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Literatur
Wolfgang Bittners Fortsetzungroman – Folge 12
Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben
Von Wolfgang Bittner

Der Protagonist Erich Wegner arbeitet nach Abschluss der Schule im Tiefbau, aber in ihm reift allmählich der Entschluss, seine Situation zu verändern. Er holt das Abitur nach, beginnt Jura zu studieren und absolviert erfolgreich eine akademische Laufbahn. Eine verheißungsvolle Zukunft scheint vor ihm zu liegen, doch seine Hoffnungen und Erwartungen erfüllen sich nicht; sie werden durchkreuzt von seinen Vorstellungen von einem humanen und selbstbestimmten Leben in einer sozialen Gesellschaft. Er überlegt, fortzugehen, neu anzufangen. Es bleibt die Frage, ob Wegner jemals eine echte Chance hatte.

der aufsteiger wolfgang bittner horlemann-verlag cover
                                                               
Außer bequem als Buch im Horlemann-Verlag können Sie exklusiv in der NRhZ die ü
berarbeitete Neuausgabe von Wolfgang Bittners 1978 erstmals erschienenen Roman „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“ lesen – eine Rezension des Werks finden sie in der NRhZ 139: „Ein Roman über einen ‚Helden’ von unten, aus der Sicht von unten und deshalb wichtig für alle – und sogar mit nicht allzu viel Fantasie lässt sich auch der Roman auf heutige Verhältnisse übertragen.“, schreibt Rezensent und Buchhändler Uli Klinger über „Der Aufsteiger“.


   
5)  Zweiter Bildungsweg am Wochenende

Das ist doch nur ein Traum, sagte er sich immer wieder. Aber die Angst blieb dennoch. Vor dem Fenster saß ein Mann mit geschwärztem Gesicht, eine Maschinenpistole in der Hand, und beobachtete ihn. Er lief zur Tür hinaus, einen langen Korridor entlang, der in einen Feldweg mündete. Hinter ihm rief jemand, aber er verstand kein einziges Wort. Dann hörte er das Rasseln von Panzerketten, in der Ferne das Grollen der Front, peitschende Schüsse. Er sprang in das Ried neben dem Weg und sank bis an die Knie im Schlamm ein. Mühsam kämpfte er sich weiter durch Ried und schwarzen Schlamm, bis er an eine blumenübersäte Wiese kam, die sich endlos zum Horizont hin erstreckte. Da begann er zu laufen, aber viel schneller als sonst, viel müheloser.

Wenn Gräben oder Zäune kamen, stieß er sich einfach ab und schwebte in weiten federnden Sprüngen über sie hinweg. Auf einmal merkte er, dass er fliegen konnte. Er brauchte nur die Arme ein wenig auszubreiten und auf und ab zu bewegen. Mühelos erhob er sich in die Luft und flog wie ein Vogel über das Land hinweg bis ans Meer. Als er die weite glänzende Fläche des Wassers unter sich liegen sah, trieb es ihn hinaus. Doch plötzlich ließ diese Fähigkeit zu fliegen nach. So sehr er auch ruderte und strampelte, er tauchte hinein in die undurchsichtigen Fluten, die über ihm zusammenschlugen. Da wurde das Wasser auf einmal klar wie Luft, und um ihn her schwammen Hunderte von Fischen mit langen federartigen Flossen, Tintenfische mit rosa Fangarmen und bernsteinfarbenen Augen, riesig große Flügelrochen, bunt gestreifte Ballonfische, Seepferdchen und Quallen. In der Ferne waren blaue, wild zerklüftete Berge mit dunkelroten Korallenbänken und tiefschwarzen Höhlen und Schluchten zu erkennen. Es herrschte ein gedämpftes Licht, so wie an Sommerabenden im Gebirge, wenn gerade die Sonne untergegangen ist.

Inmitten dieser herrlichen Landschaft sank er immer tiefer. Und plötzlich wurde ihm bewusst, dass er überhaupt nicht atmen konnte, sondern schon eine Zeitlang die Luft anhielt. In demselben Moment war ihm, als müssten seine Lungen zerbersten.
Heftig bäumte er sich auf und begann zu strampeln, um wieder die Oberfläche zu erreichen. Da wachte er endlich auf. Vor sich an der Wand sah er den Kartoffeldruck mit den Fischen und Schlingpflanzen, den er vor Jahren einmal in der Schule gemacht hatte.

Zum Frühstück gab es Spiegelei auf Toast mit Schinken. Es war Sonntag. Er hörte, wie Helga in der Badewanne planschte, Tobias schlief noch.
„Vater aß immer so gerne Röstbrot“, sagte seine Mutter. „Weißt du noch?“ Er nickte.
„Damals, in der Baracke, da hat er sich seine Schnitten manchmal auf der Herdplatte geröstet.“ Sie schlürfte ihren Kaffee und blickte dabei mit abwesenden Augen auf einen nicht vorhandenen Punkt an der Wand. Ihm fiel wieder auf, wie alt sie aussah, wie müde und verbraucht. Dabei ist sie erst Anfang Vierzig, dachte er.

Sie saß da mit hängenden Schultern, etwas fettleibig, die Haut ihrer Wangen schlaff, ihre Haare begannen bereits grau zu werden.
Er hätte gern ihre Hand gestreichelt, weil sie ihm leid tat.
Aber er konnte sich nicht erinnern, so etwas früher bei seinen Eltern gesehen zu haben. Vielleicht wäre es ihr peinlich, und dann wäre es ihm ebenfalls peinlich gewesen. Damals haben sie sich gezankt, dass die Fetzen flogen, dachte er. Jetzt, wo sie eine anständige Wohnung hatten und die finanziellen Sorgen nicht mehr so drückend waren, wären sie bestimmt besser miteinander ausgekommen.

Er ging hinaus in den Garten, pumpte seine Lungen voll mit frischer Luft und sah den Spatzen zu, wie sie sich in dem von der Sonne erwärmten Sand badeten. Ein paar hatten es auf Radieschensamen abgesehen. Er holte ein Stück alter Gardine aus dem Schuppen und breitete es über das Beet. Dann ging er wieder zurück ins Haus.

Sonntags machte er sein Abitur. Natürlich auch sonst, an den Abenden vor allem; aber hauptsächlich sonntags, weil das der einzige freie Tag war. Franz Kruse gab ihm Nachhilfe in Deutsch, für Mathematik und Latein hatte er einen Oberschüler.

Die Lehrhefte kamen wöchentlich nach Anforderung mit der Post. Falls er mit dem Lehrgang aufhörte, hatte er trotzdem drei Jahre lang die monatlichen Raten für das gesamte Lehrmaterial weiterzubezahlen. Die gelösten Aufgaben und Übungsarbeiten konnte man zur Korrektur einschicken.

Heute standen drei Fächer, die er mochte, auf seinem Programm: Vormittags Biologie, nachmittags Literaturkunde, gegen Abend dann Geschichte.
„Der Mensch hat mit den Tieren gemeinsam“, las er, „dass er nicht nur aus denselben chemischen Elementen besteht wie das Tier (C, O, H, N, S, P...), sondern auch aus denselben chemischen Verbindungen (Eiweiß, Fett, Kohlehydrate usw.).“ Die Aufrichtung zum zweibeinigen Gang sei ein entscheidender Entwicklungsschritt zur Menschwerdung gewesen, da die Hände als Werkzeuge frei wurden und sich das Gehirn in dem hoch getragenen Kopf entwickeln konnte, ohne die Halsmuskulatur zu sehr zu belasten. Jeder Mensch wiederhole den entwicklungsgeschichtlichen Vorgang des Menschengeschlechts für sich noch einmal im Mutterleib, vom Einzeller zum Mehrzeller, vom Lanzettfischchen zum Menschenkind. Die Eugenik suche nach Mitteln, dem Verfall des menschlichen Erbgutes entgegenzuwirken.

Die Menschheit werde von Jahrzehnt zu Jahrzehnt als Ganzes mangelhafter. Das zeige sich beispielsweise schon an den zunehmenden Zahn- und Augenkrankheiten. Die negative Eugenik versuche das durch Ehebeschränkungen, Anstaltsverwahrung oder sogar Sterilisierung von Schwachsinnigen, Asozialen usw. zu verhindern, die positive Eugenik durch Förderung der Ehen und der Kinderfreundlichkeit der Erbgesunden.

Ihm fiel ein Artikel ein, den er kürzlich beim Zahnarzt in einer Ärztezeitschrift gelesen hatte. Da wurde eine Studie über die Vererbung des Schwachsinns in einer amerikanischen Familie besprochen, der man den Decknamen Kallikak gegeben hatte. Es begann damit, dass im Mittelwesten ein junger Mann namens Martin Kallikak etwas verlottert, aber sonst gut in Form aus den Freiheitskriegen zurückkehrte und zwei Söhne zeugte: Einen unehelichen mit einer Bardame, die hübsch, aber schwachsinnig und scharf auf Männer und Geld war; und einen ehelichen mit einer Frau aus so genanntem gutem Hause.

Da die beiden Halbbrüder sehr fruchtbar gewesen waren, ergab sich für die Biologen ein hervorragendes Forschungsfeld. Die Vererbungsgeschichte beider Familien wurde wissenschaftlich exakt ermittelt und nach den Mendelschen Vererbungsgesetzen ausgewertet. Es stellte sich heraus, dass in der Familie des unehelichen Sohnes fast nur Gauner, Verbrecher, Mörder, Prostituierte und Zuhälter waren, bei denen in den einzelnen Generationen immer wieder, und zwar genau vorausberechenbar, der Schwachsinn zum Durchbruch kam. Die andere Familie hatte sich dagegen gesellschaftlich exponiert. Sie stellte bekannte Wissenschaftler, Politiker, Künstler, Ärzte, Rechtsanwälte, Richter und andere führende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens.


Nun ist es ja eine alte Sache, dass die Mentalität von Polizisten und Verbrechern, von Psychologen und Psychopathen, von Wirtschaftsbossen und Wirtschaftskriminellen gewisse Übereinstimmungen aufweist. Und bekannt ist auch, dass, wer im Dreck sitzt, nicht so schnell herauskommt. Aber in der ehrbaren Familie Kallikak gab es nachweisbar keinen einzigen Fall von Geisteskrankheit, während man in der Ganovenfamilie Kallikak den Schwachsinn bis ins einundzwanzigste Jahrhundert und weiter exakt hätte ausmendeln können.

Was war aus so einem Fall zu lernen? Dass es nicht allein die gesellschaftlichen Bedingungen sind, die unser Leben bestimmen? Aber konnte man das auf die Erbmasse abschieben? Warum sollte jemand, der schwachsinnig ist, nicht ein guter Tischler werden? Wo kam so etwas wie Schwachsinn überhaupt her? Solche Fragen blieben unbeantwortet.
Beim Mittagessen herrschte wieder einmal eine stumpfsinnige Atmosphäre. Erich Wegner bemühte sich, ein Gespräch in Gang zu bringen, gab es aber nach zwei vergeblichen Versuchen schließlich auf.

Seine Mutter stocherte schwermütig auf ihrem Teller herum.
Tobias muckschte, weil er abtrocknen sollte und lieber um zwei ins Kino wollte. Und Helga spielte die Beleidigte, weil Tobias gesagt hatte, mit ihren rasierten Augenbrauen sehe sie aus wie eine Nutte. Erich Wegner füllte seinen Teller mit Kartoffeln, Gemüse und Rindfleisch. Er aß, weil Essenszeit war, nicht weil es ihm schmeckte.

Vielleicht könnte man mit Freunden, die man mit der Zeit findet, eine bessere Familie gründen als so etwas hier, dachte er bei sich. Ihm gingen Begriffe im Kopf herum wie „Arbeitertochterfriseurlehrlingswelt“, da steckte Helga drin, oder „Hilfsarbeiterkreisangestelltenwelt“, da steckte er drin. Das bedeutete geistige Unbeweglichkeit, Trägheit, Intoleranz, Dummheit, Überheblichkeit.

Ich muss da raus, dachte er immer wieder, das ist Leben ohne Sinn und Verstand.
Die Leute aus dem Bautrupp fielen ihm ein...

Lesen Sie in der kommenden Ausgabe, wie es für Erich Wegner auf dem zweiten Bildungsweg weitergeht!

© 2008 Horlemann
Alle Rechte vorbehalten
Überarbeitete Neuausgabe – Erstveröffentlichung 1978 Büchergilde Gutenberg, Satz und Umschlaggestaltung Verlag.
Bitte fordern Sie das Verlagsverzeichnis an, unter:
Horlemann Verlag, Postfach 1307, 53583 Bad Honnef,
Telefax 02224 5429, E-Mail: info (at) horlemann-verlag.de
www.horlemann.info


Wolfgang Bittner, Jahrgang 1941, lebt als freier Schriftsteller in Köln. Der promovierte Jurist schreibt für Erwachsene, Jugendliche und Kinder. Er erhielt mehrere Literaturpreise, ist Mitglied im PEN und Mitarbeiter bei Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunk und Fernsehen. Er hat mehr als 50 Bücher veröffentlicht, u.a. die Romane „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“, „Niemandsland“ und „Flucht nach Kanada “, den Erzählband „Das andere Leben“ sowie das Sachbuch „Beruf: Schriftsteller“.
(Weitere Informationen unter www.wolfgangbittner.de)


Online-Flyer Nr. 151  vom 18.06.2008



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