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Literatur
Wolfgang Bittners Fortsetzungsroman – Folge 3
Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben
Von Wolfgang Bittner

Außer bequem als Buch im Horlemann-Verlag können Sie exklusiv in der NRhZ die überarbeitete Neuausgabe von Wolfgang Bittners 1978 erstmals erschienenen Roman „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“ lesen – eine Rezension des Werks finden sie in der NRhZ 139: „Ein Roman über einen ‚Helden’ von unten, aus der Sicht von unten und deshalb wichtig für alle – und sogar mit nicht allzu viel Fantasie lässt sich auch der Roman auf heutige Verhältnisse übertragen.“, schreibt Rezensent und Buchhändler Uli Klinger über „Der Aufsteiger“.
1) Auf Maloche (Fortsetzung)
Du könntest genauso gut wie der Mönkeberg eine Baufirma aufmachen, überlegte er. Dazu brauchte man nicht einmal etwas gelernt zu haben. Die Frage war nur: Woher das Anfangskapital nehmen und woher bekam man die Aufträge? Mönkeberg hatte vor fünf Jahren das Baugeschäft seines Vaters geerbt. Er war in Salstädt geboren und kannte Hinz und Kunz. Seine Frau war die Tochter eines Salstädter Getreidegroßhändlers, der im Stadtrat und sogar im Bauausschuss saß. Unter solchen Bedingungen ließ sich natürlich etwas auf die Beine stellen, wo die Flüchtlinge jetzt ihre Einfamilienhäuser zu bauen begannen oder größere Wohnungen suchten. Drei oder vier Wohnblocks gehörten Mönkeberg inzwischen. Die hatte er finanziert, von seiner eigenen Firma bauen lassen, und die Mieter zahlten jetzt Zinsen und Tilgung. Das kostete ihn keinen Pfennig. Wenn alles so weiterging, war er in ein paar Jahren Millionär.
Erich Wegner musste an seinen Vater denken. Das hätte sich der Alte nicht träumen lassen, dass er gerade in dem Moment abkratzen würde, als das Haus fertig war. Alles war genau ausgerechnet, penibel und exakt wie immer. Er war im Krieg auch Unteroffizier gewesen, wie Hannes Tammen, aber nicht bei der SS, sondern bei der Wehrmacht. Ein richtiger Kommissknüppel.
Man brauchte bloß mal mit ungeputzten Schuhen zu gehen oder den Suppenlöffel falsch zu halten, schon war der Teufel los. Nach Ansicht des alten Wegner kam man mit geputzten Schuhen und guten Manieren und mit dem Hute in der Hand, wenn man den Pfennig ehrte und den Spatzen in der Hand der Taube auf dem Dach vorzog, durch das ganze Land. „Ordnung ist das halbe Leben“ und „Ohne Fleiß kein Preis“ waren seine Lieblingssprüche.
Gegen halb zwölf verzog sich die Sonne, und es begann nach Regen auszusehen. Willi war mit dem VW-Bus in die Stadt gefahren und holte Ersatzteile für einen defekten Kompressor. Erich Wegner ging hinüber zu Hannes Tammen, und sie rauchten zusammen eine Zigarette.
Auf der etwa einen Kilometer entfernten Rollbahn landete gerade ein Düsenjäger. Man konnte sein eigenes Wort nicht verstehen. Als er aufsetzte, gab es eine schwarze Rauchwolke von verbranntem Gummi.
„Über hundert von den Dingern sind schon abgeschmiert“, sagte Hannes. „Ein so'n Vogel kostet uns sechs Millionen.“
„Mann“, staunte Erich Wegner, „sechs Millionen? Die möchte ich mal haben.“
„Ich nicht“, meinte Hannes. „Wenn ich tausend Mark netto im Monat hätte und einen gemütlichen Posten, wär ich vollkommen zufrieden.“
Auf dem Feldweg in der Nähe kam eine Gruppe Soldaten mit Schnellfeuergewehren und leichtem Sturmgepäck vorbei. Der Gruppenführer schrie plötzlich aus vollem Hals: „Fliegerangriff von links!“, und die Jungens schmissen sich rechts in den Graben.
„Die haben‘s gut“, seufzte Hannes. „Mein Ausbilder damals, der suchte sich immer einen Graben mit Wasser aus.“ Sein Blick ging an den Soldaten vorbei. „War aber ganz gut so. Später sind wir dann froh gewesen, wenn wir wenigstens einen Graben mit Wasser fanden.“
„Scheiß Hundedressur“, erwiderte Erich Wegner. „Wozu soll die gut sein?“
Aber Hannes Tammen ging nicht darauf ein, er machte einen abwesenden Eindruck. „Kann mich erinnern“, spann er seinen Faden weiter, „wir hatten da so einen feinen Pinkel bei unserer Truppe. Den hat‘s schon auf dem Vormarsch erwischt. Bloß weil der sich erst mal gefragt hat, ob er sich nun in den Dreck schmeißen sollte oder nicht. Da war‘s dann schon passiert. Bauchschuss und vorher Erbseneintopf. Das geht nie gut, sag ich dir. Rüdiger hieß er und spielte prima Klavier. Kann mich noch genau dran erinnern, war mein erster Toter.“
Hannes hatte seine Blutgruppe unter dem Arm eintätowiert.
Und außerdem hatte er überall am Körper Brandnarben, vor allem an den Armen. „Von den Amis“, hatte er einmal gesagt. Und man hatte ihm dabei den Hass vom Gesicht ablesen können. „Von den Amis?“, hatte Erich Wegner gefragt. Und Hannes hatte geantwortet: „Von Zigarettenkippen, das war in der Gefangenschaft. Die konnten unsern Haufen nicht riechen.“
Wenn er aber sonst von seiner Soldatenzeit erzählte, dann hatte man das Gefühl, dass Hannes Tammen diese Zeit und besonders den Krieg genossen hatte. Er war noch immer ein zäher Hund. „Krieg ist Scheiße“, sagte er manchmal, „aber die Zeit damals war trotzdem schön. Als wir in Frankreich lagen, sage ich dir. Dolle Weiber. Und das Fressen da. Immer mit drei oder vier Gängen.“ „Wie bist du eigentlich damals zur SS gekommen?“, fragte Erich Wegner.
Hannes warf seine Zigarette weg und spuckte aus. „Freiwillig“, sagte er. „Da kam so einer mit ‘ner schwarzen Uniform und ‘nem Totenkopf an der Mütze in die Firma, erzählte ein bisschen und fragte, ob wir nicht Lust hätten mitzumachen. Das war ein angesehener Haufen damals. Nicht solche Schlappschwänze wie die da.“ Er zeigte verächtlich auf die Rekruten, die mit vorgehaltenem Gewehr durch das Heidekraut robbten, unbeholfen und mühsam. „Die hätte ich allein erledigt“, meinte er grinsend. Erich Wegner stellte ihn sich vor, wie er mit einem Bündel Handgranaten in der Hand einen feindlichen Schützengraben von der Seite her aufrollte. Hannes war noch immer ganz schön behände, wenn es sein musste. Den Spaten handhabte er wie ein Friseur sein Rasiermesser. Mit Juden hatte er allerdings nie etwas zu tun gehabt. Wenigstens behauptete er das. Hannes war ein feiner Kerl.
Als er den VW-Bus am Horizont auftauchen sah, ging Erich Wegner zurück an seine Arbeit. Ein paar Meter musste er bis Mittag noch schaffen, um nicht hoffnungslos zurückzubleiben.
Wütend klemmte er die Spitzhacke hinter einen Brocken und brach drauflos. Noch über fünf Stunden bis zum Feierabend.
„Na, du Wichser“, knurrte Willi, als er vorbeischlenderte. Beim nächsten blieb er stehen und bemängelte, dass der Graben unten nicht breit genug war. „Immer dasselbe!“, schnauzte er. „Meinst du eigentlich, ich hätte einen Knick im Auge?“ Den Zollstock in der Hand, ließ er sich auf die Knie nieder und maß nach. Von hinten sah er aus wie ein dicker Arsch mit Ohren beim Beten. Sein Gott hieß Mönkeberg.
Bloß nicht immer im Tiefbau, dachte Erich Wegner. Oder wenn schon, dann als Ingenieur. Da wär man fein raus. Mönkebergs Ingenieur kam ein- bis zweimal die Woche vorbei, sah sich die fertige Arbeit an, besprach mit Willi deren Weiterführung, die Höhe der Akkordsätze, die Einstellung oder Entlassung von Arbeitern. Manchmal schlug Willi ihm vor, jemanden rauszuschmeißen, womit dessen Schicksal bei der Firma Mönkeberg besiegelt war.
Und dann setzte sich der Ingenieur wieder in seinen Wagen und fuhr davon. Er besaß einen großen dunkelblauen Citroën.
Das war ein Auto! Als Ingenieur konnte man sich das natürlich leisten.
Wenn der da war, schwänzelte Willi die ganze Zeit um ihn herum, Herr Ingenieur hier, Herr Ingenieur dort. Am liebsten wäre er dem hinten reingekrochen. So einer stellte etwas dar, der hatte sogar studiert.
Ob man mit Mittlerer Reife Ingenieur werden konnte? Er nahm sich vor, Franz Kruse danach zu fragen. Der wusste über solche Dinge Bescheid.
„Junge, das ist doch klar“, hatte sein Vater oft gesagt, „ohne Mittlere Reife ist heute nichts mehr zu machen. Das siehst du ja an mir.“ Damals war er noch in der Fabrik gewesen. Aber seine beiden Söhne hatte er zur Mittelschule geschickt, wenn es auch schwer fiel. Die sollten es später besser haben. Mit Helga war das etwas anderes, die würde ja sowieso heiraten.
Franz Kruse war Reporter beim Salstädter Tageblatt. Sie waren miteinander befreundet. Seine Eltern hatten in derselben Siedlung wie die Wegners gebaut, und in der Anfangszeit hatten sie einander oft ausgeholfen. Allerdings machten die Leute aus der Siedlung in letzter Zeit einen weiten Bogen um die Kruses, nachdem gemunkelt wurde, dass der alte Kruse Kommunist sei oder Sozialist oder so etwas Ähnliches.
„Is‘ Mittag!“, rief Hannes Tammen von hinten.
In der Bude stank es immer noch nach Öl. Die anderen hingen schon über ihrem Fraß.
Erich Wegner hatte schlechte Laune. „Ommo“, knurrte er, „wenn du noch mal Öl daneben gießt, dann setz ich dich mit dem nackten Arsch auf die Ofenplatte.“ „Hör sich einer unser kleines Großmaul an“, meldete sich der lange Schuster aus seiner Ecke. Er hatte etwas gegen alle, von denen er meinte, dass sie klüger waren als er. Bei Schuster musste man vorsichtig sein. Gerade Hannes Tammen akzeptierte er noch. Der hatte ihm mal kurzerhand eins aufs Maul gehauen, als er frech wurde. Das war so schnell gegangen, so schnell konnte der Schuster gar nicht sein Springmesser aus der Tasche kriegen.
Seitdem respektierte er Hannes. Aber gefährlich war er trotzdem.
Man wusste nie genau, woran man bei ihm war. Manchmal erzählte er von den Kneipen und Puffs in Frankfurt, München oder Kaiserslautern. Natürlich nur vom Saufen und von Schweinereien.
Aber in einer Art, als sei er Mönkeberg persönlich und habe die ganze Welt gesehen. Dabei hatte er die drei oder vier Jahre auf Baustellen in Süddeutschland in stinkigen Löchern und Baubuden zugebracht.
Ommo schüttelte belustigt seinen Kopf. „Ick heb gornix näbengoten“, sagte er. „Is överloopen.“ Hannes Tammen griente von einem Ohr zum andern. „Mensch, Ommo“, meinte er. „Du bist vielleicht ein Spaßvogel. Ein richtiger Korinthenkacker. Du könntest direkt Beamter sein.“ Erich Wegner lachte. Er holte sich sein Kochgeschirr aus der Wasserschüssel, die zum Aufwärmen auf dem Ofen stand. Es gab Bohnen mit Speck, immer das, was es am Tag vorher zu Hause gegeben hatte.
Hannes hatte die Bildzeitung neben seinem Henkeltopf liegen und schüttelte von Zeit zu Zeit den Kopf, während er schlürfend und schmatzend seinen Eintopf löffelte.
„Solchen Kerls gehört die Rübe ab“, kommentierte er zwischen zwei Löffeln Graupensuppe. Es ging immer noch um den Artikel mit der Vergewaltigung. „Notzucht“, stand ganz groß in Rot darüber. Und kleiner darunter: „Bäckergeselle vergewaltigt vierzehnjähriges Mädchen.“ Das war anscheinend das wichtigste Ereignis des Tages gewesen.
„Einen, der Frauen vergewaltigt, müsste man gleich an Ort und Stelle kastrieren“, sagte Willi.
„Und anschließend Genickschuss“, pflichtete Hannes ihm bei.
„Sonst kriegen die womöglich noch Staatspension.“ „Und unsereiner muss dafür arbeiten“, nickte Willi. „Das wär so das Richtige.“ Jeden Tag dasselbe Thema. Erich Wegner stank das schon lange.
„Als ob es nichts anderes gibt als Vergewaltigungen“, warf er ein. „Mich kotzt das langsam an, wie ihr euch daran hochzieht.“ „Was du schon davon verstehst“, knurrte Schuster. „Du weißt doch noch gar nicht, wozu du einen hast.“ Gerade der. Wenn er von seinen Pufferlebnissen erzählte, hatte man das Gefühl, als müsse ihm jeden Augenblick einer abgehen.
So beschissen, wie Schuster aussah, ließ den freiwillig nicht einmal eine degenerierte Heidschnucke ran.
Hannes Tammen war noch immer nicht fertig. Jetzt las er schon die Fortsetzung auf der letzten Seite. Ihm entging kein Wort. Es las immer sehr langsam und gewissenhaft. „Der hat ihr einfach die Sachen vom Leib gerissen und sich dann über sie hergemacht“, ereiferte er sich. „Is hier genau beschrieben.“ Daraufhin ging die Zeitung von Hand zu Hand, bis Willi die Mittagspause für beendet erklärte.
Nachmittags fing es an zu regnen. Erich Wegner zog sich den alten Gummimantel über, ein Erbstück seines Vaters. Um vier hatte er dennoch den Rücken nass, weil ihm das Wasser zum Kragen hineinlief. Außerdem schwitzte er fürchterlich, denn der Körper bekam nicht genügend Luft.
Einige aus der Kolonne hatten überhaupt kein Regenzeug.
Zum Teil besaßen sie keins, zum Teil hatten sie es zu Hause liegengelassen, weil morgens herrliches Wetter gewesen war. Sie hatten nach kurzer Zeit keinen trockenen Faden mehr am Leib.
Willi ließ sie trotzdem weiterarbeiten. „Wenn ihr mal wieder einen nassen Arsch bekommt“, sagte er, „dann spart ihr für die nächsten vier Wochen das Badewasser.“ Mit dem VW-Bus ging es dann um fünf nach Hause. Die Fahrt war unangenehm, weil sie halb aufeinander saßen und in der Enge die nasse Kleidung zu stinken begann. An und für sich hätte die Firma zwei Wagen einsetzen müssen, aber das war angeblich zu teuer. Willi hatte ihnen gesagt, wenn Polizei in Sicht käme, sollten sich ein paar von ihnen ducken. Zum Glück brauchten sie nur knapp zwanzig Minuten bis nach Salstädt. Erich Wegner wurde in der Nähe der Straße abgesetzt, in der er wohnte.
© 2008 Horlemann
Alle Rechte vorbehalten
Überarbeitete Neuausgabe – Erstveröffentlichung 1978 Büchergilde Gutenberg, Satz und Umschlaggestaltung Verlag.
Bitte fordern Sie das Verlagsverzeichnis an, unter:
Horlemann Verlag, Postfach 1307, 53583 Bad Honnef,
Telefax 02224 5429, E-Mail: info (at) horlemann-verlag.de
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Online-Flyer Nr. 142 vom 16.04.2008
Wolfgang Bittners Fortsetzungsroman – Folge 3
Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben
Von Wolfgang Bittner

1) Auf Maloche (Fortsetzung)
Du könntest genauso gut wie der Mönkeberg eine Baufirma aufmachen, überlegte er. Dazu brauchte man nicht einmal etwas gelernt zu haben. Die Frage war nur: Woher das Anfangskapital nehmen und woher bekam man die Aufträge? Mönkeberg hatte vor fünf Jahren das Baugeschäft seines Vaters geerbt. Er war in Salstädt geboren und kannte Hinz und Kunz. Seine Frau war die Tochter eines Salstädter Getreidegroßhändlers, der im Stadtrat und sogar im Bauausschuss saß. Unter solchen Bedingungen ließ sich natürlich etwas auf die Beine stellen, wo die Flüchtlinge jetzt ihre Einfamilienhäuser zu bauen begannen oder größere Wohnungen suchten. Drei oder vier Wohnblocks gehörten Mönkeberg inzwischen. Die hatte er finanziert, von seiner eigenen Firma bauen lassen, und die Mieter zahlten jetzt Zinsen und Tilgung. Das kostete ihn keinen Pfennig. Wenn alles so weiterging, war er in ein paar Jahren Millionär.
Erich Wegner musste an seinen Vater denken. Das hätte sich der Alte nicht träumen lassen, dass er gerade in dem Moment abkratzen würde, als das Haus fertig war. Alles war genau ausgerechnet, penibel und exakt wie immer. Er war im Krieg auch Unteroffizier gewesen, wie Hannes Tammen, aber nicht bei der SS, sondern bei der Wehrmacht. Ein richtiger Kommissknüppel.
Man brauchte bloß mal mit ungeputzten Schuhen zu gehen oder den Suppenlöffel falsch zu halten, schon war der Teufel los. Nach Ansicht des alten Wegner kam man mit geputzten Schuhen und guten Manieren und mit dem Hute in der Hand, wenn man den Pfennig ehrte und den Spatzen in der Hand der Taube auf dem Dach vorzog, durch das ganze Land. „Ordnung ist das halbe Leben“ und „Ohne Fleiß kein Preis“ waren seine Lieblingssprüche.
Gegen halb zwölf verzog sich die Sonne, und es begann nach Regen auszusehen. Willi war mit dem VW-Bus in die Stadt gefahren und holte Ersatzteile für einen defekten Kompressor. Erich Wegner ging hinüber zu Hannes Tammen, und sie rauchten zusammen eine Zigarette.
Auf der etwa einen Kilometer entfernten Rollbahn landete gerade ein Düsenjäger. Man konnte sein eigenes Wort nicht verstehen. Als er aufsetzte, gab es eine schwarze Rauchwolke von verbranntem Gummi.
„Über hundert von den Dingern sind schon abgeschmiert“, sagte Hannes. „Ein so'n Vogel kostet uns sechs Millionen.“
„Mann“, staunte Erich Wegner, „sechs Millionen? Die möchte ich mal haben.“
„Ich nicht“, meinte Hannes. „Wenn ich tausend Mark netto im Monat hätte und einen gemütlichen Posten, wär ich vollkommen zufrieden.“
Auf dem Feldweg in der Nähe kam eine Gruppe Soldaten mit Schnellfeuergewehren und leichtem Sturmgepäck vorbei. Der Gruppenführer schrie plötzlich aus vollem Hals: „Fliegerangriff von links!“, und die Jungens schmissen sich rechts in den Graben.
„Die haben‘s gut“, seufzte Hannes. „Mein Ausbilder damals, der suchte sich immer einen Graben mit Wasser aus.“ Sein Blick ging an den Soldaten vorbei. „War aber ganz gut so. Später sind wir dann froh gewesen, wenn wir wenigstens einen Graben mit Wasser fanden.“
„Scheiß Hundedressur“, erwiderte Erich Wegner. „Wozu soll die gut sein?“
Aber Hannes Tammen ging nicht darauf ein, er machte einen abwesenden Eindruck. „Kann mich erinnern“, spann er seinen Faden weiter, „wir hatten da so einen feinen Pinkel bei unserer Truppe. Den hat‘s schon auf dem Vormarsch erwischt. Bloß weil der sich erst mal gefragt hat, ob er sich nun in den Dreck schmeißen sollte oder nicht. Da war‘s dann schon passiert. Bauchschuss und vorher Erbseneintopf. Das geht nie gut, sag ich dir. Rüdiger hieß er und spielte prima Klavier. Kann mich noch genau dran erinnern, war mein erster Toter.“
Hannes hatte seine Blutgruppe unter dem Arm eintätowiert.
Und außerdem hatte er überall am Körper Brandnarben, vor allem an den Armen. „Von den Amis“, hatte er einmal gesagt. Und man hatte ihm dabei den Hass vom Gesicht ablesen können. „Von den Amis?“, hatte Erich Wegner gefragt. Und Hannes hatte geantwortet: „Von Zigarettenkippen, das war in der Gefangenschaft. Die konnten unsern Haufen nicht riechen.“
Wenn er aber sonst von seiner Soldatenzeit erzählte, dann hatte man das Gefühl, dass Hannes Tammen diese Zeit und besonders den Krieg genossen hatte. Er war noch immer ein zäher Hund. „Krieg ist Scheiße“, sagte er manchmal, „aber die Zeit damals war trotzdem schön. Als wir in Frankreich lagen, sage ich dir. Dolle Weiber. Und das Fressen da. Immer mit drei oder vier Gängen.“ „Wie bist du eigentlich damals zur SS gekommen?“, fragte Erich Wegner.
Hannes warf seine Zigarette weg und spuckte aus. „Freiwillig“, sagte er. „Da kam so einer mit ‘ner schwarzen Uniform und ‘nem Totenkopf an der Mütze in die Firma, erzählte ein bisschen und fragte, ob wir nicht Lust hätten mitzumachen. Das war ein angesehener Haufen damals. Nicht solche Schlappschwänze wie die da.“ Er zeigte verächtlich auf die Rekruten, die mit vorgehaltenem Gewehr durch das Heidekraut robbten, unbeholfen und mühsam. „Die hätte ich allein erledigt“, meinte er grinsend. Erich Wegner stellte ihn sich vor, wie er mit einem Bündel Handgranaten in der Hand einen feindlichen Schützengraben von der Seite her aufrollte. Hannes war noch immer ganz schön behände, wenn es sein musste. Den Spaten handhabte er wie ein Friseur sein Rasiermesser. Mit Juden hatte er allerdings nie etwas zu tun gehabt. Wenigstens behauptete er das. Hannes war ein feiner Kerl.
Als er den VW-Bus am Horizont auftauchen sah, ging Erich Wegner zurück an seine Arbeit. Ein paar Meter musste er bis Mittag noch schaffen, um nicht hoffnungslos zurückzubleiben.
Wütend klemmte er die Spitzhacke hinter einen Brocken und brach drauflos. Noch über fünf Stunden bis zum Feierabend.
„Na, du Wichser“, knurrte Willi, als er vorbeischlenderte. Beim nächsten blieb er stehen und bemängelte, dass der Graben unten nicht breit genug war. „Immer dasselbe!“, schnauzte er. „Meinst du eigentlich, ich hätte einen Knick im Auge?“ Den Zollstock in der Hand, ließ er sich auf die Knie nieder und maß nach. Von hinten sah er aus wie ein dicker Arsch mit Ohren beim Beten. Sein Gott hieß Mönkeberg.
Bloß nicht immer im Tiefbau, dachte Erich Wegner. Oder wenn schon, dann als Ingenieur. Da wär man fein raus. Mönkebergs Ingenieur kam ein- bis zweimal die Woche vorbei, sah sich die fertige Arbeit an, besprach mit Willi deren Weiterführung, die Höhe der Akkordsätze, die Einstellung oder Entlassung von Arbeitern. Manchmal schlug Willi ihm vor, jemanden rauszuschmeißen, womit dessen Schicksal bei der Firma Mönkeberg besiegelt war.
Und dann setzte sich der Ingenieur wieder in seinen Wagen und fuhr davon. Er besaß einen großen dunkelblauen Citroën.
Das war ein Auto! Als Ingenieur konnte man sich das natürlich leisten.
Wenn der da war, schwänzelte Willi die ganze Zeit um ihn herum, Herr Ingenieur hier, Herr Ingenieur dort. Am liebsten wäre er dem hinten reingekrochen. So einer stellte etwas dar, der hatte sogar studiert.
Ob man mit Mittlerer Reife Ingenieur werden konnte? Er nahm sich vor, Franz Kruse danach zu fragen. Der wusste über solche Dinge Bescheid.
„Junge, das ist doch klar“, hatte sein Vater oft gesagt, „ohne Mittlere Reife ist heute nichts mehr zu machen. Das siehst du ja an mir.“ Damals war er noch in der Fabrik gewesen. Aber seine beiden Söhne hatte er zur Mittelschule geschickt, wenn es auch schwer fiel. Die sollten es später besser haben. Mit Helga war das etwas anderes, die würde ja sowieso heiraten.
Franz Kruse war Reporter beim Salstädter Tageblatt. Sie waren miteinander befreundet. Seine Eltern hatten in derselben Siedlung wie die Wegners gebaut, und in der Anfangszeit hatten sie einander oft ausgeholfen. Allerdings machten die Leute aus der Siedlung in letzter Zeit einen weiten Bogen um die Kruses, nachdem gemunkelt wurde, dass der alte Kruse Kommunist sei oder Sozialist oder so etwas Ähnliches.
„Is‘ Mittag!“, rief Hannes Tammen von hinten.
In der Bude stank es immer noch nach Öl. Die anderen hingen schon über ihrem Fraß.
Erich Wegner hatte schlechte Laune. „Ommo“, knurrte er, „wenn du noch mal Öl daneben gießt, dann setz ich dich mit dem nackten Arsch auf die Ofenplatte.“ „Hör sich einer unser kleines Großmaul an“, meldete sich der lange Schuster aus seiner Ecke. Er hatte etwas gegen alle, von denen er meinte, dass sie klüger waren als er. Bei Schuster musste man vorsichtig sein. Gerade Hannes Tammen akzeptierte er noch. Der hatte ihm mal kurzerhand eins aufs Maul gehauen, als er frech wurde. Das war so schnell gegangen, so schnell konnte der Schuster gar nicht sein Springmesser aus der Tasche kriegen.
Seitdem respektierte er Hannes. Aber gefährlich war er trotzdem.
Man wusste nie genau, woran man bei ihm war. Manchmal erzählte er von den Kneipen und Puffs in Frankfurt, München oder Kaiserslautern. Natürlich nur vom Saufen und von Schweinereien.
Aber in einer Art, als sei er Mönkeberg persönlich und habe die ganze Welt gesehen. Dabei hatte er die drei oder vier Jahre auf Baustellen in Süddeutschland in stinkigen Löchern und Baubuden zugebracht.
Ommo schüttelte belustigt seinen Kopf. „Ick heb gornix näbengoten“, sagte er. „Is överloopen.“ Hannes Tammen griente von einem Ohr zum andern. „Mensch, Ommo“, meinte er. „Du bist vielleicht ein Spaßvogel. Ein richtiger Korinthenkacker. Du könntest direkt Beamter sein.“ Erich Wegner lachte. Er holte sich sein Kochgeschirr aus der Wasserschüssel, die zum Aufwärmen auf dem Ofen stand. Es gab Bohnen mit Speck, immer das, was es am Tag vorher zu Hause gegeben hatte.
Hannes hatte die Bildzeitung neben seinem Henkeltopf liegen und schüttelte von Zeit zu Zeit den Kopf, während er schlürfend und schmatzend seinen Eintopf löffelte.
„Solchen Kerls gehört die Rübe ab“, kommentierte er zwischen zwei Löffeln Graupensuppe. Es ging immer noch um den Artikel mit der Vergewaltigung. „Notzucht“, stand ganz groß in Rot darüber. Und kleiner darunter: „Bäckergeselle vergewaltigt vierzehnjähriges Mädchen.“ Das war anscheinend das wichtigste Ereignis des Tages gewesen.
„Einen, der Frauen vergewaltigt, müsste man gleich an Ort und Stelle kastrieren“, sagte Willi.
„Und anschließend Genickschuss“, pflichtete Hannes ihm bei.
„Sonst kriegen die womöglich noch Staatspension.“ „Und unsereiner muss dafür arbeiten“, nickte Willi. „Das wär so das Richtige.“ Jeden Tag dasselbe Thema. Erich Wegner stank das schon lange.
„Als ob es nichts anderes gibt als Vergewaltigungen“, warf er ein. „Mich kotzt das langsam an, wie ihr euch daran hochzieht.“ „Was du schon davon verstehst“, knurrte Schuster. „Du weißt doch noch gar nicht, wozu du einen hast.“ Gerade der. Wenn er von seinen Pufferlebnissen erzählte, hatte man das Gefühl, als müsse ihm jeden Augenblick einer abgehen.
So beschissen, wie Schuster aussah, ließ den freiwillig nicht einmal eine degenerierte Heidschnucke ran.
Hannes Tammen war noch immer nicht fertig. Jetzt las er schon die Fortsetzung auf der letzten Seite. Ihm entging kein Wort. Es las immer sehr langsam und gewissenhaft. „Der hat ihr einfach die Sachen vom Leib gerissen und sich dann über sie hergemacht“, ereiferte er sich. „Is hier genau beschrieben.“ Daraufhin ging die Zeitung von Hand zu Hand, bis Willi die Mittagspause für beendet erklärte.
Nachmittags fing es an zu regnen. Erich Wegner zog sich den alten Gummimantel über, ein Erbstück seines Vaters. Um vier hatte er dennoch den Rücken nass, weil ihm das Wasser zum Kragen hineinlief. Außerdem schwitzte er fürchterlich, denn der Körper bekam nicht genügend Luft.
Einige aus der Kolonne hatten überhaupt kein Regenzeug.
Zum Teil besaßen sie keins, zum Teil hatten sie es zu Hause liegengelassen, weil morgens herrliches Wetter gewesen war. Sie hatten nach kurzer Zeit keinen trockenen Faden mehr am Leib.
Willi ließ sie trotzdem weiterarbeiten. „Wenn ihr mal wieder einen nassen Arsch bekommt“, sagte er, „dann spart ihr für die nächsten vier Wochen das Badewasser.“ Mit dem VW-Bus ging es dann um fünf nach Hause. Die Fahrt war unangenehm, weil sie halb aufeinander saßen und in der Enge die nasse Kleidung zu stinken begann. An und für sich hätte die Firma zwei Wagen einsetzen müssen, aber das war angeblich zu teuer. Willi hatte ihnen gesagt, wenn Polizei in Sicht käme, sollten sich ein paar von ihnen ducken. Zum Glück brauchten sie nur knapp zwanzig Minuten bis nach Salstädt. Erich Wegner wurde in der Nähe der Straße abgesetzt, in der er wohnte.
© 2008 Horlemann
Alle Rechte vorbehalten
Überarbeitete Neuausgabe – Erstveröffentlichung 1978 Büchergilde Gutenberg, Satz und Umschlaggestaltung Verlag.
Bitte fordern Sie das Verlagsverzeichnis an, unter:
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Online-Flyer Nr. 142 vom 16.04.2008















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