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Rostock: Gewalt von beiden Seiten und viele, die dazwischen standen
„Wir sind friedlich, was seid Ihr?“
Von Carl H. Ewald

Volkes Stimme...
Foto: Peter Nordendoorp
Die Demonstrationsleitung sprach von 80.000 Menschen, die am 2. Juni in Rostock zur Auftaktkundgebung gegen den G8-Gipfel zogen. Auf dem langen Marsch durch verschiedene Rostocker Vororte wurden die Teilnehmer von umstehenden Neugierigen begrüßt, die Stimmung konnte nur als entspannt bezeichnet werden, denn die Kreativität der vielfältigen Formen des Protests, unzählige Transparente, riesige Pappmascheepuppen, Trommeln, Pfeifen, Musik werden nicht zuletzt bei vielen Rostockern die Fragen aufgeworfen haben: Wer sind denn diese „G8“? Wofür steht ihre Politik? Und wer sind denn die, die hier friedlich und zuweilen fast karnevalistisch durch unsere Straßen ziehen?
Feindbild Rollstuhlfahrer
Von „friedlich“ konnte später leider nicht mehr die Rede sein – zumindest nicht, wenn man den Bildern folgte, die in die Öffentlichkeit transportiert wurden. Wenn sich auch die uniformierte Polizei während der gesamten Demonstrationszüge deeskalierend verhielt und auch sonst kaum in Erscheinung trat, säumten, kurz bevor die Protestierenden auf das Kundgebungsgelände einbogen, Hundertschaften schwerbewaffneter und vermummter „Beamter“ die Straße. Dort muss es in einer der Seitenstraßen zu Auseinandersetzungen zwischen Polizei und einigen Demonstranten gekommen sein. Bis in die Fingerspitzen ebenfalls Vermummte, meist Jugendliche, warfen Steine, und eine „Darth-Vader-Edition“ der Polizei verfolgte diese Werfer.

Rollstuhlfahrer nach Polizeiattacke | Foto: Carl H. Ewald
Einige Demonstranten standen orientierungslos herum, andere versuchten die Lage zu beruhigen. Mittendrin schrie ein aufgebrachter Rollstuhlfahrer auf die Polizisten ein. Während die Steinewerfer sich in die Seitenstraßen verdrückten, sah er sich plötzlich der staatlichen Krawalltruppe allein gegenüber. Des direkten Feindes verlustig gegangen, stürzten sich die „Beamten“ auf ihn, und gleich fünf schlugen auf ihn ein und versuchten ihn aus dem Stuhl zu zerren. Sie versuchten, ihm die Krücken abzunehmen, die zusätzlich am Rollstuhl befestigt waren – denn er könne sie ja unter Umständen als „Waffen“ einsetzen. Der Rollstuhlfahrer schrie aus Leibeskräften und klammerte sich an den Stuhl. Die Festnahme konnte nur noch durch andere Demonstranten verhindert werden, die schnell und de-eskalierend eingriffen. „Wir sind friedlich, was seid Ihr?“, skandierte die Menge der friedlich Demonstrierenden.
Zwischen den Blöcken
Nach der Demo beschrieb eine Demonstrationsteilnehmerin, was sie erlebt hatte: „Auf den letzten paar hundert Metern vor dem Kundgebungsplatz ging es nicht mehr weiter. Wir stellten uns an die Seite vor eine hohe Hecke, um mit unserem Transparent den Weg nicht zu versperren. Hinter uns hörten wir aufgeregte Rufe und Stimmengewirr. Und plötzlich stürzten einige schwarzvermummte Gestalten durch das Gebüsch, offenbar in panischer Flucht vor der Polizei. Wir konnten nur noch unser Banner hochreißen, damit sie durchkamen und sich nicht verletzten. Zugleich fürchteten wir, jeden Moment von prügelnden Polizisten erwischt zu werden, die blind aus der Hecke stürmten. Doch zunächst geschah nichts. Die Stimmung blieb jedoch angespannt. Einige gingen auf Aufforderung der Demo-Leitung weiter, andere versuchten noch die Lage zu orten, waren unsicher, was jetzt zu tun wäre. Zwischendrin sah man immer wieder einzelne hektische Jugendliche, schwarz gekleidet, zum Teil vermummt, mit Handschuhen zum Steinewerfen präpariert. Auf der einen Seite die dichte hohe Hecke. Was geschah auf der anderen Seite?
Diese Sorge erübrigte sich, als hinter uns eine martialisch anmutende Polizeikette aufmarschierte. Wir wandten uns in Richtung Demonstrationszug, und sahen wie ein junger Mann, wohlverpackt, aus der sicheren fünften Reihe einen Stein in Richtung des Polizeiblocks warf und sich dann schnell hinter den unbeteiligten Demonstranten in Sicherheit bringen wollte. Sein Rausch aus Macht und Größenwahn wurde durch einen Mitdemonstranten, der ihm das Tuch vom Gesicht zog und ihn kräftig anbrüllte, kurzfristig unterbrochen. Seine Reaktion ließ allerdings nicht vermuten, dass ihm die Schamlosigkeit seiner Handlung auch nur im Ansatz bewusst geworden wäre.“
Friedlicher Protest unerwünscht
Nach mehreren Scharmützeln, einem brennenden Polizeifahrzeug, Wurfgeschossen aus Steinen, Molotowcocktails und Feuerwerkskörpern, nach unzähligen Jagden durch die Rostocker Innenstadt, und nachdem sich die sichtlich überforderte Polizei auch schon an ahnungslosen Rostockern vergriffen hatte, konnte die Kundgebung gegen Nachmittag anfangen. Allerdings wurde sie auch immer wieder durch tieffliegende Hubschrauber gezielt gestört. Nach Beginn der Veranstaltung fuhren sogar mehrere Wasserwerfer, die zusätzlich auch Tränengas in die Menge friedlich Protestierender versprühten, in vergeblicher Suche nach Steinewerfern auf den Kundgebungsplatz.

Wasserwerfer attackieren friedliche Kundgebungsteilnehmer
Foto: Peter Nordendoorp
Größtenteils allerdings ging die Rechnung wohl beider Blöcke – bestehend aus Polizei und schwarzgekleideten Krawallmachern – nicht auf, die große Mehrheit der friedlicher Demonstranten, die etwas zu sagen hatten, zu kriminalisieren. Die Demonstrationsleitung und die meisten Demonstranten fühlten sich durch die gewaltsamen Ausschreitungen beider Seiten massivst gestört – aber vielleicht kam gerade diese Störung den „Großen Acht“ sehr entgegen. Was alleine durch die Tatsache illustriert wird, dass man schon im Vorfeld der Proteste Masseninternierungslager für Gefangene eingerichtet hatte – selbstverständlich „um die Sicherheit zu erhöhen.“
Amateurvideos zum Polizeieinsatz:
http://www.youtube.com/watch?v=Xa0WJ41lU6g&mode=related&search=
http://www.youtube.com/watch?v=1YWKp2IMjQE&mode=related&search=
Online-Flyer Nr. 98 vom 06.06.2007
Rostock: Gewalt von beiden Seiten und viele, die dazwischen standen
„Wir sind friedlich, was seid Ihr?“
Von Carl H. Ewald

Volkes Stimme...
Foto: Peter Nordendoorp
Die Demonstrationsleitung sprach von 80.000 Menschen, die am 2. Juni in Rostock zur Auftaktkundgebung gegen den G8-Gipfel zogen. Auf dem langen Marsch durch verschiedene Rostocker Vororte wurden die Teilnehmer von umstehenden Neugierigen begrüßt, die Stimmung konnte nur als entspannt bezeichnet werden, denn die Kreativität der vielfältigen Formen des Protests, unzählige Transparente, riesige Pappmascheepuppen, Trommeln, Pfeifen, Musik werden nicht zuletzt bei vielen Rostockern die Fragen aufgeworfen haben: Wer sind denn diese „G8“? Wofür steht ihre Politik? Und wer sind denn die, die hier friedlich und zuweilen fast karnevalistisch durch unsere Straßen ziehen?
Feindbild Rollstuhlfahrer
Von „friedlich“ konnte später leider nicht mehr die Rede sein – zumindest nicht, wenn man den Bildern folgte, die in die Öffentlichkeit transportiert wurden. Wenn sich auch die uniformierte Polizei während der gesamten Demonstrationszüge deeskalierend verhielt und auch sonst kaum in Erscheinung trat, säumten, kurz bevor die Protestierenden auf das Kundgebungsgelände einbogen, Hundertschaften schwerbewaffneter und vermummter „Beamter“ die Straße. Dort muss es in einer der Seitenstraßen zu Auseinandersetzungen zwischen Polizei und einigen Demonstranten gekommen sein. Bis in die Fingerspitzen ebenfalls Vermummte, meist Jugendliche, warfen Steine, und eine „Darth-Vader-Edition“ der Polizei verfolgte diese Werfer.

Rollstuhlfahrer nach Polizeiattacke | Foto: Carl H. Ewald
Einige Demonstranten standen orientierungslos herum, andere versuchten die Lage zu beruhigen. Mittendrin schrie ein aufgebrachter Rollstuhlfahrer auf die Polizisten ein. Während die Steinewerfer sich in die Seitenstraßen verdrückten, sah er sich plötzlich der staatlichen Krawalltruppe allein gegenüber. Des direkten Feindes verlustig gegangen, stürzten sich die „Beamten“ auf ihn, und gleich fünf schlugen auf ihn ein und versuchten ihn aus dem Stuhl zu zerren. Sie versuchten, ihm die Krücken abzunehmen, die zusätzlich am Rollstuhl befestigt waren – denn er könne sie ja unter Umständen als „Waffen“ einsetzen. Der Rollstuhlfahrer schrie aus Leibeskräften und klammerte sich an den Stuhl. Die Festnahme konnte nur noch durch andere Demonstranten verhindert werden, die schnell und de-eskalierend eingriffen. „Wir sind friedlich, was seid Ihr?“, skandierte die Menge der friedlich Demonstrierenden.
Zwischen den Blöcken
Nach der Demo beschrieb eine Demonstrationsteilnehmerin, was sie erlebt hatte: „Auf den letzten paar hundert Metern vor dem Kundgebungsplatz ging es nicht mehr weiter. Wir stellten uns an die Seite vor eine hohe Hecke, um mit unserem Transparent den Weg nicht zu versperren. Hinter uns hörten wir aufgeregte Rufe und Stimmengewirr. Und plötzlich stürzten einige schwarzvermummte Gestalten durch das Gebüsch, offenbar in panischer Flucht vor der Polizei. Wir konnten nur noch unser Banner hochreißen, damit sie durchkamen und sich nicht verletzten. Zugleich fürchteten wir, jeden Moment von prügelnden Polizisten erwischt zu werden, die blind aus der Hecke stürmten. Doch zunächst geschah nichts. Die Stimmung blieb jedoch angespannt. Einige gingen auf Aufforderung der Demo-Leitung weiter, andere versuchten noch die Lage zu orten, waren unsicher, was jetzt zu tun wäre. Zwischendrin sah man immer wieder einzelne hektische Jugendliche, schwarz gekleidet, zum Teil vermummt, mit Handschuhen zum Steinewerfen präpariert. Auf der einen Seite die dichte hohe Hecke. Was geschah auf der anderen Seite?
Diese Sorge erübrigte sich, als hinter uns eine martialisch anmutende Polizeikette aufmarschierte. Wir wandten uns in Richtung Demonstrationszug, und sahen wie ein junger Mann, wohlverpackt, aus der sicheren fünften Reihe einen Stein in Richtung des Polizeiblocks warf und sich dann schnell hinter den unbeteiligten Demonstranten in Sicherheit bringen wollte. Sein Rausch aus Macht und Größenwahn wurde durch einen Mitdemonstranten, der ihm das Tuch vom Gesicht zog und ihn kräftig anbrüllte, kurzfristig unterbrochen. Seine Reaktion ließ allerdings nicht vermuten, dass ihm die Schamlosigkeit seiner Handlung auch nur im Ansatz bewusst geworden wäre.“
Friedlicher Protest unerwünscht
Nach mehreren Scharmützeln, einem brennenden Polizeifahrzeug, Wurfgeschossen aus Steinen, Molotowcocktails und Feuerwerkskörpern, nach unzähligen Jagden durch die Rostocker Innenstadt, und nachdem sich die sichtlich überforderte Polizei auch schon an ahnungslosen Rostockern vergriffen hatte, konnte die Kundgebung gegen Nachmittag anfangen. Allerdings wurde sie auch immer wieder durch tieffliegende Hubschrauber gezielt gestört. Nach Beginn der Veranstaltung fuhren sogar mehrere Wasserwerfer, die zusätzlich auch Tränengas in die Menge friedlich Protestierender versprühten, in vergeblicher Suche nach Steinewerfern auf den Kundgebungsplatz.

Wasserwerfer attackieren friedliche Kundgebungsteilnehmer
Foto: Peter Nordendoorp
Größtenteils allerdings ging die Rechnung wohl beider Blöcke – bestehend aus Polizei und schwarzgekleideten Krawallmachern – nicht auf, die große Mehrheit der friedlicher Demonstranten, die etwas zu sagen hatten, zu kriminalisieren. Die Demonstrationsleitung und die meisten Demonstranten fühlten sich durch die gewaltsamen Ausschreitungen beider Seiten massivst gestört – aber vielleicht kam gerade diese Störung den „Großen Acht“ sehr entgegen. Was alleine durch die Tatsache illustriert wird, dass man schon im Vorfeld der Proteste Masseninternierungslager für Gefangene eingerichtet hatte – selbstverständlich „um die Sicherheit zu erhöhen.“
Amateurvideos zum Polizeieinsatz:
http://www.youtube.com/watch?v=Xa0WJ41lU6g&mode=related&search=
http://www.youtube.com/watch?v=1YWKp2IMjQE&mode=related&search=
Online-Flyer Nr. 98 vom 06.06.2007














