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Wirtschaft und Umwelt
Grußwort an das Pulheimer Bürgerforum gegen Braunkohle
Warum hat Rüttgers die Zukunft derart vergessen?
Von Frank Schätzing
Sehr geehrte Damen und Herren,
"schockiert" äußerten sich Mitte dieser Woche Klimaexperten auf der ganzen Welt angesichts der neuesten Satellitenaufnahmen des Nordpols. Diese beweisen die Auswirkungen des Klimawandels in aller Deutlichkeit: Verglichen mit Aufnahmen aus dem Vorjahr ist das Ausmaß des sommerlichen Rückgangs des arktischen Packeises dramatisch. Anno 2006 hätte man wohl zum ersten Mal seit Menschengedenken - von Spitzbergen aus - mit dem Schiff zum nördlichsten Punkt der Erde reisen können. Waren das noch Zeiten, als sich im Kalten Krieg Atom-U-Boote der Supermächte unter dem vermeintlich ewigen Eis vor der Aufklärung der jeweiligen Gegenseite versteckten!
Doch während der Kalte Krieg glücklicherweise nie zum heißen geworden und überwunden ist, führt die Menschheit einen Krieg gegen die Natur, der jetzt schon Folgen zeitigt, die der Pulitzer-Preisträger Ross Gelbspan mit seinem Buchtitel "The Heat Is On" treffend beschreibt: Der Klimawandel ist in vollem Gange.
Die Extreme mögen noch weit weg erscheinen - was die Sache ohnehin nicht besser macht -, betreffen uns Mitteleuropäer aber längst selbst. Während Hurricans und Typhoone in den Tropen immer dramatischere Ausmaße annehmen, kommt es auch hier in immer kürzeren Abständen zu Wetterextremen. Gibt es nicht auch in unseren Breiten im jährlichen Wechsel ein Jahrhunderthochwasser, einen Jahrhundertsturm, einen Jahrhundertsommer? Diese immer häufigeren Wetterkapriolen töten - wie u.a. zuletzt in Hamburg und bei Remagen durch Windhosen - längst auch hier Menschen.
Wer einen Vorteil darin erkennen mag, daß in vorherigen Permafrost-Regionen - also Gebieten, in denen die Böden das ganze Jahr über gefroren sind - in Sibirien und Grönland inzwischen Landwirtschaft betrieben werden kann, blendet aus, daß aus diesen Böden immense Methanmengen, die die Klimaspirale weiter anheizen, ausdringen und in den Gebirgen, auch den Alpen, die Gletscher abschmelzen. Mit Folgen, die ja auch hier im Rheinland beinahe von Jahr zu Jahr drastischer werden. Und von womöglich plötzlichen Veränderungen des Golfstromes wäre nicht nur Europa, sondern die ganze Welt, so, wie wir sie kennen, betroffen.
Ich habe als Jugendlicher in Hürth gelebt, quasi neben einem Braunkohle-Tagebau und im Schatten eines Kohlekraftwerkes. Vor Jahrzehnten mag der Abbau von Braunkohle und deren Verstromung Energie für das Land und Arbeitsplätze bedeutet haben. Damals konnte die Sucht nach immer mehr Energie für in mancherlei Hinsicht krankhaft ausuferndes Streben nach Wohlstand nicht anders befriedigt werden. Doch das ist eine Einstellung und Technik von gestern. Inzwischen müßte klargeworden sein, daß es um nicht weniger als die Rettung unserer natürlichen Lebensgrundlagen geht. Hier in Pulheim nahe der größten Braunkohlekraftwerke der Welt, im - wie es immer bezeichnet wird - "Energieland" NRW, in Deutschland, Europa, auf der ganzen Welt.
NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers hat kürzlich den ersten Spatenstich zu einem Braunkohlekraftwerk mit sogenannter neuer Technologie, die schon längst veraltet ist, geleistet. Ich frage mich, warum der ehemalige Bundes-Zukunftsminister derart die Zukunft vergessen hat. Der Bau neuer Kohlekraftwerke bedeutet die Festlegung auf eine Form der Energienutzung, die dringendst überwunden werden muß, auf weitere Generationen hinaus. Arbeitsplätze der Zukunft schafft bzw. sichert man mit Technologie der Zukunft - und das ist unweigerlich die Nutzung erneuerbaren Energien.
Der Titel "Zukunft statt Braunkohle" dieses Bürgerforums ist also überaus treffend. Ich bin froh, sie als Schirmherr unterstützen zu können. Denn wie anders, als auf neuen Wegen, die teilweise schon gar nicht mehr so neu sind, wollen wir unseren Planeten denn retten?
Es ist ständig von Reformen die Rede. Eine Energiereform brauchen wir schon lange. Die neuesten Bilder aus dem Weltraum beweisen es. Der britische Astronom Fred Hoyle sagte vor mittlerweile einem halben Jahrhundert: "Wenn Menschen Bilder von der Erde aus dem Weltraum sehen, wird das Leben auf der Erde nie mehr so sein, wie es einmal war." Diese Bilder liegen seit nunmehr über 35 Jahren vor. Das Bewußsein ändert sich aber langsamer, als Hoyle dachte. Doch manche Menschen bemühen sich früher um die Zukunft, als viele angeblich Verantwortliche.
Deshalb danke ich den Initiatoren, Partnerorganisationen, Referenten und allen anderen Beteiligten des Bürgerforums "Zukunft statt Braunkohle" für ihr Engagement. Ich wünsche Ihnen - aus der Ferne - bestes Gelingen,
Frank Schätzing

Frank Schätzing: "Viele angeblich Verantwortliche"
Foto: Paul Schmitz
Online-Flyer Nr. 64 vom 03.10.2006
Grußwort an das Pulheimer Bürgerforum gegen Braunkohle
Warum hat Rüttgers die Zukunft derart vergessen?
Von Frank Schätzing
Sehr geehrte Damen und Herren,
"schockiert" äußerten sich Mitte dieser Woche Klimaexperten auf der ganzen Welt angesichts der neuesten Satellitenaufnahmen des Nordpols. Diese beweisen die Auswirkungen des Klimawandels in aller Deutlichkeit: Verglichen mit Aufnahmen aus dem Vorjahr ist das Ausmaß des sommerlichen Rückgangs des arktischen Packeises dramatisch. Anno 2006 hätte man wohl zum ersten Mal seit Menschengedenken - von Spitzbergen aus - mit dem Schiff zum nördlichsten Punkt der Erde reisen können. Waren das noch Zeiten, als sich im Kalten Krieg Atom-U-Boote der Supermächte unter dem vermeintlich ewigen Eis vor der Aufklärung der jeweiligen Gegenseite versteckten!
Doch während der Kalte Krieg glücklicherweise nie zum heißen geworden und überwunden ist, führt die Menschheit einen Krieg gegen die Natur, der jetzt schon Folgen zeitigt, die der Pulitzer-Preisträger Ross Gelbspan mit seinem Buchtitel "The Heat Is On" treffend beschreibt: Der Klimawandel ist in vollem Gange.
Die Extreme mögen noch weit weg erscheinen - was die Sache ohnehin nicht besser macht -, betreffen uns Mitteleuropäer aber längst selbst. Während Hurricans und Typhoone in den Tropen immer dramatischere Ausmaße annehmen, kommt es auch hier in immer kürzeren Abständen zu Wetterextremen. Gibt es nicht auch in unseren Breiten im jährlichen Wechsel ein Jahrhunderthochwasser, einen Jahrhundertsturm, einen Jahrhundertsommer? Diese immer häufigeren Wetterkapriolen töten - wie u.a. zuletzt in Hamburg und bei Remagen durch Windhosen - längst auch hier Menschen.
Wer einen Vorteil darin erkennen mag, daß in vorherigen Permafrost-Regionen - also Gebieten, in denen die Böden das ganze Jahr über gefroren sind - in Sibirien und Grönland inzwischen Landwirtschaft betrieben werden kann, blendet aus, daß aus diesen Böden immense Methanmengen, die die Klimaspirale weiter anheizen, ausdringen und in den Gebirgen, auch den Alpen, die Gletscher abschmelzen. Mit Folgen, die ja auch hier im Rheinland beinahe von Jahr zu Jahr drastischer werden. Und von womöglich plötzlichen Veränderungen des Golfstromes wäre nicht nur Europa, sondern die ganze Welt, so, wie wir sie kennen, betroffen.
Ich habe als Jugendlicher in Hürth gelebt, quasi neben einem Braunkohle-Tagebau und im Schatten eines Kohlekraftwerkes. Vor Jahrzehnten mag der Abbau von Braunkohle und deren Verstromung Energie für das Land und Arbeitsplätze bedeutet haben. Damals konnte die Sucht nach immer mehr Energie für in mancherlei Hinsicht krankhaft ausuferndes Streben nach Wohlstand nicht anders befriedigt werden. Doch das ist eine Einstellung und Technik von gestern. Inzwischen müßte klargeworden sein, daß es um nicht weniger als die Rettung unserer natürlichen Lebensgrundlagen geht. Hier in Pulheim nahe der größten Braunkohlekraftwerke der Welt, im - wie es immer bezeichnet wird - "Energieland" NRW, in Deutschland, Europa, auf der ganzen Welt.
NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers hat kürzlich den ersten Spatenstich zu einem Braunkohlekraftwerk mit sogenannter neuer Technologie, die schon längst veraltet ist, geleistet. Ich frage mich, warum der ehemalige Bundes-Zukunftsminister derart die Zukunft vergessen hat. Der Bau neuer Kohlekraftwerke bedeutet die Festlegung auf eine Form der Energienutzung, die dringendst überwunden werden muß, auf weitere Generationen hinaus. Arbeitsplätze der Zukunft schafft bzw. sichert man mit Technologie der Zukunft - und das ist unweigerlich die Nutzung erneuerbaren Energien.
Der Titel "Zukunft statt Braunkohle" dieses Bürgerforums ist also überaus treffend. Ich bin froh, sie als Schirmherr unterstützen zu können. Denn wie anders, als auf neuen Wegen, die teilweise schon gar nicht mehr so neu sind, wollen wir unseren Planeten denn retten?
Es ist ständig von Reformen die Rede. Eine Energiereform brauchen wir schon lange. Die neuesten Bilder aus dem Weltraum beweisen es. Der britische Astronom Fred Hoyle sagte vor mittlerweile einem halben Jahrhundert: "Wenn Menschen Bilder von der Erde aus dem Weltraum sehen, wird das Leben auf der Erde nie mehr so sein, wie es einmal war." Diese Bilder liegen seit nunmehr über 35 Jahren vor. Das Bewußsein ändert sich aber langsamer, als Hoyle dachte. Doch manche Menschen bemühen sich früher um die Zukunft, als viele angeblich Verantwortliche.
Deshalb danke ich den Initiatoren, Partnerorganisationen, Referenten und allen anderen Beteiligten des Bürgerforums "Zukunft statt Braunkohle" für ihr Engagement. Ich wünsche Ihnen - aus der Ferne - bestes Gelingen,
Frank Schätzing

Frank Schätzing: "Viele angeblich Verantwortliche"
Foto: Paul Schmitz
Online-Flyer Nr. 64 vom 03.10.2006














