NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 09. Juni 2026  

Fenster schließen

Literatur
Der Fortsetzungroman in der NRhZ – Folge 18
Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben
Von Wolfgang Bittner

Der Protagonist Erich Wegner arbeitet nach Abschluss der Schule im Tiefbau, aber in ihm reift allmählich der Entschluss, seine Situation zu verändern. Er holt das Abitur nach, beginnt Jura zu studieren und absolviert erfolgreich eine akademische Laufbahn. Eine verheißungsvolle Zukunft scheint vor ihm zu liegen, doch seine Hoffnungen und Erwartungen erfüllen sich nicht; sie werden durchkreuzt von seinen Vorstellungen von einem humanen und selbstbestimmten Leben in einer sozialen Gesellschaft. Er überlegt, fortzugehen, neu anzufangen. Es bleibt die Frage, ob Wegner jemals eine echte Chance hatte.

der aufsteiger wolfgang bittner horlemann-verlag cover
                                                               
Außer bequem als Buch im Horlemann-Verlag können Sie exklusiv in der NRhZ die ü
berarbeitete Neuausgabe von Wolfgang Bittners 1978 erstmals erschienenen Roman „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“ lesen – eine Rezension des Werks finden sie in der NRhZ 139: „Ein Roman über einen ‚Helden’ von unten, aus der Sicht von unten und deshalb wichtig für alle – und sogar mit nicht allzu viel Fantasie lässt sich auch der Roman auf heutige Verhältnisse übertragen.“, schreibt Rezensent und Buchhändler Uli Klinger über „Der Aufsteiger“.


   
6)  Ein Lehrgang (Fortsetzung)

Die nächsten Tage waren ausgefüllt mit dem Unterricht und mit Filmvorführungen zu geschichtlichen und literarischen Themen.Die Filme wurden nach dem Abendessen gezeigt, so dass man hinterher noch Zeit hatte, gemeinsam darüber zu sprechen.

Da der Unterricht morgens jedoch bereits um acht Uhr begann, wurde spätestens gegen elf Schluss gemacht. Manche saßen noch länger auf irgendeinem Zimmer zusammen, um bis spät in die Nacht hinein zu diskutieren. Aber man merkte es ihnen am nächsten Morgen an. Wegner und Schäfer hatten deswegen schon am zweiten Tag beschlossen, jeweils zeitig zu Bett zu gehen.

Die Deutschlehrerin machte einen hervorragenden Unterricht, hielt sich allerdings mit persönlichen Ansichten, besonders was die Politik betraf, sehr zurück. Ganz das Gegenteil davon war Naumann, der bei jeder Gelegenheit seine eigene Meinung zum Besten gab, die er offenbar für völlig objektiv hielt. Der einzige, der manchmal etwas dazu bemerkte, war Eckerle. So gab es laufend kleine Reibereien zwischen ihm und dem Lehrgangsleiter.

Das Merkwürdige war, dass beide stark darunter zu leiden schienen.
Beim Mittagessen sagte Eckerle einmal, er verstehe nicht, dass niemand weiter zu den dauernden Provokationen und Bevormundungen Naumanns Stellung nehme. Er habe das Gefühl, sich in einer Gruppe von Strebern und Duckmäusern zu befinden.

Erich Wegner sagte dazu, es gehe ihm zwar ebenso, aber er fühle sich ganz einfach nicht in der Lage, in den Diskussionen richtig Stellung zu nehmen. Jedes Mal, wenn er etwas sagen wolle, fehlten ihm die passenden Worte, und er sei vorher auch furchtbar nervös.

Schäfer meinte, er sehe keinen Sinn darin, gegen Windmühlenflügel anzurennen. Er mache sich zwar seine eigenen Gedanken, wolle diese aber nicht äußern, weil dabei nach seiner Erfahrung nichts herauskomme.

Das hielt Eckerle für eine Ausrede. „Ich weiß nicht, wovor ihr alle Angst habt“, sagte er nachdenklich. „Wie soll das erst werden, wenn ihr einmal Führungspositionen innehabt.“ „Wenn ich mich jetzt schon aufreibe, komme ich gar nicht erst so weit“, warf Schäfer ein. „Sie machen sich doch auf die Dauer kaputt, wenn Sie immer gegen den Strom schwimmen.“ „Das ist eine sehr bequeme Einstellung“, entgegnete Eckerle.

Und leise fügte er noch hinzu: „Wie soll sich da jemals etwas in unserer Gesellschaft ändern. Langsam beginne ich daran zu zweifeln, dass positive Veränderungen bei uns noch möglich sind.“ Er sah unglücklich aus, fand Erich Wegner, fast so, als müssten ihm jeden Moment die Tränen kommen. Aber weswegen hätte Gerhard Eckerle weinen sollen? Als er sich abwandte, ging ihm Wegner hinterher. „Sag mal“, fragte er ihn (sie duzten sich mittlerweile), „warum nimmst du eigentlich alles so schwer? Ich finde das, was hier abläuft, auch nicht uneingeschränkt gut. Aber deswegen kann ich mich nicht gleich aufhängen.“ Eckerle sah ihn mit abwesenden Augen an. „Ich finde das alles so sinnlos“, meinte er. „Mit achtzehn bin ich von Zuhause abgehauen, weil ich raus wollte aus diesem Milieu. Da merkte ich, dass es gar nicht so einfach ist, auf eigenen Füßen zu stehen, und dass man, wohin man kommt, ausgenutzt wird. Deswegen bin ich mit neunzehn nach Australien gegangen. Aber da war auch nichts mit Freiheit, im Gegenteil. Wenn du dort kein Geld hast, bist du der letzte Dreck. Und dann bin ich wiedergekommen und hab mich entschlossen, das Abitur nachzumachen. Und was kommt dabei heraus? Man rackert sich sein Leben lang ab. Bis man auf einen grünen Zweig kommt, wenn überhaupt, ist das Leben schon fast vorbei. Das ist alles so fürchterlich sinnlos.“ „Gerade deswegen mache ich das Abitur nach“, entgegnete Erich Wegner. „Um ein sinnvolles Leben zu haben und aus dem Dreck herauszukommen.“ Eckerle schien gar nicht zuzuhören. „Das ist wie eine unendlich lange Leiter“, sagte er, als rede er mit sich selbst. „Und auf jeder neuen Sprosse, die man unter vielen Opfern erreicht, trifft man ein paar solcher Naumanns.“ Murmelnd ging er weg, und Erich Wegner dachte bei sich, dass ihm Eckerle leid tat.

Am fünften Tag gab es eine heftige Auseinandersetzung zwischen Eckerle und Naumann. Und das kam so: Naumann behauptete, die Weimarer Republik sei durch die Linken zugrunde gerichtet worden.

„Wie kommt es dann“, fragte Eckerle aufgebracht, „dass die Nazis 1933 die Macht übernommen haben? Wollen Sie etwa behaupten, das seien Linke gewesen?“ Naumann warf ihm vor, er verdrehe andauernd die Tatsachen und sei anscheinend nicht in der Lage, geschichtliche Abläufe differenziert genug zu betrachten. Eckerle erwiderte, er habe immer gedacht, wenn man mehr lernte, müsse man auch als Mensch weiterkommen. Die letzten Tage hätten ihm aber gezeigt, dass dies ein Trugschluss sei.

Daraufhin warf Naumann ihm Anmaßung, Unbedarftheit und Unverschämtheit vor, worauf Eckerle aufstand und hinausging.

Das schien Naumann zwar zu verblüffen, hinderte ihn jedoch nicht daran, nun die These zu vertreten, im Dritten Reich hätten Frauen sich wenigstens nachts noch allein auf die Straße wagen können.
„Wenn es nicht gerade Jüdinnen waren!“, warf Erich Wegner ein und rief damit allgemeines Gelächter hervor.

Die Fenster des Raumes, in dem sie sich befanden, führten auf eine Terrasse hinaus. Wer in den Park wollte, musste dort vorbei.

Eines der Fenster stand offen, und gerade als das Gelächter am größten war, sahen sie Gerhard Eckerle vorbeigehen. Vielleicht der Meinung, er werde ausgelacht, zeigte er Naumann einen Vogel, drehte sich abrupt um und verschwand zwischen den Bäumen. Naumann, der erst jetzt schaltete, stürzte mit hochrotem Kopf ans Fenster und rief ihm hinterher: „Sie Flegel! So werden Sie Ihr Abitur niemals machen, das garantiere ich Ihnen!“ Dann warf er das Fenster zu, dass es krachte, und erklärte, dass er schließlich nicht ganz ohne Einfluss sei. Das werde dieser Herr Eckerle schon noch merken. Der aber blieb für den Rest des Tages verschwunden.

Am nächsten Tag, dem letzten des Lehrgangs, erschien Eckerle morgens nicht zum Frühstück. Auch zum Unterricht war er nicht da. In der zweiten Stunde, Naumann dozierte gerade über die im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland enthaltenen Menschenrechte, ging plötzlich die Tür auf und Frau Gentz kam herein. Aufgeregt bat sie Naumann vor die Tür. Sie habe ihm etwas Wichtiges mitzuteilen, sagte sie.

Kurz darauf kam Naumann wieder zurück, kreideweiß im Gesicht. „Meine Damen und Herren“, sagte er stockend und mit heiserer Stimme, „ich habe Ihnen eine traurige, eine furchtbare Mitteilung zu machen. Einer unserer Lehrgangsteilnehmer hat sich das Leben genommen.“ Es war sehr still im Raum, als Naumann fortfuhr: „Es handelt sich um Herrn Eckerle. Er wurde heute Morgen tot im Park aufgefunden.

Wie mir Frau Gentz gerade sagte, ist der Arzt bereits da und hat als Todesursache eine Überdosis Schlaftabletten festgestellt.“ Er fasste sich an den Kopf, als müsse er angestrengt über etwas nachdenken.

Plötzlich standen ein paar auf und gingen hinaus. Nach und nach wurden es immer mehr, bis zum Schluss Naumann allein zurückblieb. Er trat ans Fenster und stand da, als könne er immer noch nicht begreifen, was geschehen war.

Auf dem Flur sagte einer: „Fahren wir doch nach Hause. Heute Mittag wäre der Lehrgang ja sowieso zu Ende gewesen.“ Einige nickten. Aber die meisten waren der Meinung, es bestehe kein Anlass, jetzt einfach abzureisen. Sofort entbrannte eine heftige Diskussion darüber.

Erich Wegner ging durch eine der Terrassentüren hinaus in den Park. Am liebsten hätte er losgeheult.

Lesen Sie in der kommenden Ausgabe die Fortsetzung des Romans und das Kapitel 7Den Marschallstab im Tornister “ (CH)


© 2008 Horlemann
Alle Rechte vorbehalten
Überarbeitete Neuausgabe – Erstveröffentlichung 1978 Büchergilde Gutenberg, Satz und Umschlaggestaltung Verlag.
Bitte fordern Sie das Verlagsverzeichnis an, unter:
Horlemann Verlag, Postfach 1307, 53583 Bad Honnef,
Telefax 02224 5429, E-Mail: info (at) horlemann-verlag.de
www.horlemann.info


Wolfgang Bittner, Jahrgang 1941, lebt als freier Schriftsteller in Köln. Der promovierte Jurist schreibt für Erwachsene, Jugendliche und Kinder. Er erhielt mehrere Literaturpreise, ist Mitglied im PEN und Mitarbeiter bei Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunk und Fernsehen. Er hat mehr als 50 Bücher veröffentlicht, u.a. die Romane „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“, „Niemandsland“ und „Flucht nach Kanada “, den Erzählband „Das andere Leben“ sowie das Sachbuch „Beruf: Schriftsteller“.

Online-Flyer Nr. 157  vom 30.07.2008



Startseite           nach oben