NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 09. Juni 2026  

Fenster schließen

Medien
Das Pentagon-Geständnis der Scheich Mohammed genannten Person
Wer ist der echteste Scheich?
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

Am 14.3.2007 ist vom Pentagon ein Papier veröffentlicht worden, mit dem der Eindruck erweckt werden soll, dass eine Person namens Chalid Scheich Mohammed gestanden habe, für die Anschläge vom 11. September 2001 verantwortlich zu sein und weitere 30 Anschläge durchgeführt oder geplant zu haben. In Zusammenhang mit diesem „Geständnis“ und der Person, von der das „Geständnis“ stammen soll, gibt es entscheidende Ungereimtheiten.
Sein Aussehen

Es gibt im Wesentlichen vier Bilder, von denen behauptet wird, dass sie eine Person namens Chalid Scheich Mohammed zeigen, zwei Fahndungsbilder des FBI (Bild A) und zwei Aufnahmen, die zwei Stunden nach seiner angeblichen Festnahme am 1.3.2003 (knapp drei Wochen vor Beginn des Krieges gegen den Irak) aufgenommen worden sein sollen (Bild B).

scheich mohammed

Scheich Mohammed? – Bild A

scheich mohammed

Scheich Mohammed – Bild B

Die beiden Bilder unten (Bild B) zeigen mit großer Sicherheit dieselbe Person. Die beiden Fahndungsbilder (Bild A) unterscheiden sich davon erheblich. Ob es sich bei den Fahndungsbildern um Original-Fotografien handelt, ist nicht zu verifizieren. Dass es sich um Wiedergaben ein und derselben Person handelt, ist also sehr fraglich.

Seine sprachlichen Fähigkeiten

Über die Person, die das Geständnis im März 2007 im US-Lager Guantanamo abgelegt haben soll, wird am 15.3.2007 folgendes verbreitet: "In gebrochenem Englisch rechtfertigt er die Tat..." (Reuters) – "Die Äußerungen waren in gebrochenem Englisch" (DPA) – Er sprach... überwiegend, wenngleich radebrechend, Englisch" (Die Welt)

Dagegen wird in Zusammenhang mit der Person, die am 1.3.2003 verhaftet worden sein soll, folgendes ausgeführt: "Vier Sprachen spricht Chalid Scheich Mohammed fließend: arabisch, englisch, seine Muttersprache Baluchi und die wichtigste Sprache in Pakistan Urdu. Ein Hochschulstudium schloss er 1986 an der North Carolina Agricultural and Technical State University in den USA erfolgreich ab." (Berliner Zeitung, 3.3.2003)

Sein Image vom Mastermind

Die Behauptung, Scheich Mohammed sei (neben Ramzi Binalshibh) der Mastermind der Anschläge vom 11. September 2001, resultiert wesentlich aus Veröffentlichungen des Londoner Chefkorrespondenten des arabischen Fernsehsenders al-Dschasira und Autors des Buches "Masterminds of Terror", Yosri Fouda, der im April 2002 im pakistanischen Karatschi ein Interview mit Ramzi Binalshibh und Chalid Scheich Mohammed geführt haben will und in diesem Zusammenhang die beiden Personen als Masterminds vorführt.

Die Videoaufnahmen, die Fouda von dem Interview gemacht haben will, tauchen nie auf – stattdessen nur eine dubiose, verzerrte Tonbandaufnahme. Ein Mitarbeiter von al-Dschasira, 2006 am Rande einer Tagung auf Yosri Fouda angesprochen, weist ungefragt darauf hin, dass Gerüchte kursieren, nach denen Fouda für "westliche" Geheimdienste arbeitet.

Dass mit dem Interview etwas nicht stimmt, wird besonders deutlich durch eine Passage, in der beschrieben wird, wie die Interviewten am Fernseher live mitverfolgt haben wollen, "wie Atta mit Flug 11 der American Airlines in den Nordturm des World Trade Center" flog. Eine solche Live-Szene ist öffentlich nicht ausgestrahlt worden.

Seine angebliche Verhaftung

Die Berliner Zeitung vom 3.3.2003 schreibt über die Verhaftung am 1.3.2003: „Qudsia Khanum, Schwester des verhafteten Pakistaner Quddus, erklärte […]: 'Mein Bruder war der einzige Mann im Haus.'" Es ist hiernach also fraglich, ob eine Person namens Scheich Mohammed tatsächlich verhaftet worden ist.

Am 26.10.2003 wird in einem Beitrag von Spiegel-TV mit dem Titel "Die Geständnisse der Terroristen" eine Szene gezeigt, die angeblich die Verhaftung von Scheich Mohammed zeigt.


test


Bild 2

In dieser Video-Szene ähnelt das Aussehen der abgeführten Person dem Fahndungsbild.

Bemerkenswert ist, dass die Szene, die bei SpiegelTV als Verhaftung von Scheich Mohammed gezeigt wird, sich im Buch "Masterminds of Terror" als Szene mit Omar Sheikh wiederfindet. Omar Sheikh ist derjenige, der wegen Mordes an dem US-Journalisten Daniel Pearl am 15.7.2002 zum Tode verurteilt wurde. Nun soll am 10.3.2007 im Rahmen des Pentagon-Geständnisses Scheich Mohammed erklärt haben: “Ich enthauptete mit meiner gesegneten rechten Hand den Kopf des amerikanischen Juden, Daniel Pearl.“

Wie ein Vergleich der Bilder verdeutlicht, besteht keine Ähnlichkeit mit der Person auf dem Bild, das angeblich kurz nach der Festnahme entstanden sein soll – weder hinsichtlich der Physiognomie des Gesichts noch bezüglich der extrem unterschiedlichen Körperstatur:

test


Bild 3

Auch im Beitrag von Spiegel-TV taucht bereits das Bild auf, das kurz nach der Verhaftung aufgenommen worden sein soll und das in Zusammenhang mit dem Pentagon-Geständnis immer wieder gezeigt wird.


test
Archiv-Fotos und Montagen: Arbeiterfotografie

Bild 4

Es stellt sich die Frage, warum statt des vier Jahre alten Bildes nicht ein aktuelleres aus der Gefangenschaft oder vom Verhör gezeigt werden kann.

Bestätigt werden die Zweifel an der Identität der Person durch einen Artikel im britischen „Telegraph“ vom 12.3.2003. Die Rede ist von einer von Pakistans Geheimdienst ISI abgehaltenen „nie da gewesenen Pressekonferenz“ am 10.3.2003, auf der ein Video von der Verhaftung gezeigt wird. „Nur wenige der anwesenden Journalisten waren überzeugt, dass das Video […] authentisch ist. Vielen erschien es als eine plumpe Rekonstruktion. Ein ehemaliger ISI-Chef sagte, er nehme an, dass Sheikh Mohammed einige Tage vorher in einer anderen Stadt verhaftet worden sei. […] Die Mutter und Verwandte [des verhafteten] Ahmed Quddus […] haben entschieden behauptet, dass er zur Zeit der Razzia der einzige Mann im Haus war."

Gemäß "Asia Times" vom 30.10.2002 hat sich herausgestellt, dass am 11.9.2002 „der aus Kuwait stammende Khalid Shaikh Mohammed tatsächlich bei der Razzia umgekommen ist.“

Damit bietet sich ein Spektrum von Behauptungen, die sich ausschließen: Scheich Mohammed wurde am 1.3.2003 verhaftet, wurde einige Tage vorher verhaftet bzw. kam am 11.9.2002 ums Leben. Doch mindestens eine denkbare Version fehlt: Scheich Mohammed ist ein Phantom, das nur in der Phantasie von FBI, Pentagon und Geheimdiensten existiert.

Mit der Veröffentlichung des angeblichen Geständnisses unternimmt das Pentagon einen Schritt, mit dem erreicht werden soll, dass diese Version nicht in Betracht gezogen wird und dass die lästigen Fragen nach den wirklichen Tätern ein Ende haben.

Ausführlichere Betrachtung unter: arbeiterfotografie.com


Online-Flyer Nr. 89  vom 04.04.2007



Startseite           nach oben