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Literatur
Spaniens Himmel breitet seine Sterne... oder
Ein Lied kehrt zurück – Folge 38
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch
15.
Was am Mittwoch passiert, ist oft am Donnerstag kein Thema mehr.
Die denkwürdige Veranstaltung im Musikzimmer war im Gymnasium am Morgen danach noch lange nicht abgehakt. In ungewöhnlich vielen Taschen der Lehrer und Schüler steckte die aktuelle Boulevardzeitung. Sie hatte ein opulentes Foto von Georg Silbermann unter die Schlagzeile: Einer, der immer noch weiß, was er will, postiert. Darunter im Text wurde unter anderem der turbulente „Schlagabtausch“ im Gymnasium erwähnt, und die Vorträge der Schüler, und der Schulleiter mutig genannt. So sah Kaschinsky auch vor der ersten Stunde im Lehrerzimmer aus. Bescheiden reichte er sämtliche Glückwünsche an die beteiligten Schüler und Frau Dr. Kalbstein weiter. Die Kritik einiger Lehrer betraf scheinbar nur Details, etwa daran, dass viele Fragen offen geblieben wären, oder der musikalische Rahmen etwas befremdend geklungen hätte.
Aber Kaschinsky entging nicht, dass bei einigen Kollegen mehr dahinter steckte. Sicher keine Sympathie für Dr. Gärtner, der war allen nicht viel mehr als eine müde Handbewegung wert. Aber gewisse Blicke …? Nur Biolehrer Kramer, ein hagerer Mann mittleren Alters wurde deutlicher: „Bei aller Liebe, Tom, für meinen Geschmack wurde uns gestern mehr als ein Hauch von kommunistischer Propaganda geboten.“
Kaschinsky zwang sich dazu, gelassen zu reagieren und wiederholte, was er schon vorher gefordert hatte. „Wir sind als weltoffene Schule verpflichtet, unseren Schülern nicht nur die Geschichte vom Heiligen Martin zu erzählen. Natürlich hat Herr Silbermann den Kurt Hager nur verteidigt und ist nicht darauf eingegangen, was dieser Herr später angerichtet hat. Aber ich verstehe den alten Herrn, das muss ich wirklich sagen. Sie müssen sich mal in seine Lage versetzen, liebe Kollegen … Und übrigens, was die vermeintlich nicht ausreichend beantworteten Fragen betrifft. Liebe Kollegen, wir sind doch alle miteinander Lehrer und keine Politiker in einer Talkrunde. Wir wissen, dass es nie auf jede Frage eine Antwort geben wird. Ich möchte aber festhalten, so oder so, wir haben, davon bin ich fest überzeugt, viele unserer Schüler gestern Abend für bestimmte, lebenswichtige Fragen sensibilisiert.“
Auf dem Schulhof und in Klassenräumen waren die Tumulte und Streitgespräche vom vergangenen Abend Thema Nr. 1. Auch über den Spanischen Bürgerkrieg, Neonazis und Rassismus wurde erregt diskutiert. Schüler, die nicht dabei gewesen waren, erkundigten sich neugierig. Elternmeinungen wurden zitiert. Georg Silbermann hätte sich gefreut, wenn er unsichtbarer Zeuge mancher Gespräche gewesen wäre, auch wenn er nicht richtig verstanden hätte, was ein „geiler Typ“ ist. Dr. Gärtner jedoch hätte wohl nur bei sehr wenigen Unterhaltungen gern zugehört.
Frau Dr. Kalbstein hatte Alexander, Felix und Sophie nach dem Unterricht in ihren Fachraum bestellt. „Nehmen Sie doch bitte Platz“, sagte sie freundlich. „Ihre Leistungen gestern Abend haben mich überzeugt. Ich werde mich übrigens hüten, besonders Sie, Alexander, jetzt in irgendeiner Richtung überzeugen zu wollen. Das müssen Sie mit sich selbst ausmachen. Mein Problem besteht nur darin, ihre Arbeit zu bewerten.“ Die Geschichtslehrerin holte tief Luft. Endlich schien sie sich zu einem Entschluss durchgerungen zu haben. „Ja, aber vor einer Bewertung möchte ich doch erst ihre schriftlichen Ausarbeitungen sehen. Das dürfte kein Problem sein. Was meinen Sie?“
Sophie wollte protestieren, kam aber nicht dazu, weil ihr Felix mit den Worten, „Das geht schon in Ordnung. Null Problem“, zuvorkam. Die drei jungen Referenten liefen nach beinahe familiärer Verabschiedung durch Frau Dr. Kalbstein gemeinsam zum Fahrradständer. „Schriftliche Ausarbeitungen“, schimpfte Sophie, „wozu das denn noch! Ich hab bloß Notizen! Wir haben uns doch verteidigt wie Interbrigadisten!“ Sie funkelte Felix an: „Null Problem, null Problem! Für dich vielleicht. Du warst in Spanien und hast deine Interviews.“
Sie riss ihr Fahrrad aus dem Ständer, schwang sich auf den Sattel und preschte davon. Das Ich-Helfe-Dir von Felix hörte sie nicht mehr. Alexander stand unschlüssig da. „Was wird eigentlich aus unserem Faust?“, fragte er schließlich vorsichtig und fummelte an seinem Fahrradschloss herum.
„Du bist der Regisseur!“
Alexander ließ erfreut das Schloss los. „Okay, dann setze ich für übermorgen die erste Probe an.“
Am nächsten Tag nach Schulschluss saß Felix an seinem Schreibtisch und fasste gleich mehrere unumstößliche Entschlüsse. Er nahm sich erstens vor, das Telefon klingeln zu lassen, so lange es wollte. Es wollte ununterbrochen, und nicht alle Anrufer wollten Lob und Anerkennung los werden.
Dolores letzte Nachrichten auf dem Handy las sich Felix dann noch einmal in aller Ruhe durch, bevor er die Löschtaste betätigte. Gleichzeitig strich er sämtliche Reisepläne nach Wien endgültig aus seinem Kopf und atmete anschließend, wie nach einer schweren Arbeit, erst einmal auf. Dolores war out. Er musste es ihr nur noch mitteilen, suchte nach einem passenden Text, zwang sich dabei nicht an den Abend über Wien, sondern daran zu denken, wie sie ihn zweimal so grottenschlecht behandelt hatte. Also: Liebe Dolores, Schluss mit lustig...
Felix stockte. Oder besser: Nicht noch mal mit mir? Das Wort Liebe musste rein, verweigerte sich aber hartnäckig, weil es ja gerade darum ging, dass Felix Dolores nicht mehr liebte. Ich habe dich geliebt. Hatte er das? Es war schön mit dir? Was? Danke für alles, aber? Was aber? Felix stand auf und brühte sich in der Küche erst mal einen Kaffee. Über dem Automat hing ein Kalenderspruch. „Glücklich ist, wer alles vergisst, was nicht gut gewesen ist.“ Da hatte er's. Liebe Dolores, vergiss mich! Werde glücklich mit Christoph. Punkt aus. Ja, klar. Das war's.
Ein paar Minuten später auf dem Display des Handys, sah der Text irgendwie blöd aus. Abschiedsworte sind verdammt schwer, dachte Felix, schlug sich mit der flachen Hand mehrmals gegen die Stirn, löschte den Text, schrieb stattdessen „Adios“ und drückte, ohne noch einmal nachzudenken, die Sendetaste. Kurze Zeit später hörte er den Wohnungsschlüssel. Seine Mutter brachte Herrn Wolfensteiner mit. Und der für Felix einen großen Blumenstrauß. Alfred Klobitzer liebte nicht nur Melitta Staub, sondern auch Überraschungen der besonderen Art. Sophie näherte sich seinem Schreibtisch mit schlimmen Vorahnungen. Klobitzers erste Worte: „Ich habe Sie hier her gebeten, weil ich auf die Miete warte“, schienen ihre Befürchtungen zu bestätigen. „Ich habe mich deshalb entschlossen...“ Klobitzer machte eine Pause und genoss Sophies ängstlichen Blick. „Mich entschlossen“, wiederholte er immer noch mit strenger Miene, „Sie und Ihre Freunde zu bitten...“, wieder Pause „zu bitten, also kurz gesagt: den Faust von Goethe hier in meinem Büro aufzuführen. Als Gegenleistung erlasse ich die nächste Miete. Danach werden wir weiter sehen.“
Sophie wusste wirklich nicht, was sie sagen sollte. „Den Faust hier …“, stammelte sie, „vor Ihnen?“
„Nicht nur. Ich werde meine sämtlichen Lieferanten verpflichten, bei der Premiere anwesend zu sein. Das sind größtenteils Schleimer und Kulturbanausen, wissen Sie. Ich freue mich heute schon auf ihre Gesichter.“
„Ja, aber …“
„Kein aber“, Klobitzer lachte, „oder wollen Sie lieber …?“
„Wie kommen Sie überhaupt auf mich und das Theater?“
„Auf Sie und den Felix“, korrigierte der Firmenchef. „Sie haben mich überzeugt auf der Verteidigung, als dieser Nazi das Maul aufriss. Besonders wie Sie den Alexander entschärft haben. Obwohl …“, Klobitzer hob den rechten Zeigefinger, „obwohl...“
„Was obwohl?“
„Obwohl noch ein bisschen mehr gesagt werden müsste, ich meine zur internationalen Solidarität mit der spanischen Republik.“
„Sie kennen sich da aus?“
„Ich habe mich ein bisschen mit diesem Krieg beschäftigt. Ja, und die Solidarität... so was gab's später nie wieder, Sophie! Heute in Deutschland schon überhaupt nicht! Die Teilnehmer an Antikriegsdemos passen in ein paar PKW; na ja, das ist übertrieben. Damals sah es rund um den Globus ganz anders aus. Überall sammelten sich Menschen nicht nur auf Demos und Kundgebungen! Konkret wurde geholfen. Lebensmittel, Medikamente, Krankenwagen gesammelt und nach Spanien verfrachtet. Nicht zu reden von denen, aber das wissen Sie ja selbst, die als Interbrigadisten die Waffe in die Hand nahmen. Bemerkenswert viele Künstler machten mit, manche direkt an der Front, andere in Stäben oder Kulturabteilungen, andere als Kriegsberichterstatter. Sie haben ja einige Namen auf der Verteidigung verlesen. Und ich will Ihnen noch was sagen, Sophie. Die internationale Solidarität hörte nach Francos Sieg nicht auf. Die Hilfskomitees – Sie haben nur das von Nehru erwähnt, es gab aber Dutzende auf der Welt, die Hilfskomitees kümmerten sich später um die Flüchtlinge. Ja, das alles hätte deutlicher gesagt werden müssen!“
„Es tut mir leid, Herr Klobitzer.“
„Ach was Mädel!“ Ihr Gegenüber lachte. „Alles erfährt man nur von Verliebten. Weil die sich so oft wiederholen, bis auch das Letzte raus ist.“
„Wie sind Sie eigentlich auf diesen Krieg gekommen, ich meine, das ist doch nicht normal.“
„Normal?“, Klobitzer lachte wieder. „Was das ist, weiß niemand, Sophie. Ich auch nicht. Nein, wir in Pforzheim haben...“
Es folgte die ausführliche Schilderung des Friedensmarsches von Klobitzers Heimatstadt nach Guernica. Sophie hörte geduldig zu. Dann hatte sie noch eine Frage.
„Wie ich auf den Faust gestoßen bin?“, wiederholte ihr Gastgeber.
„Schulleiter Kaschinsky hat mir von Ihren Theaterproben erzählt und da dachte ich mir, Moment...“
Klobitzer schaute erschrocken zur Uhr und lief aufgeregt zum Fenster. Davor atmete er auf. „Gut getimt“, meinte er schmunzelnd. „Schauen Sie mal, wer draußen wartet.“ Er blieb am Fenster und winkte zufrieden lächelnd Felix zu. Die Teilnehmer am internationalen Jugendcamp in Corbera genossen den freien Nachmittag am Strand. Drei Tage lang hatten sie bei glühender Hitze Pinien gepflanzt. Dreitausendfünfhundert sollten es einmal werden – für jeden gefallenen Interbrigadisten eine.
Felix und Sophie liefen Hand in Hand so weit, bis am steinigen Ufer keine Menschenseele mehr zu erblicken war. „Erinnerst du dich noch daran“, fragte das Mädchen, „was wir uns einmal fest versprochen hatten?“
„Ja, klar. Wir wollten jeden Abend Punkt neun fest aneinander denken.“
„Und?“
Felix senkte den Blick. Sophie ließ seine Hand los, sagte: „Danke, dass du mich jetzt nicht belogen hast“, und lief zu einem großen Stein. Dahinter breitete sie behutsam ihr Badetuch aus und begann sich zu entkleiden, so als wäre nichts selbstverständlicher. Sie legte sich nackt auf das Tuch, streckte die Arme und sagte: „Ich fühle mich... total gut.“
„Aber fang nun bitte nicht an‚ Spaniens Himmel breitet seine Sterne zu singen“, versuchte Felix mit trockener Kehle zu scherzen.
„Warum denn nicht? Ohne das Lied...“
Felix fiel unwillkürlich seine Vorbereitung für einen Mathetest am Ende des letzten Schuljahres ein. Jetzt könnte er auf Sophies Brust eine „Tangentialebene" ausbreiten. Aber er wusste etwas viel Schöneres. Und außerdem lagen zwischen den Steinen keine „Tangentialebenen“ herum.
Online-Flyer Nr. 114 vom 26.09.2007
Spaniens Himmel breitet seine Sterne... oder
Ein Lied kehrt zurück – Folge 38
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch
15.
Was am Mittwoch passiert, ist oft am Donnerstag kein Thema mehr.
Die denkwürdige Veranstaltung im Musikzimmer war im Gymnasium am Morgen danach noch lange nicht abgehakt. In ungewöhnlich vielen Taschen der Lehrer und Schüler steckte die aktuelle Boulevardzeitung. Sie hatte ein opulentes Foto von Georg Silbermann unter die Schlagzeile: Einer, der immer noch weiß, was er will, postiert. Darunter im Text wurde unter anderem der turbulente „Schlagabtausch“ im Gymnasium erwähnt, und die Vorträge der Schüler, und der Schulleiter mutig genannt. So sah Kaschinsky auch vor der ersten Stunde im Lehrerzimmer aus. Bescheiden reichte er sämtliche Glückwünsche an die beteiligten Schüler und Frau Dr. Kalbstein weiter. Die Kritik einiger Lehrer betraf scheinbar nur Details, etwa daran, dass viele Fragen offen geblieben wären, oder der musikalische Rahmen etwas befremdend geklungen hätte.
Aber Kaschinsky entging nicht, dass bei einigen Kollegen mehr dahinter steckte. Sicher keine Sympathie für Dr. Gärtner, der war allen nicht viel mehr als eine müde Handbewegung wert. Aber gewisse Blicke …? Nur Biolehrer Kramer, ein hagerer Mann mittleren Alters wurde deutlicher: „Bei aller Liebe, Tom, für meinen Geschmack wurde uns gestern mehr als ein Hauch von kommunistischer Propaganda geboten.“
Kaschinsky zwang sich dazu, gelassen zu reagieren und wiederholte, was er schon vorher gefordert hatte. „Wir sind als weltoffene Schule verpflichtet, unseren Schülern nicht nur die Geschichte vom Heiligen Martin zu erzählen. Natürlich hat Herr Silbermann den Kurt Hager nur verteidigt und ist nicht darauf eingegangen, was dieser Herr später angerichtet hat. Aber ich verstehe den alten Herrn, das muss ich wirklich sagen. Sie müssen sich mal in seine Lage versetzen, liebe Kollegen … Und übrigens, was die vermeintlich nicht ausreichend beantworteten Fragen betrifft. Liebe Kollegen, wir sind doch alle miteinander Lehrer und keine Politiker in einer Talkrunde. Wir wissen, dass es nie auf jede Frage eine Antwort geben wird. Ich möchte aber festhalten, so oder so, wir haben, davon bin ich fest überzeugt, viele unserer Schüler gestern Abend für bestimmte, lebenswichtige Fragen sensibilisiert.“
Auf dem Schulhof und in Klassenräumen waren die Tumulte und Streitgespräche vom vergangenen Abend Thema Nr. 1. Auch über den Spanischen Bürgerkrieg, Neonazis und Rassismus wurde erregt diskutiert. Schüler, die nicht dabei gewesen waren, erkundigten sich neugierig. Elternmeinungen wurden zitiert. Georg Silbermann hätte sich gefreut, wenn er unsichtbarer Zeuge mancher Gespräche gewesen wäre, auch wenn er nicht richtig verstanden hätte, was ein „geiler Typ“ ist. Dr. Gärtner jedoch hätte wohl nur bei sehr wenigen Unterhaltungen gern zugehört.
Frau Dr. Kalbstein hatte Alexander, Felix und Sophie nach dem Unterricht in ihren Fachraum bestellt. „Nehmen Sie doch bitte Platz“, sagte sie freundlich. „Ihre Leistungen gestern Abend haben mich überzeugt. Ich werde mich übrigens hüten, besonders Sie, Alexander, jetzt in irgendeiner Richtung überzeugen zu wollen. Das müssen Sie mit sich selbst ausmachen. Mein Problem besteht nur darin, ihre Arbeit zu bewerten.“ Die Geschichtslehrerin holte tief Luft. Endlich schien sie sich zu einem Entschluss durchgerungen zu haben. „Ja, aber vor einer Bewertung möchte ich doch erst ihre schriftlichen Ausarbeitungen sehen. Das dürfte kein Problem sein. Was meinen Sie?“
Sophie wollte protestieren, kam aber nicht dazu, weil ihr Felix mit den Worten, „Das geht schon in Ordnung. Null Problem“, zuvorkam. Die drei jungen Referenten liefen nach beinahe familiärer Verabschiedung durch Frau Dr. Kalbstein gemeinsam zum Fahrradständer. „Schriftliche Ausarbeitungen“, schimpfte Sophie, „wozu das denn noch! Ich hab bloß Notizen! Wir haben uns doch verteidigt wie Interbrigadisten!“ Sie funkelte Felix an: „Null Problem, null Problem! Für dich vielleicht. Du warst in Spanien und hast deine Interviews.“
Sie riss ihr Fahrrad aus dem Ständer, schwang sich auf den Sattel und preschte davon. Das Ich-Helfe-Dir von Felix hörte sie nicht mehr. Alexander stand unschlüssig da. „Was wird eigentlich aus unserem Faust?“, fragte er schließlich vorsichtig und fummelte an seinem Fahrradschloss herum.
„Du bist der Regisseur!“
Alexander ließ erfreut das Schloss los. „Okay, dann setze ich für übermorgen die erste Probe an.“
Am nächsten Tag nach Schulschluss saß Felix an seinem Schreibtisch und fasste gleich mehrere unumstößliche Entschlüsse. Er nahm sich erstens vor, das Telefon klingeln zu lassen, so lange es wollte. Es wollte ununterbrochen, und nicht alle Anrufer wollten Lob und Anerkennung los werden.
Dolores letzte Nachrichten auf dem Handy las sich Felix dann noch einmal in aller Ruhe durch, bevor er die Löschtaste betätigte. Gleichzeitig strich er sämtliche Reisepläne nach Wien endgültig aus seinem Kopf und atmete anschließend, wie nach einer schweren Arbeit, erst einmal auf. Dolores war out. Er musste es ihr nur noch mitteilen, suchte nach einem passenden Text, zwang sich dabei nicht an den Abend über Wien, sondern daran zu denken, wie sie ihn zweimal so grottenschlecht behandelt hatte. Also: Liebe Dolores, Schluss mit lustig...
Felix stockte. Oder besser: Nicht noch mal mit mir? Das Wort Liebe musste rein, verweigerte sich aber hartnäckig, weil es ja gerade darum ging, dass Felix Dolores nicht mehr liebte. Ich habe dich geliebt. Hatte er das? Es war schön mit dir? Was? Danke für alles, aber? Was aber? Felix stand auf und brühte sich in der Küche erst mal einen Kaffee. Über dem Automat hing ein Kalenderspruch. „Glücklich ist, wer alles vergisst, was nicht gut gewesen ist.“ Da hatte er's. Liebe Dolores, vergiss mich! Werde glücklich mit Christoph. Punkt aus. Ja, klar. Das war's.
Ein paar Minuten später auf dem Display des Handys, sah der Text irgendwie blöd aus. Abschiedsworte sind verdammt schwer, dachte Felix, schlug sich mit der flachen Hand mehrmals gegen die Stirn, löschte den Text, schrieb stattdessen „Adios“ und drückte, ohne noch einmal nachzudenken, die Sendetaste. Kurze Zeit später hörte er den Wohnungsschlüssel. Seine Mutter brachte Herrn Wolfensteiner mit. Und der für Felix einen großen Blumenstrauß. Alfred Klobitzer liebte nicht nur Melitta Staub, sondern auch Überraschungen der besonderen Art. Sophie näherte sich seinem Schreibtisch mit schlimmen Vorahnungen. Klobitzers erste Worte: „Ich habe Sie hier her gebeten, weil ich auf die Miete warte“, schienen ihre Befürchtungen zu bestätigen. „Ich habe mich deshalb entschlossen...“ Klobitzer machte eine Pause und genoss Sophies ängstlichen Blick. „Mich entschlossen“, wiederholte er immer noch mit strenger Miene, „Sie und Ihre Freunde zu bitten...“, wieder Pause „zu bitten, also kurz gesagt: den Faust von Goethe hier in meinem Büro aufzuführen. Als Gegenleistung erlasse ich die nächste Miete. Danach werden wir weiter sehen.“
Sophie wusste wirklich nicht, was sie sagen sollte. „Den Faust hier …“, stammelte sie, „vor Ihnen?“
„Nicht nur. Ich werde meine sämtlichen Lieferanten verpflichten, bei der Premiere anwesend zu sein. Das sind größtenteils Schleimer und Kulturbanausen, wissen Sie. Ich freue mich heute schon auf ihre Gesichter.“
„Ja, aber …“
„Kein aber“, Klobitzer lachte, „oder wollen Sie lieber …?“
„Wie kommen Sie überhaupt auf mich und das Theater?“
„Auf Sie und den Felix“, korrigierte der Firmenchef. „Sie haben mich überzeugt auf der Verteidigung, als dieser Nazi das Maul aufriss. Besonders wie Sie den Alexander entschärft haben. Obwohl …“, Klobitzer hob den rechten Zeigefinger, „obwohl...“
„Was obwohl?“
„Obwohl noch ein bisschen mehr gesagt werden müsste, ich meine zur internationalen Solidarität mit der spanischen Republik.“
„Sie kennen sich da aus?“
„Ich habe mich ein bisschen mit diesem Krieg beschäftigt. Ja, und die Solidarität... so was gab's später nie wieder, Sophie! Heute in Deutschland schon überhaupt nicht! Die Teilnehmer an Antikriegsdemos passen in ein paar PKW; na ja, das ist übertrieben. Damals sah es rund um den Globus ganz anders aus. Überall sammelten sich Menschen nicht nur auf Demos und Kundgebungen! Konkret wurde geholfen. Lebensmittel, Medikamente, Krankenwagen gesammelt und nach Spanien verfrachtet. Nicht zu reden von denen, aber das wissen Sie ja selbst, die als Interbrigadisten die Waffe in die Hand nahmen. Bemerkenswert viele Künstler machten mit, manche direkt an der Front, andere in Stäben oder Kulturabteilungen, andere als Kriegsberichterstatter. Sie haben ja einige Namen auf der Verteidigung verlesen. Und ich will Ihnen noch was sagen, Sophie. Die internationale Solidarität hörte nach Francos Sieg nicht auf. Die Hilfskomitees – Sie haben nur das von Nehru erwähnt, es gab aber Dutzende auf der Welt, die Hilfskomitees kümmerten sich später um die Flüchtlinge. Ja, das alles hätte deutlicher gesagt werden müssen!“
„Es tut mir leid, Herr Klobitzer.“
„Ach was Mädel!“ Ihr Gegenüber lachte. „Alles erfährt man nur von Verliebten. Weil die sich so oft wiederholen, bis auch das Letzte raus ist.“
„Wie sind Sie eigentlich auf diesen Krieg gekommen, ich meine, das ist doch nicht normal.“
„Normal?“, Klobitzer lachte wieder. „Was das ist, weiß niemand, Sophie. Ich auch nicht. Nein, wir in Pforzheim haben...“
Es folgte die ausführliche Schilderung des Friedensmarsches von Klobitzers Heimatstadt nach Guernica. Sophie hörte geduldig zu. Dann hatte sie noch eine Frage.
„Wie ich auf den Faust gestoßen bin?“, wiederholte ihr Gastgeber.
„Schulleiter Kaschinsky hat mir von Ihren Theaterproben erzählt und da dachte ich mir, Moment...“
Klobitzer schaute erschrocken zur Uhr und lief aufgeregt zum Fenster. Davor atmete er auf. „Gut getimt“, meinte er schmunzelnd. „Schauen Sie mal, wer draußen wartet.“ Er blieb am Fenster und winkte zufrieden lächelnd Felix zu. Die Teilnehmer am internationalen Jugendcamp in Corbera genossen den freien Nachmittag am Strand. Drei Tage lang hatten sie bei glühender Hitze Pinien gepflanzt. Dreitausendfünfhundert sollten es einmal werden – für jeden gefallenen Interbrigadisten eine.
Felix und Sophie liefen Hand in Hand so weit, bis am steinigen Ufer keine Menschenseele mehr zu erblicken war. „Erinnerst du dich noch daran“, fragte das Mädchen, „was wir uns einmal fest versprochen hatten?“
„Ja, klar. Wir wollten jeden Abend Punkt neun fest aneinander denken.“
„Und?“
Felix senkte den Blick. Sophie ließ seine Hand los, sagte: „Danke, dass du mich jetzt nicht belogen hast“, und lief zu einem großen Stein. Dahinter breitete sie behutsam ihr Badetuch aus und begann sich zu entkleiden, so als wäre nichts selbstverständlicher. Sie legte sich nackt auf das Tuch, streckte die Arme und sagte: „Ich fühle mich... total gut.“
„Aber fang nun bitte nicht an‚ Spaniens Himmel breitet seine Sterne zu singen“, versuchte Felix mit trockener Kehle zu scherzen.
„Warum denn nicht? Ohne das Lied...“
Felix fiel unwillkürlich seine Vorbereitung für einen Mathetest am Ende des letzten Schuljahres ein. Jetzt könnte er auf Sophies Brust eine „Tangentialebene" ausbreiten. Aber er wusste etwas viel Schöneres. Und außerdem lagen zwischen den Steinen keine „Tangentialebenen“ herum.
Online-Flyer Nr. 114 vom 26.09.2007















„Spaniens Himmel ...oder Ein Lied kehrt zurück"