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Warum Köln-Ehrenfeld eine lebendige Gedenkstätte gebrauchen könnte
Edelweißpiraten: Ein Ort des Erinnerns in Ehrenfeld
Von Gerhard Klas

Plakat am Bauzaun vor den Bahnhofsbögen
Foto: Christine Schmidt
„Wo die Fahrtenmesser blitzen
und die Hitlerjungen flitzen
Und wir Edelweißpiraten schlagen drein,
Was kann das Leben
uns denn noch geben
wir wollen frei von Hitler sein.“
So lautet der Refrain des Liedes „In Junkers Kneipe“, das zum Liedgut der Edelweißpiraten Anfang der 40er Jahre gehörte. Am Samstag, den 15. September 2007, waren viele Lieder dieser jugendlichen Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus in einem der Ehrenfelder Bahnhofsbögen zu hören, interpretiert von der Band „Kölsche Piraten“, mit Akkordeon, Bass, Geige, unter Leitung der charismatischen Sängerin Annette Fuchs. Knapp 150 Besucher kamen auf Einladung der Initiative „Erinnerungsort Bahnbögen“, deren Mitglieder dort ein Kulturcafé mit Dauerausstellung über Zwangsarbeiter, Deserteure und den Widerstand der Edelweißpiraten in Ehrenfeld einrichten wollen. „Es soll ein Ort der Kommunikation und der Kultur sein, mit Lesungen und Konzerten, von Weltmusik bis zum Liedgut der Edelweißpiraten“, sagte Maria Baumeister, eine der Initiatorinnen. Bisher sehen die Umgestaltungspläne für die Bahnbögen vor allem kommerzielle Einrichtungen – von Starbucks bis zum Fischrestaurant – für die besser betuchten Bewohner von Ehrenfeld vor. „Unser Kulturcafé hingegen ist gedacht als eine offene Einladung an alle“, erklärte Maria Baumeister.

Demonstranten gegen rechten Aufmarsch am Ehrenfelder Bahnhof
Foto: Carl H. Ewald
Die Nordseite des Ehrenfelder Bahnhofs ist ein historischer Ort. 1944 wurden dort 24 Jugendliche und Zwangsarbeiter hingerichtet. Erst 1982 gelang es dem damaligen „Initiativkreis Ehrenfelder Edelweißpiraten und Antifaschisten“ zusammen mit der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) die Umbenennung der Hüttenstraße in Bartholomäus-Schink-Straße zu erwirken, nach dem Namen eines 16jährigen Edelweißpiraten, den die Nationalsozialisten dort aufgehängt hatten. Vier Jahre später wurde eine Mahn- und Gedenktafel angebracht, die mehrmals mit Nazisymbolen beschmiert wurde. Seit einigen Jahren ist die Bartholomäus-Schink-Straße immer wieder Aufmarschort für Neonazis. Aber nicht nur sie versuchen, das Andenken an die Edelweißpiraten zu beschmutzen. Auch einige Politiker und Teile der Bevölkerung diskreditieren bis heute den Widerstandskampf der Hingerichteten und ihrer Mitkämpferinnen. „Für manche sind die Edelweißpiraten einfach nur Kriminelle, weil sie ‚ungesetzlich’ gehandelt haben“, so Maria Baumeister, „solchen Ansichten stellen wir uns entgegen“.

Bartholomäus-Schink-Straße und Einsatzfahrzeug der Polizei
Foto: Carl H. Ewald
Zur Unterstützung des Anliegens überbrachte der belgische Widerstandskämpfer David Lachmann eine Grußadresse, ebenso Galina Wassilenko aus der Ukraine, die damals in Köln Zwangsarbeit leisten musste. Der gesundheitlich angeschlagene Edelweißpirat Fritz Theilen übermittelte seine Botschaft per Band. Er bedauerte, dass „die Propaganda der Nationalsozialisten, die uns als ‚kriminelle Bande’ diffamierten, bis heute ihre Wirkung nicht verfehlt“. Um so dringlicher sei es, „dass dieser Ort nicht nur an die Hingerichteten erinnert, sondern auch daran, dass jeder Ungerechtigkeit – Rassismus, Antisemitismus, Faschismus und Krieg – Widerstand entgegengesetzt werden muss.“
Dass das Gedenken an die Edelweißpiraten aufzuwerten sei und angesichts rechtsextremer Umtriebe gerade auch heute wieder ein besondere Bedeutung habe, unterstrich auch der Ehrenfelder Bezirksbürgermeister Joseph Wirges (SPD). Die Architektinnen Ruth Spätling, Marion Küppers und Elisabeth Rosenkranz haben schon Modelle für den Erinnerungsort entworfen – einen lichtdurchfluteten Multifunktionsraum mit Dauerausstellung und mobiler Bar. Allerdings verfügt der Bezirk nur über einen Kulturetat von 19.000 Euro. Aus diesen Mitteln wird ein ambitioniertes Projekt wie das der Initiative schwerlich zu realisieren sein.

Das Mahnmal am Ehrenfelder Bahnhof ist lebendig
Foto: Christine Schmidt
Aber die Notwendigkeit steht nicht in Frage: In Ostdeutschland sitzt die NPD schon in einigen Parlamenten, eine Emnid-Umfrage bescheinigt ihnen sogar 11 Prozent für die kommende Landtagswahl in Niedersachsen. Unterstützt wird diese Partei von sogenannten freien Kameradschaften, die auch in Köln und Umland ihr Unwesen treiben und teilweise mit Erfolg versuchen, eine rechte Jugendkultur zu etablieren.
„Die Geschichte der Edelweißpiraten zeigt, dass viele Jugendliche sich nicht in das Unrechtssystem der Nazis einordnen wollten“, sagte Fritz Theilen am 15. September. Die Stadt Köln ist gut beraten, Vorkehrungen gegen die neuen Nazis zu treffen. Eine großzügige finanzielle Unterstützung der Dauerausstellung über den Widerstand der jugendlichen Edelweißpiraten wäre eine gute Möglichkeit, diesem Ansinnen nachzukommen. (PK)
Online-Flyer Nr. 113 vom 19.09.2007
Warum Köln-Ehrenfeld eine lebendige Gedenkstätte gebrauchen könnte
Edelweißpiraten: Ein Ort des Erinnerns in Ehrenfeld
Von Gerhard Klas

Plakat am Bauzaun vor den Bahnhofsbögen
Foto: Christine Schmidt
„Wo die Fahrtenmesser blitzen
und die Hitlerjungen flitzen
Und wir Edelweißpiraten schlagen drein,
Was kann das Leben
uns denn noch geben
wir wollen frei von Hitler sein.“
So lautet der Refrain des Liedes „In Junkers Kneipe“, das zum Liedgut der Edelweißpiraten Anfang der 40er Jahre gehörte. Am Samstag, den 15. September 2007, waren viele Lieder dieser jugendlichen Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus in einem der Ehrenfelder Bahnhofsbögen zu hören, interpretiert von der Band „Kölsche Piraten“, mit Akkordeon, Bass, Geige, unter Leitung der charismatischen Sängerin Annette Fuchs. Knapp 150 Besucher kamen auf Einladung der Initiative „Erinnerungsort Bahnbögen“, deren Mitglieder dort ein Kulturcafé mit Dauerausstellung über Zwangsarbeiter, Deserteure und den Widerstand der Edelweißpiraten in Ehrenfeld einrichten wollen. „Es soll ein Ort der Kommunikation und der Kultur sein, mit Lesungen und Konzerten, von Weltmusik bis zum Liedgut der Edelweißpiraten“, sagte Maria Baumeister, eine der Initiatorinnen. Bisher sehen die Umgestaltungspläne für die Bahnbögen vor allem kommerzielle Einrichtungen – von Starbucks bis zum Fischrestaurant – für die besser betuchten Bewohner von Ehrenfeld vor. „Unser Kulturcafé hingegen ist gedacht als eine offene Einladung an alle“, erklärte Maria Baumeister.

Demonstranten gegen rechten Aufmarsch am Ehrenfelder Bahnhof
Foto: Carl H. Ewald
Die Nordseite des Ehrenfelder Bahnhofs ist ein historischer Ort. 1944 wurden dort 24 Jugendliche und Zwangsarbeiter hingerichtet. Erst 1982 gelang es dem damaligen „Initiativkreis Ehrenfelder Edelweißpiraten und Antifaschisten“ zusammen mit der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) die Umbenennung der Hüttenstraße in Bartholomäus-Schink-Straße zu erwirken, nach dem Namen eines 16jährigen Edelweißpiraten, den die Nationalsozialisten dort aufgehängt hatten. Vier Jahre später wurde eine Mahn- und Gedenktafel angebracht, die mehrmals mit Nazisymbolen beschmiert wurde. Seit einigen Jahren ist die Bartholomäus-Schink-Straße immer wieder Aufmarschort für Neonazis. Aber nicht nur sie versuchen, das Andenken an die Edelweißpiraten zu beschmutzen. Auch einige Politiker und Teile der Bevölkerung diskreditieren bis heute den Widerstandskampf der Hingerichteten und ihrer Mitkämpferinnen. „Für manche sind die Edelweißpiraten einfach nur Kriminelle, weil sie ‚ungesetzlich’ gehandelt haben“, so Maria Baumeister, „solchen Ansichten stellen wir uns entgegen“.

Bartholomäus-Schink-Straße und Einsatzfahrzeug der Polizei
Foto: Carl H. Ewald
Zur Unterstützung des Anliegens überbrachte der belgische Widerstandskämpfer David Lachmann eine Grußadresse, ebenso Galina Wassilenko aus der Ukraine, die damals in Köln Zwangsarbeit leisten musste. Der gesundheitlich angeschlagene Edelweißpirat Fritz Theilen übermittelte seine Botschaft per Band. Er bedauerte, dass „die Propaganda der Nationalsozialisten, die uns als ‚kriminelle Bande’ diffamierten, bis heute ihre Wirkung nicht verfehlt“. Um so dringlicher sei es, „dass dieser Ort nicht nur an die Hingerichteten erinnert, sondern auch daran, dass jeder Ungerechtigkeit – Rassismus, Antisemitismus, Faschismus und Krieg – Widerstand entgegengesetzt werden muss.“
Dass das Gedenken an die Edelweißpiraten aufzuwerten sei und angesichts rechtsextremer Umtriebe gerade auch heute wieder ein besondere Bedeutung habe, unterstrich auch der Ehrenfelder Bezirksbürgermeister Joseph Wirges (SPD). Die Architektinnen Ruth Spätling, Marion Küppers und Elisabeth Rosenkranz haben schon Modelle für den Erinnerungsort entworfen – einen lichtdurchfluteten Multifunktionsraum mit Dauerausstellung und mobiler Bar. Allerdings verfügt der Bezirk nur über einen Kulturetat von 19.000 Euro. Aus diesen Mitteln wird ein ambitioniertes Projekt wie das der Initiative schwerlich zu realisieren sein.

Das Mahnmal am Ehrenfelder Bahnhof ist lebendig
Foto: Christine Schmidt
Aber die Notwendigkeit steht nicht in Frage: In Ostdeutschland sitzt die NPD schon in einigen Parlamenten, eine Emnid-Umfrage bescheinigt ihnen sogar 11 Prozent für die kommende Landtagswahl in Niedersachsen. Unterstützt wird diese Partei von sogenannten freien Kameradschaften, die auch in Köln und Umland ihr Unwesen treiben und teilweise mit Erfolg versuchen, eine rechte Jugendkultur zu etablieren.
„Die Geschichte der Edelweißpiraten zeigt, dass viele Jugendliche sich nicht in das Unrechtssystem der Nazis einordnen wollten“, sagte Fritz Theilen am 15. September. Die Stadt Köln ist gut beraten, Vorkehrungen gegen die neuen Nazis zu treffen. Eine großzügige finanzielle Unterstützung der Dauerausstellung über den Widerstand der jugendlichen Edelweißpiraten wäre eine gute Möglichkeit, diesem Ansinnen nachzukommen. (PK)
Online-Flyer Nr. 113 vom 19.09.2007














