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Aktueller Online-Flyer vom 09. Juni 2026  

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Literatur
Literaturreihe „Freie Geister“ – Julia Trompeter: „Lasst die Zeilen springen...“
„Das schäumende Schiff der Rhetorik...“
Von Christian Breuer

Freie Geister ziehen in der NRhZ ihre Kreise... flatterhaften Vögeln gleich. In regelmäßiger Folge werden die markanten Protagonisten ihrer Gattung vorgestellt – ganz gleich ob nun Künstler, Literaten oder Performer, aber immer freilebend, schwebend und nicht auf Bodenhaftung beschränkt... Ein weiteres Mal präsentiert Christian Breuer Lyrik, der gleichzeitig ein gewisser musikalischer Zauber innewohnt, hier zu Papier gebracht und zu hören in performance-angereicherten Lesungen von Julia Trompeter.

Julia Trompeter
Julia Trompeter: Lyrik aus der Natur...               
Foto: privat
Was haben eigentlich Spreewaldgurken und wollige Schafe gemeinsam, und was ist es, das sie zum Symbol macht? Was färbt Ungeduld malvefarben, und was bringt die Ästhetik zur Synästhetik? Wofür steht nun wiederum der Rasenmäher ganz allgemein und im Speziellen zu kulturellen Befindlichkeiten in der Eifel?

Die Eigensuche nach naher Erklärung mag in einigen Fällen auf erfolgversprechende Fährten in Julia Trompeters Werk führen. Doppeldeutig surreal-humoresk wird es bei der Frage, wie der Wetterschutz an der Hauswand klingt, wenn man ihn ausfährt – und was dann doch die „Ooo“-tönende Markise mit derjenigen berühmteren „Marquise von O.“ verbindet.

    Die Markise von O.

    Ein Strahl Sonne durchbricht die geblendeten Lider von O.

    Markise
(ausfahrend):

    O o o O OO o Oo Ooo o O
    Oo ooo Oooo o oOOOo oOOO
    omOO Ooo OO Om ooo ooooooo oooOOOOOO
    Oo O oOo OooOoOOo oOOooOooOO oOOooOooOOooOOo
    O OO oOoo oooOOO Oo o o o o

    OOOOOOOO

    Beizeiten hatte es sich wieder bewölkt.

Überraschende Zusammenfügungen, Aufzählungen, das Spiel mit Konsonanten und (zu singenden) Vokalen sind es, die bei der Autorin Trompeter immer wieder zu finden sind. Dazu kommen ironische Wendungen, die Momente vermeintlich lieblicher Jungdamenpoesie aufbrechen und ihre Wirkung bewusst zeigen. Aufgepasst, möchte man warnen: Der Rezipient wird aufs Glatteis geführt.

„Forbidden Fürbitten“ Audiodatei starten file.mp3

„Wer den Rasen sprengt, der ist nicht immer Terrorist“ heißt es in „Forbidden Fürbitten“, und da ist er wieder, der Rasen des Anstoßes. Nieder mit ihm! Sprengen Sie mit! Ist man versucht zu sagen. Es gibt weiterhin viel Natur in der Beschreibung: Botanisches wie Ginsterbüsche, im Tierleben finden sich „kopulierende Amselpaare“ und qua Adjektiv wird „mageres Schienenholz“ zum Leben erweckt. Tee spielt eine Rolle, man imaginiert 20er-Jahre-Salons und die ersten emanzipierten Frauenclubs, Bubikopf-Frisuren. Alles im Jugendstil, Gebäck wird gereicht.

JuliaTrompeter bahn
...und von Bahnhöfen                                 
Foto: privat
Selbstreferentes zur eigenen Schreibe kommt bei Trompeter zur Sprache wie die Versiertheit im Umgang mit dem allgemeinen kulturellen Gedächtnis. Man denkt an bekannte Vorbilder wie Ernst Jandl. Der Kenner dockt assoziierend bei Kurt Schwitters’ Ursonate an, wenn er im Live-Vortrag der Autorin bei einem Programm mit dem Titel „Cantalurps Urcantate“ lauscht.

Bliebe zu fragen: Was ist es, das aus der Genderforscherin Judith Butler – wie folgt – „Judiths Butler“ macht, und wen macht sie dazu, warum liebt der wiederum „sein Geschlecht“ – was würde letztendlich, im Kreis assoziierend, obengenannte Spezialistin hierzu sagen? Lineare Interpretationsversuche versagen zum Teil an semantischer Fülle, gepaart mit Leichtigkeit, so möge vielleicht ein universitär-institutioneller Reich-Ranicki Julia Trompeters Werk kommentieren. Doch würde er ja hiermit möglicherweise zu dem, was Trompeter unter einem „Phrasen Mäher“ versteht (da ist er wieder, der Mäher!).

Verwirrt? Lesen Sie einfach selbst: 

    Phrasen Mäher

   
    Geh’ durch die Zeilen der Stadt
    Späh’ auf die Zeichen und Schilder und Setze
    Nicht ab, laufe weiter, und mähe
    Im Geist alles nieder,
    schlage in Stücke, verbiege, zerbreche, berühre
    nur manchmal zart einen Stein
    mit angespitzter Zunge
    Im Café nebenan liegt der Zucker zerstreut
    Fährt er den Gästen ins Maul
    Das sie sich zerreißen
    Meine Lyrik hat sich nicht weiter entwickelt
    Die Sätze bleiben ja Knoten und Schleifen
    Sie mal Ihre Sprache Madame
    Pompadour geh ich heut mit dem Hut aus
    Der ist reich verziert denn
    Die leidende Brevitas steht mir halt nicht
    Judiths Butler liebt sein Geschlecht
    Er trägts stolz umher
    Wie die Marzipanschnecken,
    die sie so mag zum Darjeeling

    Malheur der Popmusik

    Mal ist es In
    Mal ist es Dreck
    Malheur ich hin
    Malheur ich weg
 
    Dass kaum einer zusieht wie wir,
    im Abendkleid auf Sofas liegen
    gebliebene Reste des anderen
    seine Hautfetzen, winzige Schuppen
    sein Haar das Haar des anderen
    Mit Pudelsocken frankiert ein Geschenk
    Taiwan Tee Reste unsinnige Gesten
    Ein Hauch von Gestank, menschlich,
    abgeriebene Bleibsel des Tags
    dass kaum einer hinhört wie wir
    Müde etwas unterhalten das
    wir, der andere und du,
    dazwischen setzen
    im Verebben der Stunde

   
Julia Trompeter editionbaustelle






Julia Trompeter
editionbaustelle
Quelle: www.myspace.com/juliatrompeter


Julia Trompeter – ein besonderes Hörerlebnis:

„Baustelle Gedicht“
Audiodatei starten file.mp3

„GinsterMeer“
Audiodatei starten file.mp3


Julia Trompeter Julia Trompeter, geboren 1980, ist Doktorandin der Philosophie, lebt nach Jahren des literarischen Wirkens in Köln mittlerweile in Berlin und liest nach eigener Aussage „im Stehen von Süd bis Ost des Landes“. Stationen u.a.: Kölner Rheinlese (2004), „Cantalurps Urcantate“, Soloprogramm (2006), Gründung der Kölner Literaturveranstaltung „Literatur in der Mühle“, gemeinsam mit Xaver Römer und Gerd Buurmann (2006), Leipziger Buchmesse, Anthologie Herz.Rhythmus.Störung.
Weiteres zum Lesen und Hören: www.myspace.com/juliatrompeter

Freie Geister ist auch der Name einer Literatur-Musikperformance-Reihe im Köln-Ehrenfelder ArTheater, bei der Julia Trompeter im vergangenen Jahr zweimal zu Gast war. (CH)

Online-Flyer Nr. 138  vom 19.03.2008



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