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Krieg und Frieden
Krieg und Gender - Folge 1
"Krieg als schöpferische Zerstörung"
Von Marilena Thanassoula

Gender ist ein aus dem Englischen entlehntes Wort, das die Unterscheidung zwischen biologischem und sozialem Geschlecht erlaubt. Gender meint die sozialen Rollen, die den Geschlechtern zugeteilt werden. Die kriegführenden Nationen plädieren für den Krieg in der Regel als "Mission" zur Herstellung der Demokratie und für die Befreiung von ungerechten sozialen Verhältnissen. In diesem Sinne wird der Krieg als eine "kreative" Macht, als "schöpferische Zerstörung" verstanden. Förderung der "Frauenfreiheit" ist ein zentraler Punkt in dieser Argumentation der angeblich positiven Veränderungen durch den Krieg. Thema der Folgen "Krieg und Gender" sind die Geschlechterverhältnisse, und wie der Krieg sie beeinflusst.

Nachdem der damalige Kanzler Gerhard Schröder für den Krieg im Kosovo plädiert hatte und der danach zunehmenden Beteiligung deutscher Soldaten an weiteren "Friedensmissionen", geht es in den Medien nicht um die Frauen, sondern vor allen um die Rolle der deutschen und der internationalen Truppen in den Krisengebieten.

Die Forschung hat aber inzwischen festgestellt, dass Krieg, Militär und Gewalt zunehmend auch aus der Geschlechterperspektive zu betrachten sind. Vorstellungen von "Männlichkeit" und "Weiblichkeit" und entsprechende Handlungsoptionen werden vom Krieg beeinflusst, ja sogar neu konzipiert. So meint Andrea Nachtigall von der Friedensforschung an der Universität Kassel, Krieg und Frieden könnten "als Gegenstände der Friedens- und Konfliktforschung ohne die Einbeziehung der Kategorie Geschlecht nicht umfassend erforscht werden".

Ein Abend bei "Bundeswehr Wegtreten"
 
Am 26. Oktober werden vier AktivistInnen der Organisation "Bundeswehr wegtreten" vor dem Amtsgericht in Köln stehen. Aus diesem Anlass wurde ein Informationsabend in der alten Feuerwache im Agnesviertel veranstaltet. Für Detlef Hartmann, der die Diskussion eröffnete, war Hauptthema "der neue Griff nach der Weltmacht". Aktueller Anlass: der Libanon-Einsatz, oder, wie Kanzlerin Angela Merkel zu sagen pflegt, "eine Mission von historischer Dimension".

"Der Anspruch auf blutige Gewalt und das "Heilige" in der Geschichte gingen immer Hand in Hand", kommentierte Hartmann Merkels Sprüche. Er skizzierte zunächst den Zusammenhang zwischen Gewalt und Ökonomie: Der Krieg zähle zu den Ressourcen von Produktivität. Immer mehr werde Krieg als etwas Positives konzipiert und dargestellt, als eine Option für Regeneration oder Genesung oder Fortschritt einer Gesellschaft. Ein oft erwähnter Vorteil des Krieges sei nach dieser Betrachtung auch der technische Fortschritt. Was aber sind die ökonomischen Ziele der Angreifenden?

In den Vordergrund gerückt werde der Mensch als Ressource: seine Arbeitsbereitschaft, seine Leistungen, seine Verfügbarkeit und Qualifikation würden immer mehr "subjektiviert". Der Einzelne müsse sich bereitstellen. Dabei bedeute Subjektivierung: "alte Gewohnheiten, alte Lebenszusammenhänge und Lebensweisen, soziale Garantien...wirken als Blockierungen". Die müssten durchbrochen werden, um den Griff nach der "Ressource Mensch" zu ermöglichen.

Krieg und globale Ökonomie

Des Weiteren, führte Hartmann aus, sorge der Krieg dafür, dass die neuen, "wirtschaftsfördernden" Lebensweisen und Mentalitäten verbreitet würden. Der Krieg werde als "schöpferische Zerstörung" verstanden, als ein notwendiger Prozess, um die "altertümlichen" und "unproduktiven" Strukturen einer Gesellschaft zu beseitigen, und somit Raum für eine neue, "moderne" Mentalität zu schaffen.

Die profanen wirtschaftlichen Vorteile der Kriege in Afghanistan und Irak - sprich Öl - sind nicht so komplex, wie der Prozess der "Rekonstruktion im Schnelldurchgang", so Hartmann: Wenn man Irak als Beispiel nimmt, dann hat der Krieg tatsächlich die traditionellen sozialen Strukturen, wie Groß-Familien und Klans, vollkommen zerstört. Nach einer längeren Plünderungswelle sei die öffentliche Sicherheit in den Händen von Banden und Räubern, es gebe keine Gewerkschaften mehr, die Löhne seien abgestürzt, die Zölle des Landes, sowie andere staatliche Instanzen beseitigt. Schon im Jahr 2003 hat der BBC- Journalist Greg Palast den irakischen Krieg als den Prozess der Verwandlung des Landes zum "Freimarkt-Paradies" kommentiert.

Die Funktion des Krieges als Transformationsgeschehen bringe weitere Folgen mit sich. Die konstruierte Feindschaft erzeuge tatsächlich Blüten auf beiden Seiten: Radikalisierung und Extremismus würden gefördert, ja sogar gefordert, damit ein "Wir-Gefühl" entstehe. Opposition werde für unpatriotisch und feige erklärt. Die Religion werde hier und da missbraucht, um dem Ganzen den "heiligen" Charakter" einer "Mission" - wie schon die Kanzlerin sagte - zu verleihen.

Griff in die "Ressource Mensch"

"Es ist das antagonistische Zusammenspiel im Prozess kriegerischer Zerstörung, das auf diese Weise den Griff in die "Ressource Mensch" erst ermöglicht und dann intensivieren hilft. Es ist aber auch dieser Antagonismus, in dem die "sexual power" zur Herstellung neuer Herrenidentitäten dient", unterstrich Hartmann in seinem Vortrag.

Europa will ein Partner der USA sein, will die Rolle eines der wenigen Produzenten von Ordnung einnehmen. Deutschland will seine Machtposition, sogar sein "Recht" als "führende Nation" bestätigen (Schröder).
 
Dabei werden die Frauen, ihr Schicksal, ihre neuen Rollen, nachdem die alten "schöpferisch zerstört" worden sind, weitgehend von der öffentlichen Diskussion ignoriert. Das deutsche Wort "Geschlecht" führt häufig zu Missverständnissen, weil es sowohl den biologischen als auch den sozialen Aspekt der Geschlechtszugehörigkeit lediglich mit einem einzigen Begriff beschreibt. Für eine bessere semantische Unterscheidung wurde das Wortpaar Sex und Gender aus dem Englischen übernommen.

Über die Rolle der Frau im Krieg sprechen wir nächste Woche mit Maria Baumeister, einer Aktivistin aus Köln, die auch die Bewegung "Bundeswehr-Wegtreten" unterstützt.

Online-Flyer Nr. 64  vom 03.10.2006



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