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Weitere Enthüllungen im Dokumentarfilm von H.R. Minow - Teil 2
Heinrich Böll und Co
Von Hans Georg
Mehrere Chefkorrespondenten der führenden deutschen TV-Anstalten standen bei Beginn ihrer Karrieren in ARD und ZDF mit CIA-Vorfeldorganisationen in Kontakt. Treffpunkt war eine "geheimdienstlich finanzierte Villa in Rheinnähe", sagt Hans-Rüdiger Minow. Die Spitzenjournalisten wurden in Washington eingesetzt. Ihre Berichte aus der US-Hauptstadt beeinflussten das Millionenpublikum der öffentlich-rechtlichen TV-Kanäle. Mitglied der CIA-Vorfeldorganisationen sei auch der spätere Nobelpreisträger für Literatur, Heinrich Böll, gewesen.
Hochrangige Journalisten waren der CIA von Nutzen
Arbeitsaufträge erteilten demnach CIA-Führungsoffiziere mit Sitz in Paris, die in regelmäßigen Abständen ihre Kultur-Niederlassungen (unter anderem Köln, Hamburg, Westberlin und München) zu Prüfzwecken aufsuchten. Die bis in die späten sechziger Jahre nachweisbaren CIA-Aktivitäten erstreckten sich auch auf die Schweiz, Österreich und Italien. Dabei kam es zur Zusammenarbeit mit ehemaligen Spitzeln und hohen Amtsträgern des deutschen NS-Regimes und der Mussolini-Diktatur, belegt die Dokumentation an prominenten Beispielen. Auch auf das Nobelpreiskomitee nahm die CIA Einfluss.
Zu der Gruppe "hochrangiger Journalisten, die der CIA wissentlich oder unwissentlich in den deutschen Rundfunk- und Fernsehanstalten von Nutzen war" [1], gehören demnach Gerd Ruge (ARD) und Klaus Harpprecht (ZDF), die späteren Chefkorrespondenten von ARD und ZDF in den USA. Klaus Harpprecht habe in der Kölner CIA-Vorfeldorganisation "eine nicht unbedeutende Rolle" gespielt, sagt Minow.[2] Auch Gerd Ruge, "bis heute eine der beliebtesten TV-Persönlichkeiten", habe in der geheimdienstlich finanzierten Kölner Villa verkehrt. "Mit dem Geld der Pariser CIA-Zentrale (...) gab man Gartenparties oder Soirées zu anspruchsvollen Themen der Zeit. Da wurde ein großes Schleppnetz ausgelegt" - und es wurden Karrieren gemacht.

Karikatur: Kostas Koufogiorgos
www.koufogiorgos.de
Auch frühere Gestapo-Spitzel
Neben Klaus Harpprecht, dem späteren Mitarbeiter des deutschen Bundeskanzlers Willy Brandt [3], waren im Kölner CIA-Stützpunkt undurchsichtige Persönlichkeiten mit NS-Hintergrund aktiv. Laut Filmkommentar gehörte dazu ein früherer Gestapo-Lockspitzel, der mit dem Gründungsintendanten des deutschen Auslandssenders "Deutsche Welle" (DW) namentlich identisch ist. Dieser Zusammenhang wird im ARTE-Film nicht erwähnt. Ebenfalls mit dabei war der ehemalige Agent der NS-Auslandsspionage im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) Berend von Nottbeck. Nottbeck trat als Herausgeber von Schriften eines "Publizistischen Zentrums für die Einheit Deutschlands" (PZ-Archiv) hervor - eine dubiose Adresse mit direkten Terror- und CIA-Anbindungen.[4] Als Kopf der Kölner Gruppe fungierte der Böll-Freund und Böll-Verleger Joseph Caspar Witsch ("Kiepenheuer und Witsch"), ein früherer nationalsozialistischer Kulturfunktionär. An den politischen Aktivitäten der Gruppe nahm der spätere Nobelpreisträger Böll teil.

Wissentlich oder unwissentlich? - Gerd Ruge
Foto: WDR/MDR
Auch Ignazio Silone mit von der Partie
Ähnlich bizarre Verbindungen zwischen aufstrebenden Publizisten mit liberalem Selbstverständnis und schwer belasteten NS-Veteranen waren auch für die übrigen CIA-Niederlassungen typisch. So enthüllt der Dokumentarfilm, dass der V-Mann des italienischen CIA-Zweiges ("Für die Freiheit der Kultur"), der bekannte Schriftsteller Ignazio Silone, ein langjähriger Spitzel der Geheimpolizei Mussolinis gewesen ist, bevor er geheimdienstliche Tätigkeiten für die USA aufnahm. Silone verkehrte im Kreis um Böll und um den Kölner Verleger Witsch, der die Werke Silones in Deutschland verlegte. Das CIA-Netz reichte auch in die Schweiz, wo der prominente Polit-Literat Denis de Rougemont ein "Centre Européen de la Culture" aufzog. Über die Schweiz wurden von der CIA bedeutende Dollarbeträge verschoben. Wie Finanzabrechnungen der CIA belegen, überwies der US-Geheimdienst monatlich etwa 40.000,- DM nach Deutschland - unter anderem an die Kölner Gruppe, der auch Böll angehörte.
CIA-Kontakte zum Nobelpreiskomitee
Angesichts der späteren Nobelpreis-Verleihung an Heinrich Böll ist es besonders aufschlussreich, dass die Operationen der mit Böll bekannten CIA-Agenten bis in das Stockholmer Nobelpreiskomitee reichten. So lancierte das Pariser CIA-Hauptquartier in den 1960er Jahren eine subversive Kampagne, um die Verleihung des Nobelpreises an den chilenischen Dichter Pablo Neruda zu verhindern. Wie es in einem internen Dokument heißt, das der ARTE-Film zitiert, bediente man sich dabei der Hilfe des Stockholmer Nobelpreis-Sekretariats. Den Mitgliedern des Nobelpreis-Komitees wurden Dossiers und Artikel zugespielt, die auf Anweisung der CIA entstanden waren und Pablo Neruda lächerlich machen sollten. Ob die CIA in der Lage war, Nobelpreisverleihungen nicht nur zu verhindern, sondern auch zu befördern, ist unbekannt.
Fortdauernde Interessen einflussreicher Medien?
Obwohl die dem Film zugrunde liegenden Dokumente seit mehreren Jahren zugänglich sind, werden die darin aufscheinenden Verwicklungen namhafter deutscher Literaten, Journalisten und Bildender Künstler bis heute beschwiegen. Dies könnte an fortdauernden Interessen einflussreicher Medien liegen. Er erinnere sich "an manche 'CIA-Wässerchen'", die er in der Hamburger Kultur-Residentur der CIA getrunken habe, sagt der Justitiar des Hamburger Bucerius-Verlages in der TV-Dokumentation - mit "zahlreichen anderen Journalisten aus ZEIT und SPIEGEL".[5]
Mehr zum Thema unter http://www.german-foreign-policy.com
[1] Interview "Beliebte TV-Persönlichkeiten" in dieser NRhZ
[2] Den ersten Teil des Interviews brachte die NRhZ im Flyer 72 "Diamant in der Sammlung der CIA"
[3] Klaus Harpprecht: Im Kanzleramt. Tagebuch der Jahre mit Willy Brandt. Ohne Ortsangabe, 2000
[4] Zur "Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit", die als Mitherausgeberin der PZ-Publikationen ausgewiesen wird.
[5] Beliebte TV-Persönlichkeiten
Online-Flyer Nr. 73 vom 05.12.2006
Weitere Enthüllungen im Dokumentarfilm von H.R. Minow - Teil 2
Heinrich Böll und Co
Von Hans Georg
Mehrere Chefkorrespondenten der führenden deutschen TV-Anstalten standen bei Beginn ihrer Karrieren in ARD und ZDF mit CIA-Vorfeldorganisationen in Kontakt. Treffpunkt war eine "geheimdienstlich finanzierte Villa in Rheinnähe", sagt Hans-Rüdiger Minow. Die Spitzenjournalisten wurden in Washington eingesetzt. Ihre Berichte aus der US-Hauptstadt beeinflussten das Millionenpublikum der öffentlich-rechtlichen TV-Kanäle. Mitglied der CIA-Vorfeldorganisationen sei auch der spätere Nobelpreisträger für Literatur, Heinrich Böll, gewesen.
Hochrangige Journalisten waren der CIA von Nutzen
Arbeitsaufträge erteilten demnach CIA-Führungsoffiziere mit Sitz in Paris, die in regelmäßigen Abständen ihre Kultur-Niederlassungen (unter anderem Köln, Hamburg, Westberlin und München) zu Prüfzwecken aufsuchten. Die bis in die späten sechziger Jahre nachweisbaren CIA-Aktivitäten erstreckten sich auch auf die Schweiz, Österreich und Italien. Dabei kam es zur Zusammenarbeit mit ehemaligen Spitzeln und hohen Amtsträgern des deutschen NS-Regimes und der Mussolini-Diktatur, belegt die Dokumentation an prominenten Beispielen. Auch auf das Nobelpreiskomitee nahm die CIA Einfluss.
Zu der Gruppe "hochrangiger Journalisten, die der CIA wissentlich oder unwissentlich in den deutschen Rundfunk- und Fernsehanstalten von Nutzen war" [1], gehören demnach Gerd Ruge (ARD) und Klaus Harpprecht (ZDF), die späteren Chefkorrespondenten von ARD und ZDF in den USA. Klaus Harpprecht habe in der Kölner CIA-Vorfeldorganisation "eine nicht unbedeutende Rolle" gespielt, sagt Minow.[2] Auch Gerd Ruge, "bis heute eine der beliebtesten TV-Persönlichkeiten", habe in der geheimdienstlich finanzierten Kölner Villa verkehrt. "Mit dem Geld der Pariser CIA-Zentrale (...) gab man Gartenparties oder Soirées zu anspruchsvollen Themen der Zeit. Da wurde ein großes Schleppnetz ausgelegt" - und es wurden Karrieren gemacht.

Karikatur: Kostas Koufogiorgos
www.koufogiorgos.de
Auch frühere Gestapo-Spitzel
Neben Klaus Harpprecht, dem späteren Mitarbeiter des deutschen Bundeskanzlers Willy Brandt [3], waren im Kölner CIA-Stützpunkt undurchsichtige Persönlichkeiten mit NS-Hintergrund aktiv. Laut Filmkommentar gehörte dazu ein früherer Gestapo-Lockspitzel, der mit dem Gründungsintendanten des deutschen Auslandssenders "Deutsche Welle" (DW) namentlich identisch ist. Dieser Zusammenhang wird im ARTE-Film nicht erwähnt. Ebenfalls mit dabei war der ehemalige Agent der NS-Auslandsspionage im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) Berend von Nottbeck. Nottbeck trat als Herausgeber von Schriften eines "Publizistischen Zentrums für die Einheit Deutschlands" (PZ-Archiv) hervor - eine dubiose Adresse mit direkten Terror- und CIA-Anbindungen.[4] Als Kopf der Kölner Gruppe fungierte der Böll-Freund und Böll-Verleger Joseph Caspar Witsch ("Kiepenheuer und Witsch"), ein früherer nationalsozialistischer Kulturfunktionär. An den politischen Aktivitäten der Gruppe nahm der spätere Nobelpreisträger Böll teil.

Wissentlich oder unwissentlich? - Gerd Ruge
Foto: WDR/MDR
Auch Ignazio Silone mit von der Partie
Ähnlich bizarre Verbindungen zwischen aufstrebenden Publizisten mit liberalem Selbstverständnis und schwer belasteten NS-Veteranen waren auch für die übrigen CIA-Niederlassungen typisch. So enthüllt der Dokumentarfilm, dass der V-Mann des italienischen CIA-Zweiges ("Für die Freiheit der Kultur"), der bekannte Schriftsteller Ignazio Silone, ein langjähriger Spitzel der Geheimpolizei Mussolinis gewesen ist, bevor er geheimdienstliche Tätigkeiten für die USA aufnahm. Silone verkehrte im Kreis um Böll und um den Kölner Verleger Witsch, der die Werke Silones in Deutschland verlegte. Das CIA-Netz reichte auch in die Schweiz, wo der prominente Polit-Literat Denis de Rougemont ein "Centre Européen de la Culture" aufzog. Über die Schweiz wurden von der CIA bedeutende Dollarbeträge verschoben. Wie Finanzabrechnungen der CIA belegen, überwies der US-Geheimdienst monatlich etwa 40.000,- DM nach Deutschland - unter anderem an die Kölner Gruppe, der auch Böll angehörte.
CIA-Kontakte zum Nobelpreiskomitee
Angesichts der späteren Nobelpreis-Verleihung an Heinrich Böll ist es besonders aufschlussreich, dass die Operationen der mit Böll bekannten CIA-Agenten bis in das Stockholmer Nobelpreiskomitee reichten. So lancierte das Pariser CIA-Hauptquartier in den 1960er Jahren eine subversive Kampagne, um die Verleihung des Nobelpreises an den chilenischen Dichter Pablo Neruda zu verhindern. Wie es in einem internen Dokument heißt, das der ARTE-Film zitiert, bediente man sich dabei der Hilfe des Stockholmer Nobelpreis-Sekretariats. Den Mitgliedern des Nobelpreis-Komitees wurden Dossiers und Artikel zugespielt, die auf Anweisung der CIA entstanden waren und Pablo Neruda lächerlich machen sollten. Ob die CIA in der Lage war, Nobelpreisverleihungen nicht nur zu verhindern, sondern auch zu befördern, ist unbekannt.
Fortdauernde Interessen einflussreicher Medien?
Obwohl die dem Film zugrunde liegenden Dokumente seit mehreren Jahren zugänglich sind, werden die darin aufscheinenden Verwicklungen namhafter deutscher Literaten, Journalisten und Bildender Künstler bis heute beschwiegen. Dies könnte an fortdauernden Interessen einflussreicher Medien liegen. Er erinnere sich "an manche 'CIA-Wässerchen'", die er in der Hamburger Kultur-Residentur der CIA getrunken habe, sagt der Justitiar des Hamburger Bucerius-Verlages in der TV-Dokumentation - mit "zahlreichen anderen Journalisten aus ZEIT und SPIEGEL".[5]
Mehr zum Thema unter http://www.german-foreign-policy.com
[1] Interview "Beliebte TV-Persönlichkeiten" in dieser NRhZ
[2] Den ersten Teil des Interviews brachte die NRhZ im Flyer 72 "Diamant in der Sammlung der CIA"
[3] Klaus Harpprecht: Im Kanzleramt. Tagebuch der Jahre mit Willy Brandt. Ohne Ortsangabe, 2000
[4] Zur "Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit", die als Mitherausgeberin der PZ-Publikationen ausgewiesen wird.
[5] Beliebte TV-Persönlichkeiten
Online-Flyer Nr. 73 vom 05.12.2006














