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Krieg und Frieden
Reportage aus Nablus im Westjordanland
Leidenschaft und Apathie
Von Jonathan Ben Efrat - Challenge

Foto: Nasser e-Shtay und Jonathan Ben Efrat
„Seit vierzehn Jahren mache ich Fotos“, erzählt Nasser e-Shtay. „aber heute habe ich nicht geglaubt, dass ich lebend nachhause komme. Der Hass zwischen den Gruppierungen hat die Flammen so hoch auflodern lassen, wie ich nicht einmal in den Kämpfen mit der IDF erlebt habe. Zehn Zivilisten haben sie heute verwundet. Sie waren bereit auf alles und jeden zu schießen, einschließlich der Journalisten und Fotografen, die versucht haben, ihre fadikha (Peinlichkeit) zu covern.
Warum fadikha? „Weil gleichzeitig die palästinensischen Führer beider Seiten mit der Geschichte der nationalen Einheit hausieren gingen.“ Die fadikha wurde bald öffentlich. Innerhalb von zwei Stunden standen Nassers Fotos auf der Website von Associated Press und wurden von dort an führende Zeitungen aus Israel und der ganzen Welt verkauft. Die Bilder ließen den Mythos von der nationalen Einheit platzen. Sie bestätigen die Tatsache, dass der Bürgerkrieg um sich greift.
Da gab es wenigstens etwas zu essen
Eine der Hauptursachen des Konflikts ist die internationale Wirtschaftblockade. Alle haben ihre Finger drin: die Europäer, Israel, die USA und die arabischen Staaten versuchen, das Hamas-Regime zu unterminieren. Der Fatah kommt die Krise recht. Wenn es keine nationale Einheit gibt, dann soll es wenigstens innerhalb der Fatah eine Einheit geben, Jetzt, wo sich alle Fraktionen hinter Abu Mazen scharen, spricht niemand von Reformen oder greift den korrupten Tunis-Flügel an.
Nasser e-Shtay ist Basisaktivist und kennt die Stimmung auf der Straße. „Heute“, sagt er, „wollen die Hälfte derer, die für Hamas gestimmt haben, die korrupte Fatah-Regierung wiederhaben. Unter ihr gab es dank der Geberländer wenigstens etwas zu essen.“
Am Samstagmorgen wimmelt es auf dem Markt von Nablus vor Menschen. Das Opferfest naht und es ist Sitte, sich mit Nahrung einzudecken und zu feiern. Dieses Jahr kaufen nur wenige. Die Leute schauen nur die Auslagen an. Die Händler haben alle Spuren des Kampfs entfernt. Sie haben ihre Stände in leuchtenden Farben geschmückt, um die Menge von der Apathie und Niedergeschlagenheit abzulenken. Das palästinensische Volk gehorcht seinen Anführern und diese haben die Rückkehr zur Routine angeordnet.
Zu viele Interessen spielen eine Rolle
Nur die linke Organisationen durchbrechen sie an diesem Morgen. Zwischen Bananen- und Zitrusständen demonstrieren etwa Hundert von ihnen – gegen das Chaos in der PA und für die Einheit. Die Menge ist gleichgültig. Aus dem Hintergrund, vom Berg, hört man Gewehrschüsse.
Majida al-Masri, Mitglied der DFLP, der Demokratischen Front zur Befreiung Palästinas, gehört zu den höchsten linken Führern in Nablus. Fast die ganze Nacht war sie auf den Beinen, um zwischen Hamas und Fatah zu vermitteln. „Die Lage ist schwierig“, sagt sei. „Man kann nichts erreichen, wenn jede der Seiten in eine andere Richtung zieht.“ Für sie steht es außer Zweifel, das Hamas Abu Mazens Position akzeptieren und einer Regierung der nationalen Einheit zustimmen muss. Das sei das Beste, sagt sie, damit die Leute wieder Energie tanken können.
Doch zu viele Interessen spielen eine Rolle. Die Fatah-Mitglieder ärgern sich über Hamas, weil diese an der Regierung bleiben, sich aber nicht, wie Fatah 1993 in Oslo, dem Westen und Israel beugen will. Die Hamas-Mitglieder sind nicht bereit die Bedingungen des Westens zu akzeptieren, weil sie nicht die Grundprinzipien ihrer Bewegung aufgeben wollen. Keine Seite will den Bürgerkrieg, doch die Kluft zwischen ihnen ist tief. Bei seinem jüngsten Besuch in Teheran ließ Premierminister Ismail Haniyeh, Hamas, keinen Zweifel daran aufkommen, welchem Lager seine Bewegung angehört. Und Abu Mazen hat bei seinem Samstagabend-Besuch bei Israels Premierminister Ehud Olmert keinen Zweifel daran gelassen, in welchem Lager Fatah steht.
Derzeit gibt keine Seite nach und die Anti-Hamas-Koalition strebt einen Staatsstreich an. Nasser e-Shtay wird da sein, um ihn zu fotografieren. Und Majida al-Masri? Vielleicht wird sie, statt weiter aussichtslose Versuche zu unternehmen, die streitenden Parteien an einen Tisch zu bringen, ihrem Volk eine linke Alternative bieten, eine, die nicht in Washington oder Teheran erdacht wurde.
Übersetzung: Endy Hagen
Mehr zum Thema: www.challenge-mag.com
Online-Flyer Nr. 78 vom 17.01.2007
Reportage aus Nablus im Westjordanland
Leidenschaft und Apathie
Von Jonathan Ben Efrat - Challenge

Foto: Nasser e-Shtay und Jonathan Ben Efrat
„Seit vierzehn Jahren mache ich Fotos“, erzählt Nasser e-Shtay. „aber heute habe ich nicht geglaubt, dass ich lebend nachhause komme. Der Hass zwischen den Gruppierungen hat die Flammen so hoch auflodern lassen, wie ich nicht einmal in den Kämpfen mit der IDF erlebt habe. Zehn Zivilisten haben sie heute verwundet. Sie waren bereit auf alles und jeden zu schießen, einschließlich der Journalisten und Fotografen, die versucht haben, ihre fadikha (Peinlichkeit) zu covern.
Warum fadikha? „Weil gleichzeitig die palästinensischen Führer beider Seiten mit der Geschichte der nationalen Einheit hausieren gingen.“ Die fadikha wurde bald öffentlich. Innerhalb von zwei Stunden standen Nassers Fotos auf der Website von Associated Press und wurden von dort an führende Zeitungen aus Israel und der ganzen Welt verkauft. Die Bilder ließen den Mythos von der nationalen Einheit platzen. Sie bestätigen die Tatsache, dass der Bürgerkrieg um sich greift.
Da gab es wenigstens etwas zu essen
Eine der Hauptursachen des Konflikts ist die internationale Wirtschaftblockade. Alle haben ihre Finger drin: die Europäer, Israel, die USA und die arabischen Staaten versuchen, das Hamas-Regime zu unterminieren. Der Fatah kommt die Krise recht. Wenn es keine nationale Einheit gibt, dann soll es wenigstens innerhalb der Fatah eine Einheit geben, Jetzt, wo sich alle Fraktionen hinter Abu Mazen scharen, spricht niemand von Reformen oder greift den korrupten Tunis-Flügel an.
Nasser e-Shtay ist Basisaktivist und kennt die Stimmung auf der Straße. „Heute“, sagt er, „wollen die Hälfte derer, die für Hamas gestimmt haben, die korrupte Fatah-Regierung wiederhaben. Unter ihr gab es dank der Geberländer wenigstens etwas zu essen.“
Am Samstagmorgen wimmelt es auf dem Markt von Nablus vor Menschen. Das Opferfest naht und es ist Sitte, sich mit Nahrung einzudecken und zu feiern. Dieses Jahr kaufen nur wenige. Die Leute schauen nur die Auslagen an. Die Händler haben alle Spuren des Kampfs entfernt. Sie haben ihre Stände in leuchtenden Farben geschmückt, um die Menge von der Apathie und Niedergeschlagenheit abzulenken. Das palästinensische Volk gehorcht seinen Anführern und diese haben die Rückkehr zur Routine angeordnet.
Zu viele Interessen spielen eine Rolle
Nur die linke Organisationen durchbrechen sie an diesem Morgen. Zwischen Bananen- und Zitrusständen demonstrieren etwa Hundert von ihnen – gegen das Chaos in der PA und für die Einheit. Die Menge ist gleichgültig. Aus dem Hintergrund, vom Berg, hört man Gewehrschüsse.
Majida al-Masri, Mitglied der DFLP, der Demokratischen Front zur Befreiung Palästinas, gehört zu den höchsten linken Führern in Nablus. Fast die ganze Nacht war sie auf den Beinen, um zwischen Hamas und Fatah zu vermitteln. „Die Lage ist schwierig“, sagt sei. „Man kann nichts erreichen, wenn jede der Seiten in eine andere Richtung zieht.“ Für sie steht es außer Zweifel, das Hamas Abu Mazens Position akzeptieren und einer Regierung der nationalen Einheit zustimmen muss. Das sei das Beste, sagt sie, damit die Leute wieder Energie tanken können.
Doch zu viele Interessen spielen eine Rolle. Die Fatah-Mitglieder ärgern sich über Hamas, weil diese an der Regierung bleiben, sich aber nicht, wie Fatah 1993 in Oslo, dem Westen und Israel beugen will. Die Hamas-Mitglieder sind nicht bereit die Bedingungen des Westens zu akzeptieren, weil sie nicht die Grundprinzipien ihrer Bewegung aufgeben wollen. Keine Seite will den Bürgerkrieg, doch die Kluft zwischen ihnen ist tief. Bei seinem jüngsten Besuch in Teheran ließ Premierminister Ismail Haniyeh, Hamas, keinen Zweifel daran aufkommen, welchem Lager seine Bewegung angehört. Und Abu Mazen hat bei seinem Samstagabend-Besuch bei Israels Premierminister Ehud Olmert keinen Zweifel daran gelassen, in welchem Lager Fatah steht.
Derzeit gibt keine Seite nach und die Anti-Hamas-Koalition strebt einen Staatsstreich an. Nasser e-Shtay wird da sein, um ihn zu fotografieren. Und Majida al-Masri? Vielleicht wird sie, statt weiter aussichtslose Versuche zu unternehmen, die streitenden Parteien an einen Tisch zu bringen, ihrem Volk eine linke Alternative bieten, eine, die nicht in Washington oder Teheran erdacht wurde.
Übersetzung: Endy Hagen
Mehr zum Thema: www.challenge-mag.com
Online-Flyer Nr. 78 vom 17.01.2007














