SUCHE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Wirtschaft und Umwelt
Absage des NRW-Ministerpräsidenten an Umweltschützer
Keine Lösung ohne Braunkohlekraftwerke
Von Jürgen Rüttgers
Lieber Hans-Willi,
vielen Dank für Deinen Brief, der mich am 14. September erreicht hat. Ich habe ihn aufmerksam gelesen. Im Hinblick auf eine Teilnahme am 23. September in Pulheim muss ich Dir allerdings absagen. Die Einladung kam doch sehr kurzfristig. Aber inhaltlich möchte ich zu Deinem Schreiben, in dem Du die Energiepolitik des Landes kritisierst, gerne Stellung nehmen.
Knapp 60 Prozent des Stroms in Deutschland erzeugen wir aus fossil befeuerten Kraftwerken, etwa 26 Prozent aus Kernenergie und knapp 11 % aus regenerativen Energien (Energiemix des Jahres 2005). Knapp 150 Mrd. KWh, d.h. allein gut ein Viertel unseres Stroms stammt aus der Braunkohle. Die Landesregierung ist überzeugt, dass diese Energiemenge auf mittlere Sicht nicht von anderen Energieträgern übernommen oder durch Energieeinsparung überflüssig gemacht werden kann.
Um Missverständnisse zu vermeiden: Mehr Strom aus regenerativen Energien und weniger Stromverbrauch, wo dies möglich ist: diese Ziele sind selbstverständlich Bestandteil unserer Energiepolitik. Ich betone das immer wieder, gerade auch im Vorfeld für das nationale Energiekonzept, das die Bundesregierung für 2007 angekündigt hat. Und NRW bietet in beiden Bereichen Spitzentechnik im Weltmaßstab. Wir fördern diese Entwicklung mit der Landesinitiative Zukunftsenergien.
Wenn wir aber zugleich unsere Wirtschaftskraft als Industrieland und unsere Lebensqualität erhalten wollen, brauchen wir dazu auf absehbare Zeit auch die Versorgungssicherheit aus den fossilen Energiequellen. Die Logik heißt deshalb: Auch und gerade bei den fossilen Kraftwerken brauchen wir höchstmögliche Wirkungsgrade und damit die beste erreichbare Effizienz. Das gilt für die Braunkohle ebenso wie für Steinkohle, Gas oder Öl.
Die BoA's mit Wirkungsgraden von über 43 % sind derzeit die weltweit bestverfügbare Technik für Braunkohleverstromung: sie brauchen knapp ein Drittel weniger Brennstoff gegenüber den Altanlagen mit ihren Wirkungsgraden von rd. 32 %. Ich teile nicht Deine Auffassung, das sei nur "wenig verbessert".
Effizientere Kraftwerkstechnik für alle Energieträger führt also jedenfalls dann zu reduziertem Ausstoß von Kiimagasen, wenn die erzeugte Strommenge insgesamt gleich bleibt. Im Gegensatz dazu gehst Du davon aus, dass der Braunkohleeinsatz gleich bleibt und dementsprechend rd. 30 Prozent mehr Strom erzeugt würde, so dass unter Klimaschutzgesichtspunkten ein "Null-Summen-Spier herauskäme. Ein solches Szenario ist nicht realistisch.
Zum einen ist im Genehmigungsbescheid für den BoA-Doppelblock Neurath bereits verbindlich festgelegt, dass insgesamt zehn alte Kraftwerksblöcke in Frimmersdorf und Niederaußem außer Betrieb genommen und endgültig stillgelegt werden müssen. Davon dürfen zwar vier 150 MW-Blöcke bis 2012 noch als Ausfallreserve bereitgehalten werden. Paralleler Volllastbetrieb alter und neuer Anlagen ist aber auch in dieser Übergangszeit ausgeschlossen.
Zum anderen wird sich der Energiemix auch zu diesem Zeitpunkt am Markt entwickeln. Ob dann tatsächlich mehr Braunkohlestrom als bisher verkauft werden kann (nur dann wird er produziert), wird einerseits von der Nachfrageentwickiung bestimmt, andererseits auch von konkurrierenden Stromangeboten aus anderen Primärenergien.
Beide Seiten brauchen weitere Impulse. Auf der Verbraucherseite fordere ich eine bundesweite Initiative zur Steigerung der Energieeffizienz. Und auf der Angebotsseite rechnen wir weiter mit mehr Strom aus Erneuerbaren Energien, aber auch mit mehr Strom aus Gaskraftwerken. Im September 2005 habe ich zum Beispiel in Hürth bei der Grundsteinlegung für ein hochmodernes 800 MW - GuD-Gaskraftwerk mitgewirkt, ebenso wie Frau Ministerin Thoben kurz vorher in Hamm. Braunkohlestrom wird also nicht beliebig "wachsen". Eher werden weitere alte Kraftwerke aus der Produktion gehen.
Neue Technik im Austausch gegen alte Kraftwerke hat also durchaus Vorteile für die Umwelt. Wer die nicht sehen will, der sucht letztlich eine "Lösung" ohne Braunkohlekraftwerke. Eine solche "Lösung" könnte die Landesregierung tatsächlich nicht anbieten.
Mit den besten Grüßen und Wünschen bin ich Dein
Jürgen Rüttgers
Lesen Sie hierzu auch das Grußwort des Schriftstellers Frank Schätzing an das Bürgeforum in dieser Ausgabe.
Online-Flyer Nr. 64 vom 03.10.2006
Absage des NRW-Ministerpräsidenten an Umweltschützer
Keine Lösung ohne Braunkohlekraftwerke
Von Jürgen Rüttgers
Lieber Hans-Willi,
vielen Dank für Deinen Brief, der mich am 14. September erreicht hat. Ich habe ihn aufmerksam gelesen. Im Hinblick auf eine Teilnahme am 23. September in Pulheim muss ich Dir allerdings absagen. Die Einladung kam doch sehr kurzfristig. Aber inhaltlich möchte ich zu Deinem Schreiben, in dem Du die Energiepolitik des Landes kritisierst, gerne Stellung nehmen.
Knapp 60 Prozent des Stroms in Deutschland erzeugen wir aus fossil befeuerten Kraftwerken, etwa 26 Prozent aus Kernenergie und knapp 11 % aus regenerativen Energien (Energiemix des Jahres 2005). Knapp 150 Mrd. KWh, d.h. allein gut ein Viertel unseres Stroms stammt aus der Braunkohle. Die Landesregierung ist überzeugt, dass diese Energiemenge auf mittlere Sicht nicht von anderen Energieträgern übernommen oder durch Energieeinsparung überflüssig gemacht werden kann.
Um Missverständnisse zu vermeiden: Mehr Strom aus regenerativen Energien und weniger Stromverbrauch, wo dies möglich ist: diese Ziele sind selbstverständlich Bestandteil unserer Energiepolitik. Ich betone das immer wieder, gerade auch im Vorfeld für das nationale Energiekonzept, das die Bundesregierung für 2007 angekündigt hat. Und NRW bietet in beiden Bereichen Spitzentechnik im Weltmaßstab. Wir fördern diese Entwicklung mit der Landesinitiative Zukunftsenergien.
Wenn wir aber zugleich unsere Wirtschaftskraft als Industrieland und unsere Lebensqualität erhalten wollen, brauchen wir dazu auf absehbare Zeit auch die Versorgungssicherheit aus den fossilen Energiequellen. Die Logik heißt deshalb: Auch und gerade bei den fossilen Kraftwerken brauchen wir höchstmögliche Wirkungsgrade und damit die beste erreichbare Effizienz. Das gilt für die Braunkohle ebenso wie für Steinkohle, Gas oder Öl.
Die BoA's mit Wirkungsgraden von über 43 % sind derzeit die weltweit bestverfügbare Technik für Braunkohleverstromung: sie brauchen knapp ein Drittel weniger Brennstoff gegenüber den Altanlagen mit ihren Wirkungsgraden von rd. 32 %. Ich teile nicht Deine Auffassung, das sei nur "wenig verbessert".
Effizientere Kraftwerkstechnik für alle Energieträger führt also jedenfalls dann zu reduziertem Ausstoß von Kiimagasen, wenn die erzeugte Strommenge insgesamt gleich bleibt. Im Gegensatz dazu gehst Du davon aus, dass der Braunkohleeinsatz gleich bleibt und dementsprechend rd. 30 Prozent mehr Strom erzeugt würde, so dass unter Klimaschutzgesichtspunkten ein "Null-Summen-Spier herauskäme. Ein solches Szenario ist nicht realistisch.
Zum einen ist im Genehmigungsbescheid für den BoA-Doppelblock Neurath bereits verbindlich festgelegt, dass insgesamt zehn alte Kraftwerksblöcke in Frimmersdorf und Niederaußem außer Betrieb genommen und endgültig stillgelegt werden müssen. Davon dürfen zwar vier 150 MW-Blöcke bis 2012 noch als Ausfallreserve bereitgehalten werden. Paralleler Volllastbetrieb alter und neuer Anlagen ist aber auch in dieser Übergangszeit ausgeschlossen.
Zum anderen wird sich der Energiemix auch zu diesem Zeitpunkt am Markt entwickeln. Ob dann tatsächlich mehr Braunkohlestrom als bisher verkauft werden kann (nur dann wird er produziert), wird einerseits von der Nachfrageentwickiung bestimmt, andererseits auch von konkurrierenden Stromangeboten aus anderen Primärenergien.
Beide Seiten brauchen weitere Impulse. Auf der Verbraucherseite fordere ich eine bundesweite Initiative zur Steigerung der Energieeffizienz. Und auf der Angebotsseite rechnen wir weiter mit mehr Strom aus Erneuerbaren Energien, aber auch mit mehr Strom aus Gaskraftwerken. Im September 2005 habe ich zum Beispiel in Hürth bei der Grundsteinlegung für ein hochmodernes 800 MW - GuD-Gaskraftwerk mitgewirkt, ebenso wie Frau Ministerin Thoben kurz vorher in Hamm. Braunkohlestrom wird also nicht beliebig "wachsen". Eher werden weitere alte Kraftwerke aus der Produktion gehen.
Neue Technik im Austausch gegen alte Kraftwerke hat also durchaus Vorteile für die Umwelt. Wer die nicht sehen will, der sucht letztlich eine "Lösung" ohne Braunkohlekraftwerke. Eine solche "Lösung" könnte die Landesregierung tatsächlich nicht anbieten.
Mit den besten Grüßen und Wünschen bin ich Dein
Jürgen Rüttgers
Lesen Sie hierzu auch das Grußwort des Schriftstellers Frank Schätzing an das Bürgeforum in dieser Ausgabe.
Online-Flyer Nr. 64 vom 03.10.2006














