SUCHE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Literatur
Rezension eines neuen Romans von Antje Babendererde
„Zweiherz“
Von Ulrich Klinger

Schafshirtin im Navajo-Gebiet (1972)
Foto: NRhZ-Archiv
Seitdem haben sich die beiden Liebenden nicht mehr gesehen, Kayes Briefe blieben unbeantwortet. Sie pflegt Wills Großvater, um irgendwie Kontakt zu halten, allerdings auch aus Verantwortungsgefühl gegenüber dem alten Mann, der im weiteren Verlauf der Erzählung eine wichtige Rolle einnimmt – ein Stoff also für eine ganz simple Liebesgeschichte. Denn die Sache bekommt einen ganz konventionellen Schwung, als Will nach fünf Jahren plötzlich unerwartet freikommt und ins Reservat heimkehrt. Sie lieben sich, sie kriegen sich – verbunden mit einigen Schwierigkeiten – und zum Schluss ist eitel Freude Sonnenschein.
Ja, so simpel könnte diese Geschichte laufen, wenn nicht Antje Babendererde sie geschrieben hätte, diese begabte Autorin, deren sämtliche Romane um das Leben der heutigen Indianer, ihrer Kultur, ihrer jetztigen Lebensumstände kreisen. Und so bekommt auch dieser Roman, der unter der Sparte Jugendroman läuft, den ich in Wirklichkeit aber allen LeserInnen ab vierzehn Jahren ans Herz legen möchte, einen ganz anderen Ton, eine ganz andere Bedeutung als diese Eingangsschilderung ahnen lässt.

Alltag im Navajo-Gebiet 1972
Foto: NRhZ-Archiv
Schon die Einführung befremdet auf angenehme Weise: Die Schöpfungsgeschichte der Navajo wird erzählt, von den „Wissenden Leuten“ und von ihrer Reise aus der ersten in die fünfte Welt, der Welt der Gegenwart. Von „Changing Woman“ und von „Zweiherz“, dem Unruhestifter in der Gestalt des Kojoten, der noch heute Hass und Zwietracht sät und die Menschen daran hindert, den Zustand allumfassender Harmonie zu erreichen.
Und so erfahren wir auf 316 Seiten viel über das Wissen der Navajos, ihren spirituellen Hintergrund und ihr Leben in den USA der Gegenwart – von Schwierigkeiten, unüberbrückbaren Gegensätzen zwischen „weißem“ und „rotem Denken“. Und so lesen wir auch viel über die Zustände in den Reservaten, die nun wahrlich nicht zufriedenstellend sind. So taucht der Leser und die Leserin anhand dieser Liebesgeschichte, für die am Anfang kein glückliches Ende ersichtlich ist, in diese uns fremde Welt ein, die so gänzlich von unserem Denken, unseren Erfahrungen unterscheidet. Doch gerade dadurch wird sie uns mit ihren ganz alltäglichen Zwängen sehr vertraut.

Antje Babendererde
Foto: privat
Babendererde arbeitet die einzelnen Charakter hervorragend heraus. Zuweilen lässt sie auch uns vielleicht auf den ersten Blick seltsam erscheinende Unstimmigkeiten einfach stehen, denn sie passen zu der jeweiligen Charaktere, die sicher nicht zweidimensional gezeichnet werden. So entpuppt sich beispielsweise die verantwortungsvolle Kaye, die zu diesem Alter schon eine kleine Buchhandlung führt, als gute Köchin, die völlig selbstverständlich diesen Teil ihrer „Frauenrolle“ erfüllt. Jeder emanzipatorische Schriftsteller Westeuropas würde diese Färbung ablehnen, aber in den beschriebenen Navajo-Kulturkreis passt es offensichtlich! Auf der anderen Seite steht der verschlossene, schweigsame Will, der sich quält, von persönlichen Dämonen verfolgt wird und sich lange Zeit nicht öffnen kann, bis Kaye sein Geheimnis erfährt und das gemeinsame Gespräch eine Möglichkeit zur Heilung eröffnet.
Zur Mitte des Buches flocht die Autorin eine Kriminalgeschichte ein, denn natürlich gerät der geheimnisumwitterte und vorbestrafte Will sofort unter Verdacht. Hier wird die Figur des Indianerpolizisten Thomas Totsoni besonders sympathisch gezeichnet, der hin- und hergerissen ist: zwischen seinem Job und der damit ganz zwangsläufigen Loyalitätspflicht gegenüber seinen Vorgesetzten und dem ermittelnden FBI und seiner Verpflichtung gegenüber Stammestraditionen. Vielleicht begegnet er uns ja in den nächsten Büchern von Antje Babendererde wieder. Es würde sich auf jeden Fall lohnen, wenn sie dieser Figur weiterhin gebührende Aufmerksamkeit schenken würde.
Meine einzige Kritik trifft den mir persönlich ein wenig zu harmonischen Schluss: Arthur, der Vater von Kaye, taucht wieder nach einer längeren Abwesenheit auf. Da erscheint mir, nach den vielen unerwarteten Höhepunkten der Erzählung und dem teilweise dramatischen Verlauf der Geschichte, die Hinwendung zur Erwartungshaltung der jugendlichen LeserInnen zu schnell, zu plötzlich, zu glatt. Wer je die Webseite der Autorin besucht hat, weiß von den Wünschen der Leserschaft nach einem harmonischen Schluss. Aber hier ist er verfehlt – schade drum.
Doch darüber kann man weglesen – ich habe es getan – und so bleibt eine Geschichte, die ganz einzigartig ist. Gleichberechtigt neben „Der Pfahlschnitzer“, „Der Walfänger“, „Wundes Land“, „Talitha Running Horse“ und „Der Gesang der Orcas“, um weitere bekannte Romane der Autorin zu nennen. Denn was Antje Babendererde auf dem Gebiet der Belletristik leistet, ist einfach bewundernswert: Lesbare, toll geschriebene Romane mit gut recherchiertem Hintergrundwissen. Auf die nächste Buchveröffentlichung von Antje Babendererde bin ich schon heute gespannt. (CH)
Ulrich Klinger sucht für Sie Literatur aus, gerne auch vor Ort.
Online-Flyer Nr. 117 vom 17.10.2007
Rezension eines neuen Romans von Antje Babendererde
„Zweiherz“
Von Ulrich Klinger

Schafshirtin im Navajo-Gebiet (1972)
Foto: NRhZ-Archiv
Seitdem haben sich die beiden Liebenden nicht mehr gesehen, Kayes Briefe blieben unbeantwortet. Sie pflegt Wills Großvater, um irgendwie Kontakt zu halten, allerdings auch aus Verantwortungsgefühl gegenüber dem alten Mann, der im weiteren Verlauf der Erzählung eine wichtige Rolle einnimmt – ein Stoff also für eine ganz simple Liebesgeschichte. Denn die Sache bekommt einen ganz konventionellen Schwung, als Will nach fünf Jahren plötzlich unerwartet freikommt und ins Reservat heimkehrt. Sie lieben sich, sie kriegen sich – verbunden mit einigen Schwierigkeiten – und zum Schluss ist eitel Freude Sonnenschein.
Ja, so simpel könnte diese Geschichte laufen, wenn nicht Antje Babendererde sie geschrieben hätte, diese begabte Autorin, deren sämtliche Romane um das Leben der heutigen Indianer, ihrer Kultur, ihrer jetztigen Lebensumstände kreisen. Und so bekommt auch dieser Roman, der unter der Sparte Jugendroman läuft, den ich in Wirklichkeit aber allen LeserInnen ab vierzehn Jahren ans Herz legen möchte, einen ganz anderen Ton, eine ganz andere Bedeutung als diese Eingangsschilderung ahnen lässt.

Alltag im Navajo-Gebiet 1972
Foto: NRhZ-Archiv
Schon die Einführung befremdet auf angenehme Weise: Die Schöpfungsgeschichte der Navajo wird erzählt, von den „Wissenden Leuten“ und von ihrer Reise aus der ersten in die fünfte Welt, der Welt der Gegenwart. Von „Changing Woman“ und von „Zweiherz“, dem Unruhestifter in der Gestalt des Kojoten, der noch heute Hass und Zwietracht sät und die Menschen daran hindert, den Zustand allumfassender Harmonie zu erreichen.
Und so erfahren wir auf 316 Seiten viel über das Wissen der Navajos, ihren spirituellen Hintergrund und ihr Leben in den USA der Gegenwart – von Schwierigkeiten, unüberbrückbaren Gegensätzen zwischen „weißem“ und „rotem Denken“. Und so lesen wir auch viel über die Zustände in den Reservaten, die nun wahrlich nicht zufriedenstellend sind. So taucht der Leser und die Leserin anhand dieser Liebesgeschichte, für die am Anfang kein glückliches Ende ersichtlich ist, in diese uns fremde Welt ein, die so gänzlich von unserem Denken, unseren Erfahrungen unterscheidet. Doch gerade dadurch wird sie uns mit ihren ganz alltäglichen Zwängen sehr vertraut.

Antje Babendererde
Foto: privat
Zur Mitte des Buches flocht die Autorin eine Kriminalgeschichte ein, denn natürlich gerät der geheimnisumwitterte und vorbestrafte Will sofort unter Verdacht. Hier wird die Figur des Indianerpolizisten Thomas Totsoni besonders sympathisch gezeichnet, der hin- und hergerissen ist: zwischen seinem Job und der damit ganz zwangsläufigen Loyalitätspflicht gegenüber seinen Vorgesetzten und dem ermittelnden FBI und seiner Verpflichtung gegenüber Stammestraditionen. Vielleicht begegnet er uns ja in den nächsten Büchern von Antje Babendererde wieder. Es würde sich auf jeden Fall lohnen, wenn sie dieser Figur weiterhin gebührende Aufmerksamkeit schenken würde.
Meine einzige Kritik trifft den mir persönlich ein wenig zu harmonischen Schluss: Arthur, der Vater von Kaye, taucht wieder nach einer längeren Abwesenheit auf. Da erscheint mir, nach den vielen unerwarteten Höhepunkten der Erzählung und dem teilweise dramatischen Verlauf der Geschichte, die Hinwendung zur Erwartungshaltung der jugendlichen LeserInnen zu schnell, zu plötzlich, zu glatt. Wer je die Webseite der Autorin besucht hat, weiß von den Wünschen der Leserschaft nach einem harmonischen Schluss. Aber hier ist er verfehlt – schade drum.
Doch darüber kann man weglesen – ich habe es getan – und so bleibt eine Geschichte, die ganz einzigartig ist. Gleichberechtigt neben „Der Pfahlschnitzer“, „Der Walfänger“, „Wundes Land“, „Talitha Running Horse“ und „Der Gesang der Orcas“, um weitere bekannte Romane der Autorin zu nennen. Denn was Antje Babendererde auf dem Gebiet der Belletristik leistet, ist einfach bewundernswert: Lesbare, toll geschriebene Romane mit gut recherchiertem Hintergrundwissen. Auf die nächste Buchveröffentlichung von Antje Babendererde bin ich schon heute gespannt. (CH)
Ulrich Klinger sucht für Sie Literatur aus, gerne auch vor Ort.
Online-Flyer Nr. 117 vom 17.10.2007














