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Literatur
Spaniens Himmel breitet seine Sterne... oder
Ein Lied kehrt zurück – Folge 33
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch
10.
Alfred Klobitzer hatte die „besten Jahre“ hinter sich, bemerkte es aber selbst nicht. Er bezeichnete sich gern als zufrieden und friedliebend. Mit diesen Gefühlen saß er hinter seinem Schreibtisch, und die einzige Mitarbeiterin, Melitta Stern, durchaus noch in den besten Jahren, liebte ihn auch außerhalb der Dienstzeit. Sein Unternehmen hieß „Großhandelskontor für Spirituosen“, agierte aber eher klein und bescheiden.
Das Fischerhaus war ihm, dem gebürtigen Pforzheimer, als Erbe einer kinderlos gebliebenen Tante zugefallen. Besonders dafür interessiert hatte er sich nie. Das war erst in neuester Zeit anders geworden, als sich plötzlich Kaufwillige meldeten und beachtliche Preise dafür anboten.
Er empfing Felix Grabner freundlich und bat ihn, sein Anliegen vorzubringen. Das fiel dem Gast schwerer als er befürchtet hatte und je mehr er sich verhaspelte, desto unklarer drückte er sich aus.
„Wenn ich Sie recht verstehe, junger Freund“, unterbrach ihn Klobitzer bald schmunzelnd, „beabsichtigen Sie das Fischerhaus zu kaufen und sehen die Gelegenheit als besonders günstig an, weil Frau Vester angeblich nicht in der Lage ist, die Miete zu zahlen. Das entspricht nun aber absolut nicht der Wahrheit. Die letzte Zahlung erfolgte sogar hier im Raum durch das Fräulein Tochter, bar, auf Euro und Cent. Warum sie keine Überweisungen schreiben, ist mir nicht bekannt und interessiert mich auch nicht. Also, es tut mir leid, oder ehrlicher ausgedrückt, es tut mir überhaupt nicht leid, weil die Vesters äußerst sympathische Menschen sind.“
Felix schalt sich einen Superidioten und stand auf. Sein Gegenüber blickte ihn prüfend von oben bis unten an. „Hatten Sie wirklich die Absicht, das Fischerhaus zu kaufen?“, fragte er zweifelnd.
Felix wurde rot. „Ja, das heißt nein, nein, ich … ich bin befreundet mit Sophie, also der Tochter und ich befürchtete, dass sie und ihre Mutter rausgeschmissen werden und da wollte ich …“
„Oh!“ Klobitzers Anerkennung war nicht gespielt. „Das nenne ich wahre Liebe!“
„So ist das nicht, nein …“ Felix geriet schon wieder ins Stottern. „Wir schreiben nur etwas zusammen, wissen Sie, eine Arbeit über den Spanischen Bürgerkrieg, aber das wird Sie sicher nicht interessieren.“ Felix wandte sich erneut zum Gehen.
„Warum vermuten Sie, dass mich der Spanische Bürgerkrieg nicht interessiert?“, hielt ihn Klobitzer zurück.
„Vielleicht, weil der lange vorbei ist.“
„Setzen Sie sich noch mal, junger Mann. Ich komme nämlich aus Pforzheim und wohne erst ein paar Jahre hier. Verstehen Sie?“
Felix schüttelte den Kopf. „Hat Pforzheim zufällig irgend etwas mit dem Spanischen Bürgerkrieg zu tun?“
„Nach meiner Theorie“, bekam er statt einer Antwort zu hören, „hat alles was irgendwann und irgendwo auf der Welt geschehen ist, etwas mit dem zu tun, was passiert und passieren wird. Wir sind mit anderen Worten, untrennbar an unsere Vergangenheit gekettet. Ihre Absicht, diese Arbeit zu schreiben, bestärkt und erfreut mich zugleich. Aber zu meiner Heimatstadt Pforzheim: Am 23. Februar 1945 wurde nach britischer Meinung auf sie der tödlichste Angriff des 2. Weltkrieges in Deutschland verübt. In Spanien … sagt Ihnen der Name Guernica etwas?“
„Ja klar. Mehr als Pforzheim – Entschuldigung.“
„Beide Städte, Pforzheim und Guernica verbindet in neuester Zeit nicht nur ein ähnliches Schicksal und eine Städtepartnerschaft, sondern auch ein Friedensmarsch. Bürger laufen von einer Stadt zur anderen, die Entfernung beträgt etwa zweitausend Kilometer. Es handelt sich also um keinen Spaziergang.“
„Waren Sie dabei?“
„Leider nur mit dem Herzen. Wir haben den für uns so traurigen Tag durch diesen Marsch positiv gewendet, hat der baskische Koordinator in Guernica gesagt. Versöhnung … praktisch demonstriert. Ich bin stolz auf Pforzheim!“
„Genau, aber leider laufen nicht alle Menschen in Deutschland so rund.“
Felix berichtete von den Erlebnissen in Neuburg und der Sportgruppe Mölders.
Herr Klobitzer begann mit hochrotem Kopf gewaltig auf die seiner Meinung nach „vernagelten Saubayern“ zu schimpfen. Die Bemerkung seines Gastes: „In dieser Sportgruppe befindet sich kein einziger Bayer“, beruhigte ihn ein bisschen. Danach wollte er Einzelheiten über die Geschichtsarbeit wissen und warum Sophie in Spanien gefehlt hätte?
Sein Abschied fiel noch freundlicher aus, als der Empfang. „Wenn ihr Unterstützung braucht, vergesst nicht, mich zu fragen. Vielleicht organisiert ihr hier so einen Marsch wie wir in Pforzheim? Ich bin dabei – mit dem Herzen!“
In der Villa von Dr. Gärtner schien nur die Sonne ebenso hell durch die Fenster wie in die Büroräume des Großhandelskontors für Spirituosen. Alexander hockte kleinlaut auf einem Sessel vor dem Fernsehapparat, und der Hausherr schritt aufgeregt mit immer größeren Schritten im Zimmer auf und ab.
„So läuft das nicht, mein Lieber. Nur haben wollen! Irgendwann verlange ich auch Gegenleistungen! Also beweg dich!“
„Ich hab ja schon Muskelkater vor lauter Bewegung.“
„Und wo sind die versprochenen Erfolge?“ Dr. Gärtner blieb vor Alexander stehen und blickte ihn böse an. „Dein Freund Felix...“
„Warum wollen Sie uns unbedingt bei diesem blöden Spanischen …“
„Das ist nur ein Anfang, Alexander! Das habe ich dir schon hundert Mal gepredigt. Der Unwille des Volkes steigt durch Massenarbeitslosigkeit und einen unfähigen und korrupten Staat. Die Wahlen im nächsten Frühjahr..., die ersten Schritte für ein Zusammengehen aller nationaler Kräfte liegen hinter uns, aber...“, Dr. Gärtner tippte mit dem rechten Zeigefinger auf Alexanders Bauch. „Wir brauchen solche Leute wie dich, und Felix und Sophie! Ihr seid die künftigen Minister und Staatssekretäre! Typen wir Maik Schuster doch nicht! Die Verteidigung eurer Arbeit wird ein Medienereignis! Für uns ist es eine Möglichkeit zu zeigen, dass wir kluge Köpfe besitzen und nicht nur sinnlose Randale auf den Straßen machen. Kapier das doch endlich. Wir finden nicht alles gut, was Franco getan hat, aber er hat Spanien den Bolschewismus erspart. Das muss klug formuliert und exakt bewiesen und Schlussfolgerungen für die Gegenwart gezogen werden. Die Linken rotten sich zusammen, Alexander! Ihr Ziel ist eine rote Diktatur! Wir müssen etwas dagegen tun! Wir oder die, so lautet perspektivisch die Alternative.“
Alexander kratzte sich verlegen am Ohr. „Ich bin ja bereit“, ließ er sich nach einer Weile vernehmen. „Echt, aber Felix, die Nuss ist total hart, Herr Doktor. Und Sophie?“ Alexander grinste. „Die habe ich fast schon geknackt.“
„Wenigstens etwas. Halte mich auf dem Laufenden.“
Das war eine Verabschiedung. Alexander blieb aber. „Ich brauche wieder …?“
„Geld? Wir sind doch keine Kuh, der man pausenlos ans Euter fassen kann. Für das fast Knacken der ersten Nuss haben wir mehr als genug gelöhnt. Komm wieder, wenn die zweite ihre Schale verloren hat!“ Dr. Gärtner wurde pathetisch.
„Sobald hier in diesem Zimmer vier Leute sitzen und arbeiten … Ja, das ist mein letztes Wort.“
Online-Flyer Nr. 109 vom 22.08.2007
Spaniens Himmel breitet seine Sterne... oder
Ein Lied kehrt zurück – Folge 33
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch
10.
Alfred Klobitzer hatte die „besten Jahre“ hinter sich, bemerkte es aber selbst nicht. Er bezeichnete sich gern als zufrieden und friedliebend. Mit diesen Gefühlen saß er hinter seinem Schreibtisch, und die einzige Mitarbeiterin, Melitta Stern, durchaus noch in den besten Jahren, liebte ihn auch außerhalb der Dienstzeit. Sein Unternehmen hieß „Großhandelskontor für Spirituosen“, agierte aber eher klein und bescheiden.
Das Fischerhaus war ihm, dem gebürtigen Pforzheimer, als Erbe einer kinderlos gebliebenen Tante zugefallen. Besonders dafür interessiert hatte er sich nie. Das war erst in neuester Zeit anders geworden, als sich plötzlich Kaufwillige meldeten und beachtliche Preise dafür anboten.
Er empfing Felix Grabner freundlich und bat ihn, sein Anliegen vorzubringen. Das fiel dem Gast schwerer als er befürchtet hatte und je mehr er sich verhaspelte, desto unklarer drückte er sich aus.
„Wenn ich Sie recht verstehe, junger Freund“, unterbrach ihn Klobitzer bald schmunzelnd, „beabsichtigen Sie das Fischerhaus zu kaufen und sehen die Gelegenheit als besonders günstig an, weil Frau Vester angeblich nicht in der Lage ist, die Miete zu zahlen. Das entspricht nun aber absolut nicht der Wahrheit. Die letzte Zahlung erfolgte sogar hier im Raum durch das Fräulein Tochter, bar, auf Euro und Cent. Warum sie keine Überweisungen schreiben, ist mir nicht bekannt und interessiert mich auch nicht. Also, es tut mir leid, oder ehrlicher ausgedrückt, es tut mir überhaupt nicht leid, weil die Vesters äußerst sympathische Menschen sind.“
Felix schalt sich einen Superidioten und stand auf. Sein Gegenüber blickte ihn prüfend von oben bis unten an. „Hatten Sie wirklich die Absicht, das Fischerhaus zu kaufen?“, fragte er zweifelnd.
Felix wurde rot. „Ja, das heißt nein, nein, ich … ich bin befreundet mit Sophie, also der Tochter und ich befürchtete, dass sie und ihre Mutter rausgeschmissen werden und da wollte ich …“
„Oh!“ Klobitzers Anerkennung war nicht gespielt. „Das nenne ich wahre Liebe!“
„So ist das nicht, nein …“ Felix geriet schon wieder ins Stottern. „Wir schreiben nur etwas zusammen, wissen Sie, eine Arbeit über den Spanischen Bürgerkrieg, aber das wird Sie sicher nicht interessieren.“ Felix wandte sich erneut zum Gehen.
„Warum vermuten Sie, dass mich der Spanische Bürgerkrieg nicht interessiert?“, hielt ihn Klobitzer zurück.
„Vielleicht, weil der lange vorbei ist.“
„Setzen Sie sich noch mal, junger Mann. Ich komme nämlich aus Pforzheim und wohne erst ein paar Jahre hier. Verstehen Sie?“
Felix schüttelte den Kopf. „Hat Pforzheim zufällig irgend etwas mit dem Spanischen Bürgerkrieg zu tun?“
„Nach meiner Theorie“, bekam er statt einer Antwort zu hören, „hat alles was irgendwann und irgendwo auf der Welt geschehen ist, etwas mit dem zu tun, was passiert und passieren wird. Wir sind mit anderen Worten, untrennbar an unsere Vergangenheit gekettet. Ihre Absicht, diese Arbeit zu schreiben, bestärkt und erfreut mich zugleich. Aber zu meiner Heimatstadt Pforzheim: Am 23. Februar 1945 wurde nach britischer Meinung auf sie der tödlichste Angriff des 2. Weltkrieges in Deutschland verübt. In Spanien … sagt Ihnen der Name Guernica etwas?“
„Ja klar. Mehr als Pforzheim – Entschuldigung.“
„Beide Städte, Pforzheim und Guernica verbindet in neuester Zeit nicht nur ein ähnliches Schicksal und eine Städtepartnerschaft, sondern auch ein Friedensmarsch. Bürger laufen von einer Stadt zur anderen, die Entfernung beträgt etwa zweitausend Kilometer. Es handelt sich also um keinen Spaziergang.“
„Waren Sie dabei?“
„Leider nur mit dem Herzen. Wir haben den für uns so traurigen Tag durch diesen Marsch positiv gewendet, hat der baskische Koordinator in Guernica gesagt. Versöhnung … praktisch demonstriert. Ich bin stolz auf Pforzheim!“
„Genau, aber leider laufen nicht alle Menschen in Deutschland so rund.“
Felix berichtete von den Erlebnissen in Neuburg und der Sportgruppe Mölders.
Herr Klobitzer begann mit hochrotem Kopf gewaltig auf die seiner Meinung nach „vernagelten Saubayern“ zu schimpfen. Die Bemerkung seines Gastes: „In dieser Sportgruppe befindet sich kein einziger Bayer“, beruhigte ihn ein bisschen. Danach wollte er Einzelheiten über die Geschichtsarbeit wissen und warum Sophie in Spanien gefehlt hätte?
Sein Abschied fiel noch freundlicher aus, als der Empfang. „Wenn ihr Unterstützung braucht, vergesst nicht, mich zu fragen. Vielleicht organisiert ihr hier so einen Marsch wie wir in Pforzheim? Ich bin dabei – mit dem Herzen!“
In der Villa von Dr. Gärtner schien nur die Sonne ebenso hell durch die Fenster wie in die Büroräume des Großhandelskontors für Spirituosen. Alexander hockte kleinlaut auf einem Sessel vor dem Fernsehapparat, und der Hausherr schritt aufgeregt mit immer größeren Schritten im Zimmer auf und ab.
„So läuft das nicht, mein Lieber. Nur haben wollen! Irgendwann verlange ich auch Gegenleistungen! Also beweg dich!“
„Ich hab ja schon Muskelkater vor lauter Bewegung.“
„Und wo sind die versprochenen Erfolge?“ Dr. Gärtner blieb vor Alexander stehen und blickte ihn böse an. „Dein Freund Felix...“
„Warum wollen Sie uns unbedingt bei diesem blöden Spanischen …“
„Das ist nur ein Anfang, Alexander! Das habe ich dir schon hundert Mal gepredigt. Der Unwille des Volkes steigt durch Massenarbeitslosigkeit und einen unfähigen und korrupten Staat. Die Wahlen im nächsten Frühjahr..., die ersten Schritte für ein Zusammengehen aller nationaler Kräfte liegen hinter uns, aber...“, Dr. Gärtner tippte mit dem rechten Zeigefinger auf Alexanders Bauch. „Wir brauchen solche Leute wie dich, und Felix und Sophie! Ihr seid die künftigen Minister und Staatssekretäre! Typen wir Maik Schuster doch nicht! Die Verteidigung eurer Arbeit wird ein Medienereignis! Für uns ist es eine Möglichkeit zu zeigen, dass wir kluge Köpfe besitzen und nicht nur sinnlose Randale auf den Straßen machen. Kapier das doch endlich. Wir finden nicht alles gut, was Franco getan hat, aber er hat Spanien den Bolschewismus erspart. Das muss klug formuliert und exakt bewiesen und Schlussfolgerungen für die Gegenwart gezogen werden. Die Linken rotten sich zusammen, Alexander! Ihr Ziel ist eine rote Diktatur! Wir müssen etwas dagegen tun! Wir oder die, so lautet perspektivisch die Alternative.“
Alexander kratzte sich verlegen am Ohr. „Ich bin ja bereit“, ließ er sich nach einer Weile vernehmen. „Echt, aber Felix, die Nuss ist total hart, Herr Doktor. Und Sophie?“ Alexander grinste. „Die habe ich fast schon geknackt.“
„Wenigstens etwas. Halte mich auf dem Laufenden.“
Das war eine Verabschiedung. Alexander blieb aber. „Ich brauche wieder …?“
„Geld? Wir sind doch keine Kuh, der man pausenlos ans Euter fassen kann. Für das fast Knacken der ersten Nuss haben wir mehr als genug gelöhnt. Komm wieder, wenn die zweite ihre Schale verloren hat!“ Dr. Gärtner wurde pathetisch.
„Sobald hier in diesem Zimmer vier Leute sitzen und arbeiten … Ja, das ist mein letztes Wort.“
Online-Flyer Nr. 109 vom 22.08.2007















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