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Literatur
Rezension: Charlotte Roches Roman „Feuchtgebiete“
Die letzten Tabus?
Von Gerrit Wustmann

Charlotte Roche will mit ihrem Debütroman „Feuchtgebiete“ die „letzten Tabus der Gegenwart“ brechen. Zumindest die Bestsellerlisten sowohl des Spiegel als auch von Amazon hat sie mit weit über 400.000 verkauften Exemplaren bereits geknackt. Viel interessanter aber ist die öffentliche Reaktion auf das Buch.

Helen Memel, die Protagonistin von „Feuchtgebiete“, ist 18 Jahre alt, hat Hämorrhoiden und liegt nun mit einer Analfissur aufgrund zu heftigen Haare-am-Arsch-Rasierens in einem Kölner Krankenhaus. Dort erzählt sie in lockerem teeniehaften Ton von ihrer Abneigung gegen den überall verbreiteten Hygienewahn. Das fängt an bei ungewaschenem Obst und geht hin bis zu un(regelmäßig)gewaschenem Geschlechtsbereich – schließlich hat der menschliche Eigengeruch eine aphrodisierende Wirkung, und die übertriebene Sauberkeit ist nicht unbedingt libidofördernd. Umso alberner erscheint es Helen, dass der Boden ihres Krankenzimmers zweimal täglich gewischt wird.

Bacillus Subtilis
Auf Du und Du mit Körperflüssigkeiten und dem Bacillus Subtilis (Bild)

Tampons benutzt sie grundsätzlich nicht – zusammengeknülltes Toilettenpapier tut es auch. Richtig gemein für die Sauberkeitsfanatiker wird sie, wenn sie die ungefährliche Natürlichkeit von Bakterien zu beweisen versucht, indem sie ihre benutzten Papierknödel in Aufzügen hinterlässt – oder sogar in einer Schachtel Klinikmull, in deren „Petrischalenatmosphäre“ die Helen-Memel-Bakterien florieren wie sonst nirgends. Helen pflegt ein inniges Verhältnis zu ihren Körperausscheidungen, die auch in den detaillierten Beschreibungen ihrer sexuellen Vorlieben immer wieder eine Rolle spielen.

Tabubruch als Marketingkonzept?

Ohne Zweifel schielt Roche auf die Provokation, wenn sie ihre Antiheldin von unsauberem Analverkehr, Hämorrhoiden-Erotik und allerlei skurrilen Masturbationsmitteln erzählen lässt. Aber bricht sie dabei Tabus, wie sie und die Marketing-Abteilung des DuMont-Verlags verlauten lassen? Nein, im Grunde kann man über Tabus, die DeSade, Miller & Co. wohl schon vor mehren hundert Jahren auf ungleich höherem literarischen Niveau gebrochen haben, nur müde lächeln. Das trifft dann schon eher auf den ebenfalls bei DuMont beheimateten Michel Houellebecq zu, aber auch der hat seit „Elementarteilchen“ nichts wirklich bahnbrechendes mehr veröffentlicht. Die Behauptung, hier würden Tabus gebrochen, ist reine Hybris. Die Geschichte der erotischen Literatur ist alt, jahrtausende alt, und die Vorstellung, man könne noch etwas Neues bringen, reichlich naiv.

Charlotte Roche im BILD-kritischen Bildblog-T-Shirt
Charlotte Roche im BILD-kritischen Bildblog- 
T-Shirt | Foto: Markus Hammes
Umso erstaunlicher ist die öffentliche Reaktion auf das Buch, das nicht nur in den Medien, sondern auch in der anteilnehmenden Öffentlichkeit zum Skandalwerk hochstilisiert wird –was sich natürlich wiederum in den Verkaufszahlen widerspiegelt. Die einen finden es toll, die anderen halten es für ekelhaften Schrott – Meinungen dazwischen findet man kaum, sowohl in den Rezensionen als auch in Leserkommentaren.


Charlotte Roche, die in den letzten Wochen durch die Talkshows der Republik getingelt ist – von Kerner über Raab bis ins Nachtcafé – macht sich offenbar einen Spaß daraus, dass man Worte wie Arsch, Muschi, ficken und so weiter vor allem in den öffentlichrechtlichen Anstalten weniger gerne hört und, so sie dennoch fallen, sich ein wenig pubertär windet. Sie nutzt die Aufmerksamkeit, den Jubel wie die Empörung, um sich zu vermarkten. Das sei ihr gegönnt. Wenn auch die Inhalte weder neu noch irgendwie wichtig sind, so ist sie doch eine erfrischend lockere und unverkrampfte Erscheinung inmitten der steifen Rekonservatisierung des öffentlichen Auftretens. Das zumindest hat die Autorin zweifellos mit ihrer Figur gemein.

Entlarvendes Bild unserer Gesellschaft

Das Emotionsspektrum, das sowohl ihr Buch als auch ihre Auftritte begleitet, zeichnet dabei ein amüsant-entlarvendes Bild unserer modernen Gesellschaft. Hörensagen kann man hier angesichts der Auflage kaum unterstellen. Sobald man sich aber auf die Suche nach der Ursache des vermeintlichen Skandals begibt, beginnt man sich zu wundern. Roche schreibt letzten Endes über die archaische Natürlichkeit des menschlichen Körpers und den Umgang damit.

Die Empörten demonstrieren in erster Linie ein gestörtes Verhältnis zu sich selbst. Als hätte Roche das geahnt, thematisiert sie es durch ihre Helen, die im Verlauf der Geschichte zunehmend sympathisch wird. Nicht etwa weil sie sich in ihren Pfleger Robin verknallt. Das ist eher die Romanze am Rande. Sympathisch wirkt ihre flapsig-naive Art und ihre radikale Offenheit. Denn Helen will nicht weg aus dem Krankenhaus. Sie will so lange dableiben, bis es ihr gelingt, ihre geschiedenen Eltern in ihrem Krankenzimmer zu vereinen, und dafür nimmt sie einige zusätzliche Strapazen auf sich, die sie von der Antiheldin zur Heldin werden lassen.

Ihre Eltern, das ist ein viel zentraleres und spannenderes Thema als die Ansammlung der kleinen Schweinereien, die die Seiten füllen: Helens Mutter, die sagt, man sei „nicht auf der Welt um glücklich zu sein“. Ihr emotional inkompetenter Vater, der nie weiß, was er sagen soll, weil er nie gelernt hat, Gefühle in Worte zu fassen. Der Versuch der Mutter, sich selbst und Helens kleinen Bruder zu töten – worüber freilich nicht gesprochen wird – schließlich muss der Schein gewahrt werden. Dass die bürgerliche Fassade nach außen Risse zeigt, ist der GAU im Leben solcher Menschen.

Hämorrhoiden und Analfissuren, das sind Volkskrankheiten. Offen darüber zu sprechen traut sich niemand. Verkehrte Welt. Nach und nach beginnt Helen in der weißen Einsamkeit der Klinik, die Lebenslügen ihrer nächsten Umwelt zu sezieren. Sicher, auch das ist nicht neu, auch das ist schon vielen gelungen, allen voran dem Nobelpreiskandidaten Philip Roth, zu dem Roche absolut kein Vergleich ist. Aber, und das muss man ihr lassen, sie macht das sehr angenehm. Roche ist selbst erst 29 Jahre alt, sie kann sich gut in ihre Helen hineinversetzen, und auch in den absurdesten Szenen bleibt der Charakter glaubwürdig und lebensnah.

charlotte roche feuchtgebiete titel
                                                       
Unterm Strich bleibt ein nettes kleines Büchlein, flott und unverbraucht geschrieben und präsentiert, mit einer Protagonistin, die dem aufgeschlossenen Leser schnell ans Herz wächst. Lesenswert, aber längst nicht so spektakulär, wie es dargestellt wird. Skandale? Nein. Tabubrüche? Nada. Kurzweilige, ehrliche Unterhaltung?
Zweifellos. (CH)

Charlotte Roche
„Feuchtgebiete“
DuMont 2008, ISBN 978-3-8321-8057-7
14,90 Euro   







Online-Flyer Nr. 142  vom 16.04.2008



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