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Literatur
Theo Breuer legt den dritten Teil seines Übersichtswerks vor
Kiesel & Kastanie aus dem Hinterland
Von Gerrit Wustmann
Im Sommer 2007 brachte die ZEIT in ihrem Feuilleton ein umfangreiches Dossier über die deutsche Gegenwartslyrik und insbesondere die junge Lyrikszene, die sich seit einiger Zeit um die Literaturzeitschrift bella Triste schart. Das ist einerseits positiv zu werten, bedenkt man, dass gerade die Lyrik, die wie schon lange nicht mehr floriert, in der breiten Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird. Andererseits fiel schon im Leitartikel auf, dass Ressortchefin und Reich-Ranicki-Weggefährtin Iris Radisch eher wenig Ahnung von moderner Lyrik hat und ihr gerade in der jungen Szene der Durchblick fehlt. Man merkt schnell, dass sie aus diesem Bereich wenn überhaupt nur wenig gelesen hat. Ihre Analysen muten mitunter unfreiwillig komisch an.
Es sind solche Lesemomente, in denen man im etablierten Feuilleton einen passionierten Kenner wie Theo Breuer vermisst. Breuer lebt und arbeitet in Sistig, in der Eifel – im Hinterland, wie er es nennt – und so ganz falsch ist das nicht, sowohl geographisch als auch publizistisch. Breuer ist ein Kämpfer gegen die Oberflächlichkeit, einer jener Überzeugungstäter, die beharrlich entgegen den Gesetzen des Mainstream die Lyrik und die Liebe zu guter Literatur überhaupt verfechten. Aber er schreibt nicht nur Lyrik, sondern gibt auch in seiner Edition YE Bände von Schriftstellern heraus, die mehr als lesenswert sind, ohne engagierte Förderer wie ihn aber traurigerweise untergehen würden.
Sicher, der Durchschnittsleser kann mit Namen wie Frank Milautzcki, Andreas Noga, Hartwig Mauritz und anderen Talenten wenig anfangen. Lyrik wird nur von Lyrikern gelesen, lautet eine gängige These. Thomas Kling behauptete, es gäbe in Deutschland nur rund 300 aktive Lyrikleser, wie der Lyriker und Breuer-Vertraute Axel Kutsch in einem Interview in der NRhZ anmerkte. Vielleicht gilt deshalb ein Lyrikband, der eine Auflage von 300 Exemplaren erreicht, als Bestseller. Erich Fried und Robert Gernhardt erreichten weit höhere Auflagen, aber beide waren auch nie repräsentativ für die deutsche Lyrikszene. Und abgesehen vom arabisch-persischen Sprachraum, wo Lyrik als höchste Kunst des Geistes angesehen wird, ist es um die Lyrik in aller Welt kaum besser bestellt als hierzulande.

„Von neuen Gedichten und
Geschichten"
Mit „Ohne Punkt & Komma. Lyrik in den 90er Jahren“ (Wolkenstein Verlag 1999) begann Breuer eine umfassende Sichtung der Gegenwartslyrik. Obwohl er zweifellos ein Chronist ist, dessen Qualität weit über dem oft von weitgehender Unkenntnis geprägten universitären, feuilletonistischen oder sich selbst wissenschaftlich nennenden Ausstoß liegt, will er selbst so nicht gesehen werden. Im Vorwort zu „Kiesel & Kastanie“ legt er Wert darauf, dass es sich bei Auswahl und Darstellung um seine ganz eigene, eingeschränkte subjektive Sicht handelt. Das stimmt zweifellos auch. Aber Breuer kennt sich in der Literatur aus. Er sagt selbst, dass sich sein Leben zu einem großen Teil zwischen Buchseiten abspielt, was nicht unbedingt schlecht ist. Er hat das richtige Gespür, die richtige Nase, um gute von schlechter Literatur unterscheiden zu können, er hat genug gelesen, um sofort zu erkennen, ob ein Autor bereits einen eigenen Stil entwickelt hat oder sich noch in der Selbstfindungsphase befindet, umherirrend zwischen eigenen Ideen und übergroßen Idolen.
Theo Breuer macht keinen Hehl aus seiner immensen Bewunderung für Rolf Dieter Brinkmann, den er in jedem seiner drei Übersichtsbücher umfangreich und ausführlich behandelt – zu Recht. Nicht zufällig beschließt der Herausgeber „Ohne Punkt & Komma“ mit seinem Langgedicht „Work In Progress oder On The Brink Of Poetry“, in dem auch Harald Gröhler zu Wort kommt, ein ebenfalls zu unrecht wenig bekannter Autor aus Berlin, der Brinkmann noch persönlich kannte.

Rolf Dieter Brinkmann im Film „Brinkmanns Zorn" (Darsteller Rhode)
Szenenfoto: www.brinkmannszorn.de
Breuers Stil bleibt dabei stets locker, nie krankt er an der Pseudointellektualität des Feuilletons, das in oft aussagelosen Formulierungen seine Defizite zur Schau stellt. Eher hat man das Gefühl, mit einem sympathischen und liebenswerten Menschen zusammenzusitzen und sich über gute Bücher zu unterhalten. Breuer gibt seine direkten Leseeindrücke an seine Leser weiter, die reflektieren können: „Habe ich dieses oder jenes Buch genauso oder anders empfunden?“ Und auf der anderen Seite wird jeder bei Breuer Neuentdeckungen machen, gleichsam mit ihm zusammen.
In „Kiesel & Kastanie“, wo erstmals auch Prosa berücksichtigt wird, nimmt er weitgehend Abstand von Massenmarkt. Er entdeckt fast vergessene Klassiker neu oder bringt unterschätzte oder kaum wahrgenommene Autoren ins Bewusstsein, so das Werk von Heinz Küpper, das demnächst im Verlag Ralf Liebe in einer neuen Edition erscheint. Ebenso widmet er sich vielversprechenden Jungtalenten wie der Hürther Autorin Katja Kutsch, die mit „Schützenfest“ kürzlich ihren ersten Prosaband vorgelegt hat. Breuer konzentriert sich vorwiegend auf kleine Verlage, die große Literatur hervorbringen. Und im Gegensatz zur ZEIT wagt er es, bella Triste auch kenntnisreich-kritisch zu beäugen. Dass er die jungen Schreiber in seiner durchaus berechtigten Kritik dabei nicht von oben herab abkanzelt, wie es ein Reich-Ranicki mitunter gerne tut, sondern ihnen konstruktive Hinweise mit auf den Weg gibt, macht ihn nur umso sympathischer.
Kompetenter und umfassender als mit Breuers Trilogie kann man sich nicht über die Gegenwartsliteratur informieren, bessere Lesetipps findet man sonst nirgendwo. Man darf auf Breuers nächstes Werk gespannt sein, und auch auf seine weitere Herausgebertätigkeit. Und man kann ihm nur wünschen, dass seine Arbeit vielleicht auch mal über die Insiderkreise hinaus wahrgenommen wird. Das Feuilleton hätte einen wie ihn bitter nötig. (CH)
Online-Flyer Nr. 136 vom 05.03.2008
Theo Breuer legt den dritten Teil seines Übersichtswerks vor
Kiesel & Kastanie aus dem Hinterland
Von Gerrit Wustmann
Im Sommer 2007 brachte die ZEIT in ihrem Feuilleton ein umfangreiches Dossier über die deutsche Gegenwartslyrik und insbesondere die junge Lyrikszene, die sich seit einiger Zeit um die Literaturzeitschrift bella Triste schart. Das ist einerseits positiv zu werten, bedenkt man, dass gerade die Lyrik, die wie schon lange nicht mehr floriert, in der breiten Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird. Andererseits fiel schon im Leitartikel auf, dass Ressortchefin und Reich-Ranicki-Weggefährtin Iris Radisch eher wenig Ahnung von moderner Lyrik hat und ihr gerade in der jungen Szene der Durchblick fehlt. Man merkt schnell, dass sie aus diesem Bereich wenn überhaupt nur wenig gelesen hat. Ihre Analysen muten mitunter unfreiwillig komisch an.
Es sind solche Lesemomente, in denen man im etablierten Feuilleton einen passionierten Kenner wie Theo Breuer vermisst. Breuer lebt und arbeitet in Sistig, in der Eifel – im Hinterland, wie er es nennt – und so ganz falsch ist das nicht, sowohl geographisch als auch publizistisch. Breuer ist ein Kämpfer gegen die Oberflächlichkeit, einer jener Überzeugungstäter, die beharrlich entgegen den Gesetzen des Mainstream die Lyrik und die Liebe zu guter Literatur überhaupt verfechten. Aber er schreibt nicht nur Lyrik, sondern gibt auch in seiner Edition YE Bände von Schriftstellern heraus, die mehr als lesenswert sind, ohne engagierte Förderer wie ihn aber traurigerweise untergehen würden.
Sicher, der Durchschnittsleser kann mit Namen wie Frank Milautzcki, Andreas Noga, Hartwig Mauritz und anderen Talenten wenig anfangen. Lyrik wird nur von Lyrikern gelesen, lautet eine gängige These. Thomas Kling behauptete, es gäbe in Deutschland nur rund 300 aktive Lyrikleser, wie der Lyriker und Breuer-Vertraute Axel Kutsch in einem Interview in der NRhZ anmerkte. Vielleicht gilt deshalb ein Lyrikband, der eine Auflage von 300 Exemplaren erreicht, als Bestseller. Erich Fried und Robert Gernhardt erreichten weit höhere Auflagen, aber beide waren auch nie repräsentativ für die deutsche Lyrikszene. Und abgesehen vom arabisch-persischen Sprachraum, wo Lyrik als höchste Kunst des Geistes angesehen wird, ist es um die Lyrik in aller Welt kaum besser bestellt als hierzulande.

„Von neuen Gedichten und
Geschichten"
Theo Breuer macht keinen Hehl aus seiner immensen Bewunderung für Rolf Dieter Brinkmann, den er in jedem seiner drei Übersichtsbücher umfangreich und ausführlich behandelt – zu Recht. Nicht zufällig beschließt der Herausgeber „Ohne Punkt & Komma“ mit seinem Langgedicht „Work In Progress oder On The Brink Of Poetry“, in dem auch Harald Gröhler zu Wort kommt, ein ebenfalls zu unrecht wenig bekannter Autor aus Berlin, der Brinkmann noch persönlich kannte.

Rolf Dieter Brinkmann im Film „Brinkmanns Zorn" (Darsteller Rhode)
Szenenfoto: www.brinkmannszorn.de
Breuers Stil bleibt dabei stets locker, nie krankt er an der Pseudointellektualität des Feuilletons, das in oft aussagelosen Formulierungen seine Defizite zur Schau stellt. Eher hat man das Gefühl, mit einem sympathischen und liebenswerten Menschen zusammenzusitzen und sich über gute Bücher zu unterhalten. Breuer gibt seine direkten Leseeindrücke an seine Leser weiter, die reflektieren können: „Habe ich dieses oder jenes Buch genauso oder anders empfunden?“ Und auf der anderen Seite wird jeder bei Breuer Neuentdeckungen machen, gleichsam mit ihm zusammen.
In „Kiesel & Kastanie“, wo erstmals auch Prosa berücksichtigt wird, nimmt er weitgehend Abstand von Massenmarkt. Er entdeckt fast vergessene Klassiker neu oder bringt unterschätzte oder kaum wahrgenommene Autoren ins Bewusstsein, so das Werk von Heinz Küpper, das demnächst im Verlag Ralf Liebe in einer neuen Edition erscheint. Ebenso widmet er sich vielversprechenden Jungtalenten wie der Hürther Autorin Katja Kutsch, die mit „Schützenfest“ kürzlich ihren ersten Prosaband vorgelegt hat. Breuer konzentriert sich vorwiegend auf kleine Verlage, die große Literatur hervorbringen. Und im Gegensatz zur ZEIT wagt er es, bella Triste auch kenntnisreich-kritisch zu beäugen. Dass er die jungen Schreiber in seiner durchaus berechtigten Kritik dabei nicht von oben herab abkanzelt, wie es ein Reich-Ranicki mitunter gerne tut, sondern ihnen konstruktive Hinweise mit auf den Weg gibt, macht ihn nur umso sympathischer.
Kompetenter und umfassender als mit Breuers Trilogie kann man sich nicht über die Gegenwartsliteratur informieren, bessere Lesetipps findet man sonst nirgendwo. Man darf auf Breuers nächstes Werk gespannt sein, und auch auf seine weitere Herausgebertätigkeit. Und man kann ihm nur wünschen, dass seine Arbeit vielleicht auch mal über die Insiderkreise hinaus wahrgenommen wird. Das Feuilleton hätte einen wie ihn bitter nötig. (CH)
Online-Flyer Nr. 136 vom 05.03.2008















