzlich.
Leider muss ich Ihnen heute - wie bereits auch telefonisch geschehen - übermitteln, dass er Ihnen wegen bestehender Terminverpflichtungen an diesem Tag leider nicht zusagen kann. Im Hinblick auf den Inhalt und die Argumente Ihres Schreibens wird Herr Ministerpräsident Ihnen zeitnah seine Antwort zukommen lassen. Bis dahin bitte ich um ein wenig Geduld.
Herr Ministerpräsident Dr. Rüttgers lässt Sie für heute herzlich grüßen.
Mit freundlichen Grüßen
Im Auftrag
Gez.
Michael Goldbach

Auf die persönliche Antwort des Ministerpräsidenten wartete Hans-Willi Robertz bei Redaktionsschluß immer noch.

Online-Flyer Nr. 63  vom 26.09.2006



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