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Literatur
Wolfgang Bittners Fortsetzungroman – Folge 14
Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben
Von Wolfgang Bittner

Der Protagonist Erich Wegner arbeitet nach Abschluss der Schule im Tiefbau, aber in ihm reift allmählich der Entschluss, seine Situation zu verändern. Er holt das Abitur nach, beginnt Jura zu studieren und absolviert erfolgreich eine akademische Laufbahn. Eine verheißungsvolle Zukunft scheint vor ihm zu liegen, doch seine Hoffnungen und Erwartungen erfüllen sich nicht; sie werden durchkreuzt von seinen Vorstellungen von einem humanen und selbstbestimmten Leben in einer sozialen Gesellschaft. Er überlegt, fortzugehen, neu anzufangen. Es bleibt die Frage, ob Wegner jemals eine echte Chance hatte.

der aufsteiger wolfgang bittner horlemann-verlag cover
                                                               
Außer bequem als Buch im Horlemann-Verlag können Sie exklusiv in der NRhZ die ü
berarbeitete Neuausgabe von Wolfgang Bittners 1978 erstmals erschienenen Roman „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“ lesen – eine Rezension des Werks finden sie in der NRhZ 139: „Ein Roman über einen ‚Helden’ von unten, aus der Sicht von unten und deshalb wichtig für alle – und sogar mit nicht allzu viel Fantasie lässt sich auch der Roman auf heutige Verhältnisse übertragen.“, schreibt Rezensent und Buchhändler Uli Klinger über „Der Aufsteiger“.


   
5)  Zweiter Bildungsweg am Wochenende (Fortsetzung)

Erich Wegner notierte sich vieles, was ihm behaltenswert erschien, in einem Merkheft. Als erstes stand da ein Spruch von Goethe: „Wer nicht von dreitausend Jahren sich weiß Rechenschaft zu geben, bleib im Dunkel unerfahren, mag von Tag zu Tage leben.“ Darunter stand: „Wir haben aus der Geschichte gelernt, dass wir nichts aus der Geschichte gelernt haben.“ Außerdem standen in diesem Heft die Merksprüche, die man sonst nur auf dem Gymnasium, auf der Penne, lernte, wie „Drei, drei, drei, bei Issos Keilerei“, oder „Sieben, fünf, drei, Rom kriecht aus dem Ei“. So was lernte man nicht auf der Mittelschule, die war keine Penne, die zählte überhaupt nicht. PENNE, was für ein Wort! Wer, ohne damit herumzuprotzen, klarstellen wollte, dass er auf einem Gymnasium war und möglicherweise das Abitur hatte, sagte beiläufig ganz einfach: Penne. Das genügte.

Auch von Karl Marx hatte er sich einen Spruch aufgeschrieben.
Aus dem Kommunistischen Manifest: „Mögen die herrschenden Klassen vor einer kommunistischen Revolution zittern. Die Proletarier haben in ihr nichts zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen. Proletarier aller Länder – vereinigt euch!“ Das stammte aus einem Lehrheft über Staatsbürgerkunde.
Natürlich stand dabei, dass die Marxisten heute von völlig falschen Voraussetzungen ausgingen, weil es den Arbeitern inzwischen gut gehe.

Dasselbe hatte ihnen schon ihr Geschichtslehrer, dieser Kapitänleutnant, gesagt. Und dass die Kommunisten darauf aus seien, alle Menschen zu versklaven. Wenn einer mal mit Kommunisten spräche, vielleicht mit welchen aus der Ostzone, der so genannten DDR, dann brauche er denen nur zu sagen, der Kommunismus sei abiologisch, menschenfeindlich. Das sei das beste Argument, dagegen komme selbst der geschulteste Kommunistenfunktionär nicht an.

Erich Wegner hielt den Geschichtslehrer im Nachhinein für einen Schwachkopf. Schon deshalb wollten ihm dessen Thesen nicht einleuchten. Gut, die Proletarier im Westen hatten jetzt ihre Fernseher, Kühlschränke, Waschmaschinen, Staubsauger, Toaster und Rasenmäher. Das alles hatten sie inzwischen zu verlieren.

Dafür hatte man gesorgt. Und außerdem sorgte man für ein ausgiebiges Fernsehprogramm in der Zeit von 17.00 bis 23.00 Uhr.Aber was war damit erreicht? Allein in einer Stadt wie Bremen gab es schon wieder ein paar hundert Millionäre und Milliardäre, das hatte in der Zeitung gestanden. Und in Salstädt gab es mindestens drei Millionäre, nämlich Mönkeberg, Lehmann und Aschbrenner.

Das bedeutete, dass manche Leute Millionen anhäufen konnten, bloß weil sie cleverer waren als andere, ihre Mitmenschen gut zu betrügen und auszunutzen verstanden; oder weil sie vom Vater einen Betrieb, vom Großvater ein paar Mietshäuser, vom Onkel ein zentral gelegenes Grundstück geerbt hatten. Ganz zu schweigen von denen, die ganze Landstriche geerbt hatten, wofür ihre Vorfahren ein paar Tausend Bauern erschlagen ließen.
Erich Wegner dachte darüber nach und über die Ungerechtigkeit des Lebens. Eigentlich möchte ich auch gerne Millionär werden, überlegte er. Dieser Gedanke wurde ihm mehr und mehr unheimlich.

Nach dem Abendessen holte er Karin ab. Er fuhr mit seinem Auto, einem alten Volkswagen, den er sich gekauft hatte, um wenigstens ab und zu aus diesem Kaff herauszukommen, in dem er kaum Freunde hatte, in dem er nicht geboren worden war und wo er sich nicht zu Hause fühlte. Sie waren um halb acht verabredet, und er hatte sich eine Überraschung ausgedacht: Theaterkarten für ein Gastspiel der Landesbühne im Festsaal des Schützenhauses.

„Das hättest du mir doch vorher sagen müssen“, jammerte Karin.
„Jetzt hab ich mich gar nicht dafür angezogen.“ Er nahm sie in die Arme und küsste sie. Zum Umziehen war keine Zeit mehr. „Hauptsache, mir gefällst du“, sagte er.

Sie gefiel ihm sehr. Karin war ein Mädchen, um das man von anderen Männern beneidet wurde. Ihr enger Pullover, der kurze Rock und die hochhackigen Sandalen brachten ihre schlanke Figur voll zur Geltung. Schade, dass sie sich so stark schminkte.
Genau wie Helga schien sie Unmengen an Eyeliner, Lidschatten, Lippenstift und Rouge zu verbrauchen. Dadurch erhielt ihr Gesicht etwas Auswechselbares, wie bei einer Maske. Egal, sie gefiel ihm trotzdem.

Die Gaststätte des Schützenhauses diente als Foyer. Man sah sogar Smokings und lange Abendkleider. Erich Wegner fühlte sich plötzlich unsicher und befangen. Ein junger Mann, der Kordhosen und Pullover trug, wurde am Eingang abgewiesen.

Auch Karin machte einen gehemmten Eindruck. Schnell gingen sie in den Saal und setzen sich. Die ganze Hautevolee von Salstädt schien sich versammelt zu haben, vor allem Lehrer, ein paar Ärzte, das Apotheker-Ehepaar, die beiden Rechtsanwälte mit ihren Frauen, Kaufleute mit dem Hang zu Höherem und Beamte in gehobenen Positionen. Hier kannte jeder die soziale Stellung des anderen. Es wurde viel gebuckelt und geflüstert.

Sie atmeten auf, als das Licht endlich ausging. Das Stück hieß Der Frieden und war von einem antiken Griechen, den er nicht kannte, namens Aristophanes. So ein alter Bock versuchte immer wieder, mit einer Klassefrau ins Bett zu gehen. Aber bevor er das schaffte, musste er erst einmal für Frieden in seinem Land sorgen.

Das machte er so ganz nebenbei, schlug den Waffenfabrikanten ihre Kriegshelme um die Ohren und benutzte die Brustpanzer als Kackstuhl. Das war alles merkwürdig lustig. Zum Schluss zogen dann die Sozialisten an einem Strick und holten aus einem Brunnen die Schwestern Produktivität und Genuss herauf. Dafür gab es viel Beifall von der Salstädter Hautevolee.

In Wirklichkeit sah das alles natürlich etwas anders aus. Da zog jeder an einem anderen Strick. Und bei der SPD stand der demokratische Sozialismus sowieso nur auf dem Papier, nämlich im Godesberger Programm. Wenigstens hatte das Franz Kruse gesagt, der es wissen musste, weil er SPD-Mitglied war und sich Jungsozialist nannte.

Um zehn Uhr war das Theater zu Ende. Sie setzten sich ins Auto und fuhren zur „Erholung“ am Stadtrand, wo samstags und sonntags Tanz war. Als sie ankamen, sahen sie schon von weitem eine Menschentraube vor der Tür. Ein Halbwüchsiger, der aussah wie ein Jahrmarktsboxer, hatte einen schmächtigen Jüngling vor der Brust und bei den Haaren gepackt und schlug ihn, obwohl er sich kaum noch rührte, immer wieder mit dem Kopf gegen die Hauswand. Beide Typen waren von oben bis unten mit Blut eingesaut.
Erich Wegner spürte, wie ihm der Ekel hochkam...

Lesen Sie in der kommenden Ausgabe, wie es für Erich Wegner auf dem zweiten Bildungsweg weitergeht!

© 2008 Horlemann
Alle Rechte vorbehalten
Überarbeitete Neuausgabe – Erstveröffentlichung 1978 Büchergilde Gutenberg, Satz und Umschlaggestaltung Verlag.
Bitte fordern Sie das Verlagsverzeichnis an, unter:
Horlemann Verlag, Postfach 1307, 53583 Bad Honnef,
Telefax 02224 5429, E-Mail: info (at) horlemann-verlag.de
www.horlemann.info


Wolfgang Bittner, Jahrgang 1941, lebt als freier Schriftsteller in Köln. Der promovierte Jurist schreibt für Erwachsene, Jugendliche und Kinder. Er erhielt mehrere Literaturpreise, ist Mitglied im PEN und Mitarbeiter bei Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunk und Fernsehen. Er hat mehr als 50 Bücher veröffentlicht, u.a. die Romane „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“, „Niemandsland“ und „Flucht nach Kanada “, den Erzählband „Das andere Leben“ sowie das Sachbuch „Beruf: Schriftsteller“.
(Weitere Informationen unter www.wolfgangbittner.de)


Online-Flyer Nr. 153  vom 02.07.2008



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