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Inland
Tagebuch einer Auswanderin – Folge 2
Der Umzug und erste Eindrücke
Von Anna Bachmann

Seit rund zwei Monaten leben wir nun in unserem Wunschdomizil. Ab und zu denken wir noch mit Grausen an den Umzugstag zurück. Obwohl wir eigentlich alles recht gut vorbereitet hatten, lief so Einiges gewaltig schief.
Wir haben uns hier bewusst ganz erheblich "verkleinert". Somit hieß es: jeglichen Ballast abwerfen - nur das Notwendigste mitnehmen. Im Vorfeld haben wir versucht, einige hochwertige Möbel zu verkaufen, um unsere Kasse ein wenig aufzubessern. Ein Reinfall. Am Mittwoch vor Ostern eine Haushaltsauflösung zu inserieren, war wirklich eine Schnapsidee.
 
Uns blieb also nichts anderes übrig, als alles zu verschenken. Vieles landete zu unserem Leidwesen letztlich doch im Container. Ganz besonders betrüblich: Der Hartz-IV-Laden in unserem Ort machte von dem Angebot, Kleidung, Bücher, Haushaltsgeräte etc. abzuholen, keinen Gebrauch. Schade für diejenigen, die davon profitiert hätten. Einige Kleinigkeiten konnte ich bei einer Nachbarin deponieren, meine Söhne werden sie bei ihren Besuchen nach und nach mitbringen.
 

Aprikosen
Aprikosen
Foto:Anna Bachmann


Zum Schluss – wir wollten gerade starten - lief alles nur noch kreuz und quer. Einer unserer Kater hatte in einem unbeobachteten Augenblick die Gelegenheit ergriffen und das Weite gesucht. Meine Freundin brachte ihn schließlich zur Strecke, aber nicht, ohne - im wahrsten Sinne des Wortes - dabei eine Bauchlandung zu machen. Dann waren die Haustürschlüssel, die wir in den Briefkasten legen wollten, verschwunden. Eine hektische Suche begann.
 
Zudem kamen immer wieder noch Nachbarn und Freunde, um sich zu verabschieden. Natürlich freuten wir uns, aber irgendwie war der Zeitpunkt aus unserer Sicht unglücklich. Zwei Tage früher …!? Mit mehrstündiger Verspätung machten wir uns in den Abendstunden endlich auf den Weg. Meine Freundin, ein Hund, fünf Katzen und ich.
 
Während der Fahrt saß plötzlich Emma, unser Nesthäkchen, auf meiner Schulter. Bis heute wissen wir nicht, wie sie aus ihrem Korb herausgekommen ist. Vielleicht hat ihr Pepe, mit dem sie sich einen Korb teilte, Amtshilfe geleistet. Wir fuhren den nächsten Rastplatz an, ich packte sie wieder in ihren Korb, verschnürte das Ganze noch zusätzlich – und vergaß Schere, Schnur und Ersatzautoschüssel auf dem Wagendach! Wir verbuchten das unter "Lebenserfahrungen".
 
Bis Taranto, das wir nach 2000 km und 24 Stunden später erreichten, lief alles wunderbar. Keine Staus, keine Unfälle – nichts. Die Tiere verhielten sich wider Erwarten völlig ruhig. Es begann bereits zu dämmern, als wir dort ankamen. Nur noch 50 km waren wir von unserem Ziel entfernt. Leider erwartete uns nun eine Hürde, die erst einmal gemeistert werden musste. Die Ausschilderung war – aus unserer Sicht – eine Katastrophe. Einige Male wähnten wir uns auf der richtigen Straße, doch plötzlich fehlten die Hinweisschilder. Ich glaube, unsere Irrfahrt dauerte um die drei Stunden, bis wir endlich an Ort und Stelle waren.
 
Heute, zwei Monate später, hat sich hier alles ein wenig eingependelt. Kaum ein Tag vergeht jedoch ohne völlig neue Erfahrungen oder überraschende Erlebnisse. Manchmal sind es nur Kleinigkeiten.
 
Der Morgen beginnt für uns regelmäßig mit einem vierfachen Espresso – einem "Ritual", das wir bereits seit Jahren in Deutschland praktiziert haben. Wenn ich mich endlich wach genug fühle, starte ich den Laptop, denn nach wie vor verdiene ich mir mithilfe dieses kleinen Wundergeräts meinen Lebensunterhalt. Ins Internet komme ich nur analog – ISDN oder DSL gibt es hier nicht – aber ich habe mich daran gewöhnt.
 
Schon beim Lesen der Schlagzeilen auf der deutschen Startseite bin ich jeden Tag aufs Neue bedient: Lügen, Manipulationen, Verfälschungen – nach wie vor empfinde ich eine ungeheure Wut.
 
Kürzlich stieß ich bei meiner Lektüre auf eine neue, ganz besonders haarsträubende  Arbeitslosenstatistik-Bereinigungshilfe: "Zwangsweise Kasernierung von jungen Hartz IV-Betroffenen im Rhein-Lahn-Kreis" stand dort. Und weiter: "Das Wegsperrkonzept trägt den Namen „JUWEL“ (Jugendliche auf dem Weg in Arbeit). Den Informationen nach sieht das Konzept Folgendes vor: Die Jugendlichen müssen pünktlich zum Appell auf dem Hofgelände des Anwesens erscheinen und dürfen das Haus bis spätnachmittags nicht ohne Genehmigung der ARGE verlassen. Abends dürfen sie heimgehen.
 
Diejenigen, die sich der "Betreuung" entziehen, müssen mit Sanktionen bis zur völligen Streichung vom ALG II inklusive Miete rechnen. Die Rede ist auch von einem Bewertungssystem, nach welchem die Jugendlichen in geplanten Kursen Punkte erhalten sollen. Bisher sind weder Form noch Inhalte dieser Kurse bekannt. Ferner ist ein System der Bestrafung per „Pranger“ vorgesehen. Das  Wort soll in Besprechungen mehrfach gefallen sein."
 
Bin gespannt, wann dieses "Modell" bundesweit Einzug hält – und natürlich nicht nur für Jugendliche! Für Erwachsene könnte man es "ASSE" nennen: Arme Sklaven suchen Ein-Euro-Jobs". Ob die Brandmarkung wohl öffentlich geplant ist? Für's Fernsehen wäre diese Aktion doch eine wahre Goldgrube: Die Quoten explodieren – die Kosten für das Abend füllende Programm sinken auf ein Minimum!
 
An dieser Stelle möchte ich eine Aussage von Luise Rinser aus "Wir Heimatlosen – 1989 -1992" zitieren, weil sie den Unterschied von Italien und Deutschland sehr deutlich zum Ausdruck bringt: "… alles in allem: ein nicht regierbares Volk (Anm.: die Italiener). Es zur Ordnung bringen zu wollen, ist so absurd, wie eine Schar streunender Katzen zu erziehen. Ja, wirklich: sie sind vom Typ der Katzen. Die Deutschen sind regierbar, besser: dressierbar wie eine Meute Hunde…" Siehe oben!
 
Hier im ländlichen Apulien erinnert vieles an Deutschland in den 50-er Jahren: unzählige unbefestigte Straßen und Wege, das "Arbeitsgerät" der Bauern, fast nur kleine Läden, viele Kramläden, kaum Leuchtreklame, Strom- und Telefonleitungen überirdisch und irgendwie miteinander verbunden, spartanische Arztpraxen ohne Sprechstundenhilfe … In Deutschland undenkbar – aber so herrlich erholsam und entspannend. Doch darüber mehr beim nächsten Mal. Ciao!

Die Autorin, von der wir schon einige Gedichte, Glossen und Artikel gebracht haben, ist in Berlin aufgewachsen. Nach einem Studium an der Kölner Uni war sie zunächst zehn Jahre Gymnasiallehrerin, studierte dann einige Semester Journalistik an der Uni Dortmund. Danach Leitung der Sportredaktionen ITT Medienverlag Düsseldorf und Thüringer Tagespost Erfurt, Redakteurin beim Mitteldeutschen EXPRESS und EXPRESS Düsseldorf. Inzwischen ist sie freie Journalistin. "Gedichte und Kurzgeschichten", sagt sie, habe ich vor der NRhZ eigentlich mehr für mich geschrieben." Seit April 2007 lebt und arbeitet sie in Süditalien

Online-Flyer Nr. 98  vom 06.06.2007



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