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Lokales
Lesung und Vortrag von Esther Mujawayo beim Kölner Appell
Ruanda zwischen Versöhnung und Verweigerung
Von Teresa Huhle

Esther Mujawayo –
arbeitet mit traumatisierten Flüchtlingen
Esther Mujawayo hat den Völkermord, dem 1994 ihr Mann und der allergrößte Teil ihrer Familie zum Opfer fielen, miterlebt und überlebt. Mit ihren drei Töchtern lebt sie heute in Deutschland und arbeitet als Psychotherapeutin mit traumatisierten Flüchtlingen. Sie hat zwei Bücher über ihr Erleben des Völkermords und seiner Aufarbeitung verfasst: 1994 erschien „Ein Leben mehr“ und zwei Jahre später „Auf der Suche nach Stéphanie“. Gudrun Honke hat von 1983 bis 1991 selbst in Ruanda gelebt und ist bekannt als Herausgeberin von Anthologien afrikanischer Literatur. Sie ist außerdem Herausgeberin eines Werkes über die deutsche Kolonialherrschaft in Ruanda, das den Titel „Als die Deutschen kamen“ trägt.
Glückliche Kindheit
Beide Frauen führten in einer Mischung aus Gespräch und Lesung durch ihre beiden Werke und damit auch durch die Geschichte Ruandas seit dem Völkermord, durch die Schwierigkeiten des Vergebens und Zusammenlebens. Doch sie stellen gleich zu Anfang klar: Ruanda ist mehr als nur das Land des Völkermords. Um das zu verdeutlichen, erzählte Esther Mujawayo als erstes von ihrem Aufwachsen in Ruanda, von ihrer Familie und ihrer sehr glücklichen Kindheit, von den Erinnerungen, die ihr das Weiterleben ermöglichten, die sie „Glück volltanken“ ließen. Obwohl ihre Familie schon 1959, 1963 und 1973 Opfer von Pogromen gegen die Tutsi wurde und dabei jedes Mal Hof und Kühe verlor, beschreibt Esther Mujawayo ihre Kindheit als sehr glücklich. Das habe an ihren liebevollen Eltern gelegen, die ihr früh beibrachten, dass zwar ein Haus zerstört werden könne, nicht jedoch das, was der Mensch in seinem Inneren besitze.

Gudrun Honke und Esther Mujawayo
Fotos: Paco Mirallas
„Die Menschen die den Genozid verübten, sind keine Monster“, und genau das sei so schwer vorstellbar. Sie ging mit den späteren TäterInnen zur Schule, sie lebten Haus an Haus: „Ein Genozid funktioniert mit ganz normalen Menschen“. Ruanda sei ein wunderschönes, grünes, blühendes Land, und am verstörendsten sei für sie gewesen, dass diese Schönheit nach dem Völkermord einfach fortbestand, der nicht nur eine Million Menschen das Leben kostete, sondern auch das Miteinander zerstörte, ergänzte Honke. Nach dem Vorlesen von Kindheitserinnerungen aus „Ein Leben mehr“ gab sie einen kurzen Überblick über Esther Mujawayos weiteren Werdegang: Sie absolvierte die Schule in Ruanda und ging zum Studium der Soziologie nach Belgien. Zurück in Ruanda heiratete sie und befand sich im Land als 1990 der Bürgerkrieg ausbrach und 1994 der Genozid begann.
Zugesehen und nichts unternommen
Bevor sie davon erzählte, wie sie selbst den Genozid erlebte, las Esther Mujawayo die ersten Seiten aus ihrem ersten Buch vor, in denen sie erklärt, weshalb sie sich entschieden hat, ihre Geschichte zu erzählen und aufzuschreiben: „Ich will darüber reden, damit niemand je wieder sagen kann, wir haben nichts gewusst.“ „Und ich klage an.“ „`Nie wieder’ ist wieder passiert“ - Sätze, die unter die Haut gehen und jeden ansprechen und anklagen, der zugesehen und nichts unternommen hat. So wie die UNO, die den Völkermord nicht als Völkermord bezeichnete, um nicht eingreifen zu müssen. Doch auch in den schlimmsten Stunden habe es Funken der Menschlichkeit gegeben: „Lass dir deinen kleinen Funken Menschlichkeit von nichts und niemanden nehmen, denn wenn dieser letzte Funke in dir erlischt, dann bist du wirklich tot.“
„Geht arbeiten!“ stand für „Tötet Tutsi!“
Auch wenn es absurd klinge, Esther Mujawayo habe in ihrem Versteck – dem Gymnasium in dem ihr Mann als Lehrer arbeitete – „Glück gehabt“, sagte Gudrun Honke. Über Radiopropaganda wurde die Hutu-Bevölkerung aufgefordert, alle Tutsi, alle „Kakerlaken“ (wie sie die Propaganda nannte) zu ermorden, wobei statt ermorden „arbeiten“ gesagt wurde. „Geht arbeiten“ stand für „Tötet Tutsi!“. Doch in ihrem Versteck hätten sie und ihre Familie die Ausschreitung und Ermordungen nicht mit eigenen Augen ansehen müssen, konnte Esther Mujawayo ihre Kinder davor schützen, mit dem Anblick konfrontiert zu werden.
Doch das Versteck war nicht sicher. Nach einigen Wochen kamen die Täter, trennten Männer und Frauen. Alle Männer und Jungen, auch der Mann von Esther Mujawayo, mussten mit ihnen gehen und wurden 200 Meter entfernt an einer Straßensperre ermordet. Gudrun Honke las nun den Teil aus „Ein Leben mehr“, in dem Esther Mujawayo von ihrer Flucht zum Hotel des Mille Collines, dem Aufenthalt dort und der anschließenden Fahrt aus Ruanda mit einem UN-Konvoi erzählt. Ein UN-Konvoi brachte sie und andere Tutsi-Flüchtlinge im Juni 1994 zunächst in die von der Rebellenarmee der RPF beherrschten Gebiete Ruandas und dann über die Grenze nach Uganda.
Witwenorganisation gegründet
Dort habe sie zum ersten Mal die Verzweiflung gepackt, erzählte Esther Mujawayo. Dort, wo sie zum ersten Mal wirklich in Sicherheit war, hielt sie es nicht aus und ging zurück nach Ruanda, um andere Überlebende zu suchen. Der Genozid war vorbei, die Rebellenbewegung Ruandische Patriotische Front (RPF) beherrschte Kigali, und Esther Mujawayo fand eine Freundin und eine Schwester. Sie waren alle Witwen und Waisen. Mit ihnen sei es ihr endlich möglich gewesen, über das Erlebte zu sprechen. Anfangs trafen sich die Frauen, die später die Witwenorganisation AVEDA gründen sollten, einfach nur zum Austausch und um gemeinsam mit einem Alltag fertig zu werden, der nicht mehr funktionierte. Alpträume und psychosomatische Schmerzen führten dazu, dass sie Angst hatten, verrückt zu werden. Ihre Therapeuten erklärten Ihnen jedoch, dass das alles normale Reaktionen seien.
Den Entschluss selbst Therapeutin zu werden, fasste Esther auf einer Konferenz, auf der zahlreiche ausländische Experten von Nichtregierungsorganisationen waren und über das Thema Traumatherapie sprachen. Schon nach ihrer damaligen Überzeugung bräuchten die traumatisierten Opfer zunächst eine materielle Grundversorgung. Sie ging nach London, um ein Jahr später mit einem Diplom in Psychotherapie nach Ruanda zurückzukehren.
Das zweite Buch von Mujawayo handelt von der Suche nach den sterblichen Überresten ihrer ermordeten Schwester Stéphanie und nach deren Mördern. Im Original heißt es „La fleur de Stéphanie“, also „Stéphanies Blume“. Denn eine Blume, die Stéphanie als Jugendliche am Haus ihrer Eltern gepflanzt hatte, war das einzige, was Esther Mujawayo auf der Suche nach ihrer Schwester fand: „Etwas bleibt auch wenn gar nichts bleibt.“
Erbe der Kolonialherrschaft
Langer Applaus und zahlreiche Fragen folgten. Die Fragen bezogen sich einerseits auf Esther Mujawayos Erzählungen, andererseits auf den historischen Hintergrund des Völkermordes, auf die Frage: „Warum?“ Der Schlüssel zum Verständnis sei die deutsche und belgische Kolonialherrschaft, so Esther Mujawayo. Zwar sei auch vorher nicht alles harmonisch gewesen in Ruanda, habe es zwischen den Hutu, Tutsi und Twa, die Ruanda bevölkerten, schon immer Spannungen gegeben. Die Unterschiede zwischen diesen Gruppen seien jedoch in der Kolonialzeit erst als solche definiert und herausgearbeitet worden, die physikalische, „rassische“ Trennung der Bevölkerung war eine Erfindung der Kolonialherren. Vor der Ankunft der Deutschen und Belgier war Ruanda eine Monarchie, und die Trennung zwischen Hutu und Tutsi hatte in erster Linie etwas mit sozialer Macht zu tun. Die Kolonialmächte bevorzugten die Tutsi, sagten, diese seien keine „Neger“. Die Belgier führten 1932 schließlich einen Rassenausweis ein, in dem festgelegt wurde, wer Hutu und wer Tutsi war. An den damals angelegten Kriterien zeigte sich die Vermischung sozialer und ethnischer Kategorien: als Tutsi wurde jeder eingetragen, der mehr als 10 Kühe besaß. Das führte dazu, dass es in ein und derselben Familie Hutu und Tutsi gab, Familienmitglieder unterschiedlichen „Rassen“ zugeordnet wurden.
Auf dem Weg in die Unabhängigkeit in den 1950er/1960er Jahren unterstützte Belgien die Hutu. Seit Beginn der Unabhängigkeit wurden dann die Tutsi von den Hutu systematisch massakriert, zogen sich deshalb nach Uganda zurück um sich dort in Guerillataktiken zu üben. Esther Mujawayo verwies in diesem Zusammenhang auf die belgische Gesellschaft, in der es eine klare Trennung zwischen Flamen und Wallonen gibt. Gudrun Honke ergänzte: Die Trennung zwischen Hutu und Tutsi in der Geschichte Ruandas sei immer für politische Machtinteressen instrumentalisiert worden.
Hutu-Frauen „nicht so unschuldig wie gedacht“
Auf die Frage eines Zuhörers, warum man immer nur im männlichen Plural von „Tätern“ spreche, wie sich die Hutu-Frauen während der Zeit des Völkermords verhalten hätten, antwortete Esther Mujawayo, erst kürzlich sei ein Bericht erschienen, der zeige, dass die Hutu-Frauen „nicht so unschuldig wie gedacht“ seien. Sie hätten beim Völkermord aktiv mitgemacht. Vor dem UN-Tribunal in Arusha sei beispielsweise eine Frau wegen Beihilfe zu systematischen Vergewaltigungen angeklagt.
Das Zusammenleben von Opfern und TäterInnen sei sehr schwierig, beantwortete sie eine weitere Frage. Doch man habe keine Wahl. Noch heute gebe es Überlebende, die Repressionen ausgesetzt seien. Sie könne sich ein Vergeben und Versöhnen schwer vorstellen, plädiere dafür, sich einfach gegenseitig in Ruhe zu lassen. Doch im Grunde sei das Zusammenleben nicht möglich, so lange die TäterInnen noch immer alles besäßen und die Überlebenden Angst haben müssten, dass es wieder passiert. (PK)

Esther Mujawayo, Spuad Belhaddad: „Auf der Suche nach Stéphanie - Ruanda zwischen Versöhnung und Verweigerung“, Peter Hammer-Verlag, 268 Seiten, 19,90 Euro
Kölner Appell gegen Rassismus e.V., Körnerstr. 77-79, 50823 Köln, www.koelnerappell.de
Online-Flyer Nr. 150 vom 11.06.2008
Lesung und Vortrag von Esther Mujawayo beim Kölner Appell
Ruanda zwischen Versöhnung und Verweigerung
Von Teresa Huhle

Esther Mujawayo –
arbeitet mit traumatisierten Flüchtlingen
Glückliche Kindheit
Beide Frauen führten in einer Mischung aus Gespräch und Lesung durch ihre beiden Werke und damit auch durch die Geschichte Ruandas seit dem Völkermord, durch die Schwierigkeiten des Vergebens und Zusammenlebens. Doch sie stellen gleich zu Anfang klar: Ruanda ist mehr als nur das Land des Völkermords. Um das zu verdeutlichen, erzählte Esther Mujawayo als erstes von ihrem Aufwachsen in Ruanda, von ihrer Familie und ihrer sehr glücklichen Kindheit, von den Erinnerungen, die ihr das Weiterleben ermöglichten, die sie „Glück volltanken“ ließen. Obwohl ihre Familie schon 1959, 1963 und 1973 Opfer von Pogromen gegen die Tutsi wurde und dabei jedes Mal Hof und Kühe verlor, beschreibt Esther Mujawayo ihre Kindheit als sehr glücklich. Das habe an ihren liebevollen Eltern gelegen, die ihr früh beibrachten, dass zwar ein Haus zerstört werden könne, nicht jedoch das, was der Mensch in seinem Inneren besitze.

Gudrun Honke und Esther Mujawayo
Fotos: Paco Mirallas
„Die Menschen die den Genozid verübten, sind keine Monster“, und genau das sei so schwer vorstellbar. Sie ging mit den späteren TäterInnen zur Schule, sie lebten Haus an Haus: „Ein Genozid funktioniert mit ganz normalen Menschen“. Ruanda sei ein wunderschönes, grünes, blühendes Land, und am verstörendsten sei für sie gewesen, dass diese Schönheit nach dem Völkermord einfach fortbestand, der nicht nur eine Million Menschen das Leben kostete, sondern auch das Miteinander zerstörte, ergänzte Honke. Nach dem Vorlesen von Kindheitserinnerungen aus „Ein Leben mehr“ gab sie einen kurzen Überblick über Esther Mujawayos weiteren Werdegang: Sie absolvierte die Schule in Ruanda und ging zum Studium der Soziologie nach Belgien. Zurück in Ruanda heiratete sie und befand sich im Land als 1990 der Bürgerkrieg ausbrach und 1994 der Genozid begann.
Zugesehen und nichts unternommen
Bevor sie davon erzählte, wie sie selbst den Genozid erlebte, las Esther Mujawayo die ersten Seiten aus ihrem ersten Buch vor, in denen sie erklärt, weshalb sie sich entschieden hat, ihre Geschichte zu erzählen und aufzuschreiben: „Ich will darüber reden, damit niemand je wieder sagen kann, wir haben nichts gewusst.“ „Und ich klage an.“ „`Nie wieder’ ist wieder passiert“ - Sätze, die unter die Haut gehen und jeden ansprechen und anklagen, der zugesehen und nichts unternommen hat. So wie die UNO, die den Völkermord nicht als Völkermord bezeichnete, um nicht eingreifen zu müssen. Doch auch in den schlimmsten Stunden habe es Funken der Menschlichkeit gegeben: „Lass dir deinen kleinen Funken Menschlichkeit von nichts und niemanden nehmen, denn wenn dieser letzte Funke in dir erlischt, dann bist du wirklich tot.“
„Geht arbeiten!“ stand für „Tötet Tutsi!“
Auch wenn es absurd klinge, Esther Mujawayo habe in ihrem Versteck – dem Gymnasium in dem ihr Mann als Lehrer arbeitete – „Glück gehabt“, sagte Gudrun Honke. Über Radiopropaganda wurde die Hutu-Bevölkerung aufgefordert, alle Tutsi, alle „Kakerlaken“ (wie sie die Propaganda nannte) zu ermorden, wobei statt ermorden „arbeiten“ gesagt wurde. „Geht arbeiten“ stand für „Tötet Tutsi!“. Doch in ihrem Versteck hätten sie und ihre Familie die Ausschreitung und Ermordungen nicht mit eigenen Augen ansehen müssen, konnte Esther Mujawayo ihre Kinder davor schützen, mit dem Anblick konfrontiert zu werden.
Doch das Versteck war nicht sicher. Nach einigen Wochen kamen die Täter, trennten Männer und Frauen. Alle Männer und Jungen, auch der Mann von Esther Mujawayo, mussten mit ihnen gehen und wurden 200 Meter entfernt an einer Straßensperre ermordet. Gudrun Honke las nun den Teil aus „Ein Leben mehr“, in dem Esther Mujawayo von ihrer Flucht zum Hotel des Mille Collines, dem Aufenthalt dort und der anschließenden Fahrt aus Ruanda mit einem UN-Konvoi erzählt. Ein UN-Konvoi brachte sie und andere Tutsi-Flüchtlinge im Juni 1994 zunächst in die von der Rebellenarmee der RPF beherrschten Gebiete Ruandas und dann über die Grenze nach Uganda.
Witwenorganisation gegründet
Dort habe sie zum ersten Mal die Verzweiflung gepackt, erzählte Esther Mujawayo. Dort, wo sie zum ersten Mal wirklich in Sicherheit war, hielt sie es nicht aus und ging zurück nach Ruanda, um andere Überlebende zu suchen. Der Genozid war vorbei, die Rebellenbewegung Ruandische Patriotische Front (RPF) beherrschte Kigali, und Esther Mujawayo fand eine Freundin und eine Schwester. Sie waren alle Witwen und Waisen. Mit ihnen sei es ihr endlich möglich gewesen, über das Erlebte zu sprechen. Anfangs trafen sich die Frauen, die später die Witwenorganisation AVEDA gründen sollten, einfach nur zum Austausch und um gemeinsam mit einem Alltag fertig zu werden, der nicht mehr funktionierte. Alpträume und psychosomatische Schmerzen führten dazu, dass sie Angst hatten, verrückt zu werden. Ihre Therapeuten erklärten Ihnen jedoch, dass das alles normale Reaktionen seien.
Den Entschluss selbst Therapeutin zu werden, fasste Esther auf einer Konferenz, auf der zahlreiche ausländische Experten von Nichtregierungsorganisationen waren und über das Thema Traumatherapie sprachen. Schon nach ihrer damaligen Überzeugung bräuchten die traumatisierten Opfer zunächst eine materielle Grundversorgung. Sie ging nach London, um ein Jahr später mit einem Diplom in Psychotherapie nach Ruanda zurückzukehren.
Das zweite Buch von Mujawayo handelt von der Suche nach den sterblichen Überresten ihrer ermordeten Schwester Stéphanie und nach deren Mördern. Im Original heißt es „La fleur de Stéphanie“, also „Stéphanies Blume“. Denn eine Blume, die Stéphanie als Jugendliche am Haus ihrer Eltern gepflanzt hatte, war das einzige, was Esther Mujawayo auf der Suche nach ihrer Schwester fand: „Etwas bleibt auch wenn gar nichts bleibt.“
Erbe der Kolonialherrschaft
Langer Applaus und zahlreiche Fragen folgten. Die Fragen bezogen sich einerseits auf Esther Mujawayos Erzählungen, andererseits auf den historischen Hintergrund des Völkermordes, auf die Frage: „Warum?“ Der Schlüssel zum Verständnis sei die deutsche und belgische Kolonialherrschaft, so Esther Mujawayo. Zwar sei auch vorher nicht alles harmonisch gewesen in Ruanda, habe es zwischen den Hutu, Tutsi und Twa, die Ruanda bevölkerten, schon immer Spannungen gegeben. Die Unterschiede zwischen diesen Gruppen seien jedoch in der Kolonialzeit erst als solche definiert und herausgearbeitet worden, die physikalische, „rassische“ Trennung der Bevölkerung war eine Erfindung der Kolonialherren. Vor der Ankunft der Deutschen und Belgier war Ruanda eine Monarchie, und die Trennung zwischen Hutu und Tutsi hatte in erster Linie etwas mit sozialer Macht zu tun. Die Kolonialmächte bevorzugten die Tutsi, sagten, diese seien keine „Neger“. Die Belgier führten 1932 schließlich einen Rassenausweis ein, in dem festgelegt wurde, wer Hutu und wer Tutsi war. An den damals angelegten Kriterien zeigte sich die Vermischung sozialer und ethnischer Kategorien: als Tutsi wurde jeder eingetragen, der mehr als 10 Kühe besaß. Das führte dazu, dass es in ein und derselben Familie Hutu und Tutsi gab, Familienmitglieder unterschiedlichen „Rassen“ zugeordnet wurden.
Auf dem Weg in die Unabhängigkeit in den 1950er/1960er Jahren unterstützte Belgien die Hutu. Seit Beginn der Unabhängigkeit wurden dann die Tutsi von den Hutu systematisch massakriert, zogen sich deshalb nach Uganda zurück um sich dort in Guerillataktiken zu üben. Esther Mujawayo verwies in diesem Zusammenhang auf die belgische Gesellschaft, in der es eine klare Trennung zwischen Flamen und Wallonen gibt. Gudrun Honke ergänzte: Die Trennung zwischen Hutu und Tutsi in der Geschichte Ruandas sei immer für politische Machtinteressen instrumentalisiert worden.
Hutu-Frauen „nicht so unschuldig wie gedacht“
Auf die Frage eines Zuhörers, warum man immer nur im männlichen Plural von „Tätern“ spreche, wie sich die Hutu-Frauen während der Zeit des Völkermords verhalten hätten, antwortete Esther Mujawayo, erst kürzlich sei ein Bericht erschienen, der zeige, dass die Hutu-Frauen „nicht so unschuldig wie gedacht“ seien. Sie hätten beim Völkermord aktiv mitgemacht. Vor dem UN-Tribunal in Arusha sei beispielsweise eine Frau wegen Beihilfe zu systematischen Vergewaltigungen angeklagt.
Das Zusammenleben von Opfern und TäterInnen sei sehr schwierig, beantwortete sie eine weitere Frage. Doch man habe keine Wahl. Noch heute gebe es Überlebende, die Repressionen ausgesetzt seien. Sie könne sich ein Vergeben und Versöhnen schwer vorstellen, plädiere dafür, sich einfach gegenseitig in Ruhe zu lassen. Doch im Grunde sei das Zusammenleben nicht möglich, so lange die TäterInnen noch immer alles besäßen und die Überlebenden Angst haben müssten, dass es wieder passiert. (PK)

Esther Mujawayo, Spuad Belhaddad: „Auf der Suche nach Stéphanie - Ruanda zwischen Versöhnung und Verweigerung“, Peter Hammer-Verlag, 268 Seiten, 19,90 Euro
Kölner Appell gegen Rassismus e.V., Körnerstr. 77-79, 50823 Köln, www.koelnerappell.de
Online-Flyer Nr. 150 vom 11.06.2008














