Mit Globalisierungskritikern aus Münster auf dem Weg nach Heiligendamm
Gekommen um zu bleiben
Von Mithlan Rathlin
Wenn es morgens noch ganz still im Camp der Globalisierungskritiker in Reddelich ist, kann man den Kuckuck deutlich hören. Irgendwo in den Bäumen auf dem Camp hat er sich versteckt und kümmert sich nicht um die Weltpolitik. So auch an diesem Dienstagmorgen, den 6. Juni 2007. Aber die Idylle trügt, und die Situation ändert sich schnell.

Tiefkreisende Hubschrauber
Foto: Carl H. Ewald
Denn kaum sind Caroline, Linus, Johanna, Rebecca, Thea, Markus und sechs weitere Aktivisten aus Münster aus ihren Zelten geklettert, tauchen Hubschrauber am Himmel auf. Sie kreisen ein einige Male über dem Camp und verschwinden dann in nordöstlicher Richtung. „Das ist schon ein komisches Gefühl, so beobachtet zu werden“, meint Linus und spielt damit nicht nur auf die Hubschrauber an, sondern auch auf die Polizeipräsenz rund um das gesamte Camp. Es liegt nur fünf Kilometer Luftlinie von Heiligendamm entfernt, dem diesjährigen Tagungsort der G8, der sieben wichtigsten Industriestaaten und Russlands. Ein weiteres Camp befindet sich in Wichmannsdorf westlich von Reddelich, das dritte liegt im Stadtgebiet von Rostock. Insgesamt beherbergen die Camps wohl um die 10.000 Menschen. Die meisten von ihnen waren bei der Großdemonstration am 2. Juni in Rostock dabei, und viele haben sich auch entschlossen, an den Massenblockaden teilzunehmen und zu versuchen, Heiligendamm von den Zufahrtsmöglichkeiten abzuschneiden.
Einschüchtern...
Vielleicht ist es genau dieses Vorhaben, das die Sicherheitskräfte veranlasst, mit ihren Säbeln zu rasseln. Aber auch bei den Globalisierungskritikern sind die Nerven angespannt. In den frühen Morgenstunden reißt die Nachtpatrouille die Gruppe aus Münster und einige hundert andere aus dem Schlaf: „Alert, Alarm, Alert, Alarm!“ Die meisten sind schnell auf den Beinen und versammeln sich noch im Dunkeln am Haupteingang des Camps. Einige Minuten später gibt es Entwarnung: Doch keine Polizei, die das Lager bedroht oder gar räumen will, nur Fehlalarm – oder ein Probealarm? Den Menschen, die auf der anderen Seite der Straße ihre Zelte aufgeschlagen haben und vermutlich aus dem Umfeld der Autonomen kommen, ist anzumerken, dass ihnen eine schnelle Mobilisierung der Camper am Herzen liegt.

„Wie in gallischem Dorf" – Camp mit Aussichtsturm
Foto: Mithlan Rathlin
Möglicherweise liegen sie auch damit gar nicht so falsch. Ein paar Stunden später stehen Caroline und Johanna noch ganz verschlafen an der Wasserstelle und putzen ihre Zähne. Den Kuckuck hört man schon längst nicht mehr. Die Sirenen der Polizeiwagen und die kreisenden Hubschrauber gehören nach drei Tagen Dauerbeschallung schon fast zum alltäglichen Hintergrundgeräusch. Dann aber wird der Lärm lauter, und noch bevor sie ihn richtig einordnen können, taucht ein Bundeswehrtornado aus den tiefhängenden Wolken auf und dreht kaum zweihundert Meter über den Zelten eine Runde. So schnell, wie er aus den Wolken geschossen kam, ist der Spuk auch wieder vorbei. „War das ein Zufall oder was sollte das?“ fragt Caroline auf dem Rückweg zu den Zelten. „Nee, das war schon Strategie!“ meint Johanna: „Einschüchtern und schikanieren, darum geht es doch.“[1]
...und Schikanieren
Diese Schlussfolgerung liegt in diesen Tagen auf der Hand. Am vorherigen Montag hatte die Polizei eine angekündigte Demonstration zu Migration und Asylrecht stundenlang nicht auf die vereinbarte Route gelassen und sie dann mit massiver Präsenz begleitet. Das hielt die etwa 8.000 Demonstrationsteilnehmer dennoch nicht davon ab, ihr Recht wahrzunehmen. Dass Schikane und Einschüchterung auch außerhalb von Demonstrationen zur Strategie der Polizei gehören, wurde noch einmal besonders auf der Rückfahrt mit dem Zug von Rostock zum Camp deutlich. Die „Clownsarmee“, die während der Demonstrationen mit ihren lustig-ironischen Aktionen die Staatsgewalt persiflierte aber auch zur erheblichen Entspannung der Stimmung beitrug, hatte sich kurz vor Abfahrt des Zuges auf der Rückseite des Bahnhofs auf einer Wiese niedergelassen. „Es war absolut nichts los, und die haben auch gar nichts gemacht. Aber die Polizisten hatten anscheinend Lust, es denen zu zeigen und haben sie gezwungen, sich bis auf die Unterwäsche auszuziehen“, berichtete Caroline später.
Später im Zug trafen die Münsteraner auch einen Bekannten wieder. „Ach, euch kenn ich doch“, meinte Timo und begrüßte die Gruppe aus Münster freundlich, hatte er doch vor ein paar Wochen noch ein Blockadetrainig mit ihnen absolviert. „Und, wie geht’s dir?“ kam die Rückfrage. „Ach, ich komme gerade aus dem Knast, wo sie mich zehn Stunden festgehalten haben.“ Und dann erzählte er, er sei gleich morgens im Zug festgenommen worden, weil er ein „Walkie-Talkie“ bei sich gehabt habe und sich „ja mit linksorientierten Menschen“ hätte absprechen können. „Einen anderen Menschen haben sie sogar festgenommen, weil er ein Halstuch in der Tasche hatte“, erzählte er weiter. „Und dann war da so ein komischer Typ, wahrscheinlich ein Beamter in Zivil. Der hat die ganze Zeit nichts gesagt aber immer sehr genau zugehört und ist dann auch als erster entlassen worden. Komisch, der war sicher ein Spitzel.“
Wer bis dato aufgrund der Geschehnisse am 2. Juni noch kein komisches Gefühl in der Magengegend hatte, bekam es wohl spätestens in diesem Moment.
Es geht nur gemeinsam
Trotz alledem setzen die Globalisierungskritiker ihre Vorbereitungen für Mittwoch, den ersten Tag der Blockaden, fort. Am Dienstag, nach der Rückkehr aus einem der zahlreichen Blockadetrainings, die Teilnehmer zuversichtlicher, was den folgenden Tag angeht. „Wir haben verschiedene Möglichkeiten der Blockade kennengelernt und waren sowohl in der Rolle von Demonstranten als auch von Polizisten“, erzählt Rebecca. „Das war wirklich spannend, weil klar geworden ist, dass es wirklich einfach sein kann, durch eine Polizeikette zu kommen, wir sind ja viel mehr. Auch wenn ich den Eindruck hatte, dass die ‚Polizisten’ ein bisschen übertrieben haben und es zuweilen richtig ruppig abging. Wie wird das dann wohl werden, wenn morgen richtige Polizisten da sind?“

Die Nummer des Ermittlungsausschusses auf dem Arm sorgt für ein gutes Gefühl und den nötigen Rechtsbeistand | Foto: Mithlan Rathlin
Johanna hingegen, die schon in Münster an einem Blockadetraining teilgenommen hatte, beschäftigen andere Gedanken. „Also, wir haben ja zwei Bezugsgruppen gebildet, um besser aufeinander achtgeben zu können. Und wir haben auch alle möglichen Fälle durchgespielt, wie weit wir gehen, wenn Tränengas oder Wasserwerfer eingesetzt werden. Aber was mir wirklich Stress macht, ist, was passiert, wenn ich meine Bezugsgruppe verlieren sollte, wenn wir versuchen, durch die Polizeikette zu kommen – noch nicht einmal, wenn ich festgehalten werde und die Polizisten uns dann irgendwo einkesseln, eher, wenn ich hinter der Kette bin und die anderen nicht mehr wiederfinde. Und ich glaube, ich würde Schwierigkeiten haben, zu sehen wie jemand, den ich mag oder der in meiner Nähe sitzt, von Polizisten geschlagen wird. Da weiß ich echt nicht, wie ich reagieren werde...“
Was die Münsteraner am Blockadetag erlebten, lesen Sie in der nächsten Ausgabe der NRhZ.
Hier mehr Fotos aus Rostock und Heiligendamm
[1] Der Bundestagspolitiker der Grünen Ströbele hatte am 12.06. kritisiert, dass Bundeswehrtornados über den Camps um Heiligendamm flogen, um der Polizei „fotografische Amtshilfe" zu leisten.
Online-Flyer Nr. 99 vom 13.06.2007














