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Literatur
Der Fortsetzungroman in der NRhZ – Folge 21
Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben
Von Wolfgang Bittner

Außer bequem als Buch im Horlemann-Verlag können Sie exklusiv in der NRhZ die überarbeitete Neuausgabe von Wolfgang Bittners 1978 erstmals erschienenen Roman „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“ lesen – eine Rezension des Werks finden sie in der NRhZ 139: „Ein Roman über einen ‚Helden’ von unten, aus der Sicht von unten und deshalb wichtig für alle – und sogar mit nicht allzu viel Fantasie lässt sich auch der Roman auf heutige Verhältnisse übertragen.“, schreibt Rezensent und Buchhändler Uli Klinger über „Der Aufsteiger“.
7) Den Marschallstab im Tornister (Fortsetzung)
Er schlief nur oberflächlich.
Irgendwo ratterte eine Betonmischmaschine. Seine Wirtin rumorte in der Küche.
Um drei hielt er es nicht mehr aus. Er holte sich die Philosophiegeschichte aus dem Regal und las in dem Kapitel über Platon, um sich ein wenig auf die Vorlesung vorzubereiten.
Aristokratisch und sozialistisch seien die Hauptzüge seines „gerechten Ständestaates“. Mehr als die arbeitenden Klassen hätten ihn jedoch die beiden oberen Stände der Wächter und der Regierenden, der Weisen, beschäftigt. Um sie ganz an ihre Aufgaben und an die Interessen des Staates zu binden, habe er für sie ein gemeinschaftliches Lagerleben ohne Privateigentum und ohne private Familie gefordert. Auch die Frauen sollten an diesem Gemeinschaftsleben teilnehmen. Platon habe den Unterschied der Geschlechter in allen Dingen, welche die Betätigung im Sinne und im Dienste des Staates angehen, als gleichgültig erachtet.
Die Kinder der obersten Stände sollten gemeinschaftlich betreut und erzogen werden, und zwar im Sinne der Musik (einschließlich der Dichtung) und der Gymnastik. Musische Erziehung, damit der Mensch nicht zu hart werde; Gymnastik, damit er nicht zu weich werde.
Nicht zu hart und nicht zu weich. Es ist alles schon einmal dagewesen, alles schon einmal gedacht worden. Und manches ist schon mehrfach gedacht und mehrfach wieder vergessen worden, schon mehrfach dagewesen, vergangen und wird wiederkommen.
Die Griechen hatten ihre musische und sportliche Erziehung, die Römer ihr „mens sana in corpore sano“, irgendwelche christlichen Mönche den Grundsatz „ora et labora“, die Buddhisten hatten den Weg der Mitte. Und sogar die Nazis konnten sich mit ihrer künstlichen Heiratsregelung und Aufzucht einer durch entsprechende Paarung erzielten Vorzugsklasse auf humanistische Traditionen berufen.
In der Zeitung stand, dass es in Berlin jetzt eine Lebens- und Wohngemeinschaft linksgerichteter Studenten beiderlei Geschlechts gab. Kommune nannten sie das, und die gesamte Presse zog darüber her.
Er versuchte sich zu erinnern, nach welchen Grundsätzen ihn sein Vater erzogen hatte. Schuheputzen für die ganze Familie, jeden Samstagnachmittag. Wehe, sie wurden nicht blank genug! Garten umgraben. Unkraut jäten. Einkaufen gehen. Schularbeiten machen. Sein Vater hatte sich extra einen Siebenriem zugelegt, einen Knüppel mit Lederriemen daran. So etwas gab es in Läden für Haushaltswaren zu kaufen.
So war das. Ordnung, Ruhe, Sauberkeit, Fleiß. Bis zum siebzehnten Lebensjahr. Dann hatte er selber die Verantwortung für sich übernommen; das war auf die Freiheit hinausgelaufen, von morgens sieben bis abends fünf zu malochen, für 3,28 Mark brutto die Stunde. Freiheit zu malochen und Verantwortung für sich selber. Freiheit und Verantwortung, gar nicht so schlecht, dachte er.
Es klopfte, und er rief: „Herein!“ In der Türöffnung erschien der Kopf seiner Wirtin. Er hatte ihr inzwischen klarmachen können, dass er nicht andauernd gestört werden wollte, was sie aber nicht davon abhielt, mehrmals am Tag den Kopf hereinzustecken.
„Ich wollte Ihnen nur sagen, Herr Wegner, dass heute wieder die ganze Nacht das Licht im Flur gebrannt hat.“ „Was heißt wieder?“, fragte er ärgerlich. „Ich kann mich nicht erinnern, dass ich das Licht schon einmal brennen gelassen hätte.“ Jetzt kam sie doch herein, schließlich ging es um eine außerordentlich wichtige Sache. „Ich wollte es Ihnen ja auch nur gesagt haben“, erklärte sie, nun schon ein wenig frostiger. „Der Stromverbrauch im Flur ist nämlich nicht in Ihrer Miete mit drin, das läuft alles über meinen eigenen Zähler.“ Dass sie formal im Recht war, ärgerte ihn am meisten. „Ja, ja“, seufzte er. „Ist schon gut. Ich werd in Zukunft aufpassen.“ Er wandte sich seinem Buch zu, aber das nahm sie überhaupt nicht zur Kenntnis. Bevor er bei ihr eingezogen war, hatte er gedacht, so etwas gäbe es nur als Klischeevorstellung in Witzbüchern.
„Die Preise sind ja auch alle so stark angestiegen in letzter Zeit“, fuhr sie fort. „Wenn ich daran denke, als mein Mann noch lebte ...“ Er unterbrach sie, sagte ihr, dass er gleich zur Vorlesung müsse und sich noch vorzubereiten habe. Es war schwierig, sie hinauszubekommen.
Kein Wunder, dachte er, dass ihr Mann vorzeitig den Löffel abgegeben hat.
Einerseits bedauerte er sie. Andererseits besaß sie so ziemlich alle negativen Eigenschaften, die eine Wirtin nur haben konnte.
Sie brachte es fertig, „versehentlich“ Briefe zu öffnen, wusste über jeden Schritt, den er machte, genauestens Bescheid, sogar die Toilettenbenutzung wurde von ihr kontrolliert, und selbstverständlich durchschnüffelte sie in seiner Abwesenheit das Zimmer, wobei sie nicht einmal besonders vorsichtig zu Werke ging. Einmal baden kostete zusätzlich zwei Mark; hinterher war die Badewanne mit Sagrotan zu desinfizieren. Dass sie nach zehn Uhr keinen Besuch mehr wünschte, hatte sie ihm bereits vor seinem Einzug gesagt; dass sie „Damenbesuch“ nur ungern sähe, erst nach seinem Einzug.
Bis zum Auditoriengebäude ging er gut zwanzig Minuten. Den ganzen Weg über freute er sich darauf, Lina Haffner wiederzusehen.
Als er ankam, war sie schon da, und er drängte sich zu ihr durch. Sie hatte ihm einen Platz freigehalten. Noch während sie sich begrüßten, begann die Vorlesung, so dass sie gleich ihre Kolleghefte aufschlugen, um sich Notizen zu machen.
Seine Gedanken gingen dauernd auf Reisen, während Lina Haffner aufmerksam zuhörte. Er konnte sich auf den Vortrag des Professors nicht konzentrieren, schnappte nur Bruchstücke auf, die in einem Nebel aus Ahnungen und ansatzweisen Kenntnissen verschwammen.
Wir trügen ein Wissen um die allgemeinen Wesenheiten in uns, um Grundzüge der menschlichen und gegenständlichen Natur. Dieses Wissen sei uns angeboren. Sein Auftauchen in unserem jetzigen Leben ein Wieder-Erkennen, ein Erinnern, aus einem früheren Dasein resultierend. Das wiederum lege uns nahe, auch auf eine Weiterexistenz nach dem Tode zu schließen. Hier biege die Erkenntnislehre Platons ein in dessen Metaphysik der Seele.
Buddha lebte 560 bis 480, Platon 427 bis 347 vor Christus.
Dort das Rad der Inkarnationen, hier die Unsterblichkeit der menschlichen Seele, die an den Kerker des Leibes gebunden von Geburt zu Geburt schreitet, folgend dem tiefsten Zuge des ihr innewohnenden Eros. Denn die Liebe sei im Grunde nichts als die Sehnsucht nach der verlorenen Heimat. Liebe in allen ihren Ausdrucksformen sei menschliches Streben, von der Geschlechtsliebe bis hin zum Verlangen nach Wahrheit und Erkenntnis.
Wie schrieb der Görlitzer Schuhmacher und Philosoph Jacob Boehme? Das Nichts hungert nach dem Etwas.
So oder ähnlich, wie wir es denken, wie wir es fühlen, haben andere vor uns gedacht, vor uns gefühlt. Jeder Gedanke, jedes Gefühl, jede Epoche unseres Seins ist bereits vollzogen worden.
Kommen wir je darüber hinaus? Er merkte, wie es in seinem Gehirn arbeitete, unter Knirschen und Knarren, als fehle es an Öl in einer Maschinerie. Das war ein Gefühl wie damals, als er anfing das Abitur nachzumachen.
Jetzt gab es neue Mauern des Unverständnisses zu übersteigen, neue Gräben des Unwissens, die angefüllt werden mussten. Aber nirgendwo war ein Ende abzusehen. Nachdem er begriffen hatte, dass die Erde rund ist, sah er sich mit der Unendlichkeit des Kosmos konfrontiert. Das war spannend und deprimierend zugleich.
Auf einmal musste er daran denken, wie sie damals Kabel verlegt hatten und wie er mit dem Gedanken gespielt hatte, Ingenieur zu werden oder Düsenjägerpilot. Das erschien ihm jetzt unbegreiflich.
Aber war es nicht ebenso unbegreiflich, dass er jetzt in einer Universitätsvorlesung saß, in der es um griechische Philosophie ging? War das nicht fast schon ein Wunder? Was spielte es da für eine Rolle, dass es ihm schwer fiel, ein Kapitel in einem juristischen Lehrbuch zusammenhängend zu lesen, geschweige denn zu verstehen? Plötzlich war ihm richtig wohl zumute. Er würde begreifen, was es zu begreifen gab, wenn nicht heute, dann morgen. Es war heller geworden in seinem Kopf und um ihn herum. Bis aus dem Samenkorn eine Pflanze wurde, vergingen Tage und Nächte.
Bis aus den Hominiden vernünftige Menschen werden konnten, vergingen Jahrmillionen. Man musste Geduld haben. Aber am liebsten hätte er das gesamte abendländische Wissen auf einmal in sich hineingefressen, es sich in einem ungeheuren dionysischen Mahl einverleibt, sich den Leib vollgeschlagen.
Lesen Sie in der kommenden Ausgabe die Fortsetzung des siebten Kapitels Wolfgang Bittners Romans über Erich Wegners erste Erfahrungen an der Uni. (CH)
© 2008 Horlemann
Alle Rechte vorbehalten
Überarbeitete Neuausgabe – Erstveröffentlichung 1978 Büchergilde Gutenberg, Satz und Umschlaggestaltung Verlag.
Bitte fordern Sie das Verlagsverzeichnis an, unter:
Horlemann Verlag, Postfach 1307, 53583 Bad Honnef,
Telefax 02224 5429, E-Mail: info (at) horlemann-verlag.de
www.horlemann.info
Online-Flyer Nr. 160 vom 20.08.2008
Der Fortsetzungroman in der NRhZ – Folge 21
Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben
Von Wolfgang Bittner

7) Den Marschallstab im Tornister (Fortsetzung)
Er schlief nur oberflächlich.
Irgendwo ratterte eine Betonmischmaschine. Seine Wirtin rumorte in der Küche.
Um drei hielt er es nicht mehr aus. Er holte sich die Philosophiegeschichte aus dem Regal und las in dem Kapitel über Platon, um sich ein wenig auf die Vorlesung vorzubereiten.
Aristokratisch und sozialistisch seien die Hauptzüge seines „gerechten Ständestaates“. Mehr als die arbeitenden Klassen hätten ihn jedoch die beiden oberen Stände der Wächter und der Regierenden, der Weisen, beschäftigt. Um sie ganz an ihre Aufgaben und an die Interessen des Staates zu binden, habe er für sie ein gemeinschaftliches Lagerleben ohne Privateigentum und ohne private Familie gefordert. Auch die Frauen sollten an diesem Gemeinschaftsleben teilnehmen. Platon habe den Unterschied der Geschlechter in allen Dingen, welche die Betätigung im Sinne und im Dienste des Staates angehen, als gleichgültig erachtet.
Die Kinder der obersten Stände sollten gemeinschaftlich betreut und erzogen werden, und zwar im Sinne der Musik (einschließlich der Dichtung) und der Gymnastik. Musische Erziehung, damit der Mensch nicht zu hart werde; Gymnastik, damit er nicht zu weich werde.
Nicht zu hart und nicht zu weich. Es ist alles schon einmal dagewesen, alles schon einmal gedacht worden. Und manches ist schon mehrfach gedacht und mehrfach wieder vergessen worden, schon mehrfach dagewesen, vergangen und wird wiederkommen.
Die Griechen hatten ihre musische und sportliche Erziehung, die Römer ihr „mens sana in corpore sano“, irgendwelche christlichen Mönche den Grundsatz „ora et labora“, die Buddhisten hatten den Weg der Mitte. Und sogar die Nazis konnten sich mit ihrer künstlichen Heiratsregelung und Aufzucht einer durch entsprechende Paarung erzielten Vorzugsklasse auf humanistische Traditionen berufen.
In der Zeitung stand, dass es in Berlin jetzt eine Lebens- und Wohngemeinschaft linksgerichteter Studenten beiderlei Geschlechts gab. Kommune nannten sie das, und die gesamte Presse zog darüber her.
Er versuchte sich zu erinnern, nach welchen Grundsätzen ihn sein Vater erzogen hatte. Schuheputzen für die ganze Familie, jeden Samstagnachmittag. Wehe, sie wurden nicht blank genug! Garten umgraben. Unkraut jäten. Einkaufen gehen. Schularbeiten machen. Sein Vater hatte sich extra einen Siebenriem zugelegt, einen Knüppel mit Lederriemen daran. So etwas gab es in Läden für Haushaltswaren zu kaufen.
So war das. Ordnung, Ruhe, Sauberkeit, Fleiß. Bis zum siebzehnten Lebensjahr. Dann hatte er selber die Verantwortung für sich übernommen; das war auf die Freiheit hinausgelaufen, von morgens sieben bis abends fünf zu malochen, für 3,28 Mark brutto die Stunde. Freiheit zu malochen und Verantwortung für sich selber. Freiheit und Verantwortung, gar nicht so schlecht, dachte er.
Es klopfte, und er rief: „Herein!“ In der Türöffnung erschien der Kopf seiner Wirtin. Er hatte ihr inzwischen klarmachen können, dass er nicht andauernd gestört werden wollte, was sie aber nicht davon abhielt, mehrmals am Tag den Kopf hereinzustecken.
„Ich wollte Ihnen nur sagen, Herr Wegner, dass heute wieder die ganze Nacht das Licht im Flur gebrannt hat.“ „Was heißt wieder?“, fragte er ärgerlich. „Ich kann mich nicht erinnern, dass ich das Licht schon einmal brennen gelassen hätte.“ Jetzt kam sie doch herein, schließlich ging es um eine außerordentlich wichtige Sache. „Ich wollte es Ihnen ja auch nur gesagt haben“, erklärte sie, nun schon ein wenig frostiger. „Der Stromverbrauch im Flur ist nämlich nicht in Ihrer Miete mit drin, das läuft alles über meinen eigenen Zähler.“ Dass sie formal im Recht war, ärgerte ihn am meisten. „Ja, ja“, seufzte er. „Ist schon gut. Ich werd in Zukunft aufpassen.“ Er wandte sich seinem Buch zu, aber das nahm sie überhaupt nicht zur Kenntnis. Bevor er bei ihr eingezogen war, hatte er gedacht, so etwas gäbe es nur als Klischeevorstellung in Witzbüchern.
„Die Preise sind ja auch alle so stark angestiegen in letzter Zeit“, fuhr sie fort. „Wenn ich daran denke, als mein Mann noch lebte ...“ Er unterbrach sie, sagte ihr, dass er gleich zur Vorlesung müsse und sich noch vorzubereiten habe. Es war schwierig, sie hinauszubekommen.
Kein Wunder, dachte er, dass ihr Mann vorzeitig den Löffel abgegeben hat.
Einerseits bedauerte er sie. Andererseits besaß sie so ziemlich alle negativen Eigenschaften, die eine Wirtin nur haben konnte.
Sie brachte es fertig, „versehentlich“ Briefe zu öffnen, wusste über jeden Schritt, den er machte, genauestens Bescheid, sogar die Toilettenbenutzung wurde von ihr kontrolliert, und selbstverständlich durchschnüffelte sie in seiner Abwesenheit das Zimmer, wobei sie nicht einmal besonders vorsichtig zu Werke ging. Einmal baden kostete zusätzlich zwei Mark; hinterher war die Badewanne mit Sagrotan zu desinfizieren. Dass sie nach zehn Uhr keinen Besuch mehr wünschte, hatte sie ihm bereits vor seinem Einzug gesagt; dass sie „Damenbesuch“ nur ungern sähe, erst nach seinem Einzug.
Bis zum Auditoriengebäude ging er gut zwanzig Minuten. Den ganzen Weg über freute er sich darauf, Lina Haffner wiederzusehen.
Als er ankam, war sie schon da, und er drängte sich zu ihr durch. Sie hatte ihm einen Platz freigehalten. Noch während sie sich begrüßten, begann die Vorlesung, so dass sie gleich ihre Kolleghefte aufschlugen, um sich Notizen zu machen.
Seine Gedanken gingen dauernd auf Reisen, während Lina Haffner aufmerksam zuhörte. Er konnte sich auf den Vortrag des Professors nicht konzentrieren, schnappte nur Bruchstücke auf, die in einem Nebel aus Ahnungen und ansatzweisen Kenntnissen verschwammen.
Wir trügen ein Wissen um die allgemeinen Wesenheiten in uns, um Grundzüge der menschlichen und gegenständlichen Natur. Dieses Wissen sei uns angeboren. Sein Auftauchen in unserem jetzigen Leben ein Wieder-Erkennen, ein Erinnern, aus einem früheren Dasein resultierend. Das wiederum lege uns nahe, auch auf eine Weiterexistenz nach dem Tode zu schließen. Hier biege die Erkenntnislehre Platons ein in dessen Metaphysik der Seele.
Buddha lebte 560 bis 480, Platon 427 bis 347 vor Christus.
Dort das Rad der Inkarnationen, hier die Unsterblichkeit der menschlichen Seele, die an den Kerker des Leibes gebunden von Geburt zu Geburt schreitet, folgend dem tiefsten Zuge des ihr innewohnenden Eros. Denn die Liebe sei im Grunde nichts als die Sehnsucht nach der verlorenen Heimat. Liebe in allen ihren Ausdrucksformen sei menschliches Streben, von der Geschlechtsliebe bis hin zum Verlangen nach Wahrheit und Erkenntnis.
Wie schrieb der Görlitzer Schuhmacher und Philosoph Jacob Boehme? Das Nichts hungert nach dem Etwas.
So oder ähnlich, wie wir es denken, wie wir es fühlen, haben andere vor uns gedacht, vor uns gefühlt. Jeder Gedanke, jedes Gefühl, jede Epoche unseres Seins ist bereits vollzogen worden.
Kommen wir je darüber hinaus? Er merkte, wie es in seinem Gehirn arbeitete, unter Knirschen und Knarren, als fehle es an Öl in einer Maschinerie. Das war ein Gefühl wie damals, als er anfing das Abitur nachzumachen.
Jetzt gab es neue Mauern des Unverständnisses zu übersteigen, neue Gräben des Unwissens, die angefüllt werden mussten. Aber nirgendwo war ein Ende abzusehen. Nachdem er begriffen hatte, dass die Erde rund ist, sah er sich mit der Unendlichkeit des Kosmos konfrontiert. Das war spannend und deprimierend zugleich.
Auf einmal musste er daran denken, wie sie damals Kabel verlegt hatten und wie er mit dem Gedanken gespielt hatte, Ingenieur zu werden oder Düsenjägerpilot. Das erschien ihm jetzt unbegreiflich.
Aber war es nicht ebenso unbegreiflich, dass er jetzt in einer Universitätsvorlesung saß, in der es um griechische Philosophie ging? War das nicht fast schon ein Wunder? Was spielte es da für eine Rolle, dass es ihm schwer fiel, ein Kapitel in einem juristischen Lehrbuch zusammenhängend zu lesen, geschweige denn zu verstehen? Plötzlich war ihm richtig wohl zumute. Er würde begreifen, was es zu begreifen gab, wenn nicht heute, dann morgen. Es war heller geworden in seinem Kopf und um ihn herum. Bis aus dem Samenkorn eine Pflanze wurde, vergingen Tage und Nächte.
Bis aus den Hominiden vernünftige Menschen werden konnten, vergingen Jahrmillionen. Man musste Geduld haben. Aber am liebsten hätte er das gesamte abendländische Wissen auf einmal in sich hineingefressen, es sich in einem ungeheuren dionysischen Mahl einverleibt, sich den Leib vollgeschlagen.
Lesen Sie in der kommenden Ausgabe die Fortsetzung des siebten Kapitels Wolfgang Bittners Romans über Erich Wegners erste Erfahrungen an der Uni. (CH)
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Online-Flyer Nr. 160 vom 20.08.2008















Wolfgang Bittner