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Kultur und Wissen
Aktionstag an der Kölner VHS über Mehrsprachigkeit als Chance
Integration im Kopf: Mehrsprachigkeit
Von Marilena Thanassoula
Mehrsprachigkeit wird in der öffentlichen Meinung als Manko wahrgenommen. Nicht so laut sind die Stimmen derer, die einen anderen Standpunkt vertreten und Mehrsprachigkeit als Chance betrachten.

Der „Joghyogourt" – Mehrsprachigkeit auf Schweizer Werbetafel
Foto: Oriolus
Das Wetter spielte am Samstag auf jeden Fall mit: regnerisch und frisch war es, und so konnte man sich problemlos in die 3. Etage der VHS am Neumarkt begeben und sich über das „Wunder der Mehrsprachigkeit“ zu informieren, frei von den typischen sommerbedingten Gewissensbissen wegen verpasster Sonnenstrahlen. In den Klassenräumen standen zahlreiche Informationsstände, es gab eine Podiumsdiskussion und am Nachmittag Foren für Eltern.
Eine bedrohte Art: die menschliche Sprache
Die Gesellschaft für bedrohte Sprachen informiert: Bis 90 Prozent der gut 6.000 derzeit noch gesprochenen Sprachen könnten innerhalb des laufenden Jahrhunderts aussterben. Anders als viele glauben, ist nicht die Verbreitung der „Globalisierungssprache“ Englisch die Ursache, sondern auf der einen Seite die Standardisierung der Nationalsprachen, auf der anderen die Unterdrückung und die Verfolgung von Minderheiten. Dialekte werden verpönt, oft nur von älteren Menschen gesprochen. Um letzteres festzustellen, muss man keine Feldforschung in „exotischen Ecken“ des Planeten betreiben, dies gilt auch für das heimische Niederdeutsch.

Schautafel zur „Optimierung des
Leseprozesses" | Foto: M. Thanassoula
Doch der Verlust der Sprache hat sowohl für den einzelnen als auch für die Gemeinschaft Konsequenzen: die Sprache ist Bestandteil der Identität, aber auch ein Mittel zum Ausdruck der kulturellen Vielfalt. Die Informationsstände der Universität zu Köln erlaubten einen Einblick in die Vielfalt der Ausdrucksmöglichkeiten, zum Beispiel die Arbeit des Instituts für Afrikanistik: Prof. Dr. Dimmendaal und seine Mitarbeiterin, Frau Schneider-Blum präsentierten ein Wörterbuch mit den Namen aller Pflanzen in einer äthiopischen Sprache. Die Wissenschaft weiß noch sehr wenig über diese Pflanzen – einziger Zugang ist eine bedrohte Sprache.
Raum und Zeit, die zwei Konstanten, die wir gern als etwas Objektives annehmen, sind doch Ansichtssache, sagt uns Dr. Silvia Kutscher und präsentiert ein Teil der vergleichenden Arbeit des Germanistikinstituts bezüglich räumlicher Orientierung: Warum gibt es so viele räumliche Ausdrücke und unterschiedliche Raumkonzepte in den Sprachen der Welt? „Im Bett“ ist nicht gleich „im Korb, im Haus, in der Baumhöhle“, zumindest nicht im Lasischen, einer Sprache im Nordosten der Türkei und im Kaukasus. Dagegen ist „ auf dem Balkon“ das gleiche wie „an der Wand“. Wie das funktioniert und was das für die menschliche Sprache bedeutet, erklärt die junge Wissenschaftlerin mit Enthusiasmus und freut sich über die Interesse und die positiven Kommentare ihrer Zuhörer.
Mehrsprachigkeit: der Normalfall
Im nächsten Raum die Sensation: wie wird die Sprache erworben? Wie erlernen Kinder die Sprache? Wie arbeitet das Gehirn? Fazit der Präsentation von Prof. Dr. Klaudia Roth und ihrer Mitarbeitern ist eben die unbekannte Tatsache, dass das Gehirn eher zur Mehrsprachigkeit geeignet ist, als zum Gebrauch einer einzigen Sprache. Und doch ist gerade Mehrsprachigkeit ein Problem im sozialen Kontext, sagt Frau Barbara Eiden von der Praxis für interkulturelle Sprachtherapie: Mehrsprachige Kinder lernen genauso effizient wie alle andere, nur bis zum 4. Jahr ist ihr Spracherwerb langsamer, oder einfach anders als bei Kindern, die nur eine Sprache lernen.
Nicht nur den Lehrkräften, sondern oft auch Ärzten fehlt es an entsprechenden Kenntnissen, und somit werden mehrsprachige Kinder stigmatisiert, vom System als Sonderfälle betrachtet, oft werden sie Opfer falscher Diagnosen. Dabei ist Mehrsprachigkeit nichts neues, erklärt Prof. Dr. Garzia-Ramon und führt die Sprachvielfalt des römischen Reiches an. Die Kontinuität dieser Vielfalt im europäischen Raum wird unter diachronen und synchronen Aspekten an der Philosophischen Fakultät der Kölner Uni erforscht. Die Verbindung von Sprach- und Rechtswissenschaften an der Kölner Universität ist einzigartig in Deutschland.
Migration, Partizipation, Integration.
Die Türkisch-Deutsche Industrie- und Handelskammer (TD-IHK) plädierte für Integration durch Ausbildung. Auch viele zweisprachige Verleger waren in der VHS vertreten, wie der Anadolu-Verlag aus Aachen, der farbenfrohe Kinderbücher zeigte, die schon seit 1977 zweisprachig erscheinen – eine Pionierarbeit.

Zahlreiche Verlage mit mehrsprachigem Angebot waren präsent
Foto: Marilena Thanassoula
30 Prozent der Schüler in NRW haben einen Migrationshintergrund und wachsen mehrsprachig auf. Weniger aber als ein Prozent der Lehrer sind ebenfalls mehrsprachig. „Das Grundmisstrauen der ‚Gastarbeiter Generation’ gegenüber der Schule ist kein Geheimnis“, erläutert die Landeskoordinatorin Dr. Antonietta Zeoli als Vertreterin der Regionalen Arbeitsstellen zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien. Ihre Mitarbeiter werben für Abiturienten mit mehrsprachigen Erfahrung zum Lehramt-Studium.
Bekanntlich gibt es wenige Schüler mit Migrationshintergrund, die es bis zum Abitur schaffen, aber dies wäre eine anderes Thema. Verständlich ist, dass diese erlesene Minderheit sich für profitablere und besser angesehenere Berufe als für den Lehrerberuf entscheidet. Doch das Misstrauen dieser Schüler gegenüber Bildung verwandelt sich in Vertrauen, gerade in Gesprächen mit Lehrern, die eben nicht ursprünglich „deutsch“ sind. Trotzdem fühlen sich Lehrer mit Migrationsgeschichte als Ausländer im eigenen Kollegium. Die Landesregierung NRW unterstützt seit 2007 das Projekt für mehr Lehrkräfte mit Zuwanderungsgeschichte.
Das Publikum: erleichtert!
Junge Menschen, selbst mehrsprachig, oder Eltern von mehrsprachigen Kindern: sie alle waren vor allem begeistert, ja sogar erleichtert, dass in der Veranstaltung Mehrsprachigkeit durchaus positiv dargestellt wurde. „Hier wird eine andere Realität gezeigt, die wir vergeblich in der Politik suchen“, sagt eine Erzieherin türkischer Herkunft, die nach mehr Informationen und Lehrmaterialien für ihre Arbeit sucht. In ihrem Alltag muss sie den Eltern Mut zu ihrer Muttersprache machen, die meisten sehen nämlich Deutsch als das Medium zu einem besseren Leben an. Sie verkennen, dass ohne Muttersprachenkenntnisse ihr Kind auch beim Erwerb der deutschen Sprache Probleme haben wird. In der Öffentlichkeit werden diese Familien gar nicht wahrgenommen – nur über Eltern, die Türkisch fördern, wird üppig berichtet.

Mehrsprachiges Wandgemälde von Marta Ayala im Maya-Stil
Foto Liz Henry
„Ich werde wegen meiner Aussprache als Französin wahrgenommen, und alle bewundern dann mein gutes Deutsch“, sagt Necla Demirci amüsiert. Wenn sie aber erwähne, dass sie türkischer Abstammung ist, werde ihr Deutsch bemängelt. Es fehlt an Kontakten zwischen Betroffenen, Wissen über existierende Netzwerke und Arbeitsgruppen. An diesem Aktionstag zeigten sich die Eltern auch deshalb erleichtert, weil es doch Gleichgesinnte, Wegweiser und Mitreisende gibt, mit denen man sich austauschen kann. Auch die Experten brauchen diesen Austausch, möchten gern von der Erfahrung der Eltern im Alltag lernen und ihr Wissen mitteilen.
Leider war die öffentliche Werbung für den Aktionstag an der VHS eher bescheiden – in diesem Sinne nehmen wir ihn für eine Serie über Mehrsprachigkeit in der NRhZ zum Anlass. Der nächste Beitrag erscheint mit unter dem Titel „Das mehrsprachige Gehirn“. (CH)
Online-Flyer Nr. 149 vom 04.06.2008
Aktionstag an der Kölner VHS über Mehrsprachigkeit als Chance
Integration im Kopf: Mehrsprachigkeit
Von Marilena Thanassoula
Mehrsprachigkeit wird in der öffentlichen Meinung als Manko wahrgenommen. Nicht so laut sind die Stimmen derer, die einen anderen Standpunkt vertreten und Mehrsprachigkeit als Chance betrachten.

Der „Joghyogourt" – Mehrsprachigkeit auf Schweizer Werbetafel
Foto: Oriolus
Das Wetter spielte am Samstag auf jeden Fall mit: regnerisch und frisch war es, und so konnte man sich problemlos in die 3. Etage der VHS am Neumarkt begeben und sich über das „Wunder der Mehrsprachigkeit“ zu informieren, frei von den typischen sommerbedingten Gewissensbissen wegen verpasster Sonnenstrahlen. In den Klassenräumen standen zahlreiche Informationsstände, es gab eine Podiumsdiskussion und am Nachmittag Foren für Eltern.
Eine bedrohte Art: die menschliche Sprache
Die Gesellschaft für bedrohte Sprachen informiert: Bis 90 Prozent der gut 6.000 derzeit noch gesprochenen Sprachen könnten innerhalb des laufenden Jahrhunderts aussterben. Anders als viele glauben, ist nicht die Verbreitung der „Globalisierungssprache“ Englisch die Ursache, sondern auf der einen Seite die Standardisierung der Nationalsprachen, auf der anderen die Unterdrückung und die Verfolgung von Minderheiten. Dialekte werden verpönt, oft nur von älteren Menschen gesprochen. Um letzteres festzustellen, muss man keine Feldforschung in „exotischen Ecken“ des Planeten betreiben, dies gilt auch für das heimische Niederdeutsch.

Schautafel zur „Optimierung des
Leseprozesses" | Foto: M. Thanassoula
Raum und Zeit, die zwei Konstanten, die wir gern als etwas Objektives annehmen, sind doch Ansichtssache, sagt uns Dr. Silvia Kutscher und präsentiert ein Teil der vergleichenden Arbeit des Germanistikinstituts bezüglich räumlicher Orientierung: Warum gibt es so viele räumliche Ausdrücke und unterschiedliche Raumkonzepte in den Sprachen der Welt? „Im Bett“ ist nicht gleich „im Korb, im Haus, in der Baumhöhle“, zumindest nicht im Lasischen, einer Sprache im Nordosten der Türkei und im Kaukasus. Dagegen ist „ auf dem Balkon“ das gleiche wie „an der Wand“. Wie das funktioniert und was das für die menschliche Sprache bedeutet, erklärt die junge Wissenschaftlerin mit Enthusiasmus und freut sich über die Interesse und die positiven Kommentare ihrer Zuhörer.
Mehrsprachigkeit: der Normalfall
Im nächsten Raum die Sensation: wie wird die Sprache erworben? Wie erlernen Kinder die Sprache? Wie arbeitet das Gehirn? Fazit der Präsentation von Prof. Dr. Klaudia Roth und ihrer Mitarbeitern ist eben die unbekannte Tatsache, dass das Gehirn eher zur Mehrsprachigkeit geeignet ist, als zum Gebrauch einer einzigen Sprache. Und doch ist gerade Mehrsprachigkeit ein Problem im sozialen Kontext, sagt Frau Barbara Eiden von der Praxis für interkulturelle Sprachtherapie: Mehrsprachige Kinder lernen genauso effizient wie alle andere, nur bis zum 4. Jahr ist ihr Spracherwerb langsamer, oder einfach anders als bei Kindern, die nur eine Sprache lernen.
Nicht nur den Lehrkräften, sondern oft auch Ärzten fehlt es an entsprechenden Kenntnissen, und somit werden mehrsprachige Kinder stigmatisiert, vom System als Sonderfälle betrachtet, oft werden sie Opfer falscher Diagnosen. Dabei ist Mehrsprachigkeit nichts neues, erklärt Prof. Dr. Garzia-Ramon und führt die Sprachvielfalt des römischen Reiches an. Die Kontinuität dieser Vielfalt im europäischen Raum wird unter diachronen und synchronen Aspekten an der Philosophischen Fakultät der Kölner Uni erforscht. Die Verbindung von Sprach- und Rechtswissenschaften an der Kölner Universität ist einzigartig in Deutschland.
Migration, Partizipation, Integration.
Die Türkisch-Deutsche Industrie- und Handelskammer (TD-IHK) plädierte für Integration durch Ausbildung. Auch viele zweisprachige Verleger waren in der VHS vertreten, wie der Anadolu-Verlag aus Aachen, der farbenfrohe Kinderbücher zeigte, die schon seit 1977 zweisprachig erscheinen – eine Pionierarbeit.

Zahlreiche Verlage mit mehrsprachigem Angebot waren präsent
Foto: Marilena Thanassoula
30 Prozent der Schüler in NRW haben einen Migrationshintergrund und wachsen mehrsprachig auf. Weniger aber als ein Prozent der Lehrer sind ebenfalls mehrsprachig. „Das Grundmisstrauen der ‚Gastarbeiter Generation’ gegenüber der Schule ist kein Geheimnis“, erläutert die Landeskoordinatorin Dr. Antonietta Zeoli als Vertreterin der Regionalen Arbeitsstellen zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien. Ihre Mitarbeiter werben für Abiturienten mit mehrsprachigen Erfahrung zum Lehramt-Studium.
Bekanntlich gibt es wenige Schüler mit Migrationshintergrund, die es bis zum Abitur schaffen, aber dies wäre eine anderes Thema. Verständlich ist, dass diese erlesene Minderheit sich für profitablere und besser angesehenere Berufe als für den Lehrerberuf entscheidet. Doch das Misstrauen dieser Schüler gegenüber Bildung verwandelt sich in Vertrauen, gerade in Gesprächen mit Lehrern, die eben nicht ursprünglich „deutsch“ sind. Trotzdem fühlen sich Lehrer mit Migrationsgeschichte als Ausländer im eigenen Kollegium. Die Landesregierung NRW unterstützt seit 2007 das Projekt für mehr Lehrkräfte mit Zuwanderungsgeschichte.
Das Publikum: erleichtert!
Junge Menschen, selbst mehrsprachig, oder Eltern von mehrsprachigen Kindern: sie alle waren vor allem begeistert, ja sogar erleichtert, dass in der Veranstaltung Mehrsprachigkeit durchaus positiv dargestellt wurde. „Hier wird eine andere Realität gezeigt, die wir vergeblich in der Politik suchen“, sagt eine Erzieherin türkischer Herkunft, die nach mehr Informationen und Lehrmaterialien für ihre Arbeit sucht. In ihrem Alltag muss sie den Eltern Mut zu ihrer Muttersprache machen, die meisten sehen nämlich Deutsch als das Medium zu einem besseren Leben an. Sie verkennen, dass ohne Muttersprachenkenntnisse ihr Kind auch beim Erwerb der deutschen Sprache Probleme haben wird. In der Öffentlichkeit werden diese Familien gar nicht wahrgenommen – nur über Eltern, die Türkisch fördern, wird üppig berichtet.

Mehrsprachiges Wandgemälde von Marta Ayala im Maya-Stil
Foto Liz Henry
„Ich werde wegen meiner Aussprache als Französin wahrgenommen, und alle bewundern dann mein gutes Deutsch“, sagt Necla Demirci amüsiert. Wenn sie aber erwähne, dass sie türkischer Abstammung ist, werde ihr Deutsch bemängelt. Es fehlt an Kontakten zwischen Betroffenen, Wissen über existierende Netzwerke und Arbeitsgruppen. An diesem Aktionstag zeigten sich die Eltern auch deshalb erleichtert, weil es doch Gleichgesinnte, Wegweiser und Mitreisende gibt, mit denen man sich austauschen kann. Auch die Experten brauchen diesen Austausch, möchten gern von der Erfahrung der Eltern im Alltag lernen und ihr Wissen mitteilen.
Leider war die öffentliche Werbung für den Aktionstag an der VHS eher bescheiden – in diesem Sinne nehmen wir ihn für eine Serie über Mehrsprachigkeit in der NRhZ zum Anlass. Der nächste Beitrag erscheint mit unter dem Titel „Das mehrsprachige Gehirn“. (CH)
Online-Flyer Nr. 149 vom 04.06.2008















