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Literatur
Literaturreihe „Freie Geister“ – Julia Trompeter: „Lasst die Zeilen springen...“
„Das schäumende Schiff der Rhetorik...“
Von Christian Breuer

Julia Trompeter: Lyrik aus der Natur...
Foto: privat
Was haben eigentlich Spreewaldgurken und wollige Schafe gemeinsam, und was ist es, das sie zum Symbol macht? Was färbt Ungeduld malvefarben, und was bringt die Ästhetik zur Synästhetik? Wofür steht nun wiederum der Rasenmäher ganz allgemein und im Speziellen zu kulturellen Befindlichkeiten in der Eifel?
Die Eigensuche nach naher Erklärung mag in einigen Fällen auf erfolgversprechende Fährten in Julia Trompeters Werk führen. Doppeldeutig surreal-humoresk wird es bei der Frage, wie der Wetterschutz an der Hauswand klingt, wenn man ihn ausfährt – und was dann doch die „Ooo“-tönende Markise mit derjenigen berühmteren „Marquise von O.“ verbindet.
Die Markise von O.
Ein Strahl Sonne durchbricht die geblendeten Lider von O.
Markise (ausfahrend):
O o o O OO o Oo Ooo o O
Oo ooo Oooo o oOOOo oOOO
omOO Ooo OO Om ooo ooooooo oooOOOOOO
Oo O oOo OooOoOOo oOOooOooOO oOOooOooOOooOOo
O OO oOoo oooOOO Oo o o o o
OOOOOOOO
Beizeiten hatte es sich wieder bewölkt.
Überraschende Zusammenfügungen, Aufzählungen, das Spiel mit Konsonanten und (zu singenden) Vokalen sind es, die bei der Autorin Trompeter immer wieder zu finden sind. Dazu kommen ironische Wendungen, die Momente vermeintlich lieblicher Jungdamenpoesie aufbrechen und ihre Wirkung bewusst zeigen. Aufgepasst, möchte man warnen: Der Rezipient wird aufs Glatteis geführt.
„Forbidden Fürbitten“ Audiodatei starten
„Wer den Rasen sprengt, der ist nicht immer Terrorist“ heißt es in „Forbidden Fürbitten“, und da ist er wieder, der Rasen des Anstoßes. Nieder mit ihm! Sprengen Sie mit! Ist man versucht zu sagen. Es gibt weiterhin viel Natur in der Beschreibung: Botanisches wie Ginsterbüsche, im Tierleben finden sich „kopulierende Amselpaare“ und qua Adjektiv wird „mageres Schienenholz“ zum Leben erweckt. Tee spielt eine Rolle, man imaginiert 20er-Jahre-Salons und die ersten emanzipierten Frauenclubs, Bubikopf-Frisuren. Alles im Jugendstil, Gebäck wird gereicht.

...und von Bahnhöfen
Foto: privat
Selbstreferentes zur eigenen Schreibe kommt bei Trompeter zur Sprache wie die Versiertheit im Umgang mit dem allgemeinen kulturellen Gedächtnis. Man denkt an bekannte Vorbilder wie Ernst Jandl. Der Kenner dockt assoziierend bei Kurt Schwitters’ Ursonate an, wenn er im Live-Vortrag der Autorin bei einem Programm mit dem Titel „Cantalurps Urcantate“ lauscht.
Bliebe zu fragen: Was ist es, das aus der Genderforscherin Judith Butler – wie folgt – „Judiths Butler“ macht, und wen macht sie dazu, warum liebt der wiederum „sein Geschlecht“ – was würde letztendlich, im Kreis assoziierend, obengenannte Spezialistin hierzu sagen? Lineare Interpretationsversuche versagen zum Teil an semantischer Fülle, gepaart mit Leichtigkeit, so möge vielleicht ein universitär-institutioneller Reich-Ranicki Julia Trompeters Werk kommentieren. Doch würde er ja hiermit möglicherweise zu dem, was Trompeter unter einem „Phrasen Mäher“ versteht (da ist er wieder, der Mäher!).
Verwirrt? Lesen Sie einfach selbst:
Phrasen Mäher
Geh’ durch die Zeilen der Stadt
Späh’ auf die Zeichen und Schilder und Setze
Nicht ab, laufe weiter, und mähe
Im Geist alles nieder,
schlage in Stücke, verbiege, zerbreche, berühre
nur manchmal zart einen Stein
mit angespitzter Zunge
Im Café nebenan liegt der Zucker zerstreut
Fährt er den Gästen ins Maul
Das sie sich zerreißen
Meine Lyrik hat sich nicht weiter entwickelt
Die Sätze bleiben ja Knoten und Schleifen
Sie mal Ihre Sprache Madame
Pompadour geh ich heut mit dem Hut aus
Der ist reich verziert denn
Die leidende Brevitas steht mir halt nicht
Judiths Butler liebt sein Geschlecht
Er trägts stolz umher
Wie die Marzipanschnecken,
die sie so mag zum Darjeeling
Malheur der Popmusik
Mal ist es In
Mal ist es Dreck
Malheur ich hin
Malheur ich weg
Dass kaum einer zusieht wie wir,
im Abendkleid auf Sofas liegen
gebliebene Reste des anderen
seine Hautfetzen, winzige Schuppen
sein Haar das Haar des anderen
Mit Pudelsocken frankiert ein Geschenk
Taiwan Tee Reste unsinnige Gesten
Ein Hauch von Gestank, menschlich,
abgeriebene Bleibsel des Tags
dass kaum einer hinhört wie wir
Müde etwas unterhalten das
wir, der andere und du,
dazwischen setzen
im Verebben der Stunde
Julia Trompeter
editionbaustelle
Quelle: www.myspace.com/juliatrompeter
Julia Trompeter – ein besonderes Hörerlebnis:
„Baustelle Gedicht“ Audiodatei starten
„GinsterMeer“ Audiodatei starten
Freie Geister ist auch der Name einer Literatur-Musikperformance-Reihe im Köln-Ehrenfelder ArTheater, bei der Julia Trompeter im vergangenen Jahr zweimal zu Gast war. (CH)
Online-Flyer Nr. 138 vom 19.03.2008
Literaturreihe „Freie Geister“ – Julia Trompeter: „Lasst die Zeilen springen...“
„Das schäumende Schiff der Rhetorik...“
Von Christian Breuer

Julia Trompeter: Lyrik aus der Natur...
Foto: privat
Die Eigensuche nach naher Erklärung mag in einigen Fällen auf erfolgversprechende Fährten in Julia Trompeters Werk führen. Doppeldeutig surreal-humoresk wird es bei der Frage, wie der Wetterschutz an der Hauswand klingt, wenn man ihn ausfährt – und was dann doch die „Ooo“-tönende Markise mit derjenigen berühmteren „Marquise von O.“ verbindet.
Die Markise von O.
Ein Strahl Sonne durchbricht die geblendeten Lider von O.
Markise (ausfahrend):
O o o O OO o Oo Ooo o O
Oo ooo Oooo o oOOOo oOOO
omOO Ooo OO Om ooo ooooooo oooOOOOOO
Oo O oOo OooOoOOo oOOooOooOO oOOooOooOOooOOo
O OO oOoo oooOOO Oo o o o o
OOOOOOOO
Beizeiten hatte es sich wieder bewölkt.
Überraschende Zusammenfügungen, Aufzählungen, das Spiel mit Konsonanten und (zu singenden) Vokalen sind es, die bei der Autorin Trompeter immer wieder zu finden sind. Dazu kommen ironische Wendungen, die Momente vermeintlich lieblicher Jungdamenpoesie aufbrechen und ihre Wirkung bewusst zeigen. Aufgepasst, möchte man warnen: Der Rezipient wird aufs Glatteis geführt.
„Forbidden Fürbitten“ Audiodatei starten
„Wer den Rasen sprengt, der ist nicht immer Terrorist“ heißt es in „Forbidden Fürbitten“, und da ist er wieder, der Rasen des Anstoßes. Nieder mit ihm! Sprengen Sie mit! Ist man versucht zu sagen. Es gibt weiterhin viel Natur in der Beschreibung: Botanisches wie Ginsterbüsche, im Tierleben finden sich „kopulierende Amselpaare“ und qua Adjektiv wird „mageres Schienenholz“ zum Leben erweckt. Tee spielt eine Rolle, man imaginiert 20er-Jahre-Salons und die ersten emanzipierten Frauenclubs, Bubikopf-Frisuren. Alles im Jugendstil, Gebäck wird gereicht.

...und von Bahnhöfen
Foto: privat
Bliebe zu fragen: Was ist es, das aus der Genderforscherin Judith Butler – wie folgt – „Judiths Butler“ macht, und wen macht sie dazu, warum liebt der wiederum „sein Geschlecht“ – was würde letztendlich, im Kreis assoziierend, obengenannte Spezialistin hierzu sagen? Lineare Interpretationsversuche versagen zum Teil an semantischer Fülle, gepaart mit Leichtigkeit, so möge vielleicht ein universitär-institutioneller Reich-Ranicki Julia Trompeters Werk kommentieren. Doch würde er ja hiermit möglicherweise zu dem, was Trompeter unter einem „Phrasen Mäher“ versteht (da ist er wieder, der Mäher!).
Verwirrt? Lesen Sie einfach selbst:
Phrasen Mäher
Geh’ durch die Zeilen der Stadt
Späh’ auf die Zeichen und Schilder und Setze
Nicht ab, laufe weiter, und mähe
Im Geist alles nieder,
schlage in Stücke, verbiege, zerbreche, berühre
nur manchmal zart einen Stein
mit angespitzter Zunge
Im Café nebenan liegt der Zucker zerstreut
Fährt er den Gästen ins Maul
Das sie sich zerreißen
Meine Lyrik hat sich nicht weiter entwickelt
Die Sätze bleiben ja Knoten und Schleifen
Sie mal Ihre Sprache Madame
Pompadour geh ich heut mit dem Hut aus
Der ist reich verziert denn
Die leidende Brevitas steht mir halt nicht
Judiths Butler liebt sein Geschlecht
Er trägts stolz umher
Wie die Marzipanschnecken,
die sie so mag zum Darjeeling
Malheur der Popmusik
Mal ist es In
Mal ist es Dreck
Malheur ich hin
Malheur ich weg
Dass kaum einer zusieht wie wir,
im Abendkleid auf Sofas liegen
gebliebene Reste des anderen
seine Hautfetzen, winzige Schuppen
sein Haar das Haar des anderen
Mit Pudelsocken frankiert ein Geschenk
Taiwan Tee Reste unsinnige Gesten
Ein Hauch von Gestank, menschlich,
abgeriebene Bleibsel des Tags
dass kaum einer hinhört wie wir
Müde etwas unterhalten das
wir, der andere und du,
dazwischen setzen
im Verebben der Stunde

Julia Trompeter
editionbaustelle
Quelle: www.myspace.com/juliatrompeter
Julia Trompeter – ein besonderes Hörerlebnis:
„Baustelle Gedicht“ Audiodatei starten
„GinsterMeer“ Audiodatei starten
Freie Geister ist auch der Name einer Literatur-Musikperformance-Reihe im Köln-Ehrenfelder ArTheater, bei der Julia Trompeter im vergangenen Jahr zweimal zu Gast war. (CH)
Online-Flyer Nr. 138 vom 19.03.2008















Julia Trompeter, geboren 1980, ist Doktorandin der Philosophie, lebt nach Jahren des literarischen Wirkens in Köln mittlerweile in Berlin und liest nach eigener Aussage „im Stehen von Süd bis Ost des Landes“. Stationen u.a.: Kölner Rheinlese (2004), „Cantalurps Urcantate“, Soloprogramm (2006), Gründung der Kölner Literaturveranstaltung „Literatur in der Mühle“, gemeinsam mit Xaver Römer und Gerd Buurmann (2006), Leipziger Buchmesse, Anthologie Herz.Rhythmus.Störung.