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Literatur
Spaniens Himmel breitet seine Sterne... oder
Ein Lied kehrt zurück – Folge 28
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch

Schüler des Gymnasiums St. Martin beschließen, eine Geschichtsarbeit über den Spanischen Bürgerkrieg zu schreiben, der 1936 begann. Sie führen Gespräche mit ehemaligen Interbrigadisten aus verschiedenen Ländern und einem „Condorflieger“ der faschistischen deutschen Luftwaffe. Felix besucht die historischen Orte der Kämpfe zwischen Madrid und Barcelona – bei seinen Recherchen treten interessante Erkenntnisse zu Tage...

5.

Auf einer Bank neben dem Spielplatz im Dorf Kaltenberg saß eine junge Frau. Ihre kleine Tochter schaufelte unverdrossen Sand in Kuchenformen. Felix lenkte sein Rad an ihnen vorbei in Richtung Sportplatz. Vor Georg Silbermanns Haus blickte er zur Uhr und fuhr, weil noch über eine halbe Stunde Zeit bis zum vereinbarten Besuchstermin blieb, geradeaus weiter. Auf dem Sportplatz verfolgten etwa zwei Dutzend Personen ein Fußballspiel. Die Spieler auf dem Rasen bolzten den Ball reichlich planlos hin und her und schrieen sich dabei gegenseitig an. Felix stellte sich neben eine Gruppe Männer, die Bierflaschen in den Händen hielten. Sie schienen nur mäßiges Interesse am Spiel zu haben, und erbosten sich mehr über Politik und Preise, als über die mäßigen Leistungen der Fußballer. Felix horchte auf, als der Name Silbermann fiel.

„Der sollte lieber das Maul halten, statt vor Gericht zu ziehen“, meinte ein untersetzter Mann mit Stirnglatze und dunklem Schnauzbart. „Der hat doch alles, was er braucht.“ Der Redner zupfte an seinem Bart. „Dem seine Rente möchte ich jeden Monat auf meinem Konto sehen.“

Sein Nachbar, ein älterer Mann mit zerknittertem Gesicht widersprach und erinnerte an den besprühten Fußweg vor Silbermanns Haus. „Judensau, na und?“, beharrte der Untersetzte auf seiner Meinung. „Kann kaum noch einer lesen.“

Der Ball landete mehr durch Zufall, als spielerisches Können im Tor der Gästemannschaft. Die meisten Zuschauer schrieen oder applaudierten. Kurze Zeit drehte sich das Gespräch neben Felix um Fußball. Danach wechselte der Untersetzte erneut das Thema. „Ich habe wirklich nichts gegen alle Juden“, wiederholte er noch einmal eindringlich. „Aber die das Geld zusammen raffen, würde ich liebend gern in den Arsch treten. Die sollten mal nur einen Monat, von der Stütze leben müssen.“

Ein grauhaariger Mann, der sich bisher nicht am Gespräch beteiligt hatte, mischte sich ein. „Dann lauf doch gleich zu der Mölders Truppe. Aber pass auf, dass sie dir nicht in den Arsch treten! Und noch was, du Oberidiot! In den Aufsichtsräten und Banken Deutschlands musst du Juden mit der Lupe suchen. Dort sitzen ganz andere, die Ackermänner und Co.“ 

„Dann müssen wir der Regierung Beine machen!“

„Wie denn, Hugo?“ Der Mann mit dem zerknitterten Gesicht lachte höhnisch.

„Willst du eine Revolution? Dich müssten wir ja mit 'nem Kran auf die Barrikaden hieven.“

Die Umstehenden lachten. Hugo tat gleichgültig. „In der Zeitung stand, dass Silbermann Typen vom Gymnasium sponsert. In der ihrer Haut möchte ich nicht stecken, weil …“

Mehr verstand Felix nicht. Ein Spieler der Gastmannschaft war von zwei Gegnern brutal zu Boden gerissen worden. Die Zuschauer forderten wütend vom Schiedsrichter rote Karten. Als die ausblieben, segelte eine leere Bierflasche in Richtung des Unparteiischen. Felix blickte zur Uhr und lief zu seinem Rad, das an der Wand der Umkleidekabine lehnte. Georg Silbermann begrüßte Felix freundlich, verhehlte aber nicht sein Befremden darüber, dass er allein kam.

Auch die Vertreter des Vereins, Frau Lukowschik und Herr Machner fragten nach Alexander und Sophie. Felix entschloss sich so zu tun, als wären die beide heute lediglich aus wichtigen Gründen verhindert. In Wahrheit hatte Alexander kategorisch abgelehnt, zu „denen“ noch einmal zu gehen, und Sophie solange unentschlossen hin und her geredet, bis Felix das Gespräch mit „dann eben nicht“, beendet hatte. Silbermann bat Felix Platz zu nehmen und von der Reise zu berichten. Der breitete Fotos auf dem Tisch aus, erzählte ohne zu stocken und beteuerte am Ende vom Heldenmut der Interbrigadisten stark beeindruckt zu sein. Zuletzt versprach er für das Jugendcamp in Corbera im nächsten Jahr zu werben. Dolores erwähnte er nur mit knappen Worten und Isabella überhaupt nicht.

Der Gastgeber servierte Getränke und stellte Pralinen auf den Tisch. Felix griff danach und erwähnte seinen Besuch bei Dr. Gärtner.

„Ich habe einige Artikel von ihm gelesen“, reagierte Silbermann heftig. „Der Mann scheint vor allem krankhaft ehrgeizig zu sein. Er hat sich nach der Wende als Widerstandskämpfer zu profilieren versucht. Schulleiter war er auch, sagst du? Und warum ist er das nicht mehr?“

Felix zuckte mit den Schultern.

„Weil dazu ein bisschen mehr gehört, als auf die ehemalige DDR zu dreschen. Jetzt kümmert er sich um Maik Schuster und Konsorten?“

„Ich finde es richtig, dass Sie Anzeige gegen die Typen erstattet haben!“

Über Silbermanns Gesicht huschte ein Lächeln.

„Zeig den Gärtner doch auch gleich mit an, Georg!“, forderte Frau Lukowschik.

Silbermann kniff die Augen zusammen und winkte ab.

„Das muss ich mir noch reiflich überlegen. Judensau macht sensibel. Da geht's auch um internationales Ansehen. Aber alte und neue Nazis?“ Er zuckte mit den Schultern.

„Vor einiger Zeit hat ein Gericht in Bochum erlaubt, dass Neonazis gegen den Wiederaufbau einer Synagoge demonstrieren, und die Richter im Bundesgerichtshof entschieden, dass ‚Ruhm und Ehre der Waffen-SS’, angeblich keine Nazilosung ist. Die deutschen Gerichte … Nun nimm dir noch eine Praline, mein Junge, und dann, du hast viel aus Spanien berichtet, was uns das Herz erwärmte. Aber …?“

Felix verstand. „Sie wollen hören, ob es auch Probleme gab?“

Der Gastgeber nickte. Frau Lukowschik blickte Felix gespannt an und Herr Machner, bisher schweigsam am Tisch, ermunterte Felix mit den Worten: „Nun reden Sie schon. Manches was Sie erlebt haben, entsprach doch sicher nicht Ihren Erwartungen und bestimmt blieben Fragen unbeantwortet.“

Felix überlegte krampfhaft. Hauptsächlich hatten Dolores und Isabella nicht den Erwartungen entsprochen. Aber Antworten auf bestimmte Fragen suchte er. Was Barcelona im Mai 1937 zum Beispiel betraf. Silbermann unterbrach das Schweigen und fragte, als hätte er Felix Gedanken gelesen: „Du warst in Barcelona. Hat man dir da nur von der großartigen Kundgebung mit der kommunistischen Cortesabgeordneten Dolores Ibarruri, der Pasionaria, berichtet?“

„Von der POUM auch.“

„Von der POUM?“


Silbermann blickte seinen jungen Gast gespannt an.

„Richtig verstanden habe ich nicht, was da gelaufen ist“, gab der freimütig zu.

Frau Lukowschik mischte sich wieder ein. „Für uns ist das ein ganz wichtiges Thema, Felix! Weil die fünf Tage in Barcelona von der Gegenseite als Totschlagargument benutzt werden.“ Sie drehte den Kopf zu Silbermann. „Du kannst das besser erklären, Georg.“

Der Angesprochene trank erst einen Schluck und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund, bevor er der Aufforderung nach kam.

„Katalonien und damit Barcelona wurden vorrangig von der CNT, der Anarchistischen Gewerkschaft beherrscht. Deren politischer Kopf war die Föderation der Iberischen Anarchisten, FAI genannt. Die Macht obliegt den Komitees und nicht der Regierung, war die Hauptlosung der Anarchisten. Im Gegensatz zum Volksfrontabkommen wollten sie die ‚Soziale Revolution’ durchführen, wobei sie von der POUM unterstützt wurden. Das Weitertreiben der Revolution hätte zum sofortigen Bruch der Volksfront geführt und damit zur Niederlage der Republik. Unter den Kriegsbedingungen war es aber notwendig eine starke Volksarmee zu bilden, den Bauern Land zu geben, um die Bevölkerung und die Front versorgen zu können und demokratische Verhältnisse in den Betrieben zu schaffen, um die Produktion auf die Kriegsverhältnisse auszurichten. Nur so wäre es möglich gewesen, Franco zu besiegen.

Die Auseinandersetzungen zwischen den Anarchisten und der Regierung entzündete sich an der Telefonica. Sie stand unter der Verwaltung der Anarchisten, die nach Belieben die Kommunikation der Landesregierung behinderten. Nun frage ich dich aber, welche Regierung kann es gestatten, sich ihre Telefonverbindungen aus der Hand nehmen zu lassen? Es waren nicht moskauhörige Kommunisten, sondern die katalanische Regierung unter dem Sozialisten Luis Companys, die ihre Rechte wahrnahmen und die Telefonica unter staatliche Kontrolle stellen wollte. Das löste die blutigen Auseinandersetzungen aus. Wir Interbrigadisten empfanden diesen Vorgang in Katalonien wie einen Schlag in den Rücken der kämpfenden Armee. Mir hat sich niemand als POUMSympathisant zu erkennen gegeben, weil das nach dem Putsch in Barcelona für diese Leute wahrscheinlich gefährlich war. Wir erfuhren, dass gegen sie in Moskau Prozesse geführt und Todesurteile ausgesprochen wurden. Die Art, wie das geschah, wurde von uns nicht gebilligt. Man hätte öffentliche Prozesse und keine Geheimverfahren führen dürfen. Heute hätten wir dann wohl nicht über die fünf Tage in Barcelona sprechen müssen.“

Silbermanns Gesicht hatte sich vom langen Reden leicht gerötet. Er strich sich mit den Händen über seine Schläfen.

„Erfuhren Sie von den Ereignissen in Barcelona?“

Silbermann nickte. „Ich freue mich, dass ihr in eurer Arbeit auch auf diese Ereignisse eingehen wollt. Denn die Wahrheit, Felix, das hat ein großer Mann gesagt, dessen Namen ich leider vergessen habe, die Wahrheit ist weder gut noch böse, die Wahrheit ist einfach – die Wahrheit. Aber mit Barcelona 1937 hören deine Fragen sicher noch nicht auf.“

„Genau.“ Felix zog den „Bericht eines ehemaligen Spanienkämpfers“ aus der Tasche, begann zu lesen und betonte dabei den letzten Satz. „… wir hatten mehr Angst vor den Lederjacken als vor Francos Soldaten.“

Frau Lukowschik reagierte gereizt. „Wo hast du das her?“, erkundigte sie sich erregt. „Lederjacken! Jagd auf Interbrigadisten! Davon habe ich noch nie gehört! So ein Schwachsinn.“

„Wir dürfen nicht vergessen, dass die Interbrigadisten Soldaten waren und kämpfen wollten, Viola“, versuchte Silbermann sie zu beruhigen. „Dazu gehört, vielleicht an erster Stelle, eiserne Disziplin. Es gibt, einmal an der Front, kein Zurück mehr. Das kann sich niemand vorstellen, der nicht dabei war. Kämpfen wollen und das dann auch tun, das sind sehr verschiedene … Reich mir mal den Bericht, Felix!“

Silbermann las ihn noch einmal, dann schüttelte er energisch den Kopf.

„Mehr Angst? Nein, das glaube ich allerdings nicht … und H.B., wer sollte das gewesen sein? Nein! Interbrigadisten nennen immer stolz ihren Namen.“


„Spaniens Himmel ...oder Ein Lied kehrt zurück"
Bestell-Nr. 60146,2006, 206 S.,
zahlr. Abb., 2 Karten, geb., 14.90 Euro
Pahl-Rugenstein Verlag
Nachfolger GmbH
Breite Str. 47, 53111 Bonn
Tel. 0228 63 23 06, Fax 0228 63 49 68
Email:  prv@che-chandler.com
www.pahl-rugenstein.de

Copyright © 2006 Pahl-Rugenstein Verlag – Alle Rechte vorbehalten
ISBN 3-89144-373-0

Umschlagillustration und Zeichnungen: Hans Fritsch, Satz: Arnold Bruns
Druck: Interpress, Budapest


Zum Thema gibt es inzwischen auch einen Dokumentarfilm:

„Brigadistas" begleitet einige der letzten noch lebenden Kämpferinnen und Kämpfer der Internationalen Brigaden bei ihrer Rückkehr nach Spanien, 70 Jahre nach Beginn des Spanischen Kriegs. In den Begegnungen mit den Brigadistas wird deutlich, was zehntausende von Menschen dazu bewegt hat, aus der ganzen Welt nach Spanien zu kommen und dort im Kampf gegen den Faschismus ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Der Film zeigt, dass die Ideale, die damals Gültigkeit hatten, auch in der Auseinandersetzung mit der heutigen Welt von großer Bedeutung sind.

D 2007 * Doku * 45 Min. * OmU *
Regie: Daniel Burkholz
Mehr dazu unter
Info@roadside-dokumentarfilm.de
oder bei prv@che-chandler.com.


Online-Flyer Nr. 104  vom 18.07.2007



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