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Kultur und Wissen
Denn wer den Ball liebt...
Gegen den modernen Fußball
Von Hermann
Damals war Fußball noch überschaubar und die Slogans (der Ehrenspielführer sprach das Wort eher `Slogahan´ aus, was aber nichts macht, das beworbene Produkt nannte er auch `Kiggah´) durften das auch sein. Heutzutage wird an Aussagen eingehender gefeilt, was aber auch zu Missverständnissen führen kann.
Dieser Tage sah ich im Fernsehen die Frankfurter Westtribüne, an der ein Transparent mit der Aufschrift "Gegen den modernen Fußball" hing. Beim ahnungslosen Beobachter könnte so der Eindruck entstehen, bei den Schaffern dieses Spruchbandes handelt es sich um Verfechter der Liberoposition, von der aus der Ball in hohem Bogen zum rechten Läufer geschlagen werden soll. Das ist aber falsch. Die Gegner des modernen Fußballs haben in aller Regel nichts gegen Viererketten und gepflegtes Kurzpassspiel; sie meinen mit ihrer Aussage etwas anderes, was auf einem Transparent bei der bundesweiten Fan-Demonstration im Mai deutlicher formuliert zu lesen war: "Mehr Fußball - weniger Event". Denn zu den Zeiten, als erwachsene Männer erwachsene Männer noch mit `liebe Sportfreunde´ ansprechen durften, und manch einer die Frage nach seiner Spielposition mit `rechter Läufer´ beantwortete, konzentrierte sich der Fußball im Stadion noch auf das Wesentliche. Heute ist das anders. Wenn heute ein älterer Herr gesteht, er wäre seinerzeit `rechter Läufer´ gewesen, könnte bei manch einem der Verdacht aufkommen, es handelt sich um einen Leichtathleten, der bei den olympischen Spielen in Berlin für Nazideutschland antrat.

Montage: Hermann
Und der Fußball im Stadion ist längst nicht mehr auf sich allein gestellt. In den neunziger Jahren kamen die Verantwortlichen auf die Idee, dass der Stadionbesucher zur gepflegten Unterhaltung an einem Fußballnachmittag mehr benötigt, als nur Fußball. In der Zeit vor dem Anpfiff, einst als Gelegenheit genutzt, Jugendmannschaften einmal vor großer Kulisse spielen zu lassen, wurden plötzlich die Ballermann-Charts rauf und runter gespielt und dämliche Werbegeschenke von den Sponsoren verlost. Bei einem Spiel in dieser Entwicklungsphase wurde der Kölner Fan gleich mit zwei atemberaubenden Neuerungen überrascht: mit Cheerleadern und einer Sambagruppe. Die Sambagruppe wurde bald darauf wieder abgeschafft, mit den Cheerleadern geschah das leider nicht. Immerhin führten Proteste aus der Kurve dazu, dass diese ihr Können nicht mehr über neunzig Minuten unter Beweis stellen dürfen, ihre Zeit ist auf einen Auftritt vor Spielbeginn begrenzt. Das täuscht aber nicht darüber hinweg, dass Cheerleader etwa soviel mit Fußball zu tun haben, wie beispielsweise Alphornbläser. Der Vergleich wirkt vielleicht weit hergeholt, aber zeitweise sahen sich die Zuschauer in Müngersdorf mit einem mitunter befremdlichen Unterhaltungsprogramm in der Halbzeitpause konfrontiert.
Um zu verhindern, dass die Kurven die Pausenzeit selber zum Stimmungmachen nutzten, wurden erst einmal lokale Musikgruppen rekrutiert, die sich mit ihren vor den Bauch geschnallten Instrumenten zum Playback bewegen durften. Als dann alle regionalen Größen ihren Auftritt auf der Tartanbahn hatten, wurden weitere Kreise beim Aufspüren gepflegter Halbzeitpausenunterhaltung gezogen. So kamen wir in den Genuss, DJ Ötzi oder brasilianische Tänzerinnen bei ihrer Arbeit bewundern zu dürfen und glaubten, bei besagten Alphornbläsern das Ende der Fahnenstange erreicht zu haben. Aber das Niveau hatte immer noch Luft nach unten. Bewiesen wurde das bei der zum Jubiläumsspiel hochgejazzten Partie gegen den HSV 1998. Wem wurde wohl die Ehre zuteil, bei diesem geschichtsträchtigen Duell der Alt-Bundesligisten in Köln das musikalische Halbzeitprogramm zu bestreiten? Bläck Fööss, Höhner oder gar Willi Millowitsch? Falsch! Gefühlte Jahrzehnte nach Überschreitung des Mindesthaltbarkeitsdatums wurde "Geier Sturzflug" aus dem Hut gezaubert und dem bass erstaunten Publikum präsentiert. Beinahe logisch, dass dem geschmacklichen auch der sportliche Abstieg folgte; wenigstens wurde aber in der zweiten Liga von regelmäßigen Pausenauftritten bis auf weiteres abgesehen.
Doch bis heute folgt die im Stadion abgespielte Musik einem klaren Schema, das verhindert, dass sich die Stehplätze allzu freizügig Gehör verschaffen. Dabei versucht die Stadionregie aber krampfhaft, eine gewisse Reststimmung nicht zu ersticken, was die durchkonzeptionierte Beschallung noch unangenehmer wirken lässt. Vergangene Saison erschien ich nach langer Zeit zum Spiel gegen die Sportabteilung eines rechtsrheinischen Chemiekonzerns wieder einmal Stunden vor Anpfiff im Stadion, das munter kölsches Liedgut von sich gab. Als die Heimmannschaft den Rasen zwecks Aufwärmens betrat, wurde die Musik schlagartig flotter, um dann beim Erscheinen der Gäste abrupt zu verstummen, um die Pfiffe der Südkurve für alle hörbar zu machen. Die Reaktion des Gästeblocks ging dann aber wieder in lauter Karnevalsmusik unter. So etwas ist doch peinlich.
Wer sich bemüht, die Atmosphäre im Stadion zu kontrollieren, darf sich dann nicht so anbiedern. Entweder moderner Fußball oder gleich wieder bis kurz vor Anpfiff die Jugendmannschaften des Clubs Vorortvereine mit zweistelligen Niederlagen nach Hause schicken lassen. Alles, was dazwischen liegt, wirkt arg gewollt und wird der Hingabe der Sportfreunde nicht gerecht. Denn wer den Ball liebt, kann auf den modernen Rahmen gut verzichten.
Online-Flyer Nr. 75 vom 19.12.2006
Denn wer den Ball liebt...
Gegen den modernen Fußball
Von Hermann
Damals war Fußball noch überschaubar und die Slogans (der Ehrenspielführer sprach das Wort eher `Slogahan´ aus, was aber nichts macht, das beworbene Produkt nannte er auch `Kiggah´) durften das auch sein. Heutzutage wird an Aussagen eingehender gefeilt, was aber auch zu Missverständnissen führen kann.
Dieser Tage sah ich im Fernsehen die Frankfurter Westtribüne, an der ein Transparent mit der Aufschrift "Gegen den modernen Fußball" hing. Beim ahnungslosen Beobachter könnte so der Eindruck entstehen, bei den Schaffern dieses Spruchbandes handelt es sich um Verfechter der Liberoposition, von der aus der Ball in hohem Bogen zum rechten Läufer geschlagen werden soll. Das ist aber falsch. Die Gegner des modernen Fußballs haben in aller Regel nichts gegen Viererketten und gepflegtes Kurzpassspiel; sie meinen mit ihrer Aussage etwas anderes, was auf einem Transparent bei der bundesweiten Fan-Demonstration im Mai deutlicher formuliert zu lesen war: "Mehr Fußball - weniger Event". Denn zu den Zeiten, als erwachsene Männer erwachsene Männer noch mit `liebe Sportfreunde´ ansprechen durften, und manch einer die Frage nach seiner Spielposition mit `rechter Läufer´ beantwortete, konzentrierte sich der Fußball im Stadion noch auf das Wesentliche. Heute ist das anders. Wenn heute ein älterer Herr gesteht, er wäre seinerzeit `rechter Läufer´ gewesen, könnte bei manch einem der Verdacht aufkommen, es handelt sich um einen Leichtathleten, der bei den olympischen Spielen in Berlin für Nazideutschland antrat.

Montage: Hermann
Und der Fußball im Stadion ist längst nicht mehr auf sich allein gestellt. In den neunziger Jahren kamen die Verantwortlichen auf die Idee, dass der Stadionbesucher zur gepflegten Unterhaltung an einem Fußballnachmittag mehr benötigt, als nur Fußball. In der Zeit vor dem Anpfiff, einst als Gelegenheit genutzt, Jugendmannschaften einmal vor großer Kulisse spielen zu lassen, wurden plötzlich die Ballermann-Charts rauf und runter gespielt und dämliche Werbegeschenke von den Sponsoren verlost. Bei einem Spiel in dieser Entwicklungsphase wurde der Kölner Fan gleich mit zwei atemberaubenden Neuerungen überrascht: mit Cheerleadern und einer Sambagruppe. Die Sambagruppe wurde bald darauf wieder abgeschafft, mit den Cheerleadern geschah das leider nicht. Immerhin führten Proteste aus der Kurve dazu, dass diese ihr Können nicht mehr über neunzig Minuten unter Beweis stellen dürfen, ihre Zeit ist auf einen Auftritt vor Spielbeginn begrenzt. Das täuscht aber nicht darüber hinweg, dass Cheerleader etwa soviel mit Fußball zu tun haben, wie beispielsweise Alphornbläser. Der Vergleich wirkt vielleicht weit hergeholt, aber zeitweise sahen sich die Zuschauer in Müngersdorf mit einem mitunter befremdlichen Unterhaltungsprogramm in der Halbzeitpause konfrontiert.
Um zu verhindern, dass die Kurven die Pausenzeit selber zum Stimmungmachen nutzten, wurden erst einmal lokale Musikgruppen rekrutiert, die sich mit ihren vor den Bauch geschnallten Instrumenten zum Playback bewegen durften. Als dann alle regionalen Größen ihren Auftritt auf der Tartanbahn hatten, wurden weitere Kreise beim Aufspüren gepflegter Halbzeitpausenunterhaltung gezogen. So kamen wir in den Genuss, DJ Ötzi oder brasilianische Tänzerinnen bei ihrer Arbeit bewundern zu dürfen und glaubten, bei besagten Alphornbläsern das Ende der Fahnenstange erreicht zu haben. Aber das Niveau hatte immer noch Luft nach unten. Bewiesen wurde das bei der zum Jubiläumsspiel hochgejazzten Partie gegen den HSV 1998. Wem wurde wohl die Ehre zuteil, bei diesem geschichtsträchtigen Duell der Alt-Bundesligisten in Köln das musikalische Halbzeitprogramm zu bestreiten? Bläck Fööss, Höhner oder gar Willi Millowitsch? Falsch! Gefühlte Jahrzehnte nach Überschreitung des Mindesthaltbarkeitsdatums wurde "Geier Sturzflug" aus dem Hut gezaubert und dem bass erstaunten Publikum präsentiert. Beinahe logisch, dass dem geschmacklichen auch der sportliche Abstieg folgte; wenigstens wurde aber in der zweiten Liga von regelmäßigen Pausenauftritten bis auf weiteres abgesehen.
Doch bis heute folgt die im Stadion abgespielte Musik einem klaren Schema, das verhindert, dass sich die Stehplätze allzu freizügig Gehör verschaffen. Dabei versucht die Stadionregie aber krampfhaft, eine gewisse Reststimmung nicht zu ersticken, was die durchkonzeptionierte Beschallung noch unangenehmer wirken lässt. Vergangene Saison erschien ich nach langer Zeit zum Spiel gegen die Sportabteilung eines rechtsrheinischen Chemiekonzerns wieder einmal Stunden vor Anpfiff im Stadion, das munter kölsches Liedgut von sich gab. Als die Heimmannschaft den Rasen zwecks Aufwärmens betrat, wurde die Musik schlagartig flotter, um dann beim Erscheinen der Gäste abrupt zu verstummen, um die Pfiffe der Südkurve für alle hörbar zu machen. Die Reaktion des Gästeblocks ging dann aber wieder in lauter Karnevalsmusik unter. So etwas ist doch peinlich.
Wer sich bemüht, die Atmosphäre im Stadion zu kontrollieren, darf sich dann nicht so anbiedern. Entweder moderner Fußball oder gleich wieder bis kurz vor Anpfiff die Jugendmannschaften des Clubs Vorortvereine mit zweistelligen Niederlagen nach Hause schicken lassen. Alles, was dazwischen liegt, wirkt arg gewollt und wird der Hingabe der Sportfreunde nicht gerecht. Denn wer den Ball liebt, kann auf den modernen Rahmen gut verzichten.
Online-Flyer Nr. 75 vom 19.12.2006














