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Aktueller Online-Flyer vom 09. Juni 2026  

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Literatur
Der Fortsetzungsroman in der NRhZ - Folge XVI
Niemandsland
Von Wolfgang Bittner

Der Roman führt zurück in die achtziger Jahre der Bundesrepublik Deutschland. Der Ich-Erzähler, ein Universitätsdozent, gerät in eine Sinnkrise und Depression, aus der er sich durch das Erfassen seiner eigenen Geschichte zu befreien versucht. Er hat sich einen Standort geschaffen, doch die scheinbare Geborgenheit wird nach und nach in Frage gestellt. Das Gefühl der Sinnlosigkeit lähmt und läßt zugleich ahnen, daß die Ursache der Depression ein tiefes unterbewußtes Entsetzen ist. Fast zwanghaft spürt der Erzähler diesem unbestimmten Gefühl nach, nähert sich dem Ursprung seiner Angst. Ein Mosaik entsteht. Lesen Sie Kapitel XVI "Wem gehört die Stadt?"
Die Stadt liegt am Rande der Mittelgebirge in einem langgestreckten weiten Tal, durch das, fast unbemerkt, ein kleiner Fluß seinen Lauf nimmt. Sie wirkt auf den ersten Blick überschaubar, und es lebt sich immer noch ruhig hier. Ihre früher von Kirchtürmen geprägte Silhou­ette wird seit einigen Jahren beherrscht von den Neubau­ten der Versicherungen, Behörden, Banken und Universi­tätsinstitute.
Gehe ich am späten Nachmittag durch die Weender Stra­ße, die Haupteinkaufsstraße, auf der sich zeitweise Nobel­preisträger im Vorübergehen begrüßen konnten, treffe ich auf Schritt und Tritt bekannte Gesichter. »Was macht die Arbeit? Wie geht´s deiner Frau und den Kindern? Hast du schon gehört: Der Fahlberg will das Fachwerkhaus in der Weender Landstraße abreißen lassen, die Hamburger-Farm verkauft keinen Kaffee mehr an Ausländer.«
Auf dem Weg vom Fotokopierladen zur Stadtbücherei und von dort zur Buchhandlung komme ich vorbei an den alten Fachwerkhäusern, die noch immer der Stadt ihr Gesicht geben und mir so etwas wie Heimatgefühl vermitteln. Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre wurden viele solcher Häuser abgerissen, ganze Straßenzü­ge in der Innenstadt, um für die Neubauten aus Beton, Glas und Metall Platz zu schaffen. 1974 gab es dagegen eine Initiative von Schriftstellern und Fotografen; der Titel einer von ihnen herausgegebenen Streitschrift hieß: »Wem gehört die Stadt?« Wer so etwas herausgab, mußte sich als Nestbeschmutzer beschimpfen lassen.
Weil die Einstellungen sich gewandelt haben wie das Stadtbild, sind einzelne der damaligen Thesen heute mo­dern geworden und kommen vielen so glatt von der Zun­ge, als seien sie im eigenen Kopf entstanden. Die Baupla­ner gehen sogar dazu über, neue Fachwerkhäuser mit fabrikgehobelten Balken und Betonfüllungen in Auftrag zu geben. Wem nichts einfällt, wer sich an Äußerlichkei­ten, Moden und Eitelkeiten orientiert, dem fällt vieles sehr leicht. Hier und da auch guter Wille und Fachwissen. Aber maßgebend sind nicht Ideen, sondern Interessen, wer wüßte das nicht. Viel Gerede, nicht nur in diesen Fragen, akrobatische Selbstbespiegelung, pseudophiloso­phisch verbrämtes Wortgeklingel, das niemanden trifft, Kumpanei, Taschenspielertricks und Roßtäuscherei. Ge­winnabsichten lassen sich noch am ehesten erkennen.
Das Iduna Hochhaus zählt 20, der Rathausneubau 18, der Philosophenturm 14 Stockwerke. Das deutet bereits eine Rangordnung an. Banken und Kaufhäuser verteilen sich mehr im Stadtbild, wenn auch nicht unauffällig Der Oetker Konzern kaufte heimlich ein ganzes Viertel auf. Bezahlt von uns, und wir zahlen weiter.
Der aus der Bevölkerung gekommene Vorschlag, den Universitätsreitstall als Markthalle oder Kommunika­tionszentrum zu nutzen, wurde verworfen, das histori­sche Gebäude abgerissen. Sein Barockportal aus dem Jah­re 1735 steht heute wie ein Triumphbogen betongestützt zwischen den Autos auf dem Universitätsparkplatz. Auf dem freigewordenen Innenstadtgrundstück errichtete der Hertie Konzern ein Kaufhaus von beachtenswerter Häß­lichkeit; die Fassade zur Weender Straße ist eine einzige graue Steinfläche, an der ein paar Fahnen herunterhängen. Daneben und gegenüber die Zweckbauten der Städ­tischen Sparkasse und der Gothaer Versicherung. So lassen sich auf dem Reißbrett »Konsumoberzentren« entwickeln, und diesem Ziel und den sich daraus ergebenden »Sachzwängen« hat sich alles andere unterzuordnen. Die Bevölkerung: ausgesiedelt in Satellitenstädte, abgespeist mit Altstadtfesten, Supermärkten, Händelfestspielen. Und man ist verblüfft, wenn es plötzlich ein »Radio Pfla­sterstein« gibt, einen Schwarzsender, oder wenn in besetz­ten Häusern Kulturprogramme angeboten werden. Man ist entsetzt und aufgebracht, wenn bei Demonstrationen Schaufensterscheiben zu Bruch gehen.
Nachdem man die umliegenden Dörfer eingemeindet, die Dorfbehörden aufgelöst, die Zentralverwaltung ver­größert und die Besoldung der leitenden Beamten um ein beträchtliches angehoben hat, beginnt man jetzt in den neu entstandenen Ortsteilen städtische Behörden neu ein­zurichten und spricht heute von »bürgernaher Verwal­tung«. Vielleicht hat auf diese Weise jeder Bürger die Chance, irgendwann doch noch einmal Beamter zu wer­den. Es hat jedenfalls den Anschein, als hätten nicht weni­ge einzig und allein dieses hohe Lebensziel vor Augen.
Auch Kultur. Es gibt 26.000 Studenten, Hunderte von Professoren, ein großes und ein kleines Theater, eine aka­demische Orchestervereinigung, eine Kammermusikge­sellschaft, ein Kultur  und Aktionszentrum, ein Künstler­haus, mehrere kleine Galerien, einige Kellerlokale mit kulturellem Programm, gelegentlich einen Kunstmarkt. Heinrich Heine, der hier Jura studierte, teilte die Bewoh­ner der Stadt in seiner »Harzreise« ein in Studenten, Professoren, Philister und Vieh, vier streng voneinander getrennt lebende Stände, von denen er den Viehstand als den bedeutendsten ansah. Lessing, nach einem Besuch gefragt, wann er wiederkomme, antwortete: »Was soll ich da machen? Mich verachten lassen?«
Bittere Worte, die ihre Bedeutung nicht dadurch verlo­ren haben, daß sie vor 200 Jahren gesagt wurden. Wer hier kein Amt hat, und sei es Oberst bei der Bundeswehr, gilt nichts. Allerdings gehört, wer ein Amt hat und sich nicht anpaßt, auch nicht dazu. 1837 wurden sieben Profes­soren, darunter die Gebrüder Grimm, ihres Amtes entho­ben und des Landes verwiesen, nachdem sie gegen den Verfassungsbruch des Königs von Hannover protestiert hatten. Wie nah das alles ist. Wie wenig sich doch ändert in hundert oder zweihundert Jahren. Und wieviel sich verändert.
In der Fußgängerzone treffe ich manchmal Peter, der mit einer Rotweinflasche in der Nähe des Gänseliesel Brun­nens oder auf dem kleinen Platz vor der Jacobikirche sitzt, schon von weitem erkennbar an seinem weißen Vollbart. Kennengelernt habe ich ihn durch Gerold, der mit ihm befreundet ist und bei dem er von Zeit zu Zeit übernachtet und badet. Er ist Anfang Fünfzig, Dr. phil., und war Ägyptologe. Jetzt ist er Stadtstreicher mit wech­selndem Aufenthalt: Heilsarmee, Landeskrankenhaus, Trinkerheilanstalt, Stadtwald. Die Kinder mögen ihn, Fe­lix sagt jedesmal: »Onkel Weihnachtsmann.« Peter darauf­: »Der hat´s erfaßt.«
Setz ich mich zu ihm, erzählt er von seiner letzten Flucht über eine Mauer, von einer Witwe, der er gelegent­lich den Garten besorgt, oder von einer Laubhütte im Wald. Immer noch liest er - wenn möglich - jeden Tag die Zeitung, zumeist gegen Mittag im Lesesaal der Stadt­bücherei, und unterrichtet sich über die Kommunalpoli­tik. »Diese Stadt gefällt mir schon lange nicht mehr«, sagt er, und ich nicke bestätigend. »Aber ich weiß nicht, wo es besser sein könnte«, fügt er hinzu und spricht mir ein zweitesmal aus der Seele.
Im Grunde bleibt alles beim alten. Häuser werden abgerissen, Bäume gefällt, Straßen und Kaufhäuser ge­baut, eine Fußgängerzone wird eingerichtet, die sich kaum von denen in Wilhelmshaven, Bielefeld, Gießen oder Kai­serslautern unterscheidet. In den Abbruchhäusern leben Türken, Griechen, Spanier und Jugoslawen, die Studen­tenzahlen verdoppeln oder verdreifachen sich. Aber ich werde das Gefühl nicht los, daß die Zeit steht. Depressio­nen, Tage, an denen die Umnebelung des Kopfes zunimmt und es schwerfällt, die nötigen Briefe zu schreiben. Wir sagen: das Wetter, der Südwestwind. Dann wieder Tage, an denen der Geist klar ist, die Gedanken sich häufen und doch nicht erdrücken. Ein seltsamer Zustand zwi­schen Schwermut und Glücksgefühl. Immer aber kostet es Mühe, den Zeitablauf nicht aus den Augen zu verlieren.
Vor einiger Zeit wurden auf dem Bartholomäus Fried­hof, vermutlich subventioniert aus Mitteln verschiedener öffentlicher Institutionen, Ausgrabungen vorgenommen. Man suchte die Gebeine Lichtenbergs, der dort vor fast 200 Jahren begraben wurde. Bekanntlich litt er an einer Verkrümmung der Wirbelsäule. Der in Tages  und Nacht­arbeit tätige Ausgrabungsleiter, ein Mediziner, war der Meinung: »Eine Exhumierung, die mit dazu dienen soll, einen Verstorbenen in ein richtigeres, positives Licht zu rücken, ist ein Akt der Pietät. Eine schwere Skoliose ist mehr als nur ein Schönheitsfehler, sondern hat erhebliche Auswirkungen auf die inneren Organe.« Er wollte, unter­stützt von literaturwissenschaftlichen und medizinischen Fachleuten, ein angeblich schiefes Bild von dem buckligen Wissenschaftler und Schriftsteller durch genauere Unter­suchungen am Knochengerüst beseitigen, Vorurteile aus dem Weg räumen. Eine ungewöhnliche Form der Litera­turforschung.
Man stieß unter dem Grabstein auf acht Skelette, sieben mit und eins ohne Kopf. »Eine dicke Packung von Skelet­ten«, sagt einer der beteiligten Archäologen. »Es bereitet uns erhebliche Schwierigkeiten, das verbogene Rückgrat des Gelehrten zu finden.« Das wunderte niemanden, denn über zwei Jahrhunderte war der Bartholomäus­-Friedhof die öffentliche Begräbnisstätte der Stadt, und im Mittelalter befand sich dort ein Leprösenhospital. Das Gelände wurde bereits vor Jahrzehnten eingeebnet, so daß keiner der übriggebliebenen Grabsteine mehr an sei­nem ursprünglichen Platz steht.
Die Zeitung berichtete auf einer ganzen Sonderseite: »Während die stockdunkle Nacht von batteriegespeisten Lampen spärlich erhellt wurde, verpackten die Wissen­schaftler Knochen, bei denen es sich um die von Lichten­berg handeln könnte.« Auf diese Weise erfuhr die Bevöl­kerung doch noch, daß es in dieser Stadt einmal einen Dichter gegeben hat, der freilich lange tot ist. Er dreht sich im Grabe um und sagt: »O ihr einfältigen Tröpfe. Hört, seid so gut und sagt mir, was ist es für Wetter in Amerika? Soll ich´s statt eurer sagen? Gut. Es blitzt, ha­gelt, es ist dreckig, es ist schwül, es ist nicht auszustehn, es schneit, friert, wehet und die Sonne scheint.« Auf der wenige Kilometer entfernten Autobahn ziehen die Fahr­zeugkolonnen von Norden nach Süden und von Süden nach Norden, von hier nach dort und von dort nach hier.
Vor wenigen Jahren haben die Mehrheitsverhältnisse im Stadtrat gewechselt, ohne daß sich merklich etwas geändert hätte. Nachdem die FDP während der Legisla­turperiode plötzlich mit der CDU koalierte, befand sich die vorher tonangebende SPD in der Opposition. Der starke Mann und Initiator dieses Kurswechsels bei der FDP wurde Oberstadtdirektor. Er war Stadtkämmerer und hatte gerade auf einem am Stadtwald gelegenen schö­nen Grundstück, das er zu einem ungewöhnlich günstigen Preis von der Stadt erwerben konnte, ein Haus gebaut, das nun - aus Angst vor Anschlägen - monatelang von der Polizei rund um die Uhr bewacht werden mußte. Der Fraktionsvorsitzende der CDU wurde Oberbürgermei­ster. Diesen hier ehrenamtlichen und nur mit einer Auf­wandsentschädigung abgegoltenen Posten gab er jedoch nach drei Monaten zugunsten der gerade freigewordenen gutdotierten Kulturdezernentenstelle wieder auf. Der er­wähnte Herr Fahlberg wurde neuer Fraktionsvorsitzen­der der FDP, Mitglied verschiedener Ausschüsse und ist Hauptanteilseigner einer Baufirma, die sich unter ande­rem dem Abriß alter Häuser und der Grundstücksspeku­lation widmet.
Alle arbeiten Hand in Hand, und wer widerspricht, ist ein Unruhestifter oder gehört in die Klapsmühle. Wird das Fachwerkhaus in der Weender Landstraße von Stu­denten besetzt, rückt unverzüglich die Polizei an, um es zu räumen. Angeblich ist es baufällig, obwohl es erst ein Jahr zuvor ein neues Dach und neue Heizungen bekommen hat und obwohl ein Sachverständigengutachten der Hausbesetzer das Gegenteil beweist. Bei der Räumung von Hausbesetzern werden die noch von einer alten Frau bewohnten Zimmer gleich mit durchsucht. Daß dafür ein richterlicher Durchsuchungsbefehl nicht vorliegt - wen kümmert das schon.
Das Altstadtfest wird ausgeweitet, das Stadttheater für 23 Millionen um  und ausgebaut, das alte Rathaus aus Natursteinen mit einem Farbanstrich versehen. Die Ween­der Straße, die vor 1945 vorübergehend »Straße der SA« hieß, hat wieder ihren alten Namen, ebenso wie der Albaniplatz, der vor­her »Adolf Hitler Platz« hieß. In einer zum fünfzigsten Jahrestag der nationalsozialistischen »Machtergreifung« herausgegebenen Broschüre erscheinen die Menschen­schlächtervisagen der damaligen Herren Bürgermeister, Kreisleiter, Senatoren und so weiter. Man bedauert offi­ziell die schlimmen Jahre, in denen von Staats wegen Jagd auf jeden gemacht wurde, der sich nicht in die braunen Reihen einordnete. Man bedauert vor allem die zahlrei­chen Inhaftierten und Ermordeten, von denen viele in Konzentrationslagern umgekommen sind. Man bedauert weiter, daß jemand nicht Zugschaffner werden konnte, ein anderer keinen Gewerbeschein bekam, weil sie - vor 1933 - gesinnungsmäßig der SPD nahegestanden hatten.
Und dann liest der aufmerksame Bürger in einer klei­nen Zeitungsnotiz, daß 23 im öffentlichen Dienst beschäf­tigte Kandidaten der DKP für die letzten Kommunal­wahlen im Lande Anhörungsverfahren unterzogen werden. Von ihren Dienststellen sind sie gemäß den ge­setzlichen Bestimmungen zuerst für Wahlkampfzwecke beurlaubt worden, denn die DKP ist eine zugelassene Partei und darf somit Kandidaten aufstellen, die ihr passi­ves Wahlrecht wahrnehmen. Anschließend sollen diese Kandidaten dann aus dem öffentlichen Dienst entfernt werden, obwohl sie und ihre Partei - theoretisch - den Schutz des Grundgesetzes für sich beanspruchen dürfen. Kommt, wer so etwas sagt, in Verdacht? Hat er mit Maß­nahmen zu rechnen? Muß jemand eine Vorliebe für oder eine Abneigung gegen eine bestimmte politische Richtung haben, um zu bemerken, daß eine derartige Vorgehens­weise undemokratisch ist?
Auch hier die Frage: Wen kümmert das? Fragen über Fragen - keine Antworten. Man weiß nicht einmal genau, wer für solche Lumpereien verantwortlich zeichnet. Ei­gentlich, so wird es später vielleicht wieder einmal heißen, sei niemand direkt dafür zuständig gewesen. Der ausge­streckte Finger, der nach »drüben« zeigt und sich im näch­sten Augenblick zu krümmen scheint. Mir flößt er Grauen ein, solange ich hier lebe. Ich komme damit nicht mehr zurecht. Und ich glaube auch nicht, daß sich etwas ändern wird, wenn man das hier und da einmal sagt oder schreibt. Empörung, Wut, Haß - sie wandeln sich nicht selten mit der Zeit in Achselzucken. Was tun?
In einer Nachbarstadt ist am Gymnasium immer noch ein Oberstudienrat tätig, der an seine Schüler die Bücher »Grundgedanken der nationalsozialistischen Weltan­schauung« und »Kurzer Abriß der Rassenkunde« verteil­te. Er war SS Offizier und ist Mitglied der HIAG, einer Hilfsgemeinschaft der ehemaligen Angehörigen der Waf­fen SS. Ein anderer Lehrer brachte seinen Schülern eine »Legende von den sechs Millionen vergaster Juden« nahe und gründete eine rechtsextreme Jungenschaft »Zugvogel«. Als sich Schüler, Eltern und andere Lehrer über solche Vorgänge empörten, erhielten die beiden Lehrer Unterstützung von dem Leiter des Gymnasiums, einem Oberstudiendirektor, der ebenfalls SS Angehöriger war und Mitglied der HIAG ist. Der wiederum stellte seine hervorragende Qualifikation als Deutsch , Latein  und Ethiklehrer, wie auch seine besondere Eignung als Schullei­ter dadurch unter Beweis, daß er zum Beispiel ein lobendes Vorwort zu dem Buch »Ein anderer Hitler - Bericht seines Architekten Hermann Giesler« schrieb: »Ein monumenta­les Symbol menschlichen Lebens auf dieser Welt.«
Soweit ist alles eindeutig. Wie aber reagieren Verwaltung, Polizei und Justiz auf solche Umtriebe, die - wie jeder weiß - nach den blutigen Erfahrungen der Vergangenheit verboten und unter Strafe gestellt sind? Erstmal tut sich gar nichts. Dann steht alles in einer überregionalen Zei­tung und es gibt einen öffentlichen Skandal. Die Lehrer werden vorübergehend beurlaubt, die Staatsanwaltschaft leitet Ermittlungen ein. Kurz darauf ist im Gespräch, der Oberstudiendirektor solle Leiter eines wissenschaftlichen Prüfungsamtes werden. Dann stellt die Staatsanwaltschaft die Ermittlungsverfahren gegen die Lehrer wieder ein und klagt stattdessen den Stadtdirektor an. Was, so fragt man sich, hat dieser nun verbrochen, außer daß er Sozial­demokrat ist? Er hat die Stirn besessen zu behaupten, die da ans Tageslicht gekommenen Vorgänge seien »braune Soße« und wer das verschleiern wolle, der lüge. Nicht mehr und nicht weniger. Das ist - so stellt die Staatsan­waltschaft fest - üble Nachrede und muß verfolgt werden. Jetzt dürfen die Lehrer weiter unterrichten, der Schullei­ter übernimmt einen gutdotierten Posten bei der Landesbibliothek, die ärgsten Widersacher sind versetzt oder mundtot gemacht worden.
Polizei und Staatsanwaltschaft kann jedenfalls nicht der Vorwurf gemacht werden, sie seien untätig. Das Ge­genteil ist der Fall. Der Buchladen »Rote Straße« wird morgens von der Polizei aufgebrochen und durchwühlt, gestöbert wird auch in den Wohnungen der Inhaber und in zahlreichen Studentenbuden. Man fahndet, sucht Be­weismaterial, gefährliches Gedankengut, beschlagnahmt Bücher. Längst ist die sogenannte linke Szene bei der Polizei in einem geheimen Spezialcomputersystem, das sich Spudok nennt, erfaßt worden. Ein besonderes Aufklä­rungs  und Festnahmekommando sorgt auf seine Art für die Sicherheit der Bürger. Liest man von Studenten aufge­zeichnete Funksprüche dieses Sonderkommandos, das sei­ne Gegner als »Schweinsgesichter« und »Chaotentypen« bezeichnet, so kann einem schlecht werden. Alles Beamte, ein neuer, zuverlässiger Staatsschutz. Worte wie: »Hau ihm welche«, »aufmischen«, »kleines Loch hacken, rein­schmeißen...« Und wird bei der Eröffnung einer Ausstel­lung politischer Kunst im Künstlerhaus gesagt, daß vor dem Gesetz offenbar doch nicht alle gleich seien, erhebt sich der Oberbürgermeister, emeritierter Professor der Rechtsgelehrsamkeit und Jäger, und erklärt den Redner zum Lügner. »Die zerstören unseren Staat.«
Auf der ersten Lokalseite des Tageblatts lautet eine Anzeige gleich neben dem Titelkopf: »Das deutsche Volk gedenkt seiner tapferen Soldaten.« Aber die Gegenanzeige einer Friedensinitiative »Solange es Armeen gibt, gibt es auch Kriege. Nie wieder Krieg!« darf nicht erscheinen, wie auch eine Anzeige gegen Berufsverbote zurückgewie­sen wurde. Blättern wir zurück, lesen wir in derselben Zeitung schon unter dem 25. April 1925, daß sich be­dauerlicherweise noch niemand gefunden habe, der dem »hebräischen Schmutzfinken« Kurt Tucholsky »den Da­vidstern mit der Reitpeitsche ins Gesicht gezeichnet hät­te«. Oder wir erfahren, wie jüdische Geschäfte seit 1933 »arisiert«, wie unter Einsatz von Zwangsarbeitern Fir­men aufgebaut wurden und wer für die NSDAP Propa­ganda gemacht hat. Und nach 1945 stoßen wir in Wirt­schaft und Politik nicht selten auf dieselben Namen, die noch in der folgenden Generation bis heute für Besitz und Einfluß stehen.
Auf Schritt und Tritt die Erkenntnis: In diesem Land hat nie eine Revolution stattgefunden. Dagegen sind über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg die Besten eines Vol­kes im wahrsten Sinne des Wortes einen Kopf kürzer ge­macht worden. Was ist geblieben? Gewalt, Lüge, Dreck. Der Mief dringt durch die Wände auf die Straßen, und wer ihn nicht atmen will, muß ersticken. In seinem »Handorakel« sagte Gracian: »Viele verlieren den Ver­stand deshalb nicht, weil sie keinen haben«.


Wolfgang Bittner-Niemandsland

Dieses Buch erschien erstmals 1992 im Forum Verlag Leipzig, im September 2000 neu aufgelegt im Allitera Verlag, München









Der Autor

Wolfgang BittnerWolfgang Bittner, geboren 1941 in Gleiwitz, lebt als Schriftsteller in Köln. Er studierte Jura, Soziologie und Philosophie und promovierte 1972 zum Dr. jur. Bis 1974 ging er verschiedenen Tätigkeiten nach, u. a. als Fürsorgeangestellter, Verwaltungsbeamter und Rechtsanwalt. Ausgedehnte Reisen führten ihn nach Vorderasien, Mexiko und Kanada. Er hat mehr als 50 Bücher für Erwachsene, Jugendliche und Kinder geschrieben, darunter die Romane »Marmelsteins Verwandlung«, »Die Fährte des Grauen Bären«, »Die Lachsfischer vom Yukon« und »Narrengold« sowie das Sachbuch »Beruf: Schriftsteller«. 
www.wolfgangbittner.de

Online-Flyer Nr. 64  vom 03.10.2006



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