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Kultur und Wissen
Filmbesprechung: „Close to home – Karov la bayit“
„Vielleicht weiß ich nicht, wie ein Araber aussieht“
Von Endy Hagen

„Karov la bayit" (Close to Home), ist 2005 in Israel und 2007 endlich auch in Deutschland in die Kinos gekommen. Die Co-Produktion der israelischen Regisseurinnen Anat Even und Vidi Bilu basiert auf den Erfahrungen Vidi Bilus während ihrer Militärzeit in Jerusalem. Der Film erzählt eine Geschichte, die sich jederzeit so zutragen könnte. Es ist ein politischer Film, der Stellung bezieht, ohne den ZuschauerInnen vorzuschreiben, was sie denken sollen. Und es ist ein Film voller eindringlicher und wunderschöner Bilder.
close to home Israel Soldatinnen

„Close to Home” erzählt vom Alltag zweier junger Soldatinnen, eingesetzt an der Heimatfront, „nah an Zuhause“. In den an die Jerusalemer Altstadt angrenzenden Straßen um die Jaffa Street und in Bussen kontrollieren sie die Papiere arabisch aussehender Männer; im Eingangsbereich eines Militärgefängnisses filzen sie die Besucherinnen der palästinensischen Gefangenen bis auf die nackte Haut. Sie selbst stehen unter dem Druck einer Gesellschaft, die diese Tätigkeit als „normal" definiert, sie stehen unter dem Druck der Vorgesetzten und der eigenen Unsicherheit.
 
Zu Anfang des Films versuchen sie noch, sich der peinlichen, demütigenden Arbeit zu entziehen. So weigert sich die widerspenstige Smadar die Passanten zu kontrollieren: „Vielleicht weiß ich nicht, wie ein Araber aussieht“; die ängstliche Mirit versucht in eine andere Einheit versetzt zu werden. Doch der Druck und die Kontrolle der Vorgesetzten, die Abstumpfung durch den Alltag und ein Selbstmordattentat, bei dem Mirit leicht verletzt wird, bewegen sie dazu, sich anzupassen und „ihren Job" zu tun. Von da an findet das ,Sich-Drücken’ im Dienst unauffälliger statt, geht nun aber auch zu Lasten der Betroffenen. So knallt Smadar am Ende den Besucherinnen des Gefängnisses die Türe vor der Nase zu, um die verhasste Arbeit nicht tun zu müssen.
 
close to home Israel Russian Compound

„Close to Home“ erzählt die Geschichte der Beziehung zwischen Smadar und Mirit, die durch das gemeinsame Patrouillieren gezwungen sind, sich miteinander zu arrangieren: Smadar, aufmüpfig und immer auf den „Kick" aus, auf das Abenteuer, und Mirit, die sich anstrengt, die ihr übertragenen Aufgaben pflichtbewusst zu erledigen, auch wenn sie ihr widerstreben. Wie sie sich bemüht, den Vorgesetzten zu gefallen, so müht sie sich auch, Smadars Anerkennung zu erringen, passt sich an und steckt schweigend die Rügen ein, die beide für Smadars Verweigerungen und Übertretungen ernten. Erst als Mirit für eine Regelüberschreitung eine Woche im Arrest landet, wagt sie es, sich gegen den Einfluss der Kollegin aufzulehnen – und entdeckt, dass Smadar hinter deren schnoddriger, abweisender Fassade wirklich etwas an ihr liegt.
 
Nun, da die beiden Freundschaft schließen und Gemeinschaft finden könnten, eskaliert die Realität. Ein Mann, der sich weigert, ihnen seinen Ausweis zu zeigen, wird von jüdischen Passanten zusammengeschlagen. Das Ausmaß der Überforderung der beiden wehrpflichtigen Mädchen offenbart sich: Konnten sie schon nicht die Herausgabe des Passes erzwingen, so sind sie jetzt noch weniger in der Lage, die gewalttätigen Attacken der jüdischen Männer auf den vermutlichen Palästinenser zu stoppen. Ihre Rufe „Geht zurück! Lasst ihn in Ruhe“ gehen im Geräusch der Schläge und in hilflosem Schluchzen unter.

Smadar und Mirit sind vereint, vereint in einer Realität, die nicht sie bewegen, sondern von der sie bewegt werden, in einer Realität, in der sie Aufgaben erfüllen sollen, die zu groß für sie sind. Und so zeigen sie auch die letzten Aufnahmen des Films: sich wie auf einem Karussell im Kreis drehend, ihre Gesichter verschlossen, trotzig, verloren – zusammen und doch allein.

Close to home Soldatinnen Jerusalem

„Close to Home“ erzählt die Geschichte junger Frauen in Israel, die fast zwei Jahre ihres Lebens beim Militär verbringen. In einem Alter, in dem man und frau eigentlich mit sich selbst beschäftigt ist und nach Orientierung sucht. Getrieben vom Hunger nach Leben, Freundschaft und Liebe, müssen sie sich mit einer Realität auseinandersetzen, in der Menschen durch Attentate sterben und in der sie gezwungen werden, Menschen zu kontrollieren und zu demütigen.
 
Der Film macht wenig Worte, die Emotionen zeigen sich in den Gesichtern der DarstellerInnen: Die Wut der Palästinenserin, die ihrem hungrigen Sohn das Brot wegnehmen muss, weil ins Gefängnis kein Essen mitgenommen werden darf; das Unbehagen der jungen Soldatin, die alte Frauen zwingen soll, sich zur Kontrolle auszuziehen; die Demütigung und der Ärger eines Mannes, der wegen der Kontrolle zu spät zur Arbeit kommt; die Panik und Verzweiflung nach dem Selbstmordattentat.
 
Die Geschichte ist brillant erzählt, der dramaturgische Aufbau exakt, die Bilder eindringlich. Der Film hat keine reißerischen Effekte nötig und braucht keine blutrünstigen Bilder, um die ZuschauerInnen die erstickende Realität mitfühlen zu lassen, in der junge Israelis erwachsen werden. Doch sein größtes Verdienst ist es, dass Dalia Hager und Vidi Bilu einen Einblick in einen Bereich israelischer Realität gewähren, den die meisten außerhalb des Landes nicht kennen und über den die, die ihn kennen, meist schweigen. (CH)
  close to home karov la bayit Karov la bayit – Close to home

Buch und Regie: Dalia Hagar und Vidi Bilu
DarstellerInnen: Smadar Sayar, Naama Schendar, Irit Suki, Katja Zimbris, Ami Weinberg, Sharon Reginiano u.v.m. Israel 2005, 90 Minuten, 35 mm.

Verleih: mitos film, Kontakt: Sibille Lehner


Online-Flyer Nr. 118  vom 24.10.2007



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