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Kultur und Wissen
Das ABC der Alternativen – 1. Folge
Demokratisierung
Von Bettina Lösch

„ABC der Alternativen“
Erschienen im VSA-Verlag,
HerausgeberInnen: Ulrich Brand,
Bettina Lösch und Stefan Thim-
mel in Kooperation mit dem
wissenschaftlichen Beirat von
Attac, der Rosa Luxemburg
Stiftung und der taz
272 Seiten, 12 Euro
ISBN 978-3-89965-247-5
Nach den Publikationen „ABC der Globalisierung“ (2005) und „ABC zum Neoliberalismus“ (2006) ist nun im Oktober 2007 das „ABC der Alternativen“ erschienen. Gesellschaftliche Alternativen sind denk- und machbar – so lautet der Grundtenor des „ABC der Alternativen“, das mit 126 Begriffen – von A wie Ästhetik des Widerstands bis Z wie Ziviler Ungehorsam – historische und aktuelle Projekte, Praxen und Forderungen aufzeigt und zur Diskussion stellt. Das Buch, an dem Autorinnen und Autoren aus einem breiten politischen Spektrum und in internationaler Kooperation mitgewirkt haben, ist eine ausdrückliche Entgegnung zur narkotisierenden Parole „There is no alternative“ des neoliberalen Zeitgeistes.
„Wir haben ins ‚ABC der Alternativen’ Begriffe aufgenommen, die alternative ‚Weltsichten’ eröffnen und für emanzipatorisches Denken und Handeln wichtig sind. Wir haben die... Autorinnen und Autoren darum gebeten, nach den historischen Entstehungskontexten, nach den kritischen und emanzipatorischen Potenzialen der Begriffe zu fragen. Aber auch, inwieweit die Begriffe auf wichtige gesellschaftliche Widersprüche hinweisen oder wie sich ein Begriff – und die damit benannten Weltsichten und Praxen – produktiv entwickeln könnte...“, erklärten die Herausgeberinnen und Herausgeber.
Es wäre möglich, dass einige Leser die beschriebenen Alternativen anders einschätzen als die Autoren, heißt es im Vorwort zum Buch, doch gerade die Reflexion über vermeintliche Widerstände würden zum Prozess der Emanzipation beitragen – und sicher zum Diskurs. Dem stellen sich unter dem Titel „ABC der Alternativen“ Mitherausgeberin Bettina Lösch und zahlreiche Kölner Autoren am Freitag, den 18. 4. um 19.30 Uhr in der Alten Feuerwache in Köln. (CH)
„Demokratisierung“
Von Bettina Lösch
Demokratie bedeutet im klassischen Sinne die Selbstregierung der BürgerInnen und zielt auf die Selbstbestimmung der Menschen. Unter Demokratisierung wird sowohl die Herstellung demokratischer Verhältnisse als auch ihre Weiterentwicklung verstanden. In einem weit gefassten Sinne zielt Demokratisierung auf die (Wieder-)Aneignung von Politik sowie den Abbau von Herrschafts-, Ausgrenzungs- und Unterdrückungsverhältnissen.

Wenn das Volk bei der Demokratie mitreden
will | Karikatur: Christian Heinrici
Demokratisierung steht für eine Ausweitung politischer Teilhabe unter Beteiligung aller. Wenn gegenwärtig von bürgerlich-liberaler Demokratie die Rede ist, herrscht in der Regel ein auf formale Gleichheit, das parlamen- tarische Prozedere und die staatlichen Institutionen begrenztes Demokratie- verständnis vor. Zu Zeiten der Weimarer Republik, in der grundlegende demokratische und soziale Rechte erkämpft wurden, war die Koexistenz kapitalistischer Wirtschaft und politischer Demokratie noch Gegenstand großer politischer Kontroversen.
Streitpunkt war, inwieweit die kapitalistischen Produktions- und Eigentumsverhältnisse und die damit verbundene soziale Ungleichheit und (Klassen-)Herrschaft eine Grenze der bürgerlich-liberalen Demokratie markieren. Mit Demokratisierung war insofern nicht nur die Befreiung von obrigkeitsstaatlicher Herrschaft gemeint. Zur Entscheidung stand die Organisationsform des politischen Gemeinwesens als repräsentativ-parlamentarische Demokratie oder als Rätedemokratie, die auf basisdemokratischen Strukturen beruht, die sozialen Voraussetzungen von Demokratie (be-)achtet und keine Sphärentrennung von Ökonomie und Politik vorsieht Wirtschaftsdemokratie. Noch in der Gründungsphase der Bundesrepublik wurde die Weiterentwicklung der liberalen zur sozialistischen oder sozialen Demokratie gefordert (vgl. Wolfgang Abendroth).
In den 1960er Jahren formulierten die erstarkenden Protestbewegungen, BürgerInneninitiativen und neuen sozialen Bewegungen weitere scharfe Kritik an der bürgerlich-liberalen Demokratie. Wortführer wie Johannes Agnoli diagnostizierten eine Rückentwicklung der Demokratie, kritisierten das uneingelöste Repräsentationsversprechen und die autoritären Schließungsmechanismen (Notstandsgesetze, Radikalenerlass etc.).
In Opposition zur „formierten Gesellschaft“ wurde die Demokratisierung aller gesellschaftlicher Bereiche – der Betriebe, der Schulen und Universitäten, der Medien, des Strafvollzugs, der Erziehung, der Familie etc. – eingeklagt und alternative Lebensformen ausprobiert. Politische Emanzipation wurde zuvorderst als „Politik in erster Person“ und als gelebte radikaldemokratische Praxis verstanden.
Die Gründung von Kinderläden, selbstverwalteten Betrieben, kritischen Universitäten etc. bewirkte eine Kulturrevolution und führte zur Öffnung der formierten und autoritären Nachkriegsgesellschaft.

Schild in Chiapas: „...Hier herrscht das Volk
und die Regierung gehorcht..." | Foto: Hajor
Gegenwärtig wird die Forderung der Demokratisierung vor allem von sozialen Bewegungen aus Lateinamerika erhoben. Die Neuerung dabei ist, angeregt durch die mexikanischen Zapatistas, dass Demokratisierung über den nationalstaatlichen Raum hinausweist und sich eine transnationale Kultur des Widerstandes formiert. Mit radikaler Kritik am Versagen und den zerstörerischen Auswirkungen neoliberaler Politik werden alternative Politikformen gefordert und ausprobiert. Demokratisierung steht bei den Zapatistas für die Einrichtung autonomer Gemeinden sowie basisdemokratischer und dialogischer Politik- und Organisationsformen.
Die globalisierungskritische Bewegung hat sich insofern als nationalstaatenübergreifende, globale Demokratisierungsbewegung formiert, die gleichzeitig die soziale Frage neu artikuliert und die Demokratisierung europäischer und internationaler Politik verlangt. Zentral ist hierbei auch die Forderung der Re-Demokratisierung und (Wieder-)Aneignung privatisierter Bereiche und Güter, die von der Allgemeinheit geschaffen wurden und öffentliches Eigentum darstellen. Ziel von Demokratisierung ist außerdem die demokratische Kontrolle politischer Institutionen und Entscheidungsverfahren, die zunehmend von privaten Akteuren (Konzernen, Denkfabriken, Lobbyisten etc.) beeinflusst oder gekapert werden.

Anti-G8 Demo in Köln, 2007 | Foto: Christian Heinrici
„Eine andere Welt ist möglich!“ verweist auf das Erfordernis einer anderen Politik. Demokratisierung schließt die Überwindung von Herrschaftsverhältnissen in den Lebens-, Alltags- und Arbeitsverhältnissen (Rassismus, Sexismus sowie Klassenherrschaft) sowie die Entwicklung von Formen politisch-sozialer Selbst-Organisation und Kooperation ein. Die Herausforderung ist, dies zu erreichen, ohne dabei die Kritik staatlicher Herrschaft und ökonomischer Unterdrückungs- und Zwangsverhältnisse zu vernachlässigen.
Online-Flyer Nr. 142 vom 16.04.2008
Das ABC der Alternativen – 1. Folge
Demokratisierung
Von Bettina Lösch

„ABC der Alternativen“
Erschienen im VSA-Verlag,
HerausgeberInnen: Ulrich Brand,
Bettina Lösch und Stefan Thim-
mel in Kooperation mit dem
wissenschaftlichen Beirat von
Attac, der Rosa Luxemburg
Stiftung und der taz
272 Seiten, 12 Euro
ISBN 978-3-89965-247-5
„Wir haben ins ‚ABC der Alternativen’ Begriffe aufgenommen, die alternative ‚Weltsichten’ eröffnen und für emanzipatorisches Denken und Handeln wichtig sind. Wir haben die... Autorinnen und Autoren darum gebeten, nach den historischen Entstehungskontexten, nach den kritischen und emanzipatorischen Potenzialen der Begriffe zu fragen. Aber auch, inwieweit die Begriffe auf wichtige gesellschaftliche Widersprüche hinweisen oder wie sich ein Begriff – und die damit benannten Weltsichten und Praxen – produktiv entwickeln könnte...“, erklärten die Herausgeberinnen und Herausgeber.
Es wäre möglich, dass einige Leser die beschriebenen Alternativen anders einschätzen als die Autoren, heißt es im Vorwort zum Buch, doch gerade die Reflexion über vermeintliche Widerstände würden zum Prozess der Emanzipation beitragen – und sicher zum Diskurs. Dem stellen sich unter dem Titel „ABC der Alternativen“ Mitherausgeberin Bettina Lösch und zahlreiche Kölner Autoren am Freitag, den 18. 4. um 19.30 Uhr in der Alten Feuerwache in Köln. (CH)
„Demokratisierung“
Von Bettina Lösch
Demokratie bedeutet im klassischen Sinne die Selbstregierung der BürgerInnen und zielt auf die Selbstbestimmung der Menschen. Unter Demokratisierung wird sowohl die Herstellung demokratischer Verhältnisse als auch ihre Weiterentwicklung verstanden. In einem weit gefassten Sinne zielt Demokratisierung auf die (Wieder-)Aneignung von Politik sowie den Abbau von Herrschafts-, Ausgrenzungs- und Unterdrückungsverhältnissen.

Wenn das Volk bei der Demokratie mitreden
will | Karikatur: Christian Heinrici
Streitpunkt war, inwieweit die kapitalistischen Produktions- und Eigentumsverhältnisse und die damit verbundene soziale Ungleichheit und (Klassen-)Herrschaft eine Grenze der bürgerlich-liberalen Demokratie markieren. Mit Demokratisierung war insofern nicht nur die Befreiung von obrigkeitsstaatlicher Herrschaft gemeint. Zur Entscheidung stand die Organisationsform des politischen Gemeinwesens als repräsentativ-parlamentarische Demokratie oder als Rätedemokratie, die auf basisdemokratischen Strukturen beruht, die sozialen Voraussetzungen von Demokratie (be-)achtet und keine Sphärentrennung von Ökonomie und Politik vorsieht Wirtschaftsdemokratie. Noch in der Gründungsphase der Bundesrepublik wurde die Weiterentwicklung der liberalen zur sozialistischen oder sozialen Demokratie gefordert (vgl. Wolfgang Abendroth).
In den 1960er Jahren formulierten die erstarkenden Protestbewegungen, BürgerInneninitiativen und neuen sozialen Bewegungen weitere scharfe Kritik an der bürgerlich-liberalen Demokratie. Wortführer wie Johannes Agnoli diagnostizierten eine Rückentwicklung der Demokratie, kritisierten das uneingelöste Repräsentationsversprechen und die autoritären Schließungsmechanismen (Notstandsgesetze, Radikalenerlass etc.).
In Opposition zur „formierten Gesellschaft“ wurde die Demokratisierung aller gesellschaftlicher Bereiche – der Betriebe, der Schulen und Universitäten, der Medien, des Strafvollzugs, der Erziehung, der Familie etc. – eingeklagt und alternative Lebensformen ausprobiert. Politische Emanzipation wurde zuvorderst als „Politik in erster Person“ und als gelebte radikaldemokratische Praxis verstanden.
Die Gründung von Kinderläden, selbstverwalteten Betrieben, kritischen Universitäten etc. bewirkte eine Kulturrevolution und führte zur Öffnung der formierten und autoritären Nachkriegsgesellschaft.

Schild in Chiapas: „...Hier herrscht das Volk
und die Regierung gehorcht..." | Foto: Hajor
Die globalisierungskritische Bewegung hat sich insofern als nationalstaatenübergreifende, globale Demokratisierungsbewegung formiert, die gleichzeitig die soziale Frage neu artikuliert und die Demokratisierung europäischer und internationaler Politik verlangt. Zentral ist hierbei auch die Forderung der Re-Demokratisierung und (Wieder-)Aneignung privatisierter Bereiche und Güter, die von der Allgemeinheit geschaffen wurden und öffentliches Eigentum darstellen. Ziel von Demokratisierung ist außerdem die demokratische Kontrolle politischer Institutionen und Entscheidungsverfahren, die zunehmend von privaten Akteuren (Konzernen, Denkfabriken, Lobbyisten etc.) beeinflusst oder gekapert werden.

Anti-G8 Demo in Köln, 2007 | Foto: Christian Heinrici
„Eine andere Welt ist möglich!“ verweist auf das Erfordernis einer anderen Politik. Demokratisierung schließt die Überwindung von Herrschaftsverhältnissen in den Lebens-, Alltags- und Arbeitsverhältnissen (Rassismus, Sexismus sowie Klassenherrschaft) sowie die Entwicklung von Formen politisch-sozialer Selbst-Organisation und Kooperation ein. Die Herausforderung ist, dies zu erreichen, ohne dabei die Kritik staatlicher Herrschaft und ökonomischer Unterdrückungs- und Zwangsverhältnisse zu vernachlässigen.
Online-Flyer Nr. 142 vom 16.04.2008














