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Kultur und Wissen
Projekt des Verbands deutscher Schriftsteller erinnert an vergessene Autoren
Verbrannt. Vergessen?
Von Katrin Steiner
„Dietmar Damwerth hatte in NRW schon vor ein paar Jahren nach Autoren geforscht, die in Vergessenheit geraten waren. Und als ich dann im Bundesvorstand des VS (Verband deutscher Schriftsteller) war, habe ich vorgeschlagen, das auch einmal bundesweit zu machen.“ Mit diesen Worten erläuterte Anna Dünnebier, stellvertretende Vorsitzende des Verbands, das Anliegen des bundesweiten Projekts „Verbrannt.Vergessen?“.
Spurensuche
35 Autoren des VS forschten im letzten Jahr in Archiven und Bibliotheken, Universitäten und Nachlässen nach den Namen und Werken ihrer verbotenen und verfolgten KollegInnen. Dabei suchten sie gezielt nach Schriftstellern, die in ihrer eigenen Stadt oder Region gewirkt hatten. Herausgekommen ist eine gut hundertseitige Broschüre, die, nach Bundesländern geordnet, verfolgte Autoren und ihre Werke vorstellt. „Wir hatten nicht den Anspruch, komplett alles zu dokumentieren“, gab Dietmar Damwerth, Geschäftsführer des VS-Landesverbands NRW, jedoch zu bedenken. „Wir haben gefragt, wer von den Kollegen das machen wollte, und es war auch eine finanzielle Frage.“ Einen kleinen Zuschuss bekam das Projekt immerhin vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.
In diesem Jahr stellt der Verband die Ergebnisse nun in Lesungen und Ausstellungen rund um den 10. Mai in verschiedenen Städten vor. In Münster erinnerte Dietmar Damwerth am vergangenen Donnerstag im Cafe Weltbühne an Nanda Herbermann und Friedrich Muckermann. Zunächst erzählte er kurz ihre Lebensstationen: Muckermann war Jesuit und gab die katholische Kulturzeitschrift „Der Graal“ heraus; Herbermann arbeitete als seine Privatsekretärin. Nach seiner Flucht nach Holland übernahm sie die Schriftleitung der Zeitschrift. Sie wurde 1941 verhaftet und später in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück gebracht, wo sie zwei Jahre blieb. Ihre Erinnerungen hielt sie nach dem Krieg in dem Buch „Der gesegnete Abgrund“ fest.

Dietmar Damwerth: Trug für NRW mehr als 100 Namen verfolgter Autoren zusammen
„Es war alles so lächerlich“
Als Damwerth dann Herbermann selbst zu ihrer Verhaftung zu Wort kommen ließ, war die Aufmerksamkeit der vierzig Interessierten fast mit Händen zu greifen. „Auf dem Küchentisch lag eine Tüte mit fünf ungestempelten Eiern, die ich am Tage vorher geschenkt bekommen hatte. Die Gestapo drang in mich, von wem ich diese ungestempelten Einer hätte. Ich entgegnete, daß sie das von mir nie erfahren würden. (...) Es war alles so lächerlich und sah offensichtlich nach Schikane aus.“
Während Herbermann angesichts ihrer Verhaftung schockiert war und die Situation als absurd empfand, befand sich die jüdische Lyrikerin Charlotte Temming in konfrontativem Widerspruch zum NS-System. Sie und ihr Werk stellte Eva von der Dunk, selbst Lyrikerin, vor.
Temming trat mit 24 Jahren in die KPD ein, schrieb lange vor 1933 Gedichte, die vor den Nationalsozialisten warnten und trat im Polit-Kabarett „Henkelmann“ auf. 1943 entging Temming nur knapp der Gestapo, weil sie sich nicht in der eigenen, sondern in der Nachbarwohnung aufhielt und sich aus dem Haus schleichen konnte. Sie überlebte den Krieg im Dortmunder Untergrund.
Welche Macht Temmings Worte entfalten konnten und weswegen sie verfolgt wurde, stellte von der Dunk mit folgendem Zitat deutlich heraus: „Denn wer den Krieg an der Front verbracht hat / oder ... wer daheim Granaten gemacht hat, / wer Kohldampf geschoben und Kartoffeln geklaut hat, / der lässt sich für Profitinteressen / Nicht wieder in die Uniform pressen(...)“

Eva von der Dunk „Ich habe Charlotte Temming leider nicht mehr kennengelernt.“
Fotos: Katrin Steiner
Eindrücklich beschrieb von der Dunk auch, dass die Spurensuche zu einer persönlichen Verbundenheit mit Charlotte Temming geführt hat. „Vielleicht hat mich die Geschichte berührt, weil es sich um eine Frau handelt, vielleicht auch, weil sie Lyrikerin war wie ich. Hinzu kommt das immer wieder neue Begreifen, dass Diskriminierung, Verfolgung, Folter und Mord an mir vertrauten Orten und auf mir bekannten Straßen geschah.“
Im Rahmen des Projekts gibt es am Mittwoch, 16. Mai, in Düsseldorf eine Lesung mit Anni Rosemarie Becker. Sie erinnert an Helene Simon und Richard Oehring. Die Veranstaltung beginnt um 18 Uhr und findet im Maxhaus (Schulstraße 11) statt.
Die Broschüre „Verbrannt. Vergessen?“ kann gegen eine Schutzgebühr von 5 Euro zuzüglich 1,50 Euro bei der Bundesgeschäftsstelle (http://vs.verdi.de/ansprechpartner) des VS bestellt werden.
Bereits 2003 erschien die Broschüre „VerbrannT - verfOlgt - verTrieben. Schriftstellerinnen und Schriftsteller im Gebiet des heutigen Nordrhein-Westfalen zur NS-Zeit“ , herausgegeben von Dietmar Damwerth.
Online-Flyer Nr. 95 vom 16.05.2007
Projekt des Verbands deutscher Schriftsteller erinnert an vergessene Autoren
Verbrannt. Vergessen?
Von Katrin Steiner
„Dietmar Damwerth hatte in NRW schon vor ein paar Jahren nach Autoren geforscht, die in Vergessenheit geraten waren. Und als ich dann im Bundesvorstand des VS (Verband deutscher Schriftsteller) war, habe ich vorgeschlagen, das auch einmal bundesweit zu machen.“ Mit diesen Worten erläuterte Anna Dünnebier, stellvertretende Vorsitzende des Verbands, das Anliegen des bundesweiten Projekts „Verbrannt.Vergessen?“.
Spurensuche
35 Autoren des VS forschten im letzten Jahr in Archiven und Bibliotheken, Universitäten und Nachlässen nach den Namen und Werken ihrer verbotenen und verfolgten KollegInnen. Dabei suchten sie gezielt nach Schriftstellern, die in ihrer eigenen Stadt oder Region gewirkt hatten. Herausgekommen ist eine gut hundertseitige Broschüre, die, nach Bundesländern geordnet, verfolgte Autoren und ihre Werke vorstellt. „Wir hatten nicht den Anspruch, komplett alles zu dokumentieren“, gab Dietmar Damwerth, Geschäftsführer des VS-Landesverbands NRW, jedoch zu bedenken. „Wir haben gefragt, wer von den Kollegen das machen wollte, und es war auch eine finanzielle Frage.“ Einen kleinen Zuschuss bekam das Projekt immerhin vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.
In diesem Jahr stellt der Verband die Ergebnisse nun in Lesungen und Ausstellungen rund um den 10. Mai in verschiedenen Städten vor. In Münster erinnerte Dietmar Damwerth am vergangenen Donnerstag im Cafe Weltbühne an Nanda Herbermann und Friedrich Muckermann. Zunächst erzählte er kurz ihre Lebensstationen: Muckermann war Jesuit und gab die katholische Kulturzeitschrift „Der Graal“ heraus; Herbermann arbeitete als seine Privatsekretärin. Nach seiner Flucht nach Holland übernahm sie die Schriftleitung der Zeitschrift. Sie wurde 1941 verhaftet und später in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück gebracht, wo sie zwei Jahre blieb. Ihre Erinnerungen hielt sie nach dem Krieg in dem Buch „Der gesegnete Abgrund“ fest.

Dietmar Damwerth: Trug für NRW mehr als 100 Namen verfolgter Autoren zusammen
„Es war alles so lächerlich“
Als Damwerth dann Herbermann selbst zu ihrer Verhaftung zu Wort kommen ließ, war die Aufmerksamkeit der vierzig Interessierten fast mit Händen zu greifen. „Auf dem Küchentisch lag eine Tüte mit fünf ungestempelten Eiern, die ich am Tage vorher geschenkt bekommen hatte. Die Gestapo drang in mich, von wem ich diese ungestempelten Einer hätte. Ich entgegnete, daß sie das von mir nie erfahren würden. (...) Es war alles so lächerlich und sah offensichtlich nach Schikane aus.“
Während Herbermann angesichts ihrer Verhaftung schockiert war und die Situation als absurd empfand, befand sich die jüdische Lyrikerin Charlotte Temming in konfrontativem Widerspruch zum NS-System. Sie und ihr Werk stellte Eva von der Dunk, selbst Lyrikerin, vor.
Temming trat mit 24 Jahren in die KPD ein, schrieb lange vor 1933 Gedichte, die vor den Nationalsozialisten warnten und trat im Polit-Kabarett „Henkelmann“ auf. 1943 entging Temming nur knapp der Gestapo, weil sie sich nicht in der eigenen, sondern in der Nachbarwohnung aufhielt und sich aus dem Haus schleichen konnte. Sie überlebte den Krieg im Dortmunder Untergrund.
Welche Macht Temmings Worte entfalten konnten und weswegen sie verfolgt wurde, stellte von der Dunk mit folgendem Zitat deutlich heraus: „Denn wer den Krieg an der Front verbracht hat / oder ... wer daheim Granaten gemacht hat, / wer Kohldampf geschoben und Kartoffeln geklaut hat, / der lässt sich für Profitinteressen / Nicht wieder in die Uniform pressen(...)“

Eva von der Dunk „Ich habe Charlotte Temming leider nicht mehr kennengelernt.“
Fotos: Katrin Steiner
Eindrücklich beschrieb von der Dunk auch, dass die Spurensuche zu einer persönlichen Verbundenheit mit Charlotte Temming geführt hat. „Vielleicht hat mich die Geschichte berührt, weil es sich um eine Frau handelt, vielleicht auch, weil sie Lyrikerin war wie ich. Hinzu kommt das immer wieder neue Begreifen, dass Diskriminierung, Verfolgung, Folter und Mord an mir vertrauten Orten und auf mir bekannten Straßen geschah.“
Im Rahmen des Projekts gibt es am Mittwoch, 16. Mai, in Düsseldorf eine Lesung mit Anni Rosemarie Becker. Sie erinnert an Helene Simon und Richard Oehring. Die Veranstaltung beginnt um 18 Uhr und findet im Maxhaus (Schulstraße 11) statt.
Die Broschüre „Verbrannt. Vergessen?“ kann gegen eine Schutzgebühr von 5 Euro zuzüglich 1,50 Euro bei der Bundesgeschäftsstelle (http://vs.verdi.de/ansprechpartner) des VS bestellt werden.Bereits 2003 erschien die Broschüre „VerbrannT - verfOlgt - verTrieben. Schriftstellerinnen und Schriftsteller im Gebiet des heutigen Nordrhein-Westfalen zur NS-Zeit“ , herausgegeben von Dietmar Damwerth.
Online-Flyer Nr. 95 vom 16.05.2007














