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Literatur
Spaniens Himmel breitet seine Sterne... oder
Ein Lied kehrt zurück – Folge 34
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch


Schüler des Gymnasiums St. Martin beschließen, eine Geschichtsarbeit über den Spanischen Bürgerkrieg zu schreiben, der 1936 begann. Sie führen Gespräche mit ehemaligen Interbrigadisten aus verschiedenen Ländern und einem „Condorflieger“ der faschistischen deutschen Luftwaffe. Felix besucht die historischen Orte der Kämpfe zwischen Madrid und Barcelona – doch die Schüler ziehen verschiedene Schlussfolgerungen aus ihren Recherchen...

11.

Felix hatte sich wieder zwei Tage lang nur zum Essen von seinem Schreibtisch weg bewegt. Er hatte Fakten aus Silbermanns Buch mit seinen Reisenotizen verglichen, Tonkassetten abgehört, Stadt- und Landkarten ausgebreitet, im Lexikon und Internet gesucht, eng beschriebene Blätter wütend in den Papierkorb geschleudert, neu angefangen, Neuburg und Mölders nicht ausgespart. Endlich aufgeatmet. Fertig und froh. Er war zufrieden mit sich und der Welt. Den letzten Ferientag wollte er genießen. Das Fahrrad stand dafür im Keller bereit. Als er gerade Tasse und Teller in den Geschirrspüler stellen wollte, klingelte das Telefon.

„Hi, Felix. Gut angekommen?“
„Dolores!“ Felix musste sich setzen.

Er hatte einmal von ihr geträumt. Ein aufregender Traum! Er mit ihr im „Himmel“ – auf dem Weg zur Gaststätte war er leider zu früh erwacht. Jetzt, am Telefon, erinnerte Dolores mit zärtlicher Stimme ausgerechnet an die Fortsetzung hinter der Buschgardine und sprach dabei von großer Sehnsucht.

„Komm nach Wien, bitte.“
„Wann?“ fragte Felix, weil ihm nichts Besseres einfiel.
„Morgen mit der ersten Maschine.“

Morgen mit der ersten Maschine...
Felix, damit beschäftigt, sein Rad die Kellertreppe hinauf zu tragen, wusste wirklich nicht, wie er diesen Satz verstehen sollte. Dabei war das gar nicht so schwer. Dolores langweilte sich in Wien. Christoph hatte wie immer wenig Zeit für sie. Mal sehen, wie Felix reagiert, hatte sie sich überlegt. Dem trat im Freien endgültig der Schweiß auf die Stirn, als auch noch Alexander heranradelte, abstieg, nervös mit den Augen blinzelte und sich vor jedem zweiten Satz räusperte. Neues kam nicht aus seinem Mund.

„Ich kann's bald auswendig, dein Geplappere von Gärtner und so. Verschone mich damit!“, schrie ihn Felix schließlich genervt an. „Ich sag dir was, Alex, ich schreib die Arbeit allein.“
„Allein?“
„Genau! Und ihr, du und Sophie, ihr könnte euch ja diesen Scheiß vom Gartenfreund holen. Kann spannend werden, die Verteidigung.“

Felix begann laut zu pfeifen.
Alexander hielt sich die Ohren zu. Die Melodie von Spaniens Himmel konnte er mittlerweile nicht mehr hören.

Vor dem Gymnasiums hatte Schulleiter Tom Kaschinsky gerade sein Auto geparkt und rief aus der offenen Tür: „Moment mal!“
Er schloss ab und kam auf Felix zu. „Das trifft sich gut. Ich wollte sowieso mit Ihnen reden. Haben Sie Zeit?“
Die beiden liefen durch das große Foyer, die Treppe hinauf bis zum Zimmer Kaschinskys. So ruhig hatte Felix die Gänge und Räume noch nie erlebt. Er fühlte sich nicht besonders wohl neben dem Schulleiter und versuchte, seiner Unsicherheit durch Zusammenpressen der Hände Herr zu werden. Erwartete ihn ein neuer Querschläger gegen die Geschichtsarbeit?

„Nehmen Sie Platz. Sie ahnen, worum es geht?“
Felix schüttelte wider besseren Wissens vorsichtshalber den Kopf.
„Erstaunlich viele Leute interessieren sich für Ihre Arbeit über den Spanischen Bürgerkrieg. Sogar aus Neuburg an der Donau, hat sich ein Gast angemeldet. Wir werden sie öffentlich machen müssen.“
„Heißt der Gast aus Neuburg zufällig Wilhelm Hampel?“
„Ja. Sie kennen ihn?“
Felix berichtete auch dem Schulleiter von dem Besuch in Neuburg.
„Hm.“ Kaschinsky fasste sich an die Nase. „Interessant.“
„Interessant? Herr Hampel wird bei der Verteidigung vermutlich nicht nur still auf seinem Stuhl sitzen.“
„Haben Sie Angst, dass er sich davon erhebt?“
„Ich nicht!“
„Ich auch nicht. Im Gegenteil. Sie haben sicher den Artikel über Georg Silbermann in der Zeitung gelesen? Wie gut sind denn eure Kontakte zu ihm?“
„Ich habe den alten Herrn vor kurzem besucht.“
Kaschinsky dachte nach. Dann fasste er einen Entschluss.
„Wie wäre es, wenn wir ihn auch zur Verteidigung einladen? Und die Leute von diesem …, diesem Verein mit dem schwierigen Namen ebenfalls. Die haben doch Ihre Reise nach Spanien bezahlt, nicht wahr?“

Felix saß bereits länger als eine Stunde im Schulleiterzimmer. Vom Gang und aus dem benachbarten Lehrerzimmer drangen Gesprächsfetzen. Ein Klopfen an der Tür wehrte Kaschinsky mit einem energischen, „jetzt bitte nicht“, ab.
„Rechte Gesinnung oder was bestimmte Jugendliche dafür halten, scheint in Mode zu kommen, Felix“, meinte er nachdenklich. „An unserer Schule vielleicht nicht so auffällig wie anderswo. Haben Sie schon mal Musik von diesen Landsern gehört?“
„Ich weiß nur, dass es die Gruppe gibt.“
„Die Texte sind voll Hass gegen Juden, Schwarze und Ausländer. Wir müssen etwas gegen solche Dinge tun. Ein gewisser Dr. Gärtner hat sich übrigens auch eingeladen.“

Felix zog die Augenbrauen hoch. „Der soll nur kommen und seine Behauptungen aufstellen.“
„Ich habe mich inzwischen kundig gemacht. Dr. Gärtner ist kein unbeschriebenes Blatt. Einige meiner Kollegen kennen ihn noch als Schulleiter. Bei der Abiturprüfung vor acht Jahren griff er dem Sohn seines Bekannten und jetzigen Parteifreundes sozusagen unter die Arme. Die Sache flog auf und er aus dem Schuldienst. Heute bereitet er für die Rechten den Wahlkampf vor. Zurück zum Thema. Wie weit seid ihr mit eurer Arbeit?“

Felix nahm allen Mut zusammen. „Ihr ist nicht ganz richtig, Herr Kaschinsky. Aber auch nicht ganz falsch.“
„Wie soll ich das verstehen?“
Felix druckste herum. „Na ja, es ist so, dass wir, Alexander, Sophie und ich, also, wir sind uns nicht so ganz einig.“
„Nicht einig, inwiefern? Wer was schreibt oder wie es geschrieben wird, in der Form oder im Inhalt...“
Kaschinsky schaute Felix neugierig an.
„Ja …, wir haben unterschiedliche Einstellungen beziehungsweise... also wir ziehen auch verschiedene Schlussfolgerungen.“
„Das ist ja spannend, da werden jetzt wohl drei Arbeiten abgeliefert?“
„Ja“, sagte Felix und erschrak über seine schnelle Antwort. Er hatte spontan über Sophies und Alexanders Kopf hinweg entschieden. Einfach so. Beim Schulleiter. Aber die zwei hatten... Gärtner ins Spiel gebracht... auch, ohne ihn zu fragen. Sollten sie doch sehen, wo sie mit dem landen!
„Ja, wahrscheinlich geben wir drei Arbeiten ab.“
„Und wie stellt ihr euch das praktisch vor? Ich meine, wird die Verteidigung so was wie ein öffentliches Streitgespräch?“
„Vermutlich ja.“
Kaschinsky schob die Oberlippe vor. „Also gut, darauf bin ich wirklich gespannt. Sagen Sie das bitte auch Sophie und Alexander.“

Felix war bereits an der Tür, als er sich noch einmal umdrehte. „Ich möchte Sie um etwas bitten, Herr Kaschinsky. Ich war während meiner Spanienreise auch in Corbera. Eine Ruinenstadt, im Bürgerkrieg zerstört und als mahnendes Denkmal so erhalten geblieben. Jedes Jahr wird dort ein Jugendcamp durchgeführt mit Teilnehmern aus vielen Ländern. Sie räumen den Schutt weg, graben die Skelette der Toten aus, pflanzen Bäume und – reden natürlich miteinander.“
„Sie wollen nächstes Jahr hin fahren?“
„Ja, aber vielleicht, vielleicht könnten wir an der Schule ein bisschen Werbung dafür machen?“
Der Schulleiter überlegte. „Ich werde mir etwas einfallen lassen, Felix. Darin besteht hier sowieso der Hauptteil meiner Arbeit.“

Felix verließ die Schule erhobenen Hauptes. Am Fahrradstand zog er das Handy aus der Tasche. Zwei kurze SMS. Eine an Alex. Eine an Sophie. „Jeder schreibt seins. Der Schulleiter gibt Okay. Gruß an den Gartenfreund.“ Punkt aus.


„Spaniens Himmel ...oder Ein Lied kehrt zurück"
Bestell-Nr. 60146,2006, 206 S.,
zahlr. Abb., 2 Karten, geb., 14.90 Euro
Pahl-Rugenstein Verlag
Nachfolger GmbH
Breite Str. 47, 53111 Bonn
Tel. 0228 63 23 06, Fax 0228 63 49 68
Email:  prv@che-chandler.com
www.pahl-rugenstein.de

Copyright © 2006 Pahl-Rugenstein Verlag – Alle Rechte vorbehalten
ISBN 3-89144-373-0

Umschlagillustration und Zeichnungen: Hans Fritsch, Satz: Arnold Bruns
Druck: Interpress, Budapest


Über das Thema gibt es einen sehenswerten Dokumentarfilm:

„Brigadistas" begleitet einige der letzten noch lebenden Kämpferinnen und Kämpfer der Internationalen Brigaden bei ihrer Rückkehr nach Spanien, 70 Jahre nach Beginn des Spanischen Kriegs. In den Begegnungen mit den Brigadistas wird deutlich, was zehntausende von Menschen dazu bewegt hat, aus der ganzen Welt nach Spanien zu kommen und dort im Kampf gegen den Faschismus ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Der Film zeigt, dass die Ideale, die damals Gültigkeit hatten, auch in der Auseinandersetzung mit der heutigen Welt von großer Bedeutung sind.

D 2007 * Doku * 45 Min. * OmU *
Regie: Daniel Burkholz
Mehr dazu unter
Info@roadside-dokumentarfilm.de
oder bei prv@che-chandler.com.



Online-Flyer Nr. 110  vom 29.08.2007



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