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Aktueller Online-Flyer vom 09. Juni 2026  

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Literatur
Nächtlicher Zug
Ekkes Frank

In der Nacht, wo der September
in den Juli übergeht
und der Neumond naß und glänzend
über den Verliebten steht,

in der Nacht, die rund und lau ist,
schallgedämpft und fotogen,
hab ich diesen Zug sich endlos
durch die Straßen wälzen sehn.
Und die erste Reihe trug
ein Plakat: ES IST GENUG!

Längst im Schlafe lag die Hauptstadt
und auch die Regierung schlief
trotzdem dem unterhaltungsprallen
Western, der im Fernsehn lief.
Nichts und niemand schien den Frieden,
der wie eine Packeis-Schicht
auf dem Lande lag, zu stören,
eingedenk der Bürger Pflicht... -
bis auf den Millionenzug,
welcher schrie: ES IST GENUG!

Aus dem Westen, aus dem Osten,
aus Nordost und Südsüdwest
strömten dichtgedrängt Kolonnen:
Sternmarsch auf das Bundesnest.
Junge Burschen, alte Männer,
größer noch die Zahl der Frau´n,
ranke, schlanke, schwang´re, viele,
die nach ihren Kindern schau´n;
eine, die ihr Leben abschließt,
neben einem, der beginnt -
nichts gemeinsam. Nur das eine,
daß sie ohne Arbeit sind.
Und man hört den Schrei: BETRUG!
Lauter werden in dem Zug.

Als der Strom dann schnell und schneller
in das Bonner Zentrum quillt,
als der Lärm von Einzelstimmen
zum vereinten Chor anschwillt,
wird es hell in vielen Fenstern,
ruft es, gellt es: Polizei!!,
jaulend schrille Martinshörner
mischen sich in das Geschrei.
Mit dem Ziel, den Zug zu bremsen
und die Massen zu zerstreu´n,,
dröhnen tausendwattverstärkte
Argumente auf sie ein.
Der Minister tönt beschwörend:
"Ihr habt recht! Es ist genug!
Geht nach Haus, laßt uns nur machen!
Aber weiter strömt der Zug,
reagiert nicht auf Vertröstung,
auf Appelle zur Geduld,
will nichts wissen von Statistik,
glaubt nicht mehr an eig´ne Schuld,
übertönt mit seinen Rufen,
was so wissenschaftlich klingt:
"Konjunktur", "Saisonbereinigt",
"Aufschwung", "jahreszeitbedingt"...
Unisono brüllt der Zug
nur den Satz: ES IST GENUG!

Und es will die Nacht nicht enden.
Machtlos stehen Obrigkeit,
Unternehmen, Banken, Kirchen
und die Medien Seit´ an Seit´.
Durch die Straßen in die Ämter,
in Fabriken und Büros
strömt der Zug der Arbeitslosen
selbstbewußt und grenzenlos.
Keine Polizeikohorten,
Grenzschutz nicht und Bundeswehr
können diese Massen halten,
und noch immer wächst das Heer:
aus den Nischen und Verstecken,
wo sie keiner sehen kann,
schließen noch einmal Millionen
sich dem Zug zur Hauptstadt an.
Als dann auch aus den Betrieben,
die kurz vor der Pleite steh´n
oder "abgewickelt" werden,
Menschen auf die Straßen geh´n,
um dem Zug sich anzuschließen,
wird die Größe der Gefahr
auch den Blinden und den Tauben -
also der Regierung - klar.
Doch es gilt der Schrei im Zug
auch für sie: ES IST GENUG!

In der Nacht, wo der September
zum Oktober übergeht,
wo der Mond am kalten Himmel
zwischen Mars und Venus steht,
in der Nacht, die ganz real ist,
gibt es keinen solchen Zug -
doch die Menschen, ihn zu formen,
gibt es. Und es sind genug.


(geschrieben am 10./11. August 1985...)


Ekkes Frank
Ekkes Frank
Foto: NRhZ-Archiv



Online-Flyer Nr. 67  vom 24.10.2006



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