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Kultur und Wissen
Zum 100. Geburtstag von
Salvador Allende
Von Tibor Zenker

Der junge Allende,
vier Jahre alt
Vor 100 Jahren, am 26. Juni 1908, wurde der chilenische Politiker Salvador Allende Gossens geboren. Seine Familie, die dem Kleinbürgertum zuzurechnen war und deren Wurzeln väterlicherseits im spanischen Baskenland sowie mütterlicherseits in Belgien lagen, war damals in Valparaíso an der chilenischen Pazifikküste ansässig. Das politische und gesellschaftliche Engagement war Salvador Allende zwar nicht „in die Wiege gelegt“, wohl aber vorgezeigt: Sein Großvater, der Arzt Ramón Allende Padín, war ein prominenter Senator der Radikalen Partei, einer linksliberalen, antiklerikalen und reformistischen Partei. Der Vater, Salvador Allende Castro, ein Jurist, gehörte derselben Partei an und war Mitarbeiter in mehreren Staatsministerien.
Salvador Allende Gossens folgte bei der Studienwahl dem Großvater und studierte Medizin, politisch orientierte er sich zunächst ähnlich, linksliberal (mit anarchistischem Einschlag). Er war Ende der 1920er Jahre Vizepräsident der Studierendenföderation Chiles und aktiv im Widerstand gegen die Militärdiktatur von Carlos Ibáñez. Als ein Ergebnis des Diktaturregimes, der Weltwirtschaftskrise und der politischen Wirren nach dem Ende der Diktatur 1931 (inklusive einer zwölftägigen „Sozialistischen Republik“ 1932) wurde im April 1933 die „Sozialistische Partei Chiles“ aus mehreren linken Kleingruppen gegründet.
Salvador Allende, mittlerweile Marxist und damals erst 25 Jahre alt, war Mitbegründer der Parteigruppe in Valparaíso und bald deren leitender Sekretär. Damit existierte in Chile wieder eine Sektion der Sozialistischen Internationale, denn die 1912 gegründete „Sozialistische Arbeiterpartei Chiles“ hatte sich 1922 in „Kommunistische Partei Chiles“ umbenannt und zur Komintern bekannt.
Die Arbeiterklasse betritt die Bühne
Das traditionelle chilenische Parteiensystem und -spektrum, das damals schon ein halbes Jahrhundert überdauert hatte, wurde in den 1930er Jahren radikal verändert. Durch die Sozialistische und die Kommunistische Partei traten erstmals der Marxismus und die Arbeiterklasse selbst auf die politische Bühne. Die Radikale Partei, zuvor die alleinige parlamentarische Linke, wurde (relativ) ins Zentrum verschoben, die Liberale und die Konservative Partei rückten nach rechts und zusammen, ganz rechts wurden die Nationalsozialistische Bewegung Chiles sowie eine aufgrund zahlreicher deutscher Einwanderer nicht unbedeutende Filiale der Hitler-NSDAP gegründet.
Aufgrund der Rechtsentwicklung, des aufkommenden Faschismus und der erwarteten Rückkehr von Ex-Diktator Ibáñez aus dem argentinischen Exil gründeten die Sozialistische, die Kommunistische und die Radikale Partei 1936 die erste antifaschistische Volksfront, die „Frente Popular“. Tatsächlich gewann das Bündnis der Frente Popular 1938 die Präsidentschaftswahl mit dem Kandidaten Pedro Aguirre, wobei auch ein nationalsozialistischer Putschversuch abgewehrt wurde. Salvador Allende, bereits 1937 ins Parlament gewählt, wurde nun für zwei Jahre Gesundheitsminister im Kabinett des Radikalen Aguirre.
Die Regierung der Frente Popular führte zu Verbesserungen im Bildungs- und Gesundheitswesen, die städtischen Mittelschichten fühlten sich gut vertreten – im Gegensatz zur Arbeiterklasse. Andererseits sahen sich Teile die Radikalen Partei auch als Organ der Großgrundbesitzer, weswegen es Zwistigkeiten zwischen ihnen und dem kommunistischen Landwirtschaftsminister bezüglich der Frage einer Landreform gab. Letztlich führte dies, neben außenpolitischen Uneinigkeiten im Zuge des Zweiten Weltkrieges, dazu, dass die SP und die KP die Regierung verließen, aber dennoch die folgenden quasi-Alleinregierungen der Radikalen Partei unterstützten, die unter dem Namen „Nationale Allianz“ bis 1952 andauerten.
Der Kalte Krieg hält Einzug
Bezüglich der KP galt dies jedoch nur bis 1948, als der Kalte Krieg in Chile Einzug hielt. Der radikale Präsident Gabriel González ließ mit einem Gesetz, dem skandalöser Weise auch die Hälfte der sozialistischen Abgeordneten und Senatoren zustimmte, die KP verbieten – ein Zustand der zehn Jahren andauern sollte. Unter diesen antikommunistischen SP-Mandatsträgern war freilich nicht Salvador Allende, dem natürlich bewusst war, dass seine Volksfrontstrategie im Kern die proletarische Einheitsfront der Sozialisten und Kommunisten verlangte.

Marsch für Allende 1964 | Foto: James N. Wallace
Unter diesen aussichtslosen Bedingungen kandidierte Allende, seit 1945 Senator, im Jahr 1952 erstmals für das Präsidentenamt, erreichte für das Bündnis „Frente del Pueblo“ jedoch nur den vierten Platz. 1958 und 1964 war Allende Präsidentschaftskandidat des Linksbündnisses „Frente de Acción Popular“ (FRAP), das aus seiner SP, der wieder zugelassenen KP und linken Kleinparteien bestand. 1958 unterlag Allende dem rechten Unternehmer Jorge Alessandri knapp, 1964 dem Christdemokraten Eduardo Frei deutlich. 1966 wurde Allende immerhin zum Senatspräsidenten gewählt.
Entscheidende Wende
Die entscheidende Wende in der Geschichte Chiles und im Leben Allendes erfolgte am 17. Dezember 1969. An diesem Tag wurde das Volksfrontbündnis „Unidad Popular“ (UP) gegründet, für das Allende im September des folgenden Jahres als Präsidentschaftskandidat ins Rennen gehen sollte (der Schriftsteller Pablo Neruda, der zuvor als Kandidat der KP vorgesehen war, verzichtete zugunsten eines gemeinsamen UP-Kandidaten).
Wieder handelte es sich bei diesem Bündnis im Kern um die Einheit der Sozialisten und Kommunisten, ebenfalls integriert war jedoch nun wieder die Radikale Partei (allerdings unter Abspaltung des rechten Flügels). Darüber hinaus wurde die UP von der kleineren Sozialdemokratischen Partei, den beiden christdemokratischen Abspaltungen „Movimiento de Acción Popular Unitario“ (MAPU, „Bewegung der einheitlichen Volksaktion“) und „Izquierda Cristiana“ (IC, „Christliche Linke“, ab 1971) sowie nicht zuletzt vom Gewerkschaftsverband „Central Única de Trabajadores“ (CUT, „Einheitliche Zentrale der Arbeiter“) unterstützt.

Salvador Allende in den 70er Jahren | Foto: Asterion CC
Tatsächlich ging Allende, bei seiner vierten Kandidatur, bei der Präsidentschaftswahl am 7. September 1970 als Sieger hervor. Dieser Sieg brachte der UP jedoch noch keineswegs die politische Hegemonie, denn nur eine relative Mehrheit von 36,6 Prozent der Stimmen entfiel auf Allende. Seine Konkurrenten, der rechtskonservative Jorge Alessandri und der Christdemokrat Radomiro Tomic, erhielten 35,3 Prozent beziehungsweise 28,1 Prozent.
In einem solchen (übrigens keineswegs seltenen) Fall sah die chilenische Verfassung vor, dass das Parlament, in dem die UP keine Mehrheit hatte, den Präsidenten zu bestimmen hatte – unumstrittener politischer Usus war es bis dato gewesen, dass der Kandidat mit der relativen Mehrheit von allen Mandatsträgern bestätigt werden sollte. Während die rechten und konservativen Abgeordneten dieses Vorgehen diesmal nicht akzeptieren wollten, fügten sich die Christdemokraten letztlich dem demokratischen Konsens und wählten, gemeinsam mit den UP-Abgeordneten, Allende zum ersten sozialistischen Präsidenten Chiles. Dieser musste jedoch als Bedingung zehn „verfassungsrechtliche Garantien“ unterschreiben, die von den Christdemokraten gefordert wurden. (CH)
Startbild unter Verwendung einer Grafik von Rec79
Online-Flyer Nr. 153 vom 02.07.2008
Zum 100. Geburtstag von
Salvador Allende
Von Tibor Zenker

Der junge Allende,
vier Jahre alt
Salvador Allende Gossens folgte bei der Studienwahl dem Großvater und studierte Medizin, politisch orientierte er sich zunächst ähnlich, linksliberal (mit anarchistischem Einschlag). Er war Ende der 1920er Jahre Vizepräsident der Studierendenföderation Chiles und aktiv im Widerstand gegen die Militärdiktatur von Carlos Ibáñez. Als ein Ergebnis des Diktaturregimes, der Weltwirtschaftskrise und der politischen Wirren nach dem Ende der Diktatur 1931 (inklusive einer zwölftägigen „Sozialistischen Republik“ 1932) wurde im April 1933 die „Sozialistische Partei Chiles“ aus mehreren linken Kleingruppen gegründet.
Salvador Allende, mittlerweile Marxist und damals erst 25 Jahre alt, war Mitbegründer der Parteigruppe in Valparaíso und bald deren leitender Sekretär. Damit existierte in Chile wieder eine Sektion der Sozialistischen Internationale, denn die 1912 gegründete „Sozialistische Arbeiterpartei Chiles“ hatte sich 1922 in „Kommunistische Partei Chiles“ umbenannt und zur Komintern bekannt.
Die Arbeiterklasse betritt die Bühne
Das traditionelle chilenische Parteiensystem und -spektrum, das damals schon ein halbes Jahrhundert überdauert hatte, wurde in den 1930er Jahren radikal verändert. Durch die Sozialistische und die Kommunistische Partei traten erstmals der Marxismus und die Arbeiterklasse selbst auf die politische Bühne. Die Radikale Partei, zuvor die alleinige parlamentarische Linke, wurde (relativ) ins Zentrum verschoben, die Liberale und die Konservative Partei rückten nach rechts und zusammen, ganz rechts wurden die Nationalsozialistische Bewegung Chiles sowie eine aufgrund zahlreicher deutscher Einwanderer nicht unbedeutende Filiale der Hitler-NSDAP gegründet.
Aufgrund der Rechtsentwicklung, des aufkommenden Faschismus und der erwarteten Rückkehr von Ex-Diktator Ibáñez aus dem argentinischen Exil gründeten die Sozialistische, die Kommunistische und die Radikale Partei 1936 die erste antifaschistische Volksfront, die „Frente Popular“. Tatsächlich gewann das Bündnis der Frente Popular 1938 die Präsidentschaftswahl mit dem Kandidaten Pedro Aguirre, wobei auch ein nationalsozialistischer Putschversuch abgewehrt wurde. Salvador Allende, bereits 1937 ins Parlament gewählt, wurde nun für zwei Jahre Gesundheitsminister im Kabinett des Radikalen Aguirre.
Die Regierung der Frente Popular führte zu Verbesserungen im Bildungs- und Gesundheitswesen, die städtischen Mittelschichten fühlten sich gut vertreten – im Gegensatz zur Arbeiterklasse. Andererseits sahen sich Teile die Radikalen Partei auch als Organ der Großgrundbesitzer, weswegen es Zwistigkeiten zwischen ihnen und dem kommunistischen Landwirtschaftsminister bezüglich der Frage einer Landreform gab. Letztlich führte dies, neben außenpolitischen Uneinigkeiten im Zuge des Zweiten Weltkrieges, dazu, dass die SP und die KP die Regierung verließen, aber dennoch die folgenden quasi-Alleinregierungen der Radikalen Partei unterstützten, die unter dem Namen „Nationale Allianz“ bis 1952 andauerten.
Der Kalte Krieg hält Einzug
Bezüglich der KP galt dies jedoch nur bis 1948, als der Kalte Krieg in Chile Einzug hielt. Der radikale Präsident Gabriel González ließ mit einem Gesetz, dem skandalöser Weise auch die Hälfte der sozialistischen Abgeordneten und Senatoren zustimmte, die KP verbieten – ein Zustand der zehn Jahren andauern sollte. Unter diesen antikommunistischen SP-Mandatsträgern war freilich nicht Salvador Allende, dem natürlich bewusst war, dass seine Volksfrontstrategie im Kern die proletarische Einheitsfront der Sozialisten und Kommunisten verlangte.

Marsch für Allende 1964 | Foto: James N. Wallace
Unter diesen aussichtslosen Bedingungen kandidierte Allende, seit 1945 Senator, im Jahr 1952 erstmals für das Präsidentenamt, erreichte für das Bündnis „Frente del Pueblo“ jedoch nur den vierten Platz. 1958 und 1964 war Allende Präsidentschaftskandidat des Linksbündnisses „Frente de Acción Popular“ (FRAP), das aus seiner SP, der wieder zugelassenen KP und linken Kleinparteien bestand. 1958 unterlag Allende dem rechten Unternehmer Jorge Alessandri knapp, 1964 dem Christdemokraten Eduardo Frei deutlich. 1966 wurde Allende immerhin zum Senatspräsidenten gewählt.
Entscheidende Wende
Die entscheidende Wende in der Geschichte Chiles und im Leben Allendes erfolgte am 17. Dezember 1969. An diesem Tag wurde das Volksfrontbündnis „Unidad Popular“ (UP) gegründet, für das Allende im September des folgenden Jahres als Präsidentschaftskandidat ins Rennen gehen sollte (der Schriftsteller Pablo Neruda, der zuvor als Kandidat der KP vorgesehen war, verzichtete zugunsten eines gemeinsamen UP-Kandidaten).
Wieder handelte es sich bei diesem Bündnis im Kern um die Einheit der Sozialisten und Kommunisten, ebenfalls integriert war jedoch nun wieder die Radikale Partei (allerdings unter Abspaltung des rechten Flügels). Darüber hinaus wurde die UP von der kleineren Sozialdemokratischen Partei, den beiden christdemokratischen Abspaltungen „Movimiento de Acción Popular Unitario“ (MAPU, „Bewegung der einheitlichen Volksaktion“) und „Izquierda Cristiana“ (IC, „Christliche Linke“, ab 1971) sowie nicht zuletzt vom Gewerkschaftsverband „Central Única de Trabajadores“ (CUT, „Einheitliche Zentrale der Arbeiter“) unterstützt.

Salvador Allende in den 70er Jahren | Foto: Asterion CC
Tatsächlich ging Allende, bei seiner vierten Kandidatur, bei der Präsidentschaftswahl am 7. September 1970 als Sieger hervor. Dieser Sieg brachte der UP jedoch noch keineswegs die politische Hegemonie, denn nur eine relative Mehrheit von 36,6 Prozent der Stimmen entfiel auf Allende. Seine Konkurrenten, der rechtskonservative Jorge Alessandri und der Christdemokrat Radomiro Tomic, erhielten 35,3 Prozent beziehungsweise 28,1 Prozent.
In einem solchen (übrigens keineswegs seltenen) Fall sah die chilenische Verfassung vor, dass das Parlament, in dem die UP keine Mehrheit hatte, den Präsidenten zu bestimmen hatte – unumstrittener politischer Usus war es bis dato gewesen, dass der Kandidat mit der relativen Mehrheit von allen Mandatsträgern bestätigt werden sollte. Während die rechten und konservativen Abgeordneten dieses Vorgehen diesmal nicht akzeptieren wollten, fügten sich die Christdemokraten letztlich dem demokratischen Konsens und wählten, gemeinsam mit den UP-Abgeordneten, Allende zum ersten sozialistischen Präsidenten Chiles. Dieser musste jedoch als Bedingung zehn „verfassungsrechtliche Garantien“ unterschreiben, die von den Christdemokraten gefordert wurden. (CH)
Startbild unter Verwendung einer Grafik von Rec79
Online-Flyer Nr. 153 vom 02.07.2008















