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Krieg und Frieden
Zwangsrekrutierungen in Kolumbien
„Von da an war ich Soldat“
Von Rudi Friedrich

„Am 4. August 2006 war ich für einige Einkäufe in die Stadt gefahren“, berichtet der Kriegsdienstverweigerer Carlos Andrés Giraldo Hincapié. „Ich wollte auch mein Motorrad aus der Werkstatt holen. In dem Moment wurde ich von dem Soldaten Anderson Andrés Anturi Ruíz angehalten, verhaftet und gegen meinen Willen zur Kaserne gebracht."

„Ich erklärte ihnen, dass ich keinen Dienst ableisten kann, weil ich der Ernährer meiner Familie bin: mein Vater kann nicht mehr arbeiten, mein Bruder leidet unter Epilepsie. Außerdem sagte ich, dass ich gegen Waffen bin und mich dagegen wehre, andere töten zu müssen. Sie sagten mir jedoch, dass all dies keine Gründe seien. Und von da an war ich Soldat."

Inzwischen ist Hincapié seit mehr als einem Jahr bei der Armee. Nachdem anfängliche Misshandlungen aufgehört haben, wird  er vom 1. Feldwebel Jhon Jairo Cuestas Baron, zum Teil vor der gesamten Militäreinheit, beschimpft und gedemütigt. Carlos Andrés Giraldo Hincapié fürchtet um seine Sicherheit, denn die Verbalattacken drohen in körperliche Misshandlungen umzuschlagen.



Auch Frank Yair Estrada Marín wurde gegen seinen Willen rekrutiert. Er wurde am Morgen des 5. Mai 2007 von Soldaten des Bataillons Pedro Justo Berrio unter dem Vorwand einer Musterung mitgenommen. Da er über keinen Militärausweis (libreta militar) verfügte, wurde er unmittelbar zwangsrekrutiert. Seine Proteste und die Erklärung, Kriegsdienstverweigerer zu sein, halfen ihm nichts. Mehr als drei Monate nach seiner gesetzeswidrigen Zwangsrekrutierung befindet er sich noch immer in den Händen des Militärs. Aufgrund der erbärmlichen Zustände während der Grundausbildung leidet er nach letzten Informationen unter Fieber und Austrocknung.
 
Die Zwangsrekrutierungen sind durch das kolumbianische Recht nicht gedeckt. Trotzdem ist es bislang nicht möglich gewesen, eine Entlassung der beiden Verweigerer aus dem Militär zu erreichen.
 
Alle kolumbianischen Männer sind mit achtzehn Jahren wehrpflichtig und haben einen achtzehn Monate dauernden Militärdienst abzuleisten. Einige, die sich der Ableistung des Militärdienstes entziehen wollen, kaufen sich frei, in dem sie sich einen Militärausweis besorgen, der besagt, dass sie den Dienst bereits abgeleistet hätten. Doch die Aktiven der kolumbianischen Gruppen der Kriegsdienstverweigerer lehnen dies ab. So erklärte Eduardo Castrillon von Red Juvenil (Medellín) im Mai 2007 auf einer Pressekonferenz: „Auch wer bezahlt, gilt als Reservist und kann bis zum 50. Lebensjahr einberufen werden. Aber ganz abgesehen davon: Da sowohl die Ableistung des Militärdiensts wie auch das Freikaufen darauf beruhen, dass man sich den Regelungen des Militärs unterwirft, weigere ich mich auch, einen Militärausweis zu akzeptieren.“ Damit geht auch Castrillon das Risiko ein, eines Tages in Kolumbien auf der Straße verhaftet und rekrutiert zu werden.

In Kolumbien gibt es seit Jahrzehnten einen bewaffneten Konflikt, der vom Militär, verschiedenen Guerillagruppen wie auch paramilitärischen Kräften ausgetragen wird. Konsequenzen sind gewaltsame Vertreibungen der Bevölkerung, Zwangsrekrutierungen, Geiselnahmen und alltägliche Gewalt.


Alle Bilder: Red Juvenil
Doch es gibt auch viele Gruppen und Organisationen, die sich für Frieden und Gerechtigkeit einsetzen, wie z.B. Red Juvenil aus Medellín. Sie versuchen mit zahlreichen Aktivitäten der allgemeinen Militarisierung des Landes Handlungsalternativen entgegenzusetzen. Ihr Repertoire ist groß: gewaltfreie Aktionen, Beratung für Kriegsdienstverweigerer, Erhebungen über die Lage der Jugendlichen, Kampagnen gegen das herrschende Wirtschaftsmodell, selbstver- walteter Produktion und viele weitere Angebote für Jugendliche gehören dazu. „Wir lehnen Militär und Armeen ab. Aber wir versuchen auch, die sozialen und ökonomischen Ursachen der Konflikte zu sehen, und mischen uns in diesen Bereichen ein. Wir kämpfen gegen transnationale Konzerne sowie die allgemeine Ungerechtigkeit und Diskriminierung in unserem Land", erklärte Paula Galeano von Red Juveníl.
 
Die Forderung auf Anerkennung der Kriegsdienstverweigerung ist Bestandteil dieser Arbeit. Die Aktivisten berufen sich dabei auf einen Artikel in der Verfassung, der die Gewissensfreiheit garantiert. Doch das kolumbianische Militär erkennt dies nicht an. Wer sich weigert, in der Armee zu dienen, muss mit Zwangsrekrutierungen rechnen.
 
Aufgrund dessen rief vor wenigen Tagen Connection e.V., ein in Offenbach ansässiger Verein, der auf internationaler Ebene Kriegsdienstverweigerer und Deserteure unterstützt, dazu auf, bei der kolumbianischen Regierung gegen die Behandlung der Verweigerer zu protestieren. (YH)

Der Aufruf kann auf der Website von Connection e.V. unterzeichnet werden.

Online-Flyer Nr. 112  vom 12.09.2007



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