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Inland
Mit Globalisierungskritikern aus Münster in Heiligendamm – Teil 2
Blockieren leicht gemacht
Von Mithlan Rathlin
Fünf Finger sollt ihr sein!
Am Vorabend des Blockadetags treffen sich die Vertreter der Bezugsgruppen im großen Zirkuszelt, um die letzten Strategien abzusprechen. Natürlich weiß auch die Polizei, dass das Bündnis „Block G8“, das die friedlichen Massenblockaden organisiert, auf die Fünf-Finger-Taktik setzt. Im Wendland bei den Castor-Transporten erprobt, werden die vielen tausend Menschen in fünf Gruppen eingeteilt, die zunächst zusammen in die Nähe der Blockadeorte ziehen, sich dann in „Finger“ aufspalten, um sich schließlich nochmals in Einzelpersonen aufzuspalten.
Man will versuchen, Lücken in der Polizeikette zu nutzen, um durch sie gleichsam hindurchzufließen. Aber selbst das Wissen um die Taktik der Globalisierungskritiker wiegt die zahlenmäßige Unterlegenheit der Polizei nicht auf, wie die Blockadetrainings und die Erfahrungen aus dem Wendland deutlich zeigen. Dennoch bleibt eine gewisse Skepsis. „Ein bisschen müssen wir uns auch darauf verlassen, dass die Block G8-Leute sich gut auskennen und morgen geeignete Wege zu den Blockadeorten finden“, meint Martin kritisch. Dass es dabei über Stock und Stein, durch Felder und über Wassergräben gehen wird, versteht sich fast von selbst. Denn eine Straße kann die Polizei natürlich einfach absichern, das Gelände kann sie aber nicht kontrollieren.
Räuber und Gendarm-Spiel in den Rapsfeldern
Am Mittwochmorgen heißt es früh aufstehen, denn gegen acht Uhr sollen alle Blockierer startbereit sein. Dann findet auch das letzte Delegiertenplenum statt, und erst dort wird festgelegt, wann der Aufbruch ist, um den Informanten der Polizei möglichst wenig Zeit für Vorbereitungen zu lassen.

G8 mussten gegen den Wind segeln
Foto: Mithlan Rathlin
So sammeln sich die Blockierer denn auch schon um neun Uhr neben dem großen Zirkuszelt. Die Gruppen aus Münster werden dem „orangen Finger“ zugeteilt, sie befinden sich irgendwo in der Mitte der Gruppe. Die Fingerkuppen werden von Menschen mit Blockadeerfahrung gestellt, die so die Lücken für die Nachfolgenden schaffen sollen.
Zunächst entsteht ein kleines Durcheinander, der Platz neben dem Zelt ist begrenzt. Aber so können die Bezugsgruppen das erste Mal ausprobieren, sich wiederzufinden: „Tapir“, „Labello“ rufen sich die Gruppenmitglieder zu, und dann geht es Schlag auf Schlag. „Käfer“, „Seepferdchen“, „Arschkeks“. Was die Namen ihrer Bezugsgruppen angeht, haben die Globalisierungskritiker ihrer Kreativität freien Lauf gelassen.
Acht oder neun Hubschrauber
Dann setzt sich der Zug in Bewegung, hinaus aus dem Camp, Richtung Osten, nach Bad Doberan. Auf den ersten Kilometern treffen sie auf keine Polizei. Bis dato sind noch keine Hubschrauber in Sicht. Dann aber kommt die erste Polizeisperre, und die ersten der schätzungsweise 3.000 Menschen schlagen sich in den Wald. Indem sie zusätzlich Bäume quer über den Weg legen, gelingt es ihnen, Polizeifahrzeuge abzuhängen. Die nachfolgenden Blockierer biegen vor der Polizeisperre in ein Rapsfeld ab. Die Pflanzen werden niedergetreten, das Gehen wird beschwerlicher. Dann geht es von einem Waldrand über einen Feldweg und eine Böschung zum nächsten Waldrand. Da tauchen die Hubschrauber auf, acht oder neun mögen es sein, die über dem Zug kreisen.
Die Stimmung ist entspannt, der Zug bunt mit Menschen in Sommerkleidung und mit Fahnen. Es ist der erste sonnige und warme Tag seit Beginn der Proteste am 2. Juni. Zuweilen skandieren die Demonstranten ihre Parolen. „A, anti, anticapitalista“ rufen sie. Andere singen „We will, we will block you!“ Bevor der Zug den Waldrand verlässt, rufen einige noch: „Bäume lasst das Stehen sein, reiht euch in die Demo ein.“ Dann gibt die Wiese zum ersten Mal den Blick auf die vielen tausend Menschen frei, die sich dem Zug angeschlossen hatten. Es ist ein beeindruckendes Bild, wie sich die Menschen dort sammeln und Pause machen, während der Aktionsrat überlegt, wohin es von nun an gehen soll.

„Wir sind viele – was seid ihr?!“ Gegen so viele Blockierer hatte die Polizei keine Chance | Foto: Linus
Entschlossen auf die Polizeikette zu
Es geht weiter in Fingerformation. Aber nach etwa einer halben Stunde spalten sich die Finger auf. Nun befindet sich der orange Finger mit etwa zweitausend Menschen weiter östlich, und das erste Mal sehen sich die Demonstranten einer kleinen Polizeigruppe gegenübergestellt. Sie versuchen die Globalisierungskritiker abzudrängen, aber die erfahrenen „G8-Blockierer“ haben die Situation im Griff, dirigieren den Zug von den Polizisten weg, ohne ihre Richtung zu ändern. Dann taucht das erste ernstzunehmende Hindernis auf. Ein Wassergraben muss überwunden werden. Einige springen hinüber, andere bekommen nasse Füße, und die meisten suchen nach einer Brücke. Mitgebrachte Strohsäcke werden als Behelfsbrücke in den Graben geworfen; an anderer Stelle gibt es tatsächlich eine Überquerung zur landwirtschaftlichen Nutzung.
Schließlich sind die Blockierer ganz in der Nähe der Straße, die sie besetzen wollen. Jetzt wird es Ernst. Sie wenden sich dem Bahndamm zu, nehmen die Hände nach oben und rufen „Ohne Gewalt!“ Dabei gehen sie ruhig aber entschlossen auf die Polizeikette zu. In schwarzen gepolsterten Uniformen inklusive Helm und Mundschutz stehen die „Beamten“ auf dem Bahndamm und halten Schutzschilde vor sich. Dann geht alles ganz schnell. Die ersten Demonstranten erklimmen den Bahndamm, laufen auf die Lücken zwischen den Polizisten zu, und versuchen, zwischen den Schutzschilden hindurchzuschlüpfen. Die Ersten können die Polizisten mit ihren Schilden noch abwehren, dann aber sind die Lücken so groß, dass die Nachrückenden leichtes Spiel haben, den Bahndamm hinter sich lassen und die Straße dahinter besetzen.
Seifenblasen und Luftballons statt Polizeigewalt
Die Gruppe auf der Straße wächst schnell an. Dann sind es etwa 300 Menschen, die auf dem Asphalt sitzen. In den ersten Minuten geht es noch chaotisch zu, aber dann hat sich auch die Polizei mit der Situation abgefunden, und die Blockierer richten sich darauf ein zu bleiben. „Ihr habt das prima hingekriegt, niemand ist verletzt oder festgehalten worden!“, ruft eine der beiden Block G8-Sprecher ins Megaphon: „Und wir sind hier goldrichtig, denn von hier aus sollen die Delegationen nach Heiligendamm kommen. Die anderen sind noch unterwegs – und wir wollen hoffen, dass sie genauso viel Erfolg haben wie wir.“
Applaus und Jubel folgt auf diese Ansage. Die Situation entspannt sich. Die Blockierer pusten Luftballons auf und lassen Seifenblasen steigen. Polizisten beobachten Blockierer, Blockierer Polizisten. Schließlich nimmt die geballte Staatsmacht Helme und Mundschutz ab und beneidet wohl die Demonstranten um ihre leichte Sommerkleidung. Die nassen Schuhe und Strümpfe der Globalisierungskritiker hängen nun am Absperrgitter, einige Polizisten machen eine Zigarettenpause. Dann findet das erste Delegiertenplenum am Rande der Blockade statt. Die Übereinkunft ist, sich weiterhin nicht provozieren zu lassen und die Blockade möglichst auf die zweite Straße auszudehnen, die die Polizei noch zum Manövrieren nutzen kann.
Die friedlichste der G8-Blockaden
Foto: Linus
„Warum räumen die uns nicht?“
„Wie, das soll eine Blockade sein?“ fragt sich Linus ein paar Stunden später. „Hier passiert ja gar nichts.“ In der Tat: Nach der ersten Stunde zivilen Ungehorsams im Schneidersitz fährt ein Krankenwagen auf die Sitzblockade zu. „Wir haben hier einen Notfall, lassen Sie den Wagen bitte passieren!“, so die Ansage der Polizei. Das wurde ihr gewährt – kein Blockierer war auf Konfrontation aus. Dann verbreiteten zwei Wasserwerfer Unruhe, die etwa drei Stunden nach der Besetzung der Straße auftauchen. Viele Blockierer hatten sich schon auf eine Räumung vorbereitet, als dann die Durchsage durch das Megaphon kommt: „Die Polizei hat uns gerade versichert, dass sie die Wasserwerfer hier erst einmal nur hinstellen und uns nicht räumen wird. Momentan gibt es keinen Grund zur Beunruhigung.“
Dann, nach nur einem halben Tag, am Nachmittag gegen halb vier, haben die Blockierer wirklich allen Grund zum Jubeln: „Wir haben gerade die Nachricht bekommen, dass Heiligendamm vom Landweg aus nicht mehr erreicht werden kann. Die Versorgung kann nur über Luft und Seeweg gewährleistet werden“, hört man über das Megaphon. „Das heißt auch, dass die Polizei eine Menge Stress hat“, meint eine Frau mit kurzen blonden Haaren: „Die müssen ihre Leute jetzt überall mit Helikoptern hinbringen.“

Heiligendamm vom Landweg abgeschnitten
Foto: Linus
Die Strategie ist aufgegangen
Damit sind die Blockierer am Ziel. Ihre Strategie ist aufgegangen, den Gipfel abzuschneiden und damit ihrer Position Ausdruck zu verleihen, dass das Treffen und die dort getroffenen Absprachen nicht legitim sind. „Ich will auch gar keine Forderungen an die Acht stellen“, sagt eine Frau mit kurzen schwarzen Haaren in das Mikrophon. „Sie machen eine Politik, die ihren eigenen Wirtschaftsinteressen dient, und dabei sterben täglich tausende Menschen auf dieser Welt.“
Nach den Reaktionen zu urteilen, ist diese Haltung für viele Journalisten erst einmal ein Rätsel. Ein solch entschiedenes „Nein!“ – ohne gleichzeitig eine Alternative zu nennen – fällt ihnen sichtlich schwer, in die Abendnachrichten zu transportieren. Dennoch ist das Medieninteresse an den Blockaden groß. Der Übertragungswagen von Reuters bleibt bis in die Abendstunden auf seinem Posten.
Auf der Blockade bleibt es den ganzen Tag und Abend lang ruhig. Die Demonstranten werden mehrmals von den Organisatoren von „Block-G8“ mit Wasser und warmem Essen versorgt. Später bringen sie sogar auch noch Schlafsäcke und Isomatten, für die, die auch die Nacht über die Stellung halten werden und selbst nichts mitgenommen hatten.
Rückweg mit großer Erleichterung
Viele Demonstranten wundern sich, warum die Polizei die Blockade nicht räumt und sogar Kräfte abzieht. Anscheinend ist nicht nur die Medienpräsenz vor Ort der Grund. Offensichtlich hatte sich die Führung der Sicherheitskräfte darauf geeinigt, einen Zugang nach Heiligendamm wieder zu erobern, nämlich dort, wo auch Journalisten ins eingezäunte Ostseebad Zugang hatten. Dort räumten die Polizisten dann in sehr brutalen Vorstößen die Blockaden mit Wasserwerfern und setzten dabei auch Pfefferspray ein. Eine vollständige Sperrung der Zufahrtsstraßen ließ sich so nur einige Stunden lang Stunden aufrechterhalten.
Als die meisten Münsteraner aus dem „orangen Finger“ um zehn Uhr abends die Blockade verlassen, sind sie dennoch guter Laune. Wer hätte auch schon gedacht, dass dieses Unternehmen so lange erfolgreich verlaufen würde? Niemand ist verletzt oder eingesperrt worden. Und so treten sie den Rückweg zu Fuß mit großer Erleichterung an. Einige von ihnen werden sicher nicht das letzte Mal an einer Blockade teilgenommen haben.
Online-Flyer Nr. 100 vom 20.06.2007
Mit Globalisierungskritikern aus Münster in Heiligendamm – Teil 2
Blockieren leicht gemacht
Von Mithlan Rathlin
Fünf Finger sollt ihr sein!
Am Vorabend des Blockadetags treffen sich die Vertreter der Bezugsgruppen im großen Zirkuszelt, um die letzten Strategien abzusprechen. Natürlich weiß auch die Polizei, dass das Bündnis „Block G8“, das die friedlichen Massenblockaden organisiert, auf die Fünf-Finger-Taktik setzt. Im Wendland bei den Castor-Transporten erprobt, werden die vielen tausend Menschen in fünf Gruppen eingeteilt, die zunächst zusammen in die Nähe der Blockadeorte ziehen, sich dann in „Finger“ aufspalten, um sich schließlich nochmals in Einzelpersonen aufzuspalten.
Man will versuchen, Lücken in der Polizeikette zu nutzen, um durch sie gleichsam hindurchzufließen. Aber selbst das Wissen um die Taktik der Globalisierungskritiker wiegt die zahlenmäßige Unterlegenheit der Polizei nicht auf, wie die Blockadetrainings und die Erfahrungen aus dem Wendland deutlich zeigen. Dennoch bleibt eine gewisse Skepsis. „Ein bisschen müssen wir uns auch darauf verlassen, dass die Block G8-Leute sich gut auskennen und morgen geeignete Wege zu den Blockadeorten finden“, meint Martin kritisch. Dass es dabei über Stock und Stein, durch Felder und über Wassergräben gehen wird, versteht sich fast von selbst. Denn eine Straße kann die Polizei natürlich einfach absichern, das Gelände kann sie aber nicht kontrollieren.
Räuber und Gendarm-Spiel in den Rapsfeldern
Am Mittwochmorgen heißt es früh aufstehen, denn gegen acht Uhr sollen alle Blockierer startbereit sein. Dann findet auch das letzte Delegiertenplenum statt, und erst dort wird festgelegt, wann der Aufbruch ist, um den Informanten der Polizei möglichst wenig Zeit für Vorbereitungen zu lassen.

G8 mussten gegen den Wind segeln
Foto: Mithlan Rathlin
So sammeln sich die Blockierer denn auch schon um neun Uhr neben dem großen Zirkuszelt. Die Gruppen aus Münster werden dem „orangen Finger“ zugeteilt, sie befinden sich irgendwo in der Mitte der Gruppe. Die Fingerkuppen werden von Menschen mit Blockadeerfahrung gestellt, die so die Lücken für die Nachfolgenden schaffen sollen.
Zunächst entsteht ein kleines Durcheinander, der Platz neben dem Zelt ist begrenzt. Aber so können die Bezugsgruppen das erste Mal ausprobieren, sich wiederzufinden: „Tapir“, „Labello“ rufen sich die Gruppenmitglieder zu, und dann geht es Schlag auf Schlag. „Käfer“, „Seepferdchen“, „Arschkeks“. Was die Namen ihrer Bezugsgruppen angeht, haben die Globalisierungskritiker ihrer Kreativität freien Lauf gelassen.
Acht oder neun Hubschrauber
Dann setzt sich der Zug in Bewegung, hinaus aus dem Camp, Richtung Osten, nach Bad Doberan. Auf den ersten Kilometern treffen sie auf keine Polizei. Bis dato sind noch keine Hubschrauber in Sicht. Dann aber kommt die erste Polizeisperre, und die ersten der schätzungsweise 3.000 Menschen schlagen sich in den Wald. Indem sie zusätzlich Bäume quer über den Weg legen, gelingt es ihnen, Polizeifahrzeuge abzuhängen. Die nachfolgenden Blockierer biegen vor der Polizeisperre in ein Rapsfeld ab. Die Pflanzen werden niedergetreten, das Gehen wird beschwerlicher. Dann geht es von einem Waldrand über einen Feldweg und eine Böschung zum nächsten Waldrand. Da tauchen die Hubschrauber auf, acht oder neun mögen es sein, die über dem Zug kreisen.
Die Stimmung ist entspannt, der Zug bunt mit Menschen in Sommerkleidung und mit Fahnen. Es ist der erste sonnige und warme Tag seit Beginn der Proteste am 2. Juni. Zuweilen skandieren die Demonstranten ihre Parolen. „A, anti, anticapitalista“ rufen sie. Andere singen „We will, we will block you!“ Bevor der Zug den Waldrand verlässt, rufen einige noch: „Bäume lasst das Stehen sein, reiht euch in die Demo ein.“ Dann gibt die Wiese zum ersten Mal den Blick auf die vielen tausend Menschen frei, die sich dem Zug angeschlossen hatten. Es ist ein beeindruckendes Bild, wie sich die Menschen dort sammeln und Pause machen, während der Aktionsrat überlegt, wohin es von nun an gehen soll.

„Wir sind viele – was seid ihr?!“ Gegen so viele Blockierer hatte die Polizei keine Chance | Foto: Linus
Entschlossen auf die Polizeikette zu
Es geht weiter in Fingerformation. Aber nach etwa einer halben Stunde spalten sich die Finger auf. Nun befindet sich der orange Finger mit etwa zweitausend Menschen weiter östlich, und das erste Mal sehen sich die Demonstranten einer kleinen Polizeigruppe gegenübergestellt. Sie versuchen die Globalisierungskritiker abzudrängen, aber die erfahrenen „G8-Blockierer“ haben die Situation im Griff, dirigieren den Zug von den Polizisten weg, ohne ihre Richtung zu ändern. Dann taucht das erste ernstzunehmende Hindernis auf. Ein Wassergraben muss überwunden werden. Einige springen hinüber, andere bekommen nasse Füße, und die meisten suchen nach einer Brücke. Mitgebrachte Strohsäcke werden als Behelfsbrücke in den Graben geworfen; an anderer Stelle gibt es tatsächlich eine Überquerung zur landwirtschaftlichen Nutzung.
Schließlich sind die Blockierer ganz in der Nähe der Straße, die sie besetzen wollen. Jetzt wird es Ernst. Sie wenden sich dem Bahndamm zu, nehmen die Hände nach oben und rufen „Ohne Gewalt!“ Dabei gehen sie ruhig aber entschlossen auf die Polizeikette zu. In schwarzen gepolsterten Uniformen inklusive Helm und Mundschutz stehen die „Beamten“ auf dem Bahndamm und halten Schutzschilde vor sich. Dann geht alles ganz schnell. Die ersten Demonstranten erklimmen den Bahndamm, laufen auf die Lücken zwischen den Polizisten zu, und versuchen, zwischen den Schutzschilden hindurchzuschlüpfen. Die Ersten können die Polizisten mit ihren Schilden noch abwehren, dann aber sind die Lücken so groß, dass die Nachrückenden leichtes Spiel haben, den Bahndamm hinter sich lassen und die Straße dahinter besetzen.
Seifenblasen und Luftballons statt Polizeigewalt
Die Gruppe auf der Straße wächst schnell an. Dann sind es etwa 300 Menschen, die auf dem Asphalt sitzen. In den ersten Minuten geht es noch chaotisch zu, aber dann hat sich auch die Polizei mit der Situation abgefunden, und die Blockierer richten sich darauf ein zu bleiben. „Ihr habt das prima hingekriegt, niemand ist verletzt oder festgehalten worden!“, ruft eine der beiden Block G8-Sprecher ins Megaphon: „Und wir sind hier goldrichtig, denn von hier aus sollen die Delegationen nach Heiligendamm kommen. Die anderen sind noch unterwegs – und wir wollen hoffen, dass sie genauso viel Erfolg haben wie wir.“
Applaus und Jubel folgt auf diese Ansage. Die Situation entspannt sich. Die Blockierer pusten Luftballons auf und lassen Seifenblasen steigen. Polizisten beobachten Blockierer, Blockierer Polizisten. Schließlich nimmt die geballte Staatsmacht Helme und Mundschutz ab und beneidet wohl die Demonstranten um ihre leichte Sommerkleidung. Die nassen Schuhe und Strümpfe der Globalisierungskritiker hängen nun am Absperrgitter, einige Polizisten machen eine Zigarettenpause. Dann findet das erste Delegiertenplenum am Rande der Blockade statt. Die Übereinkunft ist, sich weiterhin nicht provozieren zu lassen und die Blockade möglichst auf die zweite Straße auszudehnen, die die Polizei noch zum Manövrieren nutzen kann. Die friedlichste der G8-Blockaden
Foto: Linus
„Warum räumen die uns nicht?“
„Wie, das soll eine Blockade sein?“ fragt sich Linus ein paar Stunden später. „Hier passiert ja gar nichts.“ In der Tat: Nach der ersten Stunde zivilen Ungehorsams im Schneidersitz fährt ein Krankenwagen auf die Sitzblockade zu. „Wir haben hier einen Notfall, lassen Sie den Wagen bitte passieren!“, so die Ansage der Polizei. Das wurde ihr gewährt – kein Blockierer war auf Konfrontation aus. Dann verbreiteten zwei Wasserwerfer Unruhe, die etwa drei Stunden nach der Besetzung der Straße auftauchen. Viele Blockierer hatten sich schon auf eine Räumung vorbereitet, als dann die Durchsage durch das Megaphon kommt: „Die Polizei hat uns gerade versichert, dass sie die Wasserwerfer hier erst einmal nur hinstellen und uns nicht räumen wird. Momentan gibt es keinen Grund zur Beunruhigung.“
Dann, nach nur einem halben Tag, am Nachmittag gegen halb vier, haben die Blockierer wirklich allen Grund zum Jubeln: „Wir haben gerade die Nachricht bekommen, dass Heiligendamm vom Landweg aus nicht mehr erreicht werden kann. Die Versorgung kann nur über Luft und Seeweg gewährleistet werden“, hört man über das Megaphon. „Das heißt auch, dass die Polizei eine Menge Stress hat“, meint eine Frau mit kurzen blonden Haaren: „Die müssen ihre Leute jetzt überall mit Helikoptern hinbringen.“

Heiligendamm vom Landweg abgeschnitten
Foto: Linus
Die Strategie ist aufgegangen
Damit sind die Blockierer am Ziel. Ihre Strategie ist aufgegangen, den Gipfel abzuschneiden und damit ihrer Position Ausdruck zu verleihen, dass das Treffen und die dort getroffenen Absprachen nicht legitim sind. „Ich will auch gar keine Forderungen an die Acht stellen“, sagt eine Frau mit kurzen schwarzen Haaren in das Mikrophon. „Sie machen eine Politik, die ihren eigenen Wirtschaftsinteressen dient, und dabei sterben täglich tausende Menschen auf dieser Welt.“
Nach den Reaktionen zu urteilen, ist diese Haltung für viele Journalisten erst einmal ein Rätsel. Ein solch entschiedenes „Nein!“ – ohne gleichzeitig eine Alternative zu nennen – fällt ihnen sichtlich schwer, in die Abendnachrichten zu transportieren. Dennoch ist das Medieninteresse an den Blockaden groß. Der Übertragungswagen von Reuters bleibt bis in die Abendstunden auf seinem Posten.
Auf der Blockade bleibt es den ganzen Tag und Abend lang ruhig. Die Demonstranten werden mehrmals von den Organisatoren von „Block-G8“ mit Wasser und warmem Essen versorgt. Später bringen sie sogar auch noch Schlafsäcke und Isomatten, für die, die auch die Nacht über die Stellung halten werden und selbst nichts mitgenommen hatten.
Rückweg mit großer Erleichterung
Viele Demonstranten wundern sich, warum die Polizei die Blockade nicht räumt und sogar Kräfte abzieht. Anscheinend ist nicht nur die Medienpräsenz vor Ort der Grund. Offensichtlich hatte sich die Führung der Sicherheitskräfte darauf geeinigt, einen Zugang nach Heiligendamm wieder zu erobern, nämlich dort, wo auch Journalisten ins eingezäunte Ostseebad Zugang hatten. Dort räumten die Polizisten dann in sehr brutalen Vorstößen die Blockaden mit Wasserwerfern und setzten dabei auch Pfefferspray ein. Eine vollständige Sperrung der Zufahrtsstraßen ließ sich so nur einige Stunden lang Stunden aufrechterhalten.
Als die meisten Münsteraner aus dem „orangen Finger“ um zehn Uhr abends die Blockade verlassen, sind sie dennoch guter Laune. Wer hätte auch schon gedacht, dass dieses Unternehmen so lange erfolgreich verlaufen würde? Niemand ist verletzt oder eingesperrt worden. Und so treten sie den Rückweg zu Fuß mit großer Erleichterung an. Einige von ihnen werden sicher nicht das letzte Mal an einer Blockade teilgenommen haben.
Online-Flyer Nr. 100 vom 20.06.2007














