Ausstellung im Kunstmuseum Bonn und im Bonner Kunstverein
John Baldessari: „Music“
Von Peter V. Brinkemper
Man könnte Baldessaris Ansatz als eine aus dem Fluxus stammende Konzeptkunst charakterisieren. Sie ist nicht so rigide an die Gegenstände gebunden wie bei Kosuth, sondern flexibel an den Fluss der Produktion zwischen den Künsten. Sie untersucht die jeweilige Eigendynamik von audiovisuellen Ereignissen und Raum und Zeit und ihre mediale Aufzeichnung in scheinbar spielerischer Leichtigkeit, reflexiver dokumentarischer Sensibilität und formaler ästhetischer Brillanz.
Insofern speichert sie mehr Realismus, im Sinne der nachvollziehbaren Produktion und Differenzierung von Kunstprozessen als manche gegenwärtig hochpolierte Ausstellungskunst. Dabei ist der vertraute Umgang mit den traditionellen Medien wie Zeichnung und Malerei, der nie verleugnete Rekurs auf die Printmedien und das klassische Hollywoodkino, der Einsatz von Super-8 und der Übergang von analoger zur digitaler Bildgewinnung ein entscheidendes Scharnier einer kontinuierlichen, eher materialistischen Kunst-Produktion, die jede modische Sterilität zeitgenössischer Digitalisten vermeidet.

Two Faces: Three Figures; One Shadow (Version 2)
1988. SW-Foto und Acryl
Baldessari bietet in großformatigen Collagen (Fotos, Lithos und Siebdrucke) etwa spannungsvoll zusammengestellte schwarz-weiße Filmstills mit entleerten Gesichtern, in denen die für ihn typischen weißen oder farbigen Punkte eine Leerstelle oder einen blinden Fleck der Inszenierung bilden. Farbspots können den Kopf verdecken oder für die Ikonographie der Musikinstrumente stehen. Die abgebildeten Figuren und Farbformen werden im Scheinwerferkegel des künstlichen Lichts oder der kolorierten Fläche zu einem Subjekt-Objekt-Relais, in einer sprunghaft dynamischen Notation, in dem die Regie der Inszenierung, die Dialektik der Geschichten ständig, von Stimme zu Stimme, von Bild zu Bild weitergereicht und transformiert wird.
In einem seiner zahlreichen Videos hält Baldessari selbst die Nummer des Takes in die Kamera, bevor er sich schrittweise als Zigarrenraucher inszeniert und dabei immer wieder in seiner Mimik und Gestik changiert zwischen dem hellwachen Überblick des Produzenten und Regisseurs und dem bildimmanenten, in sich versunkenen Anblick des schmauchenden Schauspielers. John Baldessaris Kunst thematisiert die Musik im Bild, in der Serie oder Collage, in der expressiven Grafik, in der symbolischen Notation, im aufgezeichneten Ton, im Klang, in der Stimme, im Instrument, auch anhand des großen Bonner und Wiener Meisters, Ludwig van Beethoven, der am Ende ja wie ein tauber, eher bildender Künstler mit „dämonischen Augen“ auf das Papier starrend, vor sich hinstammelnd produzieren musste.

Two languages (Begin), 1989. SW-Foto mit Vinylfarbe
Fotos: Katalog
Baldessari nimmt aber auch das Geräusch der grafischen Kunst auf dem Papier auf und ist damit ganz nah beim Prozess der medialen Produktivität und Verwandlung. Diese Kunst ist auch im bloßen Bild insofern musikalisch und temporal (zeitbezogen, zeitgestaltend und zeitkondensierend), als sie noch mit der lebendigen Erfahrung aus der auditiven Epoche handgemachter Musik als Paradigma vertraut ist und die Schwingungen und Vibrationen des Beat und Rock, die energetischen Momente und meditativen Zustände des „On the Road“ in verschiedenen Kunstgattungen und medialen Querverbindungen sinnlich nachvollziehbar einfängt und eindringlich erforscht.
John Baldessari: „Music“, 12. Mai bis 29. Juli 2007. Kunstmuseum Bonn, Friedrich-Ebert-Allee 2, und Bonner Kunstverein, Hochstadenring 22, Bonn.
Online-Flyer Nr. 97 vom 30.05.2007














