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Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Krieg und Frieden
Schleichende Vertreibung in Hebron
Die ehemalige Shuhada Straße
Von Judy Roberts
„Rache“ ist seit der Ankunft der Siedler in Hebron 1968 häufig der Schlachtruf ihrer Anführer gewesen. Was aus ihrer Sicht gerächt werden muss, ist das Massaker an 67 Juden, das 1929 während der arabischen Aufstände in ganz Palästina hier in Hebron stattgefunden hat. „Denkt an '29“ ist das Mantra der Selbstrechtfertigung, wenn die Siedler – bislang erfolgreich – im alten Teil der Stadt Viertel um Viertel übernehmen, um die Palästinenser zum Weggang zu veranlassen.

Die Altstadt von Hebron
Karte: Challenge
Verboten für Palästinenser
Unser Rundgang wird von „Breaking the Silence“ organisiert, einer kleinen Gruppe Soldaten, die seit 2004 die israelische Öffentlichkeit mit Ausstellungen konfrontiert, in denen die Taten der Armee gegen unschuldige Zivilisten in Hebron und den übrigen Besetzten Gebieten zu betrachten sind – auch ihre eigenen. Unser Führer ist einer dieser Soldaten: Mikhael Manekin. 2002 hat er in Hebron gedient, aber auch in Jenin, Nablus und Ramallah.
Als Israelis dürfen wir die Shuhada benutzen. Palästinenser werden seit Jahren von ihr ferngehalten. Seit 2003 sind alle Läden dort geschlossen. Vor kurzem hat sich herausgestellt, dass nie ein schriftlicher Befehl existiert hat, die Shuhada für Palästinenser zu schließen. Da sie trotzdem geschlossen war, erging im Januar ein Befehl, sie wieder für sie zu öffnen. Dann verbot die Armee ihnen wieder, sie zu betreten – eine Aktion, die Manekin zufolge, vor Gericht nicht haltbar wäre.
Im Gehen entdecken wir ein weiteres Graffiti auf Hebräisch: „Gott ist der König – Tod denen, die ihn verraten“ – ein Fluch gegen die israelische Regierung wegen des Rückzugs aus Gaza.

Im Herzen Hebrons - Beit Hadassah
Die Logik der „Sicherung des Friedens“
Aus Sicht der Armee liegt das Problem mit der Shuhada Straße in ihrer Nähe zu den Vierteln jüdischer Siedler: Beit Hadassah, Beit Romano und Avraham Avinu. Dürften sich sowohl Palästinenser als auch Juden auf der Shuhada bewegen – wie vor dem Ausbruch der zweiten Intifada – wäre die Gewalt noch größer als sie es jetzt schon ist. Gemäß der Logik der „Sicherung des Friedens“ unter der Besatzung sind es die Palästinenser, die ferngehalten werden.

Die Armee hält Juden und Palästinenser voneinander getrennt
Avraham Avinu ist das größte der Siedler-Viertel, etwa 100 Bewohner leben dort in Neubauten. Die Gelder kommen von der israelischen Regierung und amerikanischen Spendern, darunter evangelikale Christen. Dazu gehören eine Synagoge, die die Jordanier bis 1967 als Müllhalde benutzt haben, und eine ehemalige Moschee, die sich jetzt rühmen kann, einen Streichelzoo für Siedlerkinder zu beherbergen.
Die meisten Palästinenser, die einmal in Avraham Avinu gelebt haben, sind weggezogen. Eine Entschädigung haben sie nicht erhalten, denn man behauptet, sie seien aus eigenem Antrieb gegangen.Alle Ein- und Ausgänge bis auf einen sind von der Armee gesperrt, die die Aufgabe hat, die Palästinenser und Juden auf ihrem jeweiligen Gebiet zu halten. Die wenigen verbliebenen arabischen Familien brauchen eine Erlaubnis der Armee, um dort zu leben.

Auf den Drahtnetzen über der Shuhada sammelt sich der Müll der Siedler
Fotos: Martina Schwarz.
Überbleibsel eines vergangenen Optimismus
Wir kehren auf die schaurig leere Shuhada Straße zurück. Der Teil, auf dem wir uns jetzt bewegen, zeichnet sich durch mit roten Backsteinen gepflasterte Bürgersteige und malerische Straßenlaternen aus, Teil einer von der internationalen Gemeinschaft und US-Aid 1997 finanzierten Renovierung. Diese Überbleibsel eines vergangenen Optimismus stehen in Widerspruch zu den metallenen Maschendrahtkäfigen, die die Balkons von vier Häusern umgeben, in denen immer noch Palästinenser leben. Sie können ihre Häuser nicht durch den Vordereingang verlassen, denn die Türen sind von außen verrammelt. Stattdessen müssen sie die Fenster auf der Rückseite ihrer Wohnungen nehmen und über die Dächer klettern.
Die Geschichte Hebrons
Hebron, mit 150.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt auf der Westbank, ist zugleich die südlichste palästinensische Stadt, gebaut auf der Wasserscheide der zentralen Gebirgskette. Sie ist die einzige Stadt Palästinas, in der sich israelische Siedlungen befinden. Seit zwei Jahrtausenden ist sie für ein prachtvolles Gebäude berühmt, das von Herodes dem Großen zu Ehren der mutmaßlichen Grabstätten von Abraham, seiner Frau Sarah, Isaak, Rebekka, Jakob und Leah geschaffen wurde. Nach der Eroberung durch die Araber 640 vor Christus wurde das Gebäude zur Moschee umgebaut, Ibrahimi genannt.
Ende des 16. Jahrhunderts zogen wieder Juden nach Hebron. Dort lebten sie in relativer Harmonie mit ihren palästinensischen Nachbarn, bis sich in den 20ern die zionistische Bewegung als Bedrohung künftiger arabischer Souveränität abzuzeichnen begann. Hier lag die tiefere Ursache der Gräueltat von 1929. Im Krieg von 1948 übernahm Jordanien die Stadt, 1967 wurde sie von Israel erobert.
Die Ankunft der Siedler
Im Jahr darauf kamen die jüdischen Siedler, die die Versuche der Regierung, sie wieder zu entfernen, unterliefen, indem sie sich auf die Tatsache beriefen, dass Juden dort gelebt hätten und abgeschlachtet worden seien. Als Kompromiss gründete die Regierung östlich der Stadt in der Nähe des Grabs der Patriarchen, der Ibrahimi Moschee, eine neue Siedlung namens Kiryat Arba. Angesichts der Gesamtsituation war damit das Desaster vorprogrammiert: Bewaffnete Juden aus den Siedlungen – in palästinensischen Augen Repräsentanten der Besatzung – gingen regelmäßig zum Gebet zu den Gräbern; Teile der Moschee waren in zwei Synagogen umgewandelt worden.
1979 schlich sich eine Gruppe Frauen und Kinder in einen ehemaligen jüdischen Besitz an der Shuhada Straße, das Hadassah Haus. Die Regierung Menahem Begin wagte nicht, sie zu räumen. An einem Sabbatabend 1980, als eine Gruppe jüdischer Männer in ihrer üblichen festlichen Prozession vom Grab der Patriarchen nach Hadassah zog, wurden sie von Palästinensern angegriffen und sechs von ihnen getötet. Daraufhin gestattete Begin den Ehemännern, zu ihren Frauen und Kindern ins Beit Hadassah zu ziehen und begründete damit die erste jüdische Siedlung in einer palästinensischen Stadt. Weitere folgten.
Im Februar 1994 stieg Dr. Baruch Goldstein – in einem (wohl erfolgreichen) Versuch, den Oslo-Prozess entgleisen zu lassen – während der muslimischen Ramadan-Gebete von Kiryat Arba zum Grab der Patriarchen hinab. Er ermordete 29 Betende und verwundete weitere 120, ehe ihn die Überlebenden töteten. Der Vorfall hätte Premierminister Yitzhak Rabin eine Rechtfertigung geboten, die lästigen Siedlungen aus dem Herzen der Stadt zu entfernen, doch er bekam kalte Füße und stellte stattdessen die Palästinenser unter Hausarrest. Goldsteins Grab in Kiryat Arba ist seitdem ein Anziehungspunkt für Pilgerfahrten der Siedler geworden.
Die Aufteilung der Stadt
Gemäß Oslo sollte sich Israel aus den palästinensischen Städten zurückziehen. Hebron stellte wegen der in ihm liegenden Siedlungen ein Problem dar. Das sollte durch das Wye-Abkommen von 1997 gelöst werden: die Stadt wurde geteilt. Gebiet H-1 (10 km²), unter palästinensischer Kontrolle, umfasste damals 120.000 Menschen. Gebiet H-2, (4,3 km²) umschloss die Altstadt mit dem Ibrahimi Moschee und dem früheren Handelszentrum um die Shuhada Straße. Es wurde den israelischen Sicherheitskräften unterstellt, auch wenn die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) die zivile Zuständigkeit für die dort lebenden 35.000 Palästinenser hatte. Die etwa 500 jüdischen Siedler in H-2 hatten und haben Zugang zu etwa 10 Prozent des Gebiets.
Vertreibung
Seit dem Ausbruch der Intifada im September 2000 hat der durch Siedler und Armee auf die Palästinenser in H-2 ausgeübte Druck zu einem massiven Exodus geführt. B’tselem [1] hat 2003 versucht, die Zahlen festzustellen: Von 169 Familien, die an den drei an die Siedlungen grenzenden Straßen lebten, waren zu diesem Zeitpunkt bereits 73 weggezogen.
Einen weiteren Hinweis geben die Schülerzahlen. So hatte die der Siedlung Beit Romano gegenüber liegende Cordova Schule vor der Intifada 500 Schüler. Zum Zeitpunkt der Untersuchung von B’tselem 2003 hatte sie 130. Heute hat sie Mikhael Manekin zufolge 80. Der Direktor der Schule versucht, deren Unterrichtsschluss so zu legen, dass sie die Schule verlassen, solange die jüdischen Schüler noch Unterricht haben.
Die Aktionen der Siedler, die organisiertes Steineschmeißen ihrer Kinder ebenso umfassen wie das Werfen mit Abfall, Bespucken oder das Begießen mit Eimern voller Urin, sind Teil einer Strategie, die Palästinenser zum Weggang zu bewegen, zu einer Übergabe, damit die Altstadt von Hebron (und am Ende die ganze Stadt) jüdischen Siedlern offensteht. Wie die oben genannten Zahlen zeigen, funktioniert diese Strategie.
Auch die Armee trägt ihr Scherflein bei. Die Ausgangssperren, die sie regelmäßig über die Palästinenser verhängt, machen jegliches normale Leben unmöglich. Kommt es zu Zusammenstößen, werden die beiden Seiten getrennt und es wird auf palästinensische Kosten ein „steriles“ Gebiet geschaffen. Die Armee beschützt die Siedler, aber sie hat nicht die Befugnis, umgekehrt die Palästinenser vor den Siedlern zu schützen. Sowohl Armee als auch Polizei dürfen Palästinenser verhaften, doch nur die Polizei darf einen Siedler festnehmen. Wie in der übrigen Westbank gilt unterschiedliches Recht: Kriegsrecht für die Palästinenser, israelisches Recht für die Siedler.
„Wir alle bringen unsern Kindern bei, was richtig ist“
Wir sind an dem Punkt der Shuhada Straße angelangt, wo H-2 und H-1 aufeinander treffen. Aus H-1 dringt das Summen einer lebendigen Stadt herüber. Neue Gebäude wachsen in die Höhe, auch eine Moschee und ein Einkaufszentrum. Wir bleiben in H2 und gehen weiter die Tarpat Straße hinauf (ihr hebräischer Name bedeutet 1929), um ein palästinensisches Haus zu besuchen; es gehört Hassem Abu Azza. Er erzählt uns, er spreche mit jedem, der gegen Gewalt sei. Er arbeitet in H2 bei der UNRWA [2]. Abu Azza zeigt uns zwei Filme. Einer wurde in einem palästinensischen Haus aufgenommen. Es zeigt eine Horde ungebärdiger junger Juden, die am Sabbat in das Haus eindringen, viele rufen: „Rache!“. Sie reißen das Tor ein und brechen durch die Türen. Der zweite Film zeigt eine Gruppe palästinensischer Schulkinder aus der Cordova Schule, die von jungen Juden drangsaliert werden.
Während seine Frau den Tee serviert, merkt Abu Azza an, dass es in jeder Gesellschaft Gute und Böse gäbe. Beim Gehen durchqueren wir den Garten der Familie; dort wächst ein alter Olivenbaum, ein Granatapfelbaum, ein Mandelbaum, und es gibt eine zerbrochene Steinmauer. Oberhalb liegt Tel Rumeida, das biblische Hebron. Heute steht dort eine Gruppe Trailer – noch eine israelische Siedlung.
Aus dem Englischen von Endy Hagen
Judy Roberts ist freie Mitarbeiterin des in Tel Aviv und Jaffa von Arabern und Juden herausgegebenen Zweimonats-Magazins Challenge - www.challenge-mag.com
[1] Israelische Menschenrechtsorganisation
[2] United Nations Relief and Works Agency
Online-Flyer Nr. 88 vom 28.03.2007
Schleichende Vertreibung in Hebron
Die ehemalige Shuhada Straße
Von Judy Roberts
„Rache“ ist seit der Ankunft der Siedler in Hebron 1968 häufig der Schlachtruf ihrer Anführer gewesen. Was aus ihrer Sicht gerächt werden muss, ist das Massaker an 67 Juden, das 1929 während der arabischen Aufstände in ganz Palästina hier in Hebron stattgefunden hat. „Denkt an '29“ ist das Mantra der Selbstrechtfertigung, wenn die Siedler – bislang erfolgreich – im alten Teil der Stadt Viertel um Viertel übernehmen, um die Palästinenser zum Weggang zu veranlassen.

Die Altstadt von Hebron
Karte: Challenge
Verboten für Palästinenser
Unser Rundgang wird von „Breaking the Silence“ organisiert, einer kleinen Gruppe Soldaten, die seit 2004 die israelische Öffentlichkeit mit Ausstellungen konfrontiert, in denen die Taten der Armee gegen unschuldige Zivilisten in Hebron und den übrigen Besetzten Gebieten zu betrachten sind – auch ihre eigenen. Unser Führer ist einer dieser Soldaten: Mikhael Manekin. 2002 hat er in Hebron gedient, aber auch in Jenin, Nablus und Ramallah.
Als Israelis dürfen wir die Shuhada benutzen. Palästinenser werden seit Jahren von ihr ferngehalten. Seit 2003 sind alle Läden dort geschlossen. Vor kurzem hat sich herausgestellt, dass nie ein schriftlicher Befehl existiert hat, die Shuhada für Palästinenser zu schließen. Da sie trotzdem geschlossen war, erging im Januar ein Befehl, sie wieder für sie zu öffnen. Dann verbot die Armee ihnen wieder, sie zu betreten – eine Aktion, die Manekin zufolge, vor Gericht nicht haltbar wäre.
Im Gehen entdecken wir ein weiteres Graffiti auf Hebräisch: „Gott ist der König – Tod denen, die ihn verraten“ – ein Fluch gegen die israelische Regierung wegen des Rückzugs aus Gaza.

Im Herzen Hebrons - Beit Hadassah
Die Logik der „Sicherung des Friedens“
Aus Sicht der Armee liegt das Problem mit der Shuhada Straße in ihrer Nähe zu den Vierteln jüdischer Siedler: Beit Hadassah, Beit Romano und Avraham Avinu. Dürften sich sowohl Palästinenser als auch Juden auf der Shuhada bewegen – wie vor dem Ausbruch der zweiten Intifada – wäre die Gewalt noch größer als sie es jetzt schon ist. Gemäß der Logik der „Sicherung des Friedens“ unter der Besatzung sind es die Palästinenser, die ferngehalten werden.

Die Armee hält Juden und Palästinenser voneinander getrennt
Avraham Avinu ist das größte der Siedler-Viertel, etwa 100 Bewohner leben dort in Neubauten. Die Gelder kommen von der israelischen Regierung und amerikanischen Spendern, darunter evangelikale Christen. Dazu gehören eine Synagoge, die die Jordanier bis 1967 als Müllhalde benutzt haben, und eine ehemalige Moschee, die sich jetzt rühmen kann, einen Streichelzoo für Siedlerkinder zu beherbergen.
Die meisten Palästinenser, die einmal in Avraham Avinu gelebt haben, sind weggezogen. Eine Entschädigung haben sie nicht erhalten, denn man behauptet, sie seien aus eigenem Antrieb gegangen.Alle Ein- und Ausgänge bis auf einen sind von der Armee gesperrt, die die Aufgabe hat, die Palästinenser und Juden auf ihrem jeweiligen Gebiet zu halten. Die wenigen verbliebenen arabischen Familien brauchen eine Erlaubnis der Armee, um dort zu leben.

Auf den Drahtnetzen über der Shuhada sammelt sich der Müll der Siedler
Fotos: Martina Schwarz.
Überbleibsel eines vergangenen Optimismus
Wir kehren auf die schaurig leere Shuhada Straße zurück. Der Teil, auf dem wir uns jetzt bewegen, zeichnet sich durch mit roten Backsteinen gepflasterte Bürgersteige und malerische Straßenlaternen aus, Teil einer von der internationalen Gemeinschaft und US-Aid 1997 finanzierten Renovierung. Diese Überbleibsel eines vergangenen Optimismus stehen in Widerspruch zu den metallenen Maschendrahtkäfigen, die die Balkons von vier Häusern umgeben, in denen immer noch Palästinenser leben. Sie können ihre Häuser nicht durch den Vordereingang verlassen, denn die Türen sind von außen verrammelt. Stattdessen müssen sie die Fenster auf der Rückseite ihrer Wohnungen nehmen und über die Dächer klettern.
Die Geschichte Hebrons
Hebron, mit 150.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt auf der Westbank, ist zugleich die südlichste palästinensische Stadt, gebaut auf der Wasserscheide der zentralen Gebirgskette. Sie ist die einzige Stadt Palästinas, in der sich israelische Siedlungen befinden. Seit zwei Jahrtausenden ist sie für ein prachtvolles Gebäude berühmt, das von Herodes dem Großen zu Ehren der mutmaßlichen Grabstätten von Abraham, seiner Frau Sarah, Isaak, Rebekka, Jakob und Leah geschaffen wurde. Nach der Eroberung durch die Araber 640 vor Christus wurde das Gebäude zur Moschee umgebaut, Ibrahimi genannt.
Ende des 16. Jahrhunderts zogen wieder Juden nach Hebron. Dort lebten sie in relativer Harmonie mit ihren palästinensischen Nachbarn, bis sich in den 20ern die zionistische Bewegung als Bedrohung künftiger arabischer Souveränität abzuzeichnen begann. Hier lag die tiefere Ursache der Gräueltat von 1929. Im Krieg von 1948 übernahm Jordanien die Stadt, 1967 wurde sie von Israel erobert.
Die Ankunft der Siedler
Im Jahr darauf kamen die jüdischen Siedler, die die Versuche der Regierung, sie wieder zu entfernen, unterliefen, indem sie sich auf die Tatsache beriefen, dass Juden dort gelebt hätten und abgeschlachtet worden seien. Als Kompromiss gründete die Regierung östlich der Stadt in der Nähe des Grabs der Patriarchen, der Ibrahimi Moschee, eine neue Siedlung namens Kiryat Arba. Angesichts der Gesamtsituation war damit das Desaster vorprogrammiert: Bewaffnete Juden aus den Siedlungen – in palästinensischen Augen Repräsentanten der Besatzung – gingen regelmäßig zum Gebet zu den Gräbern; Teile der Moschee waren in zwei Synagogen umgewandelt worden.
1979 schlich sich eine Gruppe Frauen und Kinder in einen ehemaligen jüdischen Besitz an der Shuhada Straße, das Hadassah Haus. Die Regierung Menahem Begin wagte nicht, sie zu räumen. An einem Sabbatabend 1980, als eine Gruppe jüdischer Männer in ihrer üblichen festlichen Prozession vom Grab der Patriarchen nach Hadassah zog, wurden sie von Palästinensern angegriffen und sechs von ihnen getötet. Daraufhin gestattete Begin den Ehemännern, zu ihren Frauen und Kindern ins Beit Hadassah zu ziehen und begründete damit die erste jüdische Siedlung in einer palästinensischen Stadt. Weitere folgten.
Im Februar 1994 stieg Dr. Baruch Goldstein – in einem (wohl erfolgreichen) Versuch, den Oslo-Prozess entgleisen zu lassen – während der muslimischen Ramadan-Gebete von Kiryat Arba zum Grab der Patriarchen hinab. Er ermordete 29 Betende und verwundete weitere 120, ehe ihn die Überlebenden töteten. Der Vorfall hätte Premierminister Yitzhak Rabin eine Rechtfertigung geboten, die lästigen Siedlungen aus dem Herzen der Stadt zu entfernen, doch er bekam kalte Füße und stellte stattdessen die Palästinenser unter Hausarrest. Goldsteins Grab in Kiryat Arba ist seitdem ein Anziehungspunkt für Pilgerfahrten der Siedler geworden.
Die Aufteilung der Stadt
Gemäß Oslo sollte sich Israel aus den palästinensischen Städten zurückziehen. Hebron stellte wegen der in ihm liegenden Siedlungen ein Problem dar. Das sollte durch das Wye-Abkommen von 1997 gelöst werden: die Stadt wurde geteilt. Gebiet H-1 (10 km²), unter palästinensischer Kontrolle, umfasste damals 120.000 Menschen. Gebiet H-2, (4,3 km²) umschloss die Altstadt mit dem Ibrahimi Moschee und dem früheren Handelszentrum um die Shuhada Straße. Es wurde den israelischen Sicherheitskräften unterstellt, auch wenn die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) die zivile Zuständigkeit für die dort lebenden 35.000 Palästinenser hatte. Die etwa 500 jüdischen Siedler in H-2 hatten und haben Zugang zu etwa 10 Prozent des Gebiets.
Vertreibung
Seit dem Ausbruch der Intifada im September 2000 hat der durch Siedler und Armee auf die Palästinenser in H-2 ausgeübte Druck zu einem massiven Exodus geführt. B’tselem [1] hat 2003 versucht, die Zahlen festzustellen: Von 169 Familien, die an den drei an die Siedlungen grenzenden Straßen lebten, waren zu diesem Zeitpunkt bereits 73 weggezogen.
Einen weiteren Hinweis geben die Schülerzahlen. So hatte die der Siedlung Beit Romano gegenüber liegende Cordova Schule vor der Intifada 500 Schüler. Zum Zeitpunkt der Untersuchung von B’tselem 2003 hatte sie 130. Heute hat sie Mikhael Manekin zufolge 80. Der Direktor der Schule versucht, deren Unterrichtsschluss so zu legen, dass sie die Schule verlassen, solange die jüdischen Schüler noch Unterricht haben.
Die Aktionen der Siedler, die organisiertes Steineschmeißen ihrer Kinder ebenso umfassen wie das Werfen mit Abfall, Bespucken oder das Begießen mit Eimern voller Urin, sind Teil einer Strategie, die Palästinenser zum Weggang zu bewegen, zu einer Übergabe, damit die Altstadt von Hebron (und am Ende die ganze Stadt) jüdischen Siedlern offensteht. Wie die oben genannten Zahlen zeigen, funktioniert diese Strategie.
Auch die Armee trägt ihr Scherflein bei. Die Ausgangssperren, die sie regelmäßig über die Palästinenser verhängt, machen jegliches normale Leben unmöglich. Kommt es zu Zusammenstößen, werden die beiden Seiten getrennt und es wird auf palästinensische Kosten ein „steriles“ Gebiet geschaffen. Die Armee beschützt die Siedler, aber sie hat nicht die Befugnis, umgekehrt die Palästinenser vor den Siedlern zu schützen. Sowohl Armee als auch Polizei dürfen Palästinenser verhaften, doch nur die Polizei darf einen Siedler festnehmen. Wie in der übrigen Westbank gilt unterschiedliches Recht: Kriegsrecht für die Palästinenser, israelisches Recht für die Siedler.
„Wir alle bringen unsern Kindern bei, was richtig ist“
Wir sind an dem Punkt der Shuhada Straße angelangt, wo H-2 und H-1 aufeinander treffen. Aus H-1 dringt das Summen einer lebendigen Stadt herüber. Neue Gebäude wachsen in die Höhe, auch eine Moschee und ein Einkaufszentrum. Wir bleiben in H2 und gehen weiter die Tarpat Straße hinauf (ihr hebräischer Name bedeutet 1929), um ein palästinensisches Haus zu besuchen; es gehört Hassem Abu Azza. Er erzählt uns, er spreche mit jedem, der gegen Gewalt sei. Er arbeitet in H2 bei der UNRWA [2]. Abu Azza zeigt uns zwei Filme. Einer wurde in einem palästinensischen Haus aufgenommen. Es zeigt eine Horde ungebärdiger junger Juden, die am Sabbat in das Haus eindringen, viele rufen: „Rache!“. Sie reißen das Tor ein und brechen durch die Türen. Der zweite Film zeigt eine Gruppe palästinensischer Schulkinder aus der Cordova Schule, die von jungen Juden drangsaliert werden.
Während seine Frau den Tee serviert, merkt Abu Azza an, dass es in jeder Gesellschaft Gute und Böse gäbe. Beim Gehen durchqueren wir den Garten der Familie; dort wächst ein alter Olivenbaum, ein Granatapfelbaum, ein Mandelbaum, und es gibt eine zerbrochene Steinmauer. Oberhalb liegt Tel Rumeida, das biblische Hebron. Heute steht dort eine Gruppe Trailer – noch eine israelische Siedlung.
Aus dem Englischen von Endy Hagen
Judy Roberts ist freie Mitarbeiterin des in Tel Aviv und Jaffa von Arabern und Juden herausgegebenen Zweimonats-Magazins Challenge - www.challenge-mag.com
[1] Israelische Menschenrechtsorganisation
[2] United Nations Relief and Works Agency
Online-Flyer Nr. 88 vom 28.03.2007














