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Literatur
Spaniens Himmel breitet seine Sterne... oder
Ein Lied kehrt zurück – Folge 30
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch

Schüler des Gymnasiums St. Martin beschließen, eine Geschichtsarbeit über den Spanischen Bürgerkrieg zu schreiben, der 1936 begann. Sie führen Gespräche mit ehemaligen Interbrigadisten aus verschiedenen Ländern und einem „Condorflieger“ der faschistischen deutschen Luftwaffe. Felix besucht die historischen Orte der Kämpfe zwischen Madrid und Barcelona...

Nicht nur Mädchen üben auf junge Männer oft magnetische Wirkungen aus, manchmal tun das auch Büsche, Bäume, Kneipen und Häuser. Als Mischung aus Erinnerungen und Hoffnung. Felix hatte zwei Tage lang nur an der Geschichtsarbeit geschrieben. Am Morgen des dritten Tages protestierten andere Gefühle und Bedürfnisse so heftig gegen ihre Vernachlässigung, dass er es nicht mehr aushalten konnte.


Kurz nach neun stand er vor der prächtigen Villa neben dem Fischerhaus und starrte die steinernen Löwen vor dessen Eingang an. Im Garten lief ein stämmiger Mann mittleren Alters in Latzhosen hinter einem Rasenmäher her und beobachtete nebenbei misstrauisch, was sich auf der Straße tat. Weil Felix immer noch keine Anstalten machte weiter zu gehen, stellte er den Mäher ab und lief zum schmiedeeisernen Zaun.

„Na, junger Mann, was gibt's hier Interessantes zu sehen?“, knurrte er Felix feindselig an.
„Die Löwen“, antwortete der. „Sehen Sie, der linke setzt schon zum Sprung an.“
Der Mann drehte sich tatsächlich um. Danach lachte er verlegen und sagte entschuldigend: „Du musst mich verstehen! Ich bin hier für die Sicherheit zuständig.“
„Auch für dieses Haus?“ Felix zeigte nach links.
„Gott bewahre!“ Der Sicherheitszuständige hob abwehrend die Hände. „Dort würde ich höchstens beim Abriss helfen!“
„Warum das denn?“
„Komm mal mit!“ Der Latzhosenmann verließ mit großen Schritten das Villengrundstück und führte Felix vor den Garten des Fischerhauses. „Guck dir das mal an! Zu faul zum Unkrautziehen! Aber Gott sei Dank …“
„Gott sei Dank?“, wiederholte Felix.
„Ach nichts. Nur so.“
„Nur so?“
Der Mann zeigte auf das Haus und senkte die Stimme. „Die müssen hier bald raus. Keine Knete, verstehst du! Puppenspielerin! Das bringt nichts.“

Der Mann beugte sich näher zu Felix. „Die Frau scheint völlig von der Rolle zu sein. Vor ein paar Wochen trällerte sie noch durch den Garten, aber heute“, der Mann bewegte seine flache Hand vor dem Gesicht hin und her, „heute …“
„Wieso das denn?“
„Ich weiß nicht genau. Man hat ihr wohl sämtliche Verträge gekündigt. Die Menschen haben andere Sorgen, als zu zugucken, wie der Teufel auf seine Großmutter los geht. Und das Haus …“
„Was ist mit dem Haus?“
„Die letzte Miete wurde bezahlt, aber wie's weitergeht, weiß Gott allein. Meine Leute würden die Bruchbude liebend gern übernehmen und dann …“
„Werden Sie auch hier den Rasen mähen.“ Der Latzhosenmann grinste. „Genau!“

Frau Vester trat aus dem Haus und blickte sich unsicher um. Sie erkannte Felix nicht. Bevor der zu Wort kam, rief sein Nebenmann: „Hallo Sie! Wie wär's, wenn Sie mal nicht mit ihren Puppen spielen würden und sich ein bisschen mit dem Unkraut beschäftigen. Das treibt nämlich rüber zu uns.“

Frau Vester lief langsam näher. „Bitte, was haben Sie gesagt?“, fragte sie mit leiser Stimme.
Dieses Mal war Felix schneller. „Guten Tag, Frau Vester“, sagte er freundlich.
„Ihr Nachbar hat sich eben nach ihrem Befinden erkundigt.“
Sophie wollte nicht mit ihm gehen. Kein Stück! Felix nicht ins Haus. Nur die Geschichtsarbeit wollte er mit ihr abstimmen und begann entsprechende Vorschläge zu machen. Sophie hielt sich nach einer Weile die Ohren zu. „Ich bin noch nicht so weit!“
„Und wie weit bist du?“
„Das weiß ich selbst nicht. Alex und Dr. Gärtner …“
„Dr. Gärtner, aha, sehr interessant!“
„Der will uns ein bisschen beraten. Nur so. Davon muss ja keiner etwas mitkriegen.“
„Nur so? Der Gärtner? Dieser bekloppte Nazi … Der …“ Felix wurde immer lauter. „Der hat mich auch schon belöffelt.“
„Reg dich ab, bitte! Wir müssen nicht alles schreiben, was der uns in die Ohren dröhnt. Der Silbermann … und die vom Verein... Stimmt denn alles, was die erzählen? Vielleicht …“

„Für mich gibt es bei Gärtner kein vielleicht, Sophie! Tut mir leid. Echt. Na dann!“ Felix gab Sophie die Hand, wobei er vermied, ihr ins Gesicht zu sehen. Er ging los, ohne sich noch einmal umzudrehen. Sophie blieb wie angewurzelt stehen. Als die Gartentür hinter ihm ins Schloss gefallen war, rief sie ihm laut. „Warte mal!“ nach.

Felix hatte gewartet, und nun saßen sie auf einer Bank am Ufer des Flusses. Das Mädchen hatte sich schnell ein bisschen zurecht gemacht, mit einem roten Band die dunklen Haare gerafft und das T-Shirt mit dem Mond auf der Brust angezogen. Felix verglich sie in Gedanken mit Dolores und Isabella. Sie war ganz anders, aber wie? Er fasste sich unwillkürlich an die Brust. Schlug sein Herz neben ihr schneller?

Sie saßen da und wussten beide nicht weiter. Schließlich fragte Felix, ob es stimme, was der Mann vom Nachbargrundstück behauptet hatte. „Müsst ihr aus dem Haus, weil ihr die Miete nicht mehr in die Reihe bringt?“
Sophie senkte den Blick und spielte nervös mit den Fingern in ihren Haaren. „Vorläufig noch nicht. Erzähl erst mal von Spanien. War super oder?“
„Ich konnte dich eine Zeit lang nicht anrufen.“ Felix wusste nicht, was er antworten sollte, wenn Sophie den Grund dafür wissen wollte. Sie fragte nicht, als ahne sie ihn.
„Erzähl von Spanien.“
„Du hättest dabei sein sollen.“
„Wie denn?“
Ein Fahrgastschiff glitt auf dem Fluss vorbei. Kinder winkten von dessen Deck. Felix erzählte von Spanien und Wien. Sophie hörte wortlos zu. Ihre linke Hand lag flach auf der Bank neben ihm. Zum Greifen nah.
„Entschuldige Sophie.“
„Du brauchst dich bei mir nicht zu entschuldigen.“
„Möchte es aber!“
Beide lachten.
„Ich geh jetzt noch mal zu dem Stern. Habe mich telefonisch angemeldet.“
„Du… Nimmst du mich mit?“



„Spaniens Himmel ...oder Ein Lied kehrt zurück"
Bestell-Nr. 60146,2006, 206 S.,
zahlr. Abb., 2 Karten, geb., 14.90 Euro
Pahl-Rugenstein Verlag
Nachfolger GmbH
Breite Str. 47, 53111 Bonn
Tel. 0228 63 23 06, Fax 0228 63 49 68
Email:  prv@che-chandler.com
www.pahl-rugenstein.de

Copyright © 2006 Pahl-Rugenstein Verlag – Alle Rechte vorbehalten
ISBN 3-89144-373-0

Umschlagillustration und Zeichnungen: Hans Fritsch, Satz: Arnold Bruns
Druck: Interpress, Budapest


Zum Thema gibt es inzwischen auch einen Dokumentarfilm:

„Brigadistas" begleitet einige der letzten noch lebenden Kämpferinnen und Kämpfer der Internationalen Brigaden bei ihrer Rückkehr nach Spanien, 70 Jahre nach Beginn des Spanischen Kriegs. In den Begegnungen mit den Brigadistas wird deutlich, was zehntausende von Menschen dazu bewegt hat, aus der ganzen Welt nach Spanien zu kommen und dort im Kampf gegen den Faschismus ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Der Film zeigt, dass die Ideale, die damals Gültigkeit hatten, auch in der Auseinandersetzung mit der heutigen Welt von großer Bedeutung sind.

D 2007 * Doku * 45 Min. * OmU *
Regie: Daniel Burkholz
Mehr dazu unter
Info@roadside-dokumentarfilm.de
oder bei prv@che-chandler.com.


Online-Flyer Nr. 106  vom 01.08.2007



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