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Kultur und Wissen
Die Bismarckstraße gibt es auch im Reich der Mitte
Jugendstil in China
Von Manfred Giebenhain

Gründerzeit mit Schriftzeichen
Qingdao, seinerzeit als kleines Fischerdorf von deutschen Truppen besetzt und binnen weniger Jahre ausgebaut, hat seinen unverkennbaren Charakter bis heute beibehalten. Oskar Truppel, so der Name des ersten Gouverneurs von Tschingtau (so die frühere Schreibweise von Qingdao), hätte heute noch seine Freude daran. Die unzähligen roten Ziegeldächer stehen für das architektonische Erbe aus der Zeit der deutschen Besatzung vor über hundert Jahren. Sogar noch in den Jahren nach der Räumung der Stadt durch die Deutschen, die beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 der japanischen Invasion weichen mussten, wurden Jugendstilvillen errichtet. Heute stehen sie in begehrter Wohnlage. Neugierige aus Fernost wie Europa zieht es hin zu den Gässchen mit den musterverlegten Pflastersteinen und seinen Häusern aus roten Backsteinen, die von Gärtchen mit verspielten Zäunen umgeben sind.
Auch die Jiangsu Lu hinunter geht es vorbei an zahlreichen Jugendstilhäusern. Für den Stadtführer ist der Moment gekommen, von der „fernöstlichen Schweiz“ zu erzählen, wie Qingdao auch genannt werde. Dafür spreche auch die Sauberkeit. Der akkurat geschnittene Rasen und die Anordnung von Sträuchern auf den Grünstreifen beiderseits der breiten Straßen erinnern sofort an europäische und amerikanische Großstädte. Die Touristen finden allmählich Gefallen daran, auf Spurensuche zu gehen, und der Reisebegleiter gibt gerne Auskunft. Die Uferpromenade Taiping Lu entlang geht es auf den nächsten Hügel über die Zhongshan Lu. Zu den ersten historischen Gebäuden zählt der ehemalige Tsingtau-Club, in dem heute die Gesellschaft für Technik und Wissenschaft untergebracht ist. Das ehemalige Seemannshaus fällt durch seine Jugendstilornamente sofort auf.
Wäre es nach Kaiser Wilhelm II. gegangen, hätte sich die Stadt wahrscheinlich bis heute nicht verändert. Doch der Traum vom „deutschen Hongkong“ währte nur siebzehn Jahre.

Wie ein Spielzeughäuschen am falschen Platz – der alte Bahnhof von Qingdao | Alle Fotos: Manfred Giebenhain
Der Mord an zwei deutschen Missionaren hatte 1896 als Vorwand für die gewaltsame Inbesitznahme der Bucht durch die deutsche Marine gedient. Die chinesische Regierung, dergestalt vor die Wahl gestellt zwischen weiteren kriegerischen Auseinandersetzungen und einer „freiwilligen“ Verpachtung des Gebiets an die deutsche Regierung, gab angesichts der Übermacht nach und schloss mit den Deutschen einen Pachtvertrag über 99 Jahre. Doch dann kam der erste Weltkrieg und die unvorbereiteten deutschen Besatzer wurden von den neuen Herrschern, den Japanern, vertrieben. Von einer Kolonialzeit sprach deswegen auf beiden Seiten keiner gerne.
Doch zurück zur Stadtrundfahrt: Beim Rezitieren der alten Straßennamen endet das Wissen des Begleiters. Es sagt ihm nichts, dass die einstige Hauptverkehrsader der Stadt Friedrichstraße hieß und es natürlich auch eine Bismarckstraße gab, ebenso eine Bismarckkaserne, von der allerdings nichts mehr übrig geblieben ist. Zwar sind die Gäste aus Europa gern gesehen werden und die Stadtverwaltung weiß, auf die deutsche Initiative beim Aufbau der Region hinzuweisen, doch das Qingdao von heute geht seinen eigenen Weg.
Mit asiatischer Gleichmut präsentiert sich die zweitgrößte Stadt der Provinz Shangdong, der Partnerregion von Bayern, als modernes Tor zur Welt und konkurriert mit der rund 600 Kilometer südlich liegenden Metropole Shanghai. Die roten Dächer der Altstadt, der „Pavillon der zurückkehrenden Wogen“, wie der Landungssteg Huilan Ge übersetzt heißt, und im Hintergrund die Skyline prägen das kontrastreiche Stadtbild, das sich von anderen chinesischen Metropolen abhebt.
Auch zwei Kirchen stehen in der historischen Altstadt. Ein beliebtes Fotomotiv bildet die St. Michaels-Kathedrale, die noch aus der Zeit der deutschen Besatzung stammt. Als Zeitzeugin ragt sie hinter der angrenzenden modernen, chinesischen Neustadt empor. Unbestrittener Höhepunkt der historischen Stadtführung ist das ehemalige Gouverneurswohnhaus auf dem Signal- oder Diederichsberg, einem weiterem Aussichtspunkt der Stadt.

Die „Gouverneursresidenz"
Zunächst erinnert nichts an dem gelben mit mächtigen Granitsteinen verzierten Gebäude daran, dass man sich in China befindet. Eine verspielte, parkähnliche Anlage mit Magnolienbäumen und Kiefern umgibt das fürstliche Bauwerk und vermittelt eine Ahnung davon, wie nobel erst der deutsche Gouverneur, dann die japanischen Besatzer und schließlich auch die Bürgermeister von Qingdao residierten. Selbst Mao Zedong soll in dem inzwischen als Hotel genutzten Gebäude übernachtet haben. Mit dunklem Holz vertäfelte, hohe Wände, ein großer Empfangsraum und breite Treppen, die durch das dreige- schossige Haus führen, erwecken bereits beim Eintreten den Eindruck, als sei die Zeit stehen geblieben. Die typische Jugendstilvilla mit ihren verschnörkelten Möbeln, großflächigen Spiegeln und einem Wintergarten mit Korbmöbeln bietet eine Kulisse, wie sie in Asien ihresgleichen sucht.
Doch der sechzehn Jahre währende deutsche Einfluss hat nicht allein architektonische Spuren hinterlassen. Auf eine über einhundertjährige Tradition blickt die Brauerei im Norden der Stadt zurück. Das Tsingtau-Beer ist das bekannteste seiner Art im ganzen Land und Bier an sich ein Getränk, das sich im Reich der Mitte großer Beliebtheit erfreut. Die moderne Produktionsanlage liegt in der Neustadt, in der die Vergangenheit keine Rolle mehr spielt. Qingdao mischt nicht nur in der wirtschaftlichen Entwicklung des großen Landes vorne mit. Die Stadt wird weltweit als Austragungsort für die Disziplinen im Wassersport während der Olympischen Spiele 2008 in Peking auf sich aufmerksam machen. (CH)
Online-Flyer Nr. 114 vom 26.09.2007
Die Bismarckstraße gibt es auch im Reich der Mitte
Jugendstil in China
Von Manfred Giebenhain

Gründerzeit mit Schriftzeichen
Auch die Jiangsu Lu hinunter geht es vorbei an zahlreichen Jugendstilhäusern. Für den Stadtführer ist der Moment gekommen, von der „fernöstlichen Schweiz“ zu erzählen, wie Qingdao auch genannt werde. Dafür spreche auch die Sauberkeit. Der akkurat geschnittene Rasen und die Anordnung von Sträuchern auf den Grünstreifen beiderseits der breiten Straßen erinnern sofort an europäische und amerikanische Großstädte. Die Touristen finden allmählich Gefallen daran, auf Spurensuche zu gehen, und der Reisebegleiter gibt gerne Auskunft. Die Uferpromenade Taiping Lu entlang geht es auf den nächsten Hügel über die Zhongshan Lu. Zu den ersten historischen Gebäuden zählt der ehemalige Tsingtau-Club, in dem heute die Gesellschaft für Technik und Wissenschaft untergebracht ist. Das ehemalige Seemannshaus fällt durch seine Jugendstilornamente sofort auf.
Wäre es nach Kaiser Wilhelm II. gegangen, hätte sich die Stadt wahrscheinlich bis heute nicht verändert. Doch der Traum vom „deutschen Hongkong“ währte nur siebzehn Jahre.

Wie ein Spielzeughäuschen am falschen Platz – der alte Bahnhof von Qingdao | Alle Fotos: Manfred Giebenhain
Der Mord an zwei deutschen Missionaren hatte 1896 als Vorwand für die gewaltsame Inbesitznahme der Bucht durch die deutsche Marine gedient. Die chinesische Regierung, dergestalt vor die Wahl gestellt zwischen weiteren kriegerischen Auseinandersetzungen und einer „freiwilligen“ Verpachtung des Gebiets an die deutsche Regierung, gab angesichts der Übermacht nach und schloss mit den Deutschen einen Pachtvertrag über 99 Jahre. Doch dann kam der erste Weltkrieg und die unvorbereiteten deutschen Besatzer wurden von den neuen Herrschern, den Japanern, vertrieben. Von einer Kolonialzeit sprach deswegen auf beiden Seiten keiner gerne.
Doch zurück zur Stadtrundfahrt: Beim Rezitieren der alten Straßennamen endet das Wissen des Begleiters. Es sagt ihm nichts, dass die einstige Hauptverkehrsader der Stadt Friedrichstraße hieß und es natürlich auch eine Bismarckstraße gab, ebenso eine Bismarckkaserne, von der allerdings nichts mehr übrig geblieben ist. Zwar sind die Gäste aus Europa gern gesehen werden und die Stadtverwaltung weiß, auf die deutsche Initiative beim Aufbau der Region hinzuweisen, doch das Qingdao von heute geht seinen eigenen Weg.
Mit asiatischer Gleichmut präsentiert sich die zweitgrößte Stadt der Provinz Shangdong, der Partnerregion von Bayern, als modernes Tor zur Welt und konkurriert mit der rund 600 Kilometer südlich liegenden Metropole Shanghai. Die roten Dächer der Altstadt, der „Pavillon der zurückkehrenden Wogen“, wie der Landungssteg Huilan Ge übersetzt heißt, und im Hintergrund die Skyline prägen das kontrastreiche Stadtbild, das sich von anderen chinesischen Metropolen abhebt.
Auch zwei Kirchen stehen in der historischen Altstadt. Ein beliebtes Fotomotiv bildet die St. Michaels-Kathedrale, die noch aus der Zeit der deutschen Besatzung stammt. Als Zeitzeugin ragt sie hinter der angrenzenden modernen, chinesischen Neustadt empor. Unbestrittener Höhepunkt der historischen Stadtführung ist das ehemalige Gouverneurswohnhaus auf dem Signal- oder Diederichsberg, einem weiterem Aussichtspunkt der Stadt.

Die „Gouverneursresidenz"
Doch der sechzehn Jahre währende deutsche Einfluss hat nicht allein architektonische Spuren hinterlassen. Auf eine über einhundertjährige Tradition blickt die Brauerei im Norden der Stadt zurück. Das Tsingtau-Beer ist das bekannteste seiner Art im ganzen Land und Bier an sich ein Getränk, das sich im Reich der Mitte großer Beliebtheit erfreut. Die moderne Produktionsanlage liegt in der Neustadt, in der die Vergangenheit keine Rolle mehr spielt. Qingdao mischt nicht nur in der wirtschaftlichen Entwicklung des großen Landes vorne mit. Die Stadt wird weltweit als Austragungsort für die Disziplinen im Wassersport während der Olympischen Spiele 2008 in Peking auf sich aufmerksam machen. (CH)
Online-Flyer Nr. 114 vom 26.09.2007














