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Aktueller Online-Flyer vom 09. Juni 2026  

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Krieg und Frieden
Syrien angeblich Drahtzieher der Politikermorde im Libanon
Wer war Pierre Gemayel?
Von Peter Kleinert

Nach dem Mord am libanesischen Industrieminister Pierre Gemayel waren sich die üblichen Medien - von SPIEGEL bis Kölner Stadt-Anzeiger und Tagesschau - einig: Hier war ein "antisyrischer Politiker" umgebracht worden. Also müsse Syrien die Drähte gezogen haben, der "Schurkenstaat", der - wie nicht nur von den USA und Israel, sondern auch von dem Berliner Oberstaatsanwalt Derlev Mehlis unterstellt wird - im Februar 2005 angeblich auch Ministerpräsident Rafik Hariri ermorden ließ.

Wer war Pierre Gemayel? Was ist das für eine "christliche Familie", der es anlässlich seiner Beerdigung laut Medien vom Samstag gelang, "200.000 Anhänger der antisyrischen Bewegung zu mobilisieren", der Benedikt XVI. ein Beileidsschreiben zukommen ließ, während das Oberhaupt der römisch-maronitischen Kirche, Kardinal Nasrallah Sfeir, die Trauermesse zelebrierte?

Großvater Pierre Gemayel, aus einer schon unter osmanischer Herrschaft einflussreichen maronitischen Familie stammend, die auch unter französischem Mandat ihre Macht behielt, war Leiter der libanesischen Delegation bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin und von den Nazis so begeistert, dass er - nach Beirut zurückgekehrt - dort die faschistische Phalange-Partei gründete. Deren Milizen spielten im blutigen Bürgerkrieg seit den 70ern eine verheerende Rolle: So richteten sie in Absprache mit Israels damaligem Kriegsminister Sharon die Blutbäder in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Shatila an. Pierres Sohn Bashir wurde in dieser Zeit Präsident, aber bald nach seiner Wahl 1982 ermordet. Darauf wurde Bashirs Bruder Amin Gemayel zum Präsidenten gewählt - beide jeweils als Führer der faschistischen Phalange.

Erst mit dem syrisch-libanesischen Abkommen 1991 kam das Land wieder zur Ruhe. Syrische Truppen sorgten dafür, dass die moslemische Mehrheit, die gegen die herrschende christliche, von der Phalange dominierte Minderheit aufgestanden war, mit dieser zu verhandeln begann, und dass schließlich wieder "normale Verhältnisse" in den Libanon einkehren konnten. Ohne das syrische Eingreifen zu ihren Gunsten wäre die christliche Rechte in diesem Bürgerkrieg vermutlich untergegangen.

Wieder einmal auf dem Weg zu "normalen Verhältnissen" schien der Libanon auch in den vergangenen Wochen. Diesmal nach dem jüngsten Abzug der Israelis und weil der Widerstand um die Hisbollah mit Ministerrücktritten und einer zum Wochenende geplanten Massenkundgebung eine Regierung der nationalen Einheit fordern wollte. Klar, dass dies der Phalange-Partei, deren Chef der Ermordete wie sein Gründer-Großvater gewesen war, den Christen um Kardinal Sfeir, Israel und den USA nicht allzu gelegen kam. Wie man in einer solchen Situation den Spieß erfolgreich rumdrehen kann, zeigt ein Zitat aus der WELT von der Beerdigung am Samstag: "Sfeir nannte in ungewöhnlich klaren Worten die Mörder Gemayels "jene, die das internationale Tribunal zum Mord an Rafik Hariri verhindern wollen". Damit sind Syrien und die Hisbollah gemeint."

Tatsächlich nutzte der Mord an Pierre Gemayel Syrien und den pro-syrischen Libanesen ebenso wenig, wie ihnen der Mord an dem sunnitischen Milliardär und Ministerpräsidenten Hariri etwas gebracht hatte. In dessen Folge mussten die Syrer nämlich unter dem Druck des Westens und der christlichen Phalangisten 2005 aus dem Libanon abziehen. Und nun sollen sie - ausgerechnet wenige Stunden vor dem absehbaren Beschluss des UN-Sicherheitsrats, das internationale Tribunal zur Untersuchung des Hariri-Mordes einzurichten - den jüngsten christlichen Faschisten-Führer und Industrieminister aus dem Clan der Gemayel umgebracht haben?  So blöd soll die Regierung eines der gefährlichsten "Schurkenstaaten" sein?

Das mag nicht einmal mehr der christliche General Michel Aoun glauben, der sich inzwischen vom engagierten Kämpfer gegen die Syrer unter Präsident Amin Gemayel zum Verbündeten der Hisbollah und anderer antiimperialistischer Kräfte im Lande gewandelt hat. Aouns Kandidatur für die nächste Präsidentenwahl gilt als ziemlich sicher. Möglich, dass durch solche Bündnisse vielleicht eines Tages die Präsidenten-, Minister- und Milliardär-Clans der Hariri und Gemayel abgewählt werden können und dann tatsächlich Demokratie und Frieden in dieses kleine Land von Christen, Drusen, Schiiten und Sunniten einkehren wird.



Online-Flyer Nr. 72  vom 28.11.2006



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