Jugendliche in San Salvador - zwischen Gewalt und Orientierungssuche
„Wie jetzt, Zukunft?“
Von Anne Hild
El Salvador ist ein junges Land, 59% seiner Bevölkerung sind unter 25 Jahren. 32% der Gesamtbevölkerung leben in der Hauptstadt, und täglich wandern mehr Jugendliche aufgrund mangelnder Zukunftschancen vom Land in die Stadt. Die Sozialausgaben des Landes liegen weit unter denen seiner Nachbarn, sein Bildungssystem rangiert weltweit auf den unteren Rängen. Zuwendung aus öffentlicher Hand erfahren Jugendliche durch rein repressive Programme, die Menschenrechtsorganisationen als verfassungswidrig kritisieren.
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Britney und ich
Foto: Anne Hild
Wie ist es für Dich, Jugendlicher in San Salvador zu sein?
Was sind die Interessen der Jugendlichen bei Dir im Viertel? Was ist wichtig?
Ich kann von der Gruppe in meinem Viertel, vom Ceforp, sprechen. Dort werden einem eine Menge kulturelle Dinge beigebracht. Z.B. in der Breakdancegruppe hat jeder seine eigene Meinung, und der Break ist für uns Unterhaltung, Liebe und Freiheit. So geraten wir nicht in Gruppen, die anderes im Sinn haben, ein kleiner Schutzraum vor der äußeren Realität. Beim Tanzen lassen wir das alles ein bisschen hinter uns, den Hass, die Streitereien, und wir vergessen ein bisschen die Drogen.
Was für Möglichkeiten bietet Euch die Stadt sonst noch?
Die Stadt gibt uns nicht viel. Anstatt uns Jugendliche zu unterstützen, werden wir in Maras gezogen. Ich denke, wir haben nichts in der Stadt zu suchen.
Und was ist mit Jugendzentren, Bibliotheken, Übungsräumen, Sportplätzen?
Das gibt es, aber nur für die oberen Schichten. Leute aus der Unterschicht werden einfach zurückgewiesen, für die gibt es wirklich wenig. Programme, die direkt von der Stadt kommen, sieht man nicht.
Was für Gruppen von Jugendlichen gibt es in Deinem Viertel?
Es gibt die Gangmitglieder der Maras, es gibt die religiösen Gruppen und die, die nichts sind, die weder in der einen noch in der anderen sind.
Du hast von der Gewalt gesprochen, die Ihr im Viertel erfahrt. Wie definierst Du Gewalt?
Gewalt zeigt sich zum Beispiel, wenn die Mareros in die Kleinbusse steigen und Geld verlangen, den Leuten ihre Handys und Ketten wegnehmen, Wertsachen, die unbeteiligte Jugendliche bei sich haben. Sie schüchtern sie ein, werfen ihnen vor, einer anderen Gang anzugehören. Das ist Gewalt. Und zwischen Erwachsenen und Jugendlichen und Jugendlichen und Erwachsenen gibt es auch Gewalt.

"Ich gehöre weder den Einen noch zu den Anderen"
Quelle: www.pixelio.de - Foto: mikeeldios
Wie siehst Du Dich selbst in dieser Szenerie?
Ich stehe, glaube ich, etwas außerhalb, da ich weder zu den Einen noch zu den Anderen gehöre. Ich grüß nur kurz, hallo, und halte sie mir weder als Freunde noch als Feinde.
Ist das Leben außerhalb der Maras im Viertel schwierig? Ich stelle mir vor, dass sich alle kennen ...
Man kennt sich, aber die Mareros suchen immer Streit, sie wollen sich über die anderen stellen, sie unterwerfen.
Wie ist das Verhältnis zu den Mädchen, zu den Frauen?
Da gibt es drei Ebenen: die Mareros, die Kassierer und Fahrer der Kleinbusse und die Unbeteiligten. Die Mädchen stehen mehr auf die Kleinbusfahrer und die Mareros. Die sind irgendwie attraktiver.
Weil sie mehr Geld haben?
Hattest Du schon eine Freundin?
Ja. In meiner alten Schule. Ein Freund hat uns vorgestellt. Nach und nach haben wir uns kennengelernt, sie hat mir sehr gefallen. Das habe ich ihr gesagt. Sie hatte einen Freund, und sie hat mich um Zeit gebeten. Wir haben uns immer besser kennengelernt, und auf einmal wollte sie mit mir zusammen sein. Ich habe gestaunt, und habe sie gefragt, ob das auch wahr ist. Und sie meinte, sie hätte vor eineinhalb Monaten mit ihrem Freund Schluss gemacht. „Also gibst Du mir eine Chance?“ habe ich sie gefragt, und sie meinte „Ja“, und dann waren wir zusammen, für ein Jahr und drei Monate.
Und momentan?
Ich habe eine Freundin, sie ist aus demselben Distrikt, Mejicanos, aber ich wohne in der Montreal-Siedlung, und sie wohnt in Mariona. Wir sehen uns fast nie, wenn es hoch kommt zweimal im Monat.
Aber normalerweise bist Du mehr mit Jungs zusammen? Wie ist das in den Gruppen? Sind da auch Mädels vertreten?
In den Gruppen gibt es auch Mädchen, aber wenige. Die denken vielleicht, dass wir ihnen was tun könnten.
„In den Gruppen gibt es auch Mädchen"
Foto: Anne Hild
Und Deine Freunde, respektieren sie die Mädchen?
In meiner Gruppe werden sie respektiert. Sie haben sich Respekt verschafft. Es gibt schon Sprüche, aber nicht so heftige. Jeder hat seine Freundin, und die bringt er mit. Die Sprüche bleiben im Rahmen.
Aber Ihr tanzt nicht zusammen Breakdance?
Nee, Breakdance tanzen fast nur wir Jungs. Die Mädels stehen mehr auf Choreographie und Musik. Sie legen auf.
Wie definierst Du Zukunft?
Wie jetzt, Zukunft?
Wo siehst Du Dich in fünf Jahren zum Beispiel?
Es ist echt seltsam, über die Zukunft zu spekulieren. Man sieht eher auf die Vergangenheit und reflektiert sich eher in der Vergangenheit als in der Zukunft.
Dann lass uns über Vergangenheit reden: Wie siehst Du Deine Vergangenheit?
Ein bisschen übel. Die Vergangenheit birgt Deine Zukunft. Wenn Deine Vergangenheit in Ordnung war, kannst Du in der Zukunft was erreichen.
Und wie ist es Dir in der Vergangenheit ergangen?
Ich hatte was mit den Banden zu tun und habe einige Dinge angestellt, die ich besser nicht gemacht hätte. Das ging ein paar Jahre so. Vor drei Jahren hab ich dann angefangen, zum CEFORP und der Pfarrei San Francisco de Assisi zu gehen. Da habe ich angefangen, aus der Gang auszutreten. Ich denke, Teil der Gangs zu sein, ist was anderes als frei zu sein, hinzugehen, wo man will. Klar hat man immer ein bisschen Angst, denn man weiss ja nicht, mit wem man es auf dem Weg zu tun bekommen kann. Es gibt auch eine Rivalität zwischen Mareros und denen, die nicht in den Maras sind.
Wie war es, aus der Mara auszusteigen?
Ich hab das wegen meiner Mutter gemacht, denn ich glaube, die Familie ist wichtiger als die Freunde. Meine Freunde haben mich dann ein bisschen schlecht behandelt, abfällige Bemerkungen, dass ich sie im Stich lassen würde. Ich hab angefangen, sie zu meiden. Wenn ich sie getroffen habe, ging das nur „Hey, was geht?“, und dann bin ich weitergegangen, so als ob ich sie nicht kennen würde. Mit der Zeit wurden sie sauer; ich ging zur Schule und dann haben sie mich da gesucht. Dann haben sie Geld von mir verlangt. Ich habe sauer reagiert, denn ich hatte ja nichts.
Letztendlich haben mir zwei Mareros geholfen. Das waren meine besten Freunde. Sie sagten, wenn ich aussteigen will, dann bin ich eben draußen. Von den ganzen Mareros, die zu meiner Zeit in der Gang waren, ist heute kein einziger mehr da. Die sind alle ausgestiegen.
Das war Deine Vergangenheit. Nun zur Zukunft: wie stellst Du Dir Deine Zukunft vor?
Was mir gefällt sind zwei Sachen: der Tanz, also der Breakdance, und die Malerei. Ich denke, auf die beiden Sachen werde ich mich konzentrieren, ein bisschen mehr auf die Malerei. Vielleicht werde ich kein Maler, aber kann zumindest meinen kleinen Laden aufmachen.

Quelle: www.pixelio.de - Foto: Fionn Große
Wie sehen Deine nächsten Schritte aus?
Das ist langwierig. Wenn man das auf die leichte Schulter nimmt, funktioniert das nicht. Wenn man das in Ruhe angeht, dann ist das sicherer, dann kann man das erreichen, was man sich vorgenommen hat.
Hast Du Vorschläge, wie man die lokale Jugendpolitik verbessern kann?
Die Stadt geht nur auf Erwachsene ein. Was die Jugendlichen sagen, zählt nicht. Sie müssen sich erst mal mit den Jugendlichen einlassen. Die Stadt veranstaltet irgendwelche Foren, dann kommen ein paar Jugendliche dazu. Ich war mal als einziger Jugendlicher in einer interkommunalen Gruppe, wo sie aus allen Stadtteilen hinkommen. Aber man wird von den Erwachsenen als minderwertig behandelt, daher bin ich dann auch nicht mehr dahin gegangen. Die nehmen die Jugendlichen einfach nicht zur Kenntnis. Die glauben nicht an uns. (YH)
Online-Flyer Nr. 107 vom 08.08.2007














