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Literatur
Wolfgang Bittners Fortsetzungroman – Folge 15
Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben
Von Wolfgang Bittner

Der Protagonist Erich Wegner arbeitet nach Abschluss der Schule im Tiefbau, aber in ihm reift allmählich der Entschluss, seine Situation zu verändern. Er holt das Abitur nach, beginnt Jura zu studieren und absolviert erfolgreich eine akademische Laufbahn. Eine verheißungsvolle Zukunft scheint vor ihm zu liegen, doch seine Hoffnungen und Erwartungen erfüllen sich nicht; sie werden durchkreuzt von seinen Vorstellungen von einem humanen und selbstbestimmten Leben in einer sozialen Gesellschaft. Er überlegt, fortzugehen, neu anzufangen. Es bleibt die Frage, ob Wegner jemals eine echte Chance hatte.

der aufsteiger wolfgang bittner horlemann-verlag cover
                                                               
Außer bequem als Buch im Horlemann-Verlag können Sie exklusiv in der NRhZ die ü
berarbeitete Neuausgabe von Wolfgang Bittners 1978 erstmals erschienenen Roman „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“ lesen – eine Rezension des Werks finden sie in der NRhZ 139: „Ein Roman über einen ‚Helden’ von unten, aus der Sicht von unten und deshalb wichtig für alle – und sogar mit nicht allzu viel Fantasie lässt sich auch der Roman auf heutige Verhältnisse übertragen.“, schreibt Rezensent und Buchhändler Uli Klinger über „Der Aufsteiger“.


   
5)  Zweiter Bildungsweg am Wochenende (Fortsetzung)

Erich Wegner spürte, wie ihm der Ekel hochkam. Er wollte aussteigen und hinrennen, einfach dazwischengehen, die einen fragen, warum sie sich halbtot prügelten, die anderen, warum sie nur glotzten, anstatt einzugreifen. Doch im letzten Moment bezwang er sich. Sollten die sich doch ihre eigenen Klamotten zerreißen und verdrecken. Was ging ihn das an? „Lass uns woanders hinfahren“, sagte er zu Karin. „Ich kann das hier nicht vertragen.“ Karin nickte. „So ein primitives Volk müsste man ins Zuchthaus stecken“, meinte sie. „Widerlich, wie die sich benehmen.“ Sie legte ihren Arm um ihn und kuschelte sich beim Fahren an seine Schulter. Er atmete ihr Parfüm, ihren Körper, ihren Atem.

Das tat gut. So ein Auto war wirklich fantastisch. Sie fuhren in einen etwa fünfzehn Kilometer entfernten Nachbarort. Dort sollte ein bekannter Schlagersänger auftreten, der Conny hieß. Karin war ganz hingerissen. Den hatte sie schon immer mal sehen wollen.

Auf der Landstraße war kaum Verkehr. Vor ihnen, genau über der Straßenmitte, ging der Mond auf. Erich Wegner bog in einen Feldweg ein und stellte den Wagen so, dass sie den Mond sehen konnten. Ein Gedicht fiel ihm ein, das er plötzlich gut fand. Er sagte es laut: „Seht ihr den Mond dort stehen? / Er ist nur halb zu sehen / Und ist doch rund und schön! / So sind wohl manche Sachen, / Die wir getrost belachen, / Weil unsere Augen sie nicht sehn.“ Karin erzählte, dass dieser Schlagersänger gerade eine neue Langspielplatte herausgebracht habe. „Ehrlich“, meinte sie, „die ist einsame Spitze. Musst du dir mal anhören.“ Seine Hand lag auf ihrem Knie. Sie küssten sich. Ihr Rock, der luftige Frühlingsrock, war hochgerutscht, und er konnte ihren Schlüpfer sehen.

„Nein“, sagte sie. „Lass das, lass doch!“ Sie hielt seine Hand fest.
„Ich denke, wir wollten in die Disco?“ Was sollte man da machen? Er ließ den Motor an und fuhr weiter.

Das Lokal war mit künstlichen Kokospalmen ausgestattet und nur matt erleuchtet. Von der dunkelblauen Decke glänzten silberne Sterne herab, an den Wänden sah man riesige bunte Ferienlandschaften, alle Farben waren vertreten. Hawaii auf dem Lande, Eintritt zwei Mark.

Um die Tanzfläche herum, an den Tischen, saßen hauptsächlich Pärchen und alleinstehende Mädchen zu mehreren. Die alleinstehenden Männer saßen oder standen an einer langen Theke im Hintergrund.

Sie setzten sich in eine Hollywoodschaukel, die gerade frei wurde, und bestellten zwei Martini. Der Schlagersänger war nirgends zu sehen. Trotzdem war das Lokal gerammelt voll. Als die Musik begann, drängten sie sich zur Tanzfläche durch. Er zog Karin fest an sich, und sie legte ihre Arme um seinen Hals. Eingekeilt zwischen den anderen Tanzenden, ließen sie sich von der Musik treiben. „Sie war jung und so schön, und ich hab sie heiß geküsst. / Nie zuvor hat mein Herz so gefühlt, was Liebe ist, / und bei Nacht ganz allein sag im Traum ich zu ihr: / Du bist schön, und ich sehne mich nach dir. / Blume von Tahiti, lass das Weinen sein, / länger als die Rosen blühn, bist du nicht allein. / Blume von Tahiti ...“

Karin schmiegte sich fest an ihn. Er spürte die Bewegungen ihres Körpers, die Schwingungen ihrer Hüften, roch ihr Parfüm, ihren Atem, vergrub sein Gesicht in ihren Haaren. „Blume von Tahiti ...“, sang er, und sie streichelte seinen Nacken.


Der Discjockey kündigte an, dass der aus Funk und Fernsehen bekannte Künstler mit Verspätung nun doch noch eingetroffen sei und nach seinem Auftritt Autogramme geben werde. Es passierte aber vorerst überhaupt nichts. Der Künstler war noch nicht bereit. Sie tanzten weiter.

„Ich denke, der will gleich singen“, sagte Erich, „wo ist denn die Band?“ „Vielleicht begleitet er sich selber“, meinte Karin. „Auf der Gitarre oder so.“ Da erschien der Sänger persönlich. Er setzte sich auf den Platz des Discjockeys an das Mikrophon und sprach etwas von Ladys und Gentlemen, das übrige war nicht zu verstehen. Er schien angetrunken zu sein, war aber sehr extravagant gekleidet und hatte eine melodische Stimme. Alles jubelte ihm zu.

Daraufhin drückte der Künstler mit seinen Händen über dem Kopf ein Dankeschön aus. Dann legte er eigenhändig eine von seinen Platten auf und gab bekannt, dass dazu getanzt werden dürfe. Die Pärchen ringsum waren begeistert. Als die Show nach drei Schnulzen gelaufen war, klatschten alle wie besessen. Auch Karin geriet völlig aus dem Häuschen.

Darüber ärgerte sich Erich Wegner am meisten. „So ein blöder Angeber!“, knurrte er wütend. „Dafür zahlt man noch Eintritt, dass so ein besoffener Kerl ‘ne Platte auflegt.“ Der Sänger winkte hoheitsvoll und verbeugte sich mehrmals.

Als Zugabe wurde eine weitere Platte aufgelegt.
Erich Wegner hätte am liebsten mit irgendetwas geworfen. Er schrie: „Dieser Idiot soll nach Hause gehen!“ Aber sein Protest ging in dem folgenden Geklatsche und Gebrüll unter. Auch Karin sprang auf, um sich ein Autogramm zu holen. Erich pfiff auf zwei Fingern und brüllte: „Scheiße! Der soll erst mal was singen!“ So ein Typ neben ihm sagte, er solle die Schnauze halten, sonst bekäm er eins drauf. Aber er ließ sich nicht weiter darauf ein, sondern trank seinen Martini aus und steckte sich eine Zigarette an.

Karin kam mit vor Freude gerötetem Gesicht zurück und zeigte ihm ihr Autogramm, das sie danach säuberlich faltete und in ihrer Handtasche verstaute.

„Warum tust du das?“, erkundigte er sich ärgerlich. „Damit förderst du doch nur seine Aufgeblasenheit.“ „Er ist echt berühmt“, meinte sie und erzählte, wann und wo der Star geboren war, womit er seine ersten Erfolge hatte und dass er schon an irgendwelchen internationalen Festivals teilgenommen hätte.

Er fragte sie, ob sie denn auch wüsste, wann und wo Beethoven geboren ist.
Sie schlang ihre Arme um seinen Hals. „Ach, sei doch lieb jetzt.
Ich mag ihn eben.“ Es war spät geworden, als sie nach Salstädt zurückfuhren. Karin hatte drei Gläser Martini getrunken und summte vergnügt vor sich hin. Um diese Zeit gehörte die Straße ihnen allein. Er zog den Wagen durch die Kurven, dass die Reifen quietschten.

Das machte Spaß. Man merkte, dass man lebte.
„Am liebsten mag ich die Beatles“, schwärmte Karin. „Die haben so was in der Stimme, das geht mir durch und durch.“ „Die Stones finde ich besser“, meinte er, „da steckt mehr Rhythmus drin. An dem Feldweg, wo sie schon auf der Herfahrt gestanden hatten, bog er von der Landstraße ab.

„Ich muss aber nach Hause“, sagte Karin. Das sagte sie jedes Mal.
Sie küssten sich. Er streichelte ihre Wangen, ihre Augenbrauen, ihr Haar, küsste ihre Stirn, ihre Augenlider, ihren Mund. Seine Hände glitten über ihre Brüste, er spürte die Brustwarzen unter der Kleidung, schob ihren Pullover hoch, ihren Büstenhalter, küsste ihre warmen Brüste. Sie ließ es geschehen, stöhnte und bog sich zurück. Die Haut ihrer Schenkel war warm und weich.

Lesen Sie in der kommenden Ausgabe in Kapitel 6 „Ein Lehrgang“, wie Erich Wegner weiter aufsteigt!


© 2008 Horlemann
Alle Rechte vorbehalten
Überarbeitete Neuausgabe – Erstveröffentlichung 1978 Büchergilde Gutenberg, Satz und Umschlaggestaltung Verlag.
Bitte fordern Sie das Verlagsverzeichnis an, unter:
Horlemann Verlag, Postfach 1307, 53583 Bad Honnef,
Telefax 02224 5429, E-Mail: info (at) horlemann-verlag.de
www.horlemann.info


Wolfgang Bittner, Jahrgang 1941, lebt als freier Schriftsteller in Köln. Der promovierte Jurist schreibt für Erwachsene, Jugendliche und Kinder. Er erhielt mehrere Literaturpreise, ist Mitglied im PEN und Mitarbeiter bei Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunk und Fernsehen. Er hat mehr als 50 Bücher veröffentlicht, u.a. die Romane „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“, „Niemandsland“ und „Flucht nach Kanada “, den Erzählband „Das andere Leben“ sowie das Sachbuch „Beruf: Schriftsteller“.
(Weitere Informationen unter www.wolfgangbittner.de)


Online-Flyer Nr. 154  vom 09.07.2008



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