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Literatur
Der Klassiker und die Nachwelt – erste Folge
Vorsicht, Hacks!
Von Georg Fülberth
Bei der Trauerfeier für Peter Hacks im Französischen Dom 2003 in Berlin war davon die Rede, daß dieser Dichter zu seinen späten Lebzeiten verkannt, geschmäht, ja totgeschwiegen worden sei. Bei diesen Worten gingen die Köpfe der Anwesenden nickend nach unten und wieder nach oben: Sie bestätigten das Gesagte. Es war nämlich ein Teil der gestürzten und nicht im Westen angekommenen intellektuellen Elite der untergegangenen DDR versammelt. Diese Anwesenden trauerten um sich selbst.

Peter Hacks
Hacks aber war schon damals weniger verkannt als sie. Gewiß, in einem Sammelband deutscher Balladen des Reclam Verlags fehlte er. Aber es war 2000 Lorenz Jäger in der FAZ, der kopfschüttelnd auf diese Dummheit hinwies. Er stellte Hacks politisch-moralisch in eine Reihe mit Salvador Dalí und Richard Strauss, schloß aber dann: „Man muß Peter Hacks nicht in allem glauben, um den Genuß zu empfinden, den sein vollendetes dichterisches Können gewährt. Man entlastet sich von der Innerlichkeit. Man liest ihn, wie man früher Horaz gelesen hat.“ Totschweigen klingt anders.
In der Schlußphase der DDR war Peter Hacks wahrscheinlich einsamer als danach. Vorher gab es nur – wie sein Freund André Müller es nannte – eine „Hacks-Mafia“, bestehend aus vielleicht fünf Personen. Dann aber scharten sich neue Anhänger um ihn. Den Beginn, immerhin noch zu Honeckers Zeiten, machte Ronald Schernikau, ihm folgten andere, darunter Wiglaf Droste.
Wiglaf Droste 2006 | Foto: Viborg
Es zeigte sich: Der Gealterte vermochte Qualität unter den Jungen zu erkennen. Man kann sich gut seinen Kiez-Nachbarn Wladimir Kaminer neben ihm vorstellen. Hacks, der „Sweatshirt“ auf „plätschert“ reimte und Arno Schmidt schätzte, war in seinem Umgang wählerisch, aber nicht engstirnig. Inzwischen gibt es eine hochaktive Gemeinde: eine Peter-Hacks-Gesellschaft mit einem Peter-Hacks-Kalender, die Peter-Hacks-Seite im Internet, das halbjährlich erscheinende Journal Argos. Mitteilungen zu Leben Werk und Nachwelt von Peter Hacks, sogar einen Hacks-Shop. Der Eulenspiegel Verlag bringt immer neue Briefbände heraus.
Es fragt sich, ob das nicht sogar ein bißchen üppig ist – gelehrte Bewunderung, ja Verehrung. Wer sich zu ästhetischer Kritik aufraffen wollte, verzagt und versagt und läßt schnell den Griffel sinken. Die spitzen Rezensionen der Autorin Cristina Fischer wirken nachgerade heroisch und treffen einiges, aber nicht das Werk, sondern eher die Selbstdarstellung des Dichters und den Kult seiner Anhänger. André Müllers wunderbares Buch „Gespräche mit Hacks 1963–2003“ verweist im Titel auf Eckermanns „Gespräche mit Goethe“ und zeigt Selbständigkeit des Urteils, unter anderem in den Beobachtungen zu Hacks’ Verengungen in den letzten Jahren.
Der Kult der Adepten ließ Frank Schirrmacher nicht ruhen: „Zwölf Zeilen eines Gedichts können eine halbe Bibliothek politischer Gemeinheiten aufwiegen. Warum wir Peter Hacks neu lesen müssen“ – nach dieser Einleitung gibt er die Parole aus: „Also sprechen wir ruhig gegen das Geschrei: er ist unser.“
Warum macht er das?
Es soll der vollständige Sieg der Konterrevolution gefeiert werden. Ernst Jünger erzählte, wie er im Schützengraben die Kleider eines von ihm getöteten britischen Offiziers anzog. Die römischen Imperatoren führten, wenn sie in der Hauptstadt ihren Triumphzug abhielten, ihre geschlagenen Feinde mit sich. Natürlich wird den Besiegten jeweils ihr Bestes genommen. Von der DDR will man die Kunst des Peter Hacks ohne seine Politik.

Man sucht sich aus, was man noch verwerten kann – Palast der Republik
vor Berliner Dom | Foto: Philipp Flury, pixelio.de
Er hat viel dafür getan, daß er für eine solche Vereinnahmung ungenießbar wurde. Aber Schirrmacher findet, daß es eben Teile des Werks gebe, die nicht politisch kontaminiert seien. Gegen das ausschließlich linke „Er war unser“ spricht, daß Hacks zwar ein Kommunist, aber kein Linker im Normsinn gewesen ist. Das muß erklärt werden.
Ein Kommunist zwar, aber…
Ein Kommunist ist Anhänger einer „Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“ (MEW 4, S. 482). Jene ist ein „Verein freier Menschen“ (MEW 23, S. 92), in dem das Privateigentum an den Produktionsmitteln abgeschafft wurde und das Prinzip „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“ (MEW 19, S. 21) gilt.
Die Linke ist eine Oppositionsbewegung im Kapitalismus und Sozialismus, die Freiheit und Gleichheit durchsetzen will. Zu ihren politischen Mitteln gehört die Rebellion.
Peter Hacks lebte in der DDR, und dort gab es seiner Meinung nach nichts mehr zu rebellieren. Oppositionsbewegungen im Kapitalismus beurteilte er nach ihrer Stellung zum Kommunismus. Da dieser im Westen in absehbarer Zeit nicht realisierbar ist, waren sie für Hacks nicht besonders wichtig. Er fragte danach, wie sie sich zum in der DDR schon bestehenden Sozialismus verhielten, und dabei kam er für die APO zu einem negativen Ergebnis. Herbert Marcuse hielt er für einen Ideologen des Imperialismus, dessen objektive Wirkung zur Herbeiführung eines Vereins freier Menschen gleich Null, dessen Potential zur Unterminierung des realen Sozialismus dagegen etwas größer war.

Wolf Biermann
Foto: Hans Weingartz
Die Gleichheit schätzte Hacks nur insofern, als sie mit Freiheit zur Entfaltung ungleicher Fähigkeiten vereinbar ist. Rebellen in der DDR waren für ihn auch dann Konterrevolutionäre, wenn sie, wie Bahro, Biermann und Heiner Müller, sich als Linke darstellten, die eine Regierung stürzen wollten. Denn diese Regierung war ja eine sozialistische. Die Vorstellung von einer demokratischen Revolution in der DDR war für ihn trotzkistisch und insofern konterrevolutionär, als sie auf die Beseitigung des Sozialismus hinauslaufen müsse. In der Gegenüberstellung von Sozialismus und Demokratie entschied er sich für den Sozialismus.
Diese Auffassung spiegelte er immer wieder in der Geschichte des 19. Jahrhunderts. Er machte sich über die „Göttinger Sieben“ lustig, jene Professoren, die von ihrem Monarchen eine Verfassung verlangten und von diesem davongejagt wurden. Den dumpfbackigen preußischen König Friedrich Wilhelm III. zog er dem nationaldemokratischen Turnvater Jahn vor.
Wenn das unbedingte Bekenntnis zur Demokratie den Linken ausmacht, dann war Hacks keiner. (CH)
Denkmal für ein Denkmal (1)
Wenn ich mit meiner Gemahlin
Im Traum ins Kino geh,
Steht ein schöner schwarzer Stalin
Auf seiner gelben Allee.
Von marmornem Sockel gibt er
Den Sieg der Völker bekannt.
In die Litewka schiebt er
Die müde rechte Hand.
Noch hält er in der Linken
Den großen Schlachtenplan.
Er läßt ihn achtlos sinken.
Die Arbeit ist getan.
Er blickt sehr würdig, seiner
Sehr sicher auf die Stadt,
Unangestrengt wie einer,
Der sie gerettet hat.
Der plumpe Narr Nikita
Zog ihn aus dem Betrieb.
Er tat es seinem Gebieter
In Washington zulieb.
Der Weltlauf ist gewendet.
Die Helden stürzen hin.
Die Alte Zeit geschändet,
Die Zukunft ohne Sinn.
Allein die Heimatgedichte
Beklagen das klaffende Loch
In der Heimatgeschichte.
Gäb Gott, er stände noch.
Das Gedicht entstammt der Werkausgabe von Peter Hacks (15 Bände, Berlin 2003). Wir danken dem Eulenspiegel Verlag für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung.
Online-Flyer Nr. 150 vom 11.06.2008
Der Klassiker und die Nachwelt – erste Folge
Vorsicht, Hacks!
Von Georg Fülberth
Bei der Trauerfeier für Peter Hacks im Französischen Dom 2003 in Berlin war davon die Rede, daß dieser Dichter zu seinen späten Lebzeiten verkannt, geschmäht, ja totgeschwiegen worden sei. Bei diesen Worten gingen die Köpfe der Anwesenden nickend nach unten und wieder nach oben: Sie bestätigten das Gesagte. Es war nämlich ein Teil der gestürzten und nicht im Westen angekommenen intellektuellen Elite der untergegangenen DDR versammelt. Diese Anwesenden trauerten um sich selbst.

Peter Hacks
In der Schlußphase der DDR war Peter Hacks wahrscheinlich einsamer als danach. Vorher gab es nur – wie sein Freund André Müller es nannte – eine „Hacks-Mafia“, bestehend aus vielleicht fünf Personen. Dann aber scharten sich neue Anhänger um ihn. Den Beginn, immerhin noch zu Honeckers Zeiten, machte Ronald Schernikau, ihm folgten andere, darunter Wiglaf Droste.

Wiglaf Droste 2006 | Foto: Viborg
Es fragt sich, ob das nicht sogar ein bißchen üppig ist – gelehrte Bewunderung, ja Verehrung. Wer sich zu ästhetischer Kritik aufraffen wollte, verzagt und versagt und läßt schnell den Griffel sinken. Die spitzen Rezensionen der Autorin Cristina Fischer wirken nachgerade heroisch und treffen einiges, aber nicht das Werk, sondern eher die Selbstdarstellung des Dichters und den Kult seiner Anhänger. André Müllers wunderbares Buch „Gespräche mit Hacks 1963–2003“ verweist im Titel auf Eckermanns „Gespräche mit Goethe“ und zeigt Selbständigkeit des Urteils, unter anderem in den Beobachtungen zu Hacks’ Verengungen in den letzten Jahren.
Der Kult der Adepten ließ Frank Schirrmacher nicht ruhen: „Zwölf Zeilen eines Gedichts können eine halbe Bibliothek politischer Gemeinheiten aufwiegen. Warum wir Peter Hacks neu lesen müssen“ – nach dieser Einleitung gibt er die Parole aus: „Also sprechen wir ruhig gegen das Geschrei: er ist unser.“
Warum macht er das?
Es soll der vollständige Sieg der Konterrevolution gefeiert werden. Ernst Jünger erzählte, wie er im Schützengraben die Kleider eines von ihm getöteten britischen Offiziers anzog. Die römischen Imperatoren führten, wenn sie in der Hauptstadt ihren Triumphzug abhielten, ihre geschlagenen Feinde mit sich. Natürlich wird den Besiegten jeweils ihr Bestes genommen. Von der DDR will man die Kunst des Peter Hacks ohne seine Politik.

Man sucht sich aus, was man noch verwerten kann – Palast der Republik
vor Berliner Dom | Foto: Philipp Flury, pixelio.de
Er hat viel dafür getan, daß er für eine solche Vereinnahmung ungenießbar wurde. Aber Schirrmacher findet, daß es eben Teile des Werks gebe, die nicht politisch kontaminiert seien. Gegen das ausschließlich linke „Er war unser“ spricht, daß Hacks zwar ein Kommunist, aber kein Linker im Normsinn gewesen ist. Das muß erklärt werden.
Ein Kommunist zwar, aber…
Ein Kommunist ist Anhänger einer „Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“ (MEW 4, S. 482). Jene ist ein „Verein freier Menschen“ (MEW 23, S. 92), in dem das Privateigentum an den Produktionsmitteln abgeschafft wurde und das Prinzip „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“ (MEW 19, S. 21) gilt.
Die Linke ist eine Oppositionsbewegung im Kapitalismus und Sozialismus, die Freiheit und Gleichheit durchsetzen will. Zu ihren politischen Mitteln gehört die Rebellion.
Peter Hacks lebte in der DDR, und dort gab es seiner Meinung nach nichts mehr zu rebellieren. Oppositionsbewegungen im Kapitalismus beurteilte er nach ihrer Stellung zum Kommunismus. Da dieser im Westen in absehbarer Zeit nicht realisierbar ist, waren sie für Hacks nicht besonders wichtig. Er fragte danach, wie sie sich zum in der DDR schon bestehenden Sozialismus verhielten, und dabei kam er für die APO zu einem negativen Ergebnis. Herbert Marcuse hielt er für einen Ideologen des Imperialismus, dessen objektive Wirkung zur Herbeiführung eines Vereins freier Menschen gleich Null, dessen Potential zur Unterminierung des realen Sozialismus dagegen etwas größer war.

Wolf Biermann
Foto: Hans Weingartz
Diese Auffassung spiegelte er immer wieder in der Geschichte des 19. Jahrhunderts. Er machte sich über die „Göttinger Sieben“ lustig, jene Professoren, die von ihrem Monarchen eine Verfassung verlangten und von diesem davongejagt wurden. Den dumpfbackigen preußischen König Friedrich Wilhelm III. zog er dem nationaldemokratischen Turnvater Jahn vor.
Wenn das unbedingte Bekenntnis zur Demokratie den Linken ausmacht, dann war Hacks keiner. (CH)
Denkmal für ein Denkmal (1)
Wenn ich mit meiner Gemahlin
Im Traum ins Kino geh,
Steht ein schöner schwarzer Stalin
Auf seiner gelben Allee.
Von marmornem Sockel gibt er
Den Sieg der Völker bekannt.
In die Litewka schiebt er
Die müde rechte Hand.
Noch hält er in der Linken
Den großen Schlachtenplan.
Er läßt ihn achtlos sinken.
Die Arbeit ist getan.
Er blickt sehr würdig, seiner
Sehr sicher auf die Stadt,
Unangestrengt wie einer,
Der sie gerettet hat.
Der plumpe Narr Nikita
Zog ihn aus dem Betrieb.
Er tat es seinem Gebieter
In Washington zulieb.
Der Weltlauf ist gewendet.
Die Helden stürzen hin.
Die Alte Zeit geschändet,
Die Zukunft ohne Sinn.
Allein die Heimatgedichte
Beklagen das klaffende Loch
In der Heimatgeschichte.
Gäb Gott, er stände noch.
Das Gedicht entstammt der Werkausgabe von Peter Hacks (15 Bände, Berlin 2003). Wir danken dem Eulenspiegel Verlag für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung.
Online-Flyer Nr. 150 vom 11.06.2008














