Filmkritik: Die Freiheit des Erzählens – Das Leben des Gad Beck
„Und dazu trinke ich schwarzen Kaffee“
Von Endy Hagen

Und Gad Beck ist ein begnadeter Erzähler, der seine Zuhörer mitreißt und verführt. Es ist atemberaubend, ihm zuzuschauen, wie er die Hände ausstreckt, gestikuliert, kokettiert. Er lässt seine Stimme zum Stakkato anschwellen, um im nächsten Augenblick zu verstummen, den Kopf bedächtig in die Hände zu stützen und dann mit leiser Stimme bedachtsam fortzufahren. Der ganze Körper bebt, Tränen treten in seine Augen, wenn er seinen Zuhörern Trauriges und Erschütterndes darbietet. Und davon hat es in Gad Becks Leben wahrlich genug gegeben:
Gemeinsam mit seiner Zwillingsschwester Margot, heute Miriam Rosenberg, behütet herangewachsen, bekam er bald den zunehmenden Antisemitismus des Vorkriegsdeutschlands zu spüren. 1934 wechselten die Geschwister von der öffentlichen Grundschule in Weißensee auf die jüdische Schule in der Großen Hamburger Straße, mussten diese 1938 jedoch verlassen, weil sich die Eltern das Schulgeld nicht mehr leisten konnten. 1943 schloss sich Gad Beck dem „Chug Chaluzi“ an, einer religiös-zionistischen Jugendgruppe, die alles daran setzte, durch Tarnung im Berliner Untergrund das Leben der verfolgten Kinder und Jugendlichen zu retten. Spätestens mit der Flucht deren Mitbegründers Jizchak Schwersenz in die Schweiiz übernahm er die Leitung des „Chug". Noch kurz vor Kriegsende fiel die Gruppe in die Hände der Nazis, ihre Mitglieder wurden jedoch durch das rechtzeitige Eintreffen der Sowjetarmee gerettet.

Gad Beck liest handgeschriebene Gedichte von Manfred Lewin
Doch nicht nur davon erzählt er. Er spricht auch von seiner Jugendliebe Manfred Lewin, dem 19-jährigen, der mit seiner Familie deportiert und in Auschwitz ermordet wurde, von sexuellen Erfahrungen, Vorlieben, bekennt sich offensiv als schwul und behauptet seine Identität und sein So-Sein. Er eckt auch an. Verkündet in seiner Fabulierlust, nur Steven Spielberg könne einen Film machen, der seinem Leben gerecht werde – und das in die Kamera derer hinein, die gerade einen solchen Film drehen. Kaum wird ihm dies bewusst, kurbelt er zurück – verletzen will er ja nicht – und startet den koketten Gegenangriff: „Du schaust mich ja gar nicht an.“
Weggenossen beklagen sich, er habe sie in seiner Biografie denunziert, beleidigt, als schwul geoutet, er habe manches erfunden – insbesondere die versuchte Rettung seines Geliebten Manfred Lewin scheint umstritten. Andere wieder bestätigen seine Erzählungen. „Es ist die Wahrheit. Gad kann es ausschmücken, aber es ist die Wahrheit.", sagt seine Schwester an anderer Stelle..
Doch: Was ist denn überhaupt Wirklichkeit? Was bedeutet es, Wirklichkeit fünfzig Jahre danach wieder erstehen zu lassen? Woran erinnern wir uns? An die Vergangenheit oder an unsere Erinnerung an die Vergangenheit? Oder erinnern wir uns an das, was wir über die Vergangenheit erzählen? Erinnern wir uns – nach fünfzig Jahren – noch an das Ereignis? Oder an das, was wir gefühlt, uns gewünscht haben, was wir gern getan hätten, wovon wir aber nur geträumt haben? „Welche Formulierung findet man für ein Erleben, das sich im Herzen mehr gespeichert hat als im Gehirn?“, fragt Frank Heibert, Herausgeber der Autobiographie Gad Becks.

„Gad kann es ausschmücken, aber es ist die Wahrheit."
Miriam Rosenberg, Schwester von Gad Beck
Gad Beck will es den Leuten recht machen, wenn er erzählt. Er inszeniert sich gern, setzt auf Effekte; er holt sich seine Lacherfolge und berührt seine Zuhörer tief. In seinem Harmoniebedürfnis kommt er seinem Publikum weit entgegen, lässt sich aber nie die Definitionsmacht über sein Leben nehmen. Sexuelle Kontakte, die die Filmemacher als Missbrauch, als ihm angetane Gewalt definiert wissen wollen, umschreibt er, sagt nur, diese Form der Sexualität habe er nicht gemocht, sie sei ihm zu grob gewesen, zu vulgär, oder: „Ich habe ihn nicht gemocht.“ Auch von seinen Regisseuren lässt er sich nicht zum Opfer machen.
Dies ist der einzige Schwachpunkt dieser sonst so überaus respektvollen und sensiblen Hommage an Gad Beck: Eine Szene, in der die Regisseure versuchen, ihn zu der Aussage zu bewegen, dass es sich bei verschiedenen sexuellen Kontakten um Missbrauch, Nötigung, Ausnutzung seiner abhängigen Situation gehandelt habe, wird unterbrochen durch mit dramatischer Musik hinterlegte Bilder aus anderen Gesprächssequenzen; der Zuschauer sieht einen stummen Gad Beck heftig gestikulieren. Dies wirkt manipulativ und aufdringlich, dem Zuschauer und dem Protagonisten gegenüber. Da wird die Missbrauchsdiskussion des Jahres 2006 sechzig Jahre alten Erinnerungen übergestülpt und eben jene „Freiheit des Erzählens“ nicht mehr respektiert.

„Das ist fast eine Beichte" – Gad Beck im Gespräch
Alle Fotos: www.gad-beck.de
Was macht also die Freiheit des Erzählens aus?
Die Antwort gibt vielleicht meine Lieblingsszene: Gad Beck hat soeben darüber Auskunft gegeben, welche Männer er in seinem Leben gesucht hat, und sagt dann dazu: „Das ist fast eine Beichte, und dazu trinke ich schwarzen Kaffee.“ Er hebt die Tasse, und die Kamera schwenkt auf deren Inhalt: Milchkaffee. – Aber Milchkaffee hätte man in dieser Szene wirklich nicht trinken können. (CH)
Online-Flyer Nr. 104 vom 18.07.2007














