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Literatur
Der Fortsetzungroman in der NRhZ – Folge 22
Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben
Von Wolfgang Bittner

Der Protagonist Erich Wegner arbeitet nach Abschluss der Schule im Tiefbau, aber in ihm reift allmählich der Entschluss, seine Situation zu verändern. Er holt das Abitur nach, beginnt Jura zu studieren und absolviert erfolgreich eine akademische Laufbahn. Eine verheißungsvolle Zukunft scheint vor ihm zu liegen, doch seine Hoffnungen und Erwartungen erfüllen sich nicht; sie werden durchkreuzt von seinen Vorstellungen von einem humanen und selbstbestimmten Leben in einer sozialen Gesellschaft. Er überlegt, fortzugehen, neu anzufangen. Es bleibt die Frage, ob Wegner jemals eine echte Chance hatte.
der aufsteiger wolfgang bittner horlemann-verlag cover
                                                               
Außer bequem als Buch im Horlemann-Verlag können Sie exklusiv in der NRhZ die überarbeitete Neuausgabe von Wolfgang Bittners 1978 erstmals erschienenen Roman „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“ lesen – eine Rezension des Werks finden sie in der NRhZ 139: „Ein Roman über einen ‚Helden’ von unten, aus der Sicht von unten und deshalb wichtig für alle – und sogar mit nicht allzu viel Fantasie lässt sich auch der Roman auf heutige Verhältnisse übertragen.“, schreibt Rezensent und Buchhändler Uli Klinger über „Der Aufsteiger“.


7) Den Marschallstab im Tornister (Fortsetzung)

Er betrachtete das Mädchen neben sich. Lässig saß sie da, innerlich gelockert und entspannt, aufnahmebereit. Das ist geistige Elite, dachte er, wenn man so will, Spitzenklasse. Spitzen-Klasse. Ihr Vater war bestimmt Diplomlandwirt. So sah kein Arbeiterkind aus. Man konnte es ihr anmerken, dass sie aus einer Familie der oberen Mittelschicht, wenn nicht sogar der Oberschicht stammte. Und ihre innere Ruhe und Ausgeglichenheit, ihre Selbstsicherheit deuteten darauf hin, dass sie aus einer intakten Familie kam. Ihre Kultiviertheit, ihr Interesse für geistreiche Dinge, ihre Aufgeschlossenheit und Konzentrationsfähigkeit waren Anzeichen dafür, dass sie von jung auf mit der Welt des Geistes und der Kunst zusammengetroffen war. Kann man so etwas jemals nachholen?

Leibniz fiel ihm ein. Dessen Vater, beispielsweise, war Professor für Moral. Man konnte nachlesen: Eine außerordentliche Frühreife und erstaunliche Belesenheit habe Leibniz schon in jungen Jahren ausgezeichnet. Mit fünfzehn, als Student der Leipziger Universität, bekannt offenbar mit den Hauptschriften Descartes‘, Gassendis, Hobbes‘, aber auch der Alten und der Scholastiker, habe er den Gegensatz der scholastischen und der neueren mechanischen Physik erwogen und sich für die letztere entschieden.

Erich Wegner überlegte, wofür er sich mit seinen vierundzwanzig Jahren entschieden hatte. Ihm wurde bewusst, dass man, um sich für etwas entscheiden zu können, einen gewissen Fundus an Wissen und Information braucht und dass man Alternativen sehen muss, nicht nur im rein geistigen Bereich. Aber hatte es für ihn je Alternativen gegeben? Mit fünfzehn wusste er noch nicht einmal, dass er überhaupt denken konnte. Und mit neunzehn hatte er sich erst einmal dafür entschieden, aus dem Dreck herauszukriechen, in dem er bis zum Hals steckte.

Mit einundzwanzig, endlich, hatte er sich dafür entschieden, das Abitur nachzumachen, sich am eigenen Schopf ein paar Klassen höher zu ziehen. Jetzt, als Student, hatte er den Marschallstab im Tornister. Womöglich würde er einmal Oberkreisdirektor sein oder Generalstaatsanwalt oder Oberlandesgerichtspräsident oder Direktor eines Konzerns oder sogar Minister; vielleicht auch etwas ganz anderes, wie Gerichtsreporter beim „Spiegel“ oder Wissenschaftler oder Dichter. Jetzt war alles drin.

Goethe, zum Beispiel, war Minister und Dichter geworden, nachdem er studiert hatte. Aber natürlich war Goethe kein Arbeiterkind, nicht einmal Mittelstandskind. Sein Vater war kaiserlicher Rat, ein hochgebildeter, weitgereister, seinen geistigen Neigungen lebender Jurist ohne ein bestimmtes Amt. Und Goethes Mutter war die „Tochter des Stadtschultheißen Textor“ gewesen, was besagt, dass der Alte Bürgermeister von Frankfurt am Main war. Ein sonniges Gemüt, viel Humor, rege Phantasie, Schönheitssinn und menschliche Güte sollen sie ausgezeichnet haben.

Da ließ es sich gut sagen:
    „Vom Vater hab ich die Statur,
    des Lebens ernstes Führen;
    vom Mütterchen die Frohnatur
    und Lust zu fabulieren.“

Überhaupt war es sehr aufschlussreich, sich mit der Jugend Goethes zu befassen. Der Vater unterrichtete den jungen Wolfgang zunächst selber; später wurde er von Privatlehrern unterstützt.

Büchersammlungen und Kunstschätze boten reiche Anregungen.
Mit acht Jahren gab „Deroselben treugehorsamster Enkel Johann Wolfgang Goethe seinen hochgeehrten und herzlichgeliebten Großeltern die Gesinnung kindlicher Liebe und Hochachtung“ zum Jahreswechsel in Hexametern bekannt. Besonderen Eindruck machten auf ihn die Krönungsfeierlichkeiten Kaiser Josephs II., wie Dichtung und Wahrheit zu entnehmen ist. Sechzehnjährig ging Johann Wolfgang dann zum Studium der Rechtswissenschaften an die Universität Leipzig, die damals die berühmteste in Deutschland war, wo er aber zunächst weniger Jura als vielmehr Malerei und Weiber studierte. Mit zweiundzwanzig Jahren war er dann schon Rechtsanwalt, natürlich in Frankfurt. Mit vierundzwanzig schrieb er den Götz von Berlichingen.

Mit vierundzwanzig, überlegte Erich Wegner, bekomme ich 185 Mark Honnef-Studienförderung im Monat. Allein das Zimmer kostete 110 Mark. In den Semesterferien würde er arbeiten müssen, sowieso, weil das „Honnef“ nur während des Semesters gezahlt wurde. Die volle Förderung von 300 Mark bekam er nicht; er habe als Kreisangestellter etwas sparen können, sagte man ihm. Egal, er war endlich raus aus dem Dreck. Im Vergleich zum jungen Goethe war er ein dummes Arschloch ohne Geld und Beziehungen, mit einem Bandscheibenschaden und Schweißfüßen. Aber es ging weiter.

In letzter Zeit hörte und las man viel von Chancengleichheit.
Da gab es schon ein paar, die hatten es geschafft. Arbeiterkinder, Kinder aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, Emporkömmlinge, Aufsteiger, zu Anfang vielleicht nur Hochstapler. Sie haben sich abgeschuftet bis zum Gehtnichtmehr, ihre Knochen zu Markte getragen (sich selbst verkauft, heißt das), Blut und Wasser geschwitzt und es möglichst niemandem gesagt, dass sie Arbeiterkinder sind. Erst später, als sie es sich leisten konnten, sind sie damit herausgerückt. Und dann haben sie das ungeheuer Miese eines solchen Emporkletterns vergessen, nur das Nette und Lustige und Positive behalten, alles Negative verdrängt, sich mit den Gallensteinen wegoperieren lassen. Und dann sind das genau solche Scheißkerle geworden wie die meisten, die oben sind.

Schiller war immerhin der Sohn eines Militärarztes und konnte auf der Karlsschule in Stuttgart Jura und Medizin studieren.
Lessing war als Pfarrerssohn auf der Fürstenschule zu Meißen.
Kleist war ein „Spross märkischen Adels“, als Zweiundzwanzigjähriger bereits Leutnant. Da steckte Geschichte drin in so einem Spross, die Erbmasse von Generationen gut ausgebildeter, Hochdeutsch sprechender Privilegierter, die Substanz eines ganzen Adelsgeschlechts mit achtzehn Generälen und zwei Feldmarschällen.

Die konnten ihre Zeit für Besseres nützen als die blöden Bürger und Bauern, die ihnen den Arsch bedienten.

Das war die geistige Elite, der Geistesadel eines Volkes: von Kleist, von Eichendorff, von Humboldt, von Arnim, von Chamisso, von Logau, de la Motte-Fouqué, von Schenkendorff, von Platen, von Droste-Hülshoff, von Strauß und Torney, von Liliencron, von Hofmannsthal, von le Fort, von Ebner-Eschenbach, von Hardenberg ... Alles sehr zartfühlende, geistreiche und feine Leute, die konnten sagen: Ich möchte Dichter werden. Von Metternich, von Bismarck, von Wrangel, von Savigny, von Moltke, von Manteuffel, von Hindenburg, von Mackensen, von Seekt, von Spee, von Tirpitz, von Bülow, von Papen, von Schleicher, von Manstein, von Thurn und Taxis ... Die konnten ebenso gut sagen: Ich möchte Weltreisender werden. Oder Admiral oder General oder Jurist oder Theologe. Wenn sie das wollten, dann wurden sie es auch.

Wenn man sich auf Gemälden das hübsche Gesicht des Grafen von Hardenberg ansah, der mit Pseudonym Novalis hieß, konnte man sich gar nicht vorstellen, dass dessen Vorfahren andere Menschen drangsaliert und gefoltert haben und dass dessen Nachfahren, die immer noch Grafen sind, heute Schnapsfabrikation und Hähnchenmast betreiben (selbstverständlich en gros) sowie eine gehörige Anzahl von Gaststätten ihr eigen nennen.

Was war man dagegen mehr als ein dummer Malocher? Hatte man dagegen wirklich eine Chance? Reichte so ein Leben überhaupt aus, wenn man erst mit vierundzwanzig merkte, dass man lebt? Wenn man nicht auf dem Gymnasium war, keine wohlhabenden Eltern hatte, keinen klugen Vater, keine musisch interessierte Mutter. Wenn man Minderwertigkeitskomplexe hatte, Angstzustände und ein unstillbares Liebesbedürfnis? Das Bedürfnis, Liebe zu bekommen, zu geben, zu machen. Das Bedürfnis nach Zärtlichkeit und Menschlichkeit. Konnte man sich aus eigener Kraft überhaupt jemals freistrampeln? Das Mädchen, das so locker neben ihm saß, gefiel ihm. Sie hatte es schon fast geschafft.

Lesen Sie in der kommenden Ausgabe, mit dem achten Kapitel „Wir sind alle gezeichnet“, die Fortsetzung von Wolfgang Bittners Roman. (CH)


© 2008 Horlemann
Alle Rechte vorbehalten
Überarbeitete Neuausgabe – Erstveröffentlichung 1978 Büchergilde Gutenberg, Satz und Umschlaggestaltung Verlag.
Bitte fordern Sie das Verlagsverzeichnis an, unter:
Horlemann Verlag, Postfach 1307, 53583 Bad Honnef,
Telefax 02224 5429, E-Mail: info (at) horlemann-verlag.de
www.horlemann.info


Wolfgang Bittner, Jahrgang 1941, lebt als freier Schriftsteller in Köln. Der promovierte Jurist schreibt für Erwachsene, Jugendliche und Kinder. Er erhielt mehrere Literaturpreise, ist Mitglied im PEN und Mitarbeiter bei Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunk und Fernsehen. Er hat mehr als 50 Bücher veröffentlicht, u.a. die Romane „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“, „Niemandsland“ und „Flucht nach Kanada “, den Erzählband „Das andere Leben“ sowie das Sachbuch „Beruf: Schriftsteller“.


Online-Flyer Nr. 161  vom 27.08.2008



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