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Literatur
Wolfgang Bittners Fortsetzungroman – Folge 9
Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben
Von Wolfgang Bittner

Außer bequem als Buch im Horlemann-Verlag können Sie exklusiv in der NRhZ die überarbeitete Neuausgabe von Wolfgang Bittners 1978 erstmals erschienenen Roman „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“ lesen – eine Rezension des Werks finden sie in der NRhZ 139: „Ein Roman über einen ‚Helden’ von unten, aus der Sicht von unten und deshalb wichtig für alle – und sogar mit nicht allzu viel Fantasie lässt sich auch der Roman auf heutige Verhältnisse übertragen.“, schreibt Rezensent und Buchhändler Uli Klinger über „Der Aufsteiger“.
4) In der Verwaltung
Der Herr Kreissekretär Wöhler stand neben seinem Schreibtisch und spähte angestrengt zum offenen Fenster hinaus. Es war halb elf. Er hielt ein Gummiband zwischen Daumen und Zeigefinger der linken Hand. Vor dem Fenster befand sich eine riesige, in vollem Laub stehende Kastanie. Wöhler nahm eine Büroklammer und bog sie auf. Er spannte das Gummiband, hakte die Büroklammer ein, zielte bedächtig und schoss. „Mist“, brummte er, „nicht getroffen.“ Aus der Kastanie erhoben sich zwei Tauben.
Erich Wegner enthielt sich jeglichen Kommentars. Schließlich war er nur Mitarbeiter. Wöhler, Anfang Fünfzig, wohlgenährt, mit einem runden, rosigen Gesicht, war dagegen Sachbearbeiter, und zwar für Hilfe zum Lebensunterhalt. Er bearbeitete die Buchstaben A bis H. Seine Lieblingsbeschäftigung bestand allerdings darin, ausgiebig die Zeitung zu lesen und mit Büroklammern auf Tauben, Spatzen, Amseln und gelegentlich sogar auf Eichhörnchen zu schießen.
Überhaupt hatte Wöhler die Vielseitigkeit der Büroklammer entdeckt. Er holte sich mit diesen Dingern das Schmalz aus den Ohren, bog sie zu kleinen Männchen zurecht, benutzte sie zum Pfeifereinigen oder manchmal auch zum Ausraten, wenn es um eine Runde Bier ging. Er war ein sehr erfinderischer Mensch, soweit es sich um Büroklammern handelte. Außerdem pflegte er sich gern zu unterhalten, aber weniger mit Hilfesuchenden als mit Kollegen.
Als es an der Tür klopfte, schloss Wöhler das Fenster und setzte sich in seinen Schreibtischsessel. Dann schlug er eine Akte auf und begann darin zu lesen.
Es klopfte erneut. Erich Wegner rief: „Herein!“ Eine Frau kam ins Zimmer und sagte guten Tag. Wöhler tat so, als müsse er gerade etwas außerordentlich Wichtiges lesen, als sei er momentan geistig unabkömmlich. Schließlich saß er auf einem Druckposten, das schienen die wenigsten zu begreifen, das musste man den Leuten erst einmal deutlich machen.
Erich Wegners Schreibtisch stand dem von Wöhler direkt gegenüber.
Er war aber nicht zuständig für den Publikumsverkehr, sondern hatte an Hand von Vordrucken die Berechnungen vorzunehmen sowie die Bescheide zu schreiben.
Die Frau war inzwischen an die Schreibtische herangetreten, räusperte sich verlegen und sah von einem zum anderen. Erich Wegner stand auf und bot ihr einen Stuhl an.
„Was gibt‘s denn?“, fragte Wöhler, ohne hochzublicken. Er tat immer noch so, als sei er schwer beschäftigt. Wahrscheinlich las er jetzt tatsächlich in der Akte, die er vor sich hatte.
„Es geht um meinen Mann“, sagte die Frau verschüchtert. „Er ist krank.“ „Krank?“, wiederholte Wöhler.
„Der Arzt hat gemeint, ich soll mal zum Sozialamt gehen.“ „Was hat er denn, Ihr Mann?“ „Tuberkulose“, stotterte die Frau und wurde rot.
Wöhler klappte seine Akte zu und musterte die Frau. „So, Tuberkulose“, meinte er fast erfreut. „Da müssen Sie mal zu Herrn Schubert gehen, dafür bin ich leider nicht zuständig.“ Er fingerte sich eine Zigarette aus der auf dem Tisch liegenden Packung und schnipste sein Feuerzeug an.
Erich Wegner stand auf und ließ die Frau zur Tür hinaus. „Ich zeige Ihnen, wohin Sie müssen“, sagte er und ging voraus.
Als er zurückkam, las Wöhler Zeitung. „Ich kann heute keinen klaren Gedanken fassen“, klagte er. „Das Wetter macht mich einfach fertig.“ Draußen war es warm. Erich Wegner öffnete das Fenster auf seiner Seite, um die Sonne und Sauerstoff hereinzulassen. Das Zimmer kam ihm vor wie eine Gefängniszelle. Es hing ständig ein etwas säuerlicher Geruch in der Luft, so als niste ein Iltis unter den Dielen. An den Wänden standen Aktenschränke und mit zahlreichen Formularen vollgestopfte Regale. Auf den Schreibtischen lagen während der Arbeitszeit mehrere Stapel von Akten, die abends zumeist unbearbeitet wieder in den Schränken verstaut wurden.
Wöhlers Prinzip war: Es muss nach Arbeit aussehen.
Erich Wegner kannte inzwischen nicht nur Wöhlers Einstellung, sondern außerdem seinen gesamten Lebenslauf einschließlich der Familienverhältnisse. Auch Wöhler war Kriegsteilnehmer, genau wie Hannes Tammen, und erzählte gern von seinen Erlebnissen. Der Krieg schien das einzige Ereignis von Belang in seinem tristen Dasein gewesen zu sein, sozusagen sein Manneserlebnis.
Natürlich fand auch er den Krieg im Prinzip nicht gut. Aber er erinnerte sich häufig und gern daran. Nicht, dass er nichts mitgemacht hätte. Er war an der Ostfront gewesen, und sein linker Arm war durch eine Granatsplitterverletzung zwei Zentimeter kürzer als der rechte. Aber das Bösartige verlor mit der Zeit die Konturen, und das Erlebnis blieb.
Außerdem blieb Wöhlers Hass auf Russen, Polacken und Kommunisten, das war für ihn ein und dasselbe. Wenn die kämen, um zu sagen: „Frau komm mit“, würde auch er wieder zur Waffe greifen und die Freiheit des Westens gegen diese Tiere aus dem Osten verteidigen, so wenigstens sah das der Kreissekretär Wöhler.
Am liebsten unterhielt er sich über die Greueltaten der Partisanen, wobei abgeschnittene Geschlechtsteile, ausgestochene Augen und Vierteilungen immer eine große Rolle spielten. Ihm konnte keiner etwas vormachen, schließlich war er zwei Jahre in russischer Gefangenschaft gewesen. Und dass diese Subjekte die deutschen Frauen 1945 reihenweise vergewaltigt hatten, war ja mittlerweile sogar in der Presse nachzulesen.
Von den Judenvergasungen und von den SS-Sonderkommandos hatte er natürlich erst nach dem Krieg erfahren. Aber wer wusste denn, ob das nicht alles nur Meinungsmache war oder zumindest maßlos übertrieben, bloß weil man den Krieg verloren hatte. Über fünf Millionen Juden, wo sollten die überhaupt hergekommen sein? Und wenn man sich diese verlotterten Halbstarken heute ansah, für die wären doch Hitlerjugend und Reichsarbeitsdienst genau das Richtige. Im Übrigen dürfe man die Autobahnen nicht vergessen und die deutschen Raketenspezialisten und so weiter.
Aber Wöhler war unzufrieden mit seinem Leben, das merkte man an fast jeder seiner Äußerungen. Schon seit acht Jahren war er jetzt Kreissekretär, und wenn man seinen Worten Glauben schenken durfte, hätte er bereits vor vier Jahren zur Beförderung angestanden. Man hatte ihn einfach übergangen. „Mit denen ich zusammen in die Lehre ging, die sind alle schon Obersekretäre“, hatte er sich gleich am ersten Tag beklagt. Als Grund dafür sah er an, dass man beim Sozialamt der letzte Heuler sei. „Man wird behandelt, als wäre man selber ein Sozialhilfeempfänger“, schimpfte er. Wöhler war für den Gleichheitsgrundsatz, soweit es seine Beförderung betraf.
Allerdings schien es, als könne auch Wöhler guter Hoffnung sein, denn die Verwaltung wuchs ständig weiter an. Der Kreistag trug sich neuerdings mit Neubauplänen. Die Gesetze wurden von Jahr zu Jahr schwieriger, es gab andauernd neue Bestimmungen, Verordnungen und Erlasse, die Abteilungen mussten laufend vergrößert werden. Aus Inspektoren wurden Oberinspektoren, aus Oberinspektoren wurden Amtmänner, die Abteilungsleiter würden wahrscheinlich demnächst zu Oberamtmännern oder gar Amtsräten befördert werden. Warum sollte dann nicht auch aus dem letzten Sekretär ein Obersekretär werden, vielleicht sogar in ein paar Jahren ein Hauptsekretär?
Diesem ganzen Gebilde stand der Oberkreisdirektor vor, den Erich Wegner nur ein einziges Mal gesehen hatte, nämlich bei seiner Einstellung. Da hatte ihm der Oberkreisdirektor die Hand gegeben und ihm alles Gute gewünscht. Er hieß Doktor Hahn und war ihm vorgekommen wie der liebe Gott persönlich. Sein Zimmer, in dem ein riesiger Schreibtisch stand, war so groß wie ein Saal. An den Wänden hingen dunkle Ölbilder, aus denen die grimmigen Gesichter der abgebildeten Personen hervorleuchteten, das waren Adlige, denen die Stadt früher einmal gehört hatte.
Und von den Fenstern aus konnte der Oberkreisdirektor den gesamten Marktplatz überblicken. Wöhlers Stimme hatte einen ehrfurchtsvollen Klang, wenn er von Herrn Doktor Hahn sprach.
Dabei sah er ihn nur jedes Jahr ein einziges Mal, nämlich beim Betriebsfest.
Gegen zwölf Uhr kam der Abteilungsleiter herein. Wöhler erhob sich hinter seinem Schreibtisch, und Erich Wegner war sich nicht im Klaren darüber, ob er nun ebenfalls aufstehen oder lieber weiterarbeiten sollte. Er entschloss sich aufzustehen.
„Heute Morgen war ein Schreiben von einem Bürgermeister im Eingang“, sagte der Abteilungsleiter. „Da soll einer schwarzarbeiten.“ Er ging um die Schreibtische herum und setzte sich auf den Schreibmaschinenstuhl.
Lesen Sie in der kommenden Ausgabe, wie es für Erich Wegner „In der Verwaltung“ weitergeht!
© 2008 Horlemann
Alle Rechte vorbehalten
Überarbeitete Neuausgabe – Erstveröffentlichung 1978 Büchergilde Gutenberg, Satz und Umschlaggestaltung Verlag.
Bitte fordern Sie das Verlagsverzeichnis an, unter:
Horlemann Verlag, Postfach 1307, 53583 Bad Honnef,
Telefax 02224 5429, E-Mail: info (at) horlemann-verlag.de
www.horlemann.info
Online-Flyer Nr. 148 vom 28.05.2008
Wolfgang Bittners Fortsetzungroman – Folge 9
Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben
Von Wolfgang Bittner

4) In der Verwaltung
Der Herr Kreissekretär Wöhler stand neben seinem Schreibtisch und spähte angestrengt zum offenen Fenster hinaus. Es war halb elf. Er hielt ein Gummiband zwischen Daumen und Zeigefinger der linken Hand. Vor dem Fenster befand sich eine riesige, in vollem Laub stehende Kastanie. Wöhler nahm eine Büroklammer und bog sie auf. Er spannte das Gummiband, hakte die Büroklammer ein, zielte bedächtig und schoss. „Mist“, brummte er, „nicht getroffen.“ Aus der Kastanie erhoben sich zwei Tauben.
Erich Wegner enthielt sich jeglichen Kommentars. Schließlich war er nur Mitarbeiter. Wöhler, Anfang Fünfzig, wohlgenährt, mit einem runden, rosigen Gesicht, war dagegen Sachbearbeiter, und zwar für Hilfe zum Lebensunterhalt. Er bearbeitete die Buchstaben A bis H. Seine Lieblingsbeschäftigung bestand allerdings darin, ausgiebig die Zeitung zu lesen und mit Büroklammern auf Tauben, Spatzen, Amseln und gelegentlich sogar auf Eichhörnchen zu schießen.
Überhaupt hatte Wöhler die Vielseitigkeit der Büroklammer entdeckt. Er holte sich mit diesen Dingern das Schmalz aus den Ohren, bog sie zu kleinen Männchen zurecht, benutzte sie zum Pfeifereinigen oder manchmal auch zum Ausraten, wenn es um eine Runde Bier ging. Er war ein sehr erfinderischer Mensch, soweit es sich um Büroklammern handelte. Außerdem pflegte er sich gern zu unterhalten, aber weniger mit Hilfesuchenden als mit Kollegen.
Als es an der Tür klopfte, schloss Wöhler das Fenster und setzte sich in seinen Schreibtischsessel. Dann schlug er eine Akte auf und begann darin zu lesen.
Es klopfte erneut. Erich Wegner rief: „Herein!“ Eine Frau kam ins Zimmer und sagte guten Tag. Wöhler tat so, als müsse er gerade etwas außerordentlich Wichtiges lesen, als sei er momentan geistig unabkömmlich. Schließlich saß er auf einem Druckposten, das schienen die wenigsten zu begreifen, das musste man den Leuten erst einmal deutlich machen.
Erich Wegners Schreibtisch stand dem von Wöhler direkt gegenüber.
Er war aber nicht zuständig für den Publikumsverkehr, sondern hatte an Hand von Vordrucken die Berechnungen vorzunehmen sowie die Bescheide zu schreiben.
Die Frau war inzwischen an die Schreibtische herangetreten, räusperte sich verlegen und sah von einem zum anderen. Erich Wegner stand auf und bot ihr einen Stuhl an.
„Was gibt‘s denn?“, fragte Wöhler, ohne hochzublicken. Er tat immer noch so, als sei er schwer beschäftigt. Wahrscheinlich las er jetzt tatsächlich in der Akte, die er vor sich hatte.
„Es geht um meinen Mann“, sagte die Frau verschüchtert. „Er ist krank.“ „Krank?“, wiederholte Wöhler.
„Der Arzt hat gemeint, ich soll mal zum Sozialamt gehen.“ „Was hat er denn, Ihr Mann?“ „Tuberkulose“, stotterte die Frau und wurde rot.
Wöhler klappte seine Akte zu und musterte die Frau. „So, Tuberkulose“, meinte er fast erfreut. „Da müssen Sie mal zu Herrn Schubert gehen, dafür bin ich leider nicht zuständig.“ Er fingerte sich eine Zigarette aus der auf dem Tisch liegenden Packung und schnipste sein Feuerzeug an.
Erich Wegner stand auf und ließ die Frau zur Tür hinaus. „Ich zeige Ihnen, wohin Sie müssen“, sagte er und ging voraus.
Als er zurückkam, las Wöhler Zeitung. „Ich kann heute keinen klaren Gedanken fassen“, klagte er. „Das Wetter macht mich einfach fertig.“ Draußen war es warm. Erich Wegner öffnete das Fenster auf seiner Seite, um die Sonne und Sauerstoff hereinzulassen. Das Zimmer kam ihm vor wie eine Gefängniszelle. Es hing ständig ein etwas säuerlicher Geruch in der Luft, so als niste ein Iltis unter den Dielen. An den Wänden standen Aktenschränke und mit zahlreichen Formularen vollgestopfte Regale. Auf den Schreibtischen lagen während der Arbeitszeit mehrere Stapel von Akten, die abends zumeist unbearbeitet wieder in den Schränken verstaut wurden.
Wöhlers Prinzip war: Es muss nach Arbeit aussehen.
Erich Wegner kannte inzwischen nicht nur Wöhlers Einstellung, sondern außerdem seinen gesamten Lebenslauf einschließlich der Familienverhältnisse. Auch Wöhler war Kriegsteilnehmer, genau wie Hannes Tammen, und erzählte gern von seinen Erlebnissen. Der Krieg schien das einzige Ereignis von Belang in seinem tristen Dasein gewesen zu sein, sozusagen sein Manneserlebnis.
Natürlich fand auch er den Krieg im Prinzip nicht gut. Aber er erinnerte sich häufig und gern daran. Nicht, dass er nichts mitgemacht hätte. Er war an der Ostfront gewesen, und sein linker Arm war durch eine Granatsplitterverletzung zwei Zentimeter kürzer als der rechte. Aber das Bösartige verlor mit der Zeit die Konturen, und das Erlebnis blieb.
Außerdem blieb Wöhlers Hass auf Russen, Polacken und Kommunisten, das war für ihn ein und dasselbe. Wenn die kämen, um zu sagen: „Frau komm mit“, würde auch er wieder zur Waffe greifen und die Freiheit des Westens gegen diese Tiere aus dem Osten verteidigen, so wenigstens sah das der Kreissekretär Wöhler.
Am liebsten unterhielt er sich über die Greueltaten der Partisanen, wobei abgeschnittene Geschlechtsteile, ausgestochene Augen und Vierteilungen immer eine große Rolle spielten. Ihm konnte keiner etwas vormachen, schließlich war er zwei Jahre in russischer Gefangenschaft gewesen. Und dass diese Subjekte die deutschen Frauen 1945 reihenweise vergewaltigt hatten, war ja mittlerweile sogar in der Presse nachzulesen.
Von den Judenvergasungen und von den SS-Sonderkommandos hatte er natürlich erst nach dem Krieg erfahren. Aber wer wusste denn, ob das nicht alles nur Meinungsmache war oder zumindest maßlos übertrieben, bloß weil man den Krieg verloren hatte. Über fünf Millionen Juden, wo sollten die überhaupt hergekommen sein? Und wenn man sich diese verlotterten Halbstarken heute ansah, für die wären doch Hitlerjugend und Reichsarbeitsdienst genau das Richtige. Im Übrigen dürfe man die Autobahnen nicht vergessen und die deutschen Raketenspezialisten und so weiter.
Aber Wöhler war unzufrieden mit seinem Leben, das merkte man an fast jeder seiner Äußerungen. Schon seit acht Jahren war er jetzt Kreissekretär, und wenn man seinen Worten Glauben schenken durfte, hätte er bereits vor vier Jahren zur Beförderung angestanden. Man hatte ihn einfach übergangen. „Mit denen ich zusammen in die Lehre ging, die sind alle schon Obersekretäre“, hatte er sich gleich am ersten Tag beklagt. Als Grund dafür sah er an, dass man beim Sozialamt der letzte Heuler sei. „Man wird behandelt, als wäre man selber ein Sozialhilfeempfänger“, schimpfte er. Wöhler war für den Gleichheitsgrundsatz, soweit es seine Beförderung betraf.
Allerdings schien es, als könne auch Wöhler guter Hoffnung sein, denn die Verwaltung wuchs ständig weiter an. Der Kreistag trug sich neuerdings mit Neubauplänen. Die Gesetze wurden von Jahr zu Jahr schwieriger, es gab andauernd neue Bestimmungen, Verordnungen und Erlasse, die Abteilungen mussten laufend vergrößert werden. Aus Inspektoren wurden Oberinspektoren, aus Oberinspektoren wurden Amtmänner, die Abteilungsleiter würden wahrscheinlich demnächst zu Oberamtmännern oder gar Amtsräten befördert werden. Warum sollte dann nicht auch aus dem letzten Sekretär ein Obersekretär werden, vielleicht sogar in ein paar Jahren ein Hauptsekretär?
Diesem ganzen Gebilde stand der Oberkreisdirektor vor, den Erich Wegner nur ein einziges Mal gesehen hatte, nämlich bei seiner Einstellung. Da hatte ihm der Oberkreisdirektor die Hand gegeben und ihm alles Gute gewünscht. Er hieß Doktor Hahn und war ihm vorgekommen wie der liebe Gott persönlich. Sein Zimmer, in dem ein riesiger Schreibtisch stand, war so groß wie ein Saal. An den Wänden hingen dunkle Ölbilder, aus denen die grimmigen Gesichter der abgebildeten Personen hervorleuchteten, das waren Adlige, denen die Stadt früher einmal gehört hatte.
Und von den Fenstern aus konnte der Oberkreisdirektor den gesamten Marktplatz überblicken. Wöhlers Stimme hatte einen ehrfurchtsvollen Klang, wenn er von Herrn Doktor Hahn sprach.
Dabei sah er ihn nur jedes Jahr ein einziges Mal, nämlich beim Betriebsfest.
Gegen zwölf Uhr kam der Abteilungsleiter herein. Wöhler erhob sich hinter seinem Schreibtisch, und Erich Wegner war sich nicht im Klaren darüber, ob er nun ebenfalls aufstehen oder lieber weiterarbeiten sollte. Er entschloss sich aufzustehen.
„Heute Morgen war ein Schreiben von einem Bürgermeister im Eingang“, sagte der Abteilungsleiter. „Da soll einer schwarzarbeiten.“ Er ging um die Schreibtische herum und setzte sich auf den Schreibmaschinenstuhl.
Lesen Sie in der kommenden Ausgabe, wie es für Erich Wegner „In der Verwaltung“ weitergeht!
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Online-Flyer Nr. 148 vom 28.05.2008















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