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Krieg und Frieden
Israels Krieg gegen die Hisbollah im Libanon und seine Folgen
Der 33-Tage-Krieg
Von Endy Hagen
Gilbert Achcar, Jahrgang 1951, selbst im Libanon geboren, lebt seit 1983 in Frankreich und unterrichtet dort an der Universität Paris VIII Internationale Politik. Er hat es im ersten Teil des vorliegenden Bandes übernommen, die Geschichte des Libanon von der Staatsgründung bis zum Tag der Entführung der beiden israelischen Soldaten durch Kämpfer der Hisbollah zu skizzieren. Zwei Drittel dieses Kapitels sind jedoch den Jahren nach dem Ende des zweiten Irak-Kriegs im Jahre 2003 gewidmet.

Gilbert Achcar
Politik und Ausrichtung der Hisbollah
Auch die Geschichte der Hisbollah verfolgt er von deren Entstehung bis zum 12. Juli 2006. Er beschreibt ihre Anfänge 1982 als radikale „islamische“ Abspaltung innerhalb der Amal; er benennt ihre von Beginn an bestehende enge Verbindung zu Teheran, ihren Einsatz im Widerstand gegen die israelische Besatzung, „aber auch im politischen und ideologischen Kampf um Hegemonie unter den libanesischen Schiiten“, der nicht nur ideologisch ausgetragen wurde. Interessant sind hier besonders Achcars Ausführungen über die Versuche der Hisbollah, den Widerstand gegen die israelische Besatzung zu monopolisieren und sich damit zur Alleinvertreterin libanesischer Interessen zu machen. Leider greift er diesen Aspekt bei der Bewertung ihrer Politik im Sommer 2006 nicht wieder auf.
Dass die Partei keinesfalls als antikapitalistisches Projekt zu verstehen ist, auch wenn sie heute zeitweilig im Bündnis mit Kommunisten und Gewerkschaftern agiert, stellt Achcar nachdrücklich klar: Sie „setzt die Finanzmittel, die sie in ihrem sozialen Umfeld erhebt, und das Geld, das sie aus dem Iran erhält, für Hilfe an die Bedürftigen ein und trägt mit dieser Politik dazu bei, dass sich diese mit ihrem Schicksal abfinden, anstatt zu einem Motor des sozialen Wandels zu werden.“
Dankenswert deutlich erläutert Achcar die internationalen Interessen am Ergebnis des Krieges, insbesondere die Interventionen Frankreichs, und die Art, wie diese Interessen in den verschiedenen Resolutionen ihren Niederschlag gefunden haben. Ebenso analysiert er die Auswirkungen der Kriegsfolgen auf die weitere Politik der Hisbollah im Libanon.
Der Krieg in Israel
Michael Warschawski hat es übernommen, die israelischen Verhältnisse zu beleuchten – innen- wie außenpolitisch beschäftigt er sich mit den Ursachen und Folgen des Krieges in und für Israel. Warschawski, 1949 in Frankreich geboren, ist Israeli und langjähriger Friedensaktivist. Im Zentrum seiner Überlegungen zum militärischen Scheitern steht das Verhältnis zwischen Kolonisiertem und Kolonialmacht. Während der Kolonisierte schon aus Gründen des Überlebens seinen Unterdrücker und dessen Denken verstehen müsse, handele die Kolonialmacht aufgrund von Definitionen: Der Kolonisierte, per se minderwertig und rückständig, müsse nicht verstanden, sondern erzogen werden: „Man müsse nur hart durchgreifen (…), dann werde der andere schon lernen, sich richtig zu verhalten.“

Michael Warschawski
Fotos: Edition Nautilus
Weiter zeigt Warschawski auf, wie die Regierung einer zunehmend privatisierten, neoliberalen Gesellschaft für ihre Bürger auch im Kriegsfall keine Verantwortung übernimmt. Auch den Hintergründen und der Zusammensetzung der kleinen israelischen Friedensbewegung widmet er einen längeren Abschnitt. Hier fehlt jedoch jeglicher Hinweis auf die Beteiligung und Haltung arabischer Bürger Israels, die allerdings in der Tat mit Bussen aus dem Norden nach Tel Aviv gereist waren, um sich den Anti-Kriegs-Demonstrationen anzuschließen.
Tausende zusätzliche Opfer?
Die Tatsache, dass der Verlauf des Kriegs im Sommer 2006 Israels Abschreckungsmacht in der Region eher geschwächt hat, lässt Warschawski zu dem Schluss kommen, der nächste Krieg sei voraussehbar. Unklar sei lediglich, ob er gegen den Iran oder gegen Syrien geführt werde.
Dem entspricht auch Achcars Fazit: Die Politik der US-Regierung und ihrer Alliierten im Nahen Osten sei gescheitert. Es bleibe nur zu hoffen, „dass nicht Tausende von zusätzlichen Opfern im Nahen Osten wie in der restlichen Welt einschließlich des Westens mit in den Untergang gerissen werden“.
Noch einmal 87 Seiten
Es ist ein lesenswertes Buch; es lässt sich auch sicher trefflich darüber streiten. Mir selbst schienen manche Einschätzungen von dem Wunsch geprägt, die These vom Sieg der Hisbollah zu bestätigen und dem gerechtfertigten Zorn über die Politik Israels und seiner westlichen Verbündeten Ausdruck zu verleihen. So wird z.B. nicht diskutiert, ob Israel mit dem Beschluss der Resolution 1701, die die Vertreibung der Hisbollah aus dem libanesischen Süden und die Aufstockung der UNIFIL-Truppen beinhaltet, nicht durchaus einen strategischen Sieg errungen hat.
Nicht verständlich ist mir, warum ein so wichtiges Buch so komprimiert, so gerafft sein muss. Noch einmal 87 Seiten wären genauso spannend zu lesen gewesen.

Online-Flyer Nr. 92 vom 25.04.2007
Israels Krieg gegen die Hisbollah im Libanon und seine Folgen
Der 33-Tage-Krieg
Von Endy Hagen
Gilbert Achcar, Jahrgang 1951, selbst im Libanon geboren, lebt seit 1983 in Frankreich und unterrichtet dort an der Universität Paris VIII Internationale Politik. Er hat es im ersten Teil des vorliegenden Bandes übernommen, die Geschichte des Libanon von der Staatsgründung bis zum Tag der Entführung der beiden israelischen Soldaten durch Kämpfer der Hisbollah zu skizzieren. Zwei Drittel dieses Kapitels sind jedoch den Jahren nach dem Ende des zweiten Irak-Kriegs im Jahre 2003 gewidmet.

Gilbert Achcar
Politik und Ausrichtung der Hisbollah
Auch die Geschichte der Hisbollah verfolgt er von deren Entstehung bis zum 12. Juli 2006. Er beschreibt ihre Anfänge 1982 als radikale „islamische“ Abspaltung innerhalb der Amal; er benennt ihre von Beginn an bestehende enge Verbindung zu Teheran, ihren Einsatz im Widerstand gegen die israelische Besatzung, „aber auch im politischen und ideologischen Kampf um Hegemonie unter den libanesischen Schiiten“, der nicht nur ideologisch ausgetragen wurde. Interessant sind hier besonders Achcars Ausführungen über die Versuche der Hisbollah, den Widerstand gegen die israelische Besatzung zu monopolisieren und sich damit zur Alleinvertreterin libanesischer Interessen zu machen. Leider greift er diesen Aspekt bei der Bewertung ihrer Politik im Sommer 2006 nicht wieder auf.
Dass die Partei keinesfalls als antikapitalistisches Projekt zu verstehen ist, auch wenn sie heute zeitweilig im Bündnis mit Kommunisten und Gewerkschaftern agiert, stellt Achcar nachdrücklich klar: Sie „setzt die Finanzmittel, die sie in ihrem sozialen Umfeld erhebt, und das Geld, das sie aus dem Iran erhält, für Hilfe an die Bedürftigen ein und trägt mit dieser Politik dazu bei, dass sich diese mit ihrem Schicksal abfinden, anstatt zu einem Motor des sozialen Wandels zu werden.“
Dankenswert deutlich erläutert Achcar die internationalen Interessen am Ergebnis des Krieges, insbesondere die Interventionen Frankreichs, und die Art, wie diese Interessen in den verschiedenen Resolutionen ihren Niederschlag gefunden haben. Ebenso analysiert er die Auswirkungen der Kriegsfolgen auf die weitere Politik der Hisbollah im Libanon.
Der Krieg in Israel
Michael Warschawski hat es übernommen, die israelischen Verhältnisse zu beleuchten – innen- wie außenpolitisch beschäftigt er sich mit den Ursachen und Folgen des Krieges in und für Israel. Warschawski, 1949 in Frankreich geboren, ist Israeli und langjähriger Friedensaktivist. Im Zentrum seiner Überlegungen zum militärischen Scheitern steht das Verhältnis zwischen Kolonisiertem und Kolonialmacht. Während der Kolonisierte schon aus Gründen des Überlebens seinen Unterdrücker und dessen Denken verstehen müsse, handele die Kolonialmacht aufgrund von Definitionen: Der Kolonisierte, per se minderwertig und rückständig, müsse nicht verstanden, sondern erzogen werden: „Man müsse nur hart durchgreifen (…), dann werde der andere schon lernen, sich richtig zu verhalten.“

Michael Warschawski
Fotos: Edition Nautilus
Weiter zeigt Warschawski auf, wie die Regierung einer zunehmend privatisierten, neoliberalen Gesellschaft für ihre Bürger auch im Kriegsfall keine Verantwortung übernimmt. Auch den Hintergründen und der Zusammensetzung der kleinen israelischen Friedensbewegung widmet er einen längeren Abschnitt. Hier fehlt jedoch jeglicher Hinweis auf die Beteiligung und Haltung arabischer Bürger Israels, die allerdings in der Tat mit Bussen aus dem Norden nach Tel Aviv gereist waren, um sich den Anti-Kriegs-Demonstrationen anzuschließen.
Tausende zusätzliche Opfer?
Die Tatsache, dass der Verlauf des Kriegs im Sommer 2006 Israels Abschreckungsmacht in der Region eher geschwächt hat, lässt Warschawski zu dem Schluss kommen, der nächste Krieg sei voraussehbar. Unklar sei lediglich, ob er gegen den Iran oder gegen Syrien geführt werde.
Dem entspricht auch Achcars Fazit: Die Politik der US-Regierung und ihrer Alliierten im Nahen Osten sei gescheitert. Es bleibe nur zu hoffen, „dass nicht Tausende von zusätzlichen Opfern im Nahen Osten wie in der restlichen Welt einschließlich des Westens mit in den Untergang gerissen werden“.
Noch einmal 87 Seiten
Es ist ein lesenswertes Buch; es lässt sich auch sicher trefflich darüber streiten. Mir selbst schienen manche Einschätzungen von dem Wunsch geprägt, die These vom Sieg der Hisbollah zu bestätigen und dem gerechtfertigten Zorn über die Politik Israels und seiner westlichen Verbündeten Ausdruck zu verleihen. So wird z.B. nicht diskutiert, ob Israel mit dem Beschluss der Resolution 1701, die die Vertreibung der Hisbollah aus dem libanesischen Süden und die Aufstockung der UNIFIL-Truppen beinhaltet, nicht durchaus einen strategischen Sieg errungen hat.
Nicht verständlich ist mir, warum ein so wichtiges Buch so komprimiert, so gerafft sein muss. Noch einmal 87 Seiten wären genauso spannend zu lesen gewesen.

Online-Flyer Nr. 92 vom 25.04.2007














